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14.05.2004 - 

Asien arbeitet am Netz der Zukunft

Breitband-Internet: Südkorea hängt Europa ab

In keinem anderen Staat ist die Durchdringung mit Breitband-infrastruktur und -diensten so weit fortgeschritten wie in Südkorea. Das Land ist das Paradebeispiel einer konsumierenden Informationsgesellschaft und plant schon den nächsten Schritt zum Wireless Portable Internet.

Auf den ersten Blick scheint Dae-Je Chin mit seiner Grußbotschaft an das "Broadband World Forum Asia 2004" eine Fehlbesetzung zu sein. Man mag dem steif wirkenden Mann mit dem ergrauten Haar, der seine Rede in schrecklichem Englisch ins Mikrofon radebrecht, kaum glauben, dass er jemals im Internet gesurft geschweige denn die leiseste Ahnung von Breitband- und Zugangstechniken hat. Doch der Schein trügt. Chin erregt mit seinen Worten rasch die Aufmerksamkeit des Auditoriums, als er für Südkorea die zügige Realisierung eines Projekts ankündigt, von dem andere Staaten derzeit nur träumen. Chin, seines Zeichens Minister für Kommunikation und Information, will mit der "Wibro"-Initiative sein Land zum Pionier des Wireless Broadband Internet machen. Im Klartext heißt das: Südkorea soll großflächig mit Hotspots versorgt werden, deren Reichweite und Übertragungskapazität langfristig weit über der heutiger Wireless LANs liegt. Ziel ist es, den Aktionsradius der Konsumenten über Festnetzanschlüsse und kleine Hotspots hinaus auszuweiten und flächendeckend den Boden für multimediale Dienste zu bereiten.

Weltmeister in der Breitbandnutzung

Die Ankündigung des Ministers ist kein Hirngespinst. Dass es die südkoreanische Regierung mit dem "Portable Internet" ernst meint, belegt der Ehrgeiz, mit dem sie die Nation bereits an die Spitze der terrestrischen Breitbandnutzung - auch Wireline Broadband genannt - geführt hat. In Südkorea verfügten Ende vergangenen Jahres 11,8 Millionen der insgesamt rund 15 Millionen Haushalte über einen leis-tungsstarken Internet-Anschluss. Damit sind drei Viertel der Wohnungen durch schnelle Zugangsverbindungen erschlossen. 23 Prozent der Haushalte besitzen sogar schon VDSL-Leitungen (VDSL = Very High Data Rate DSL) mit einer Übertragungsrate von 13 Mbit/s. Der Rest der Zugänge basiert auf dem langsameren DSL-Verfahren Asymmetric Digital Subscriber Line (ADSL) sowie Kabelmodems und LANs. Südkorea erreicht damit, gemessen an der Bevölkerungszahl, die höchste Breitbandabdeckung der Welt und rangiert mit über 33 Millionen Internet-Nutzern international auf Platz drei.

Gamemania im Internet

Doch was steckt wirklich hinter diesen Statistiken? Ist die Erfolgsbilanz des Landes nur zustande gekommen, weil sie staatlich verordnet wurde? Die Antwort lautet nein. Sicher stünde Südkorea nicht da, wo es heute ist, ohne eine Regierung, die sich zum Ziel gesetzt hat, in allen Belangen einen Hightech-Staat zu schaffen. Wer sich jedoch im Land umsieht, erkennt sofort, dass die Ambitionen der Politiker in der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden fallen und Südkorea das Paradebeispiel einer konsumierenden Informationsgesellschaft ist.

Die Begeisterung der Einwohner für Web und Mobilfunk ist unübersehbar. Die zahlreichen Internet-Cafés sind voll von Menschen, die, von der "Gamemania" gepackt, via Internet zocken oder chatten oder mailen. Konjunktur haben in Einkaufszentren auch "Internet-Zellen", wo Passanten im Vorbeigehen schnell mal am Rechner ihre Mails checken oder anderen Online-Bedürfnissen nachgehen. Und wer sich jemals gefragt hat, ob es für Kamera-Handys eine Nachfrage geben kann, erlebt in Südkorea sein blaues Wunder. Vor allem die Jugendlichen verfügen über modernste Endgeräte und sind permanent am Fotografieren, Telefonieren, Surfen oder Spielen.

Das Interesse der Menschen am Internet und Mobilfunk dokumentiert sich aber nicht nur im Straßenbild, sondern auch in den Haushalten. Seit 2000 ist der durchschnittliche Web-Konsum eines Südkoreaners von wöchentlich 6,76 Stunden auf über 14 Stunden gestiegen, während die Einwohner statt ursprünglich 16,5 nur noch 14 Stunden vor der Glotze verbringen. Dabei ist der Anteil der Bevölkerung, der täglich ins Web geht, binnen vier Jahren von 30 auf heute über 72 Prozent gewachsen.

Stellt sich die Frage, welche Dienste die Verbraucher in Südkorea nutzen. Eine Antwort darauf liefert der Netzbetreiber Korean Telecom (KT). Er hat ermittelt, dass die Koreaner ein Drittel ihrer Bankgeschäfte sowie mehr als die Hälfte des Aktienhandels über das Internet abwickeln. Beachtlich ist auch die Quote im E-Commerce. Bereits 17 Prozent aller Einkäufe werden online getätigt. 70 Prozent der Surfer nutzen das Web zur Informationssuche. Diesem Höchstwert folgen Messaging und Gaming mit jeweils rund 50 Prozent. Auf Entertainment entfällt knapp ein Fünftel der Nutzung, auf Bildung 15 Prozent.

Das Konsumverhalten der Koreaner macht deutlich, dass derzeit überwiegend klassische Daten- sowie Store-and-forward-Applikationen zur Anwendung kommen, während interaktive und hochwertige Multimedia-Dienste wie Video on Demand oder Videotelefonie noch relativ selten sind. Außerdem ist das breitbandige Surfen im Internet im Wesentlichen auf Standorte mit Festnetzanbindung beschränkt. 75 Prozent der privaten Nutzer wählen sich von zu Hause ins Web ein, 20 Prozent am Arbeitsplatz. Fünf Prozent des Verkehrs werden in Internet-Cafés, Schulen und Hotspots erzeugt.

Wettbewerb erhöht den Innovationsdruck

Mit ebendieser Beschränkung breitbandiger Verbindungen auf das Festnetz sowie in ihrer Reichweite stark begrenzte Hotspots, sprich Wireless LANs, will sich Minister Chin jetzt nicht mehr zufrieden geben. Seine Vision vom Wireless Broadband soll den Verbrauchern schnell die Tür zu einem uneingeschränkten Informations- und Kommunikationskonsum überall und jederzeit öffnen und die Lücke zwischen Festnetz, Mobilfunk und WLAN schließen. Die Motivation der südkoreanischen Regierung ist dabei jedoch nicht nur in ihrer Besessenheit nach technischem Fortschritt begründet, sie ist auch aus der Not geboren. Trotz der hohen Dichte an Breitbandanschlüssen und der großen Zahl von Mobilfunkteilnehmern beklagen die Netzbetreiber und Service-Provider rückläufige Umsätze. Die Ursache dafür liegt in der Marktsättigung und dem harten Wettbewerb, den sich die zahlreichen Anbieter in Korea liefern.

"Die Gewinnmarge ist für Netzbetreiber im Zugangsgeschäft extrem gering. Deshalb müssen sie dringend neue Services generieren", erklärt Jon David Kim, Managing Director des Marktforschungsunternehmens Ovum, den Zugