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Wettbewerbsrestriktionen werden vorsichtig gelockert:


17.03.1989 - 

Brasilien will DV-Markt fürs Ausland öffnen

RIO DE JANEIRO - Im Umbruch scheint sich der brasilianische DV-Markt zu befinden. Die Flurbereinigung unter den einheimischen DV-Firmen schuf eine etablierte Führungsgruppe, die sich heute nicht mehr um jeden Preis gegen internationalen Wettbewerb sträubt - diesseits und jenseits der Landesgrenzen. Auch die staatliche Informatikstrategie schwenkt allmählich auf diesen Trend ein.

Auf Brasiliens Industrieminister Roberto Cardoso Alves ist die DV-Branche des Landes derzeit nicht allzu gut zu sprechen. Anfang 1989 übernahm Cardoso bei einer Kabinettsreform auch das vorher selbständige Ressort für Wissenschaft und Technologie. Dabei ließ der Minister im Hochgefühl der neugewonnenen Machtfülle die Bemerkung herausrutschen, es sei jetzt Zeit für mehr Wettbewerb auf dem Informatikmarkt Brasiliens. Sonst werde das Land technisch zurückfallen und die Auslandsinvestitionen versiegen.

Damit stach er freilich in ein Wespennest. Eine Gruppe von einheimischen Unternehmern und bei der Ressortverschmelzung entlassenen Beamten nannte ihn in einem Manifest einen "eingestandenen Feind nationaler DV-Politik", der es vor allem darauf abgesehen habe, das 1984 erlassene Gesetz über Marktzugangsbeschränkungen für nichtbrasilianische DV-Produkte zu Fall zu bringen.

Nun ist Cardoso zwar tatsächlich ein überzeugter Freihändler, kennt als politischer Realist aber auch die Grenzen seines Einflusses. Gesetzliche Marktzugangsbeschränkungen, eine brasilianische Spezialität des weltweiten Handelsprotektionismus, wurden erst im vergangenen Herbst in der Verfassung des Landes neu verankert. Deshalb werden bei der Diskussion der brasilianischen DV-Politik für die Jahre 1989/91 im Rahmen des zweiten Nationalen Planes für Datenverarbeitung und Automation (Planin) in diesem Frühjahr die liberalen Gruppen im Kongreß alle Mühe haben, ihre Vorstellungen wenigstens teilweise durchzusetzen.

Aber auch wenn die Debatte nicht ganz im Sinne der Liberalen verlaufen sollte, werden Chancen und Probleme der einheimischen DV-Industrie von der brasilianischen Öffentlichkeit heute doch realistischer gesehen als noch vor wenigen Jahren. Nach einem scharfen Ausleseprozeß in der Branche gilt zumindest ein halbes Dutzend Firmen der Führungsgruppe jetzt als so weit etabliert, daß sie ohne besondere Schutzmaßnahmen zu überleben vermögen.

Einige Unternehmen, wie zum Beispiel die zur Banken- und Industriegruppe Itau gehörige Itautec, halten manche ihrer Produkte sogar bereits für international wettbewerbsfähig, stellten daher in diesem Jahr auf der CeBIT in Hannover aus und rüsten sich für eine - wenn auch anfangs bescheidene - Präsenz auf dem gemeinsamen DV-Markt Europas nach 1992.

Die öffentliche Hand fördert diesen Trend zu mehr Eigenständigkeit der bisher stark gehätschelten und gegängelten Industrie nach Kräften und lockert im Gegenzug vorsichtig die Wettbewerbsrestriktionen für ausländische Unternehmen der Branche in Brasilien.

So soll etwa das bisherige Zulassungsmonopol für importierte DV-Ausrüstungen der Sonderbehörde SEI bis 1992 schrittweise auf die Außenhandelsabteilung der Zentralbank übertragen werden. Sie würde Einfuhrgesuche nur noch nach dem Kriterium der Verfügbarkeit von Devisen beurteilen, nicht mehr aber nach technischen Gesichtspunkten. Schon im Vorjahr hob Brasilien wegen eines hohen Außenhandelsüberschusses die zuvor geltende Importquote von 800 Millionen Dollar für von der SEI genehmigte Produkte auf. Daraufhin wurden allein im vierten Quartal 1988 rund 20 Prozent mehr nichtbrasilianische Hard- und Software eingeführt. Auf das ganze Jahr gerechnet, kam so ein Zuwachs von acht Prozent heraus.

Ferner läßt SEI-Chef José Ezil Veiga da Rocha derzeit die Kostenstruktur im Bereich Mikrocomputer und Peripheriegeräte der brasilianischen DV-Branche durchleuchten. Sollte sich dabei herausstellen, daß manche Unternehmen nur dank Protektion und Subvention überlebensfähig sind, schließt Veiga de Rocha eine weitere Flurbereinigung in diesem Segment nicht aus: Bestimmte DV-Ausrüstungen, die bis jetzt noch unter nationalem Naturschutz stehen, müßten dann den Wettbewerbsdruck völlig liberalisierter Einfuhr hinnehmen.

Schließlich will Veiga da Rocha auch die Arbeit im eigenen Haus weiter rationalisieren. Schon 1988 konnte die SEI ihre Bewilligungsfristen für Importgesuche durch Vereinfachung des Instanzenweges, automatische Dokumentenbearbeitung und besseren Kurierdienst zwischen Brasilia, Sao Paulo und Rio von vier auf eine Woche verkürzen. Jetzt soll auch das Gespür der Beamten seiner Behörde für "die politische Reichweite und den Prioritätsrahmen von Zulassungsentscheiden" geschärft werden. Veiga da Rocha: "Die SEI ist dazu da, Dinge in Gang zu bringen, nicht sie zu verhindern.

lmportquote von DV-Equipment steigt

Der Amerikaner Peter Evans, ein Fachmann für Technologietransfer in Entwicklungsländer an der Universität Stanford, erklärt sich diesen neuen Tonfall in Brasilien damit, daß "letzten Endes kein Land der Erde den raschen technischen Fortschritt in der DV-Branche durch starre Verwaltungsregeln aufhalten kann, auch wenn es sich den Aufbau einer einheimischen Industrie in diesem Wirtschaftszweig als politisches Hauptziel gesetzt hat".

Genau diese Einsicht gewinnt allmählich auch in Brasilien selbst die Oberhand. Auf der einen Seite murren viele DV-Anwender darüber, daß eine engstirnige oder rückständige Politik ihre eigenen Wachstums- und Wettbewerbschancen gefährdet. So forderte beispielsweise Anfang 1989 das Automationszentrum des brasilianischen Bankenverbandes in einer Studie einen "besseren Marktzugang für Importprodukte". Ohne diesen technischen Impuls ließen sich die Pläne des Kreditgewerbes zur effizienteren Ausstattung seiner Hauptsitze und Niederlassungen mit DV-Gerät, Datenbanken, Mikroinformatikanlagen, POS-Terminals sowie Apparaten zur Dokumenten- und Bildverarbeitung nicht zügig verwirklichen.

Auf der anderen Seite fürchten zahlreiche andere brasilianische Industriezweige, unverschuldet zu Opfern übertriebener Protektion der einheimischen DV-Branche zu werden. Im sogenannten Softwarekrieg mit den USA von 1987/88 drohte Washington zuletzt mit Sonderzöllen und anderen Vergeltungsschlägen, die brasilianische Schuh-, Textil-, Auto- und Flugzeugexporte hart getroffen hätten. Inzwischen wurden die Sanktionen zwar abgeblasen, weil Brasilien den Amerikanern in wesentlichen Punkten des Streits durch erweiterten Urheberrechtsschutz und großzügigere Zulassungsbeschlüsse entgegenkam. Aber immer noch "schwebt über unseren Handelsbeziehungen das Damoklesschwert von Artikel 301 des amerikanischen Außenwirtschaftsgesetzes", warnte kürzlich ein brasilianischer Diplomat in Washington.

Dieser Artikel ermöglicht die vorübergehende Suspendierung von Vergeltungsmaßnahmen, ohne ihre gesetzlichen Grundlagen zu beseitigen. Im Konfliktfall kann das Weiße Haus sie daher neu verhängen, ohne vorher die Zustimmung des Kongresses einholen zu müssen. Und weil die gesamte brasilianische Industrie um diesen Sachverhalt weiß, wird sie wohl auch künftig zu verhindern trachten, daß etablierte Branchen für die Jugendsünden der High-Tech-Newcomer zahlen müssen.

Das Einlenken Brasiliens im Handelsstreit mit den USA bedeutet jedoch nicht, daß die Förderung der einheimischen DV-Industrie nun etwa aufgegeben worden wäre - im Gegenteil. Bei der Haushaltsdebatte für 1989 bestätigten Regierung und Kongreß die Subventionen zugunsten der Branche ausdrücklich. Sie sollen während der Laufzeit des zweiten Planing 3,15 Milliarden Dollar ausmachen - mehr als das Sechsfache der voraussichtlichen Eigeninvestitionen der Industrie bis 1991.

Von diesen Zuschüssen verspricht sich die SEI in den nächsten drei Jahren ein Gesamtwachstum der einheimischen DV-Branche von 30 bis 35 Prozent sowie technische Fortschritte bei brasilianischen Eigenentwicklungen in der Mikroelektronik, Industrieautomation, Signalverarbeitung, beim Software-Engineering, beim Design von Hochleistungsprozessoren und der Einrichtung lokaler Netzwerke.

Außerdem soll die brasilianische DV-Industrie möglichst schon 20 Prozent ihres voraussichtlichen Umsatzes von sechs Milliarden Dollar in diesem Jahr aus Exportgeschäften erzielen. Denn Weltmarktpräsenz der eigenen Industrie ist nach Auffassung der Verantwortlichen in Brasilia unerläßliches Gegenstück zur breiteren Öffnung des Inlandsmarktes für den internationalen Wettbewerb.

Gleichwertig abgekupfert

Eine der wichtigsten Bestimmungen des sogenannten Informatik-Gesetzes von 1984 (Lei 7.232/84) lautet, daß kein ausländisches DV-Produkt, insbesondere Computerprogramme, in Brasilien zum Verkauf zugelassen werden darf, wenn es für das betreffende Erzeugnis bereits ein gleichwertiges einheimisches Angebot gebe.

Klingt schon diese Vorschrift selber reichlich protektionistisch, so stört die Internationalen Wettbewerber daran in der Praxis noch ein anderer Pferdefuß: Nicht wenige der "gleichwertigen" brasilianischen Produkte wurden von ausländischen Originalen abgekupfert. Diese Tatsache führte 1987/88 zu einer Reihe häßlicher Rechtsstreits und dem Austausch politischer Drohgebärden, insbesondere mit den USA. Einige der prominentesten Fälle betrafen dabei:

- Apple contra Unitron: Das brasilianische Unternehmen behauptete, für nur 1,5 Millionen Dollar Entwicklungsaufwand ein dem Macintosh ebenbürtiges Gerät konstruiert zu haben, das es zu allem Überfluß auch noch Mac 512 taufte. Apple wies jedoch nach, daß das festverdrahtete Betriebssystem seines Macs beim brasilianischen Namensvetter "Instruktion für Instruktion" kopiert wurde und Unitron zu diesem Zweck sogar nach brasilianischem Gesetz illegal Bauteile aus Japan, Korea und Taiwan eingeführt hatte. Die Affäre wurde bis auf diplomatische Höhen (hier die brasilianische Botschaft in Washington, dort der Special Trade Representative des Weißen Hauses) gezerrt und ist bis heute noch nicht gerichtlich ausgestanden. Schon früher hatte der "Mundraub" des angebissenen Apfels als Markenzeichen durch ein anderes brasilianisches Unternehmen die Justiz ausgiebig beschäftigt.

- Microsoft contra Scopus: Zwei brasilianische Fabrikanten von Mikrocomputern erhoben 1988 Einspruch gegen die Nichtzulassung des Betriebssystems MS-DOS des US-Herstellers Microsoft. Die Zulassungsbehörde (SEI) berief sich bei ihrem Verbot auf die Existenz eines "ähnlich funktionierenden" brasilianischen Eigenbaus namens Sisne der Firma Scopus, von dem Microsoft wiederum behauptete, es stelle eine Kopie seines Softwareproduktes dar.

Als "Kompromißlösung" schlug das brasilianische Finanzministerium vor, wenigstens die am weitesten entwickelte Version 3.3 von MS-DOS zur Einfuhr zu genehmigen. Doch daraufhin meldete sich prompt die Firma Microdigital und erklärte, auch diese Bewilligung sei "gesetzlich unzulässig", denn sie stehe "kurz vor der Markteinführung" einer gleichwertigen nationalen Version von 3.3.

- AT&T contra Cobra: Bei dem ähnlich wie im vorigen Fall gelagerten, aber erst Ende 1988 ausgebrochenen Streit geht es um die Gleichwertigkeit oder Nichtgleichwertigkeit der Betriebssysteme Unix und Sox. Kommerziell ist der Ausgang des Konflikts noch interessanter als bei der Affäre Microsoft, weil die Inzwischen von der SEI zur Einfuhr genehmigte Version 3.1 von Unix bereits mehrere brasilianische Distributoren fand, die sich gegen das Marktreservat für Cobra und Sox sträuben.

Auch bei Anwenderprogrammen wie Lotus 1-2-3 (USA) gegen Samba (Brasilien) oder dem LAN-Steuersystem STF (von Novell aus USA) und Apliware (von Amplus aus Brasilien) prallten die Interessen hart aufeinander. Gelegentlich kommt es dabei zu so kuriosen Verhältnissen wie in dem Software-Scharmützel um das kanadische Produkt Cats, das die Behörde von Sao Paulo im Aktienhandel per Computer einsetzen möchte. Ihre Schwester in Rio schwört dagegen auf das hauseigene Gewächs Telepregao, von dem nicht einmal sie selbst abstreitet, daß es Cats bis auf einige Details "nachempfunden" wurde.

Deutsche Produkte noch Fehlanzeige

Der brasilianische DV-Markt setzte 1988 etwa 5,5 Milliarden Dollar um und damit schätzungsweise 15 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Steigerungsrate übertraf das gut neunprozentige Wachstum von 1987 zwar deutlich, reichte aber bei weitem nicht an die Zuwächse vom Beginn der Achtziger Jahre heran, die teilweise bis zu 20 Prozent ausmachten. 63 Prozent aller Umsätze betrafen Hardwareverkäufe, 37 Prozent Softwareabsatz und Dienstleistungen. Diese Anteile belegen, daß der Markt noch in der Aufbauphase steckt.

Nach Angaben der für die DV-Branche zuständigen Sonderbehörde SEI des Industrieministeriums umfaßt der installierte Gerätepark heute rund eine Million Einheiten aller Preis- und Größenklassen in den drei Hauptgruppen General Purpose Computers, gewerblich genutzte Anlagen und Bankenautomation. Den Wert der Installierten Anlagen schätzt die SEI auf etwa sechs Milliarden Dollar, wovon die einheimische Industrie rund 40 Prozent lieferte.

Nach letztverfügbaren Zahlen existieren in Brasilien heute gut 300 einheimische und 30 multinationale Anbieter von DV-Ausrüstungen. Dabei dürfte der Umsatzanteil der einheimischen Firmen 1987 erstmals den der Multis übertroffen haben.

Die Präsenz der DV-Anbieter mit nichtbrasilianischer Kapitalmehrheit schwankt je nach Marktsegment erheblich. Bei Mainframe-Rechnern mittlerer Größenordnung zum Beispiel überragt IBM mit 77 Prozent der installierten Anlagen alle anderen Anbieter himmelhoch; nur vier weitere Unternehmen erzielen in diesem Bereich überhaupt nennenswerte Anteile: Unisys lieferte 9,1 Prozent, Bull 6,4, DEC 3,5 und Fujitsu 3,1 Prozent. Einen "geschützten" Markt, wie zum Beispiel den der Bankterminals, teilen sich dagegen fünf brasilianische Unternehmen zu 99 Prozent auf, geführt von der Gruppe Itautec mit fast 23 Prozent.

Deutsche DV-Produkte sind in Brasilien bisher so gut wie unbekannt. Siemens beispielsweise Importiert Computer und Bauteile aus seiner Fabrikation praktisch nur für den Eigenbedarf seiner Brasilien-Tochter. Nixdorf arbeitet mit einer brasilianischen Vertriebsvertretung zusammen, deren Aufgabe allerdings im wesentlichen in "Marktbeobachtung" besteht.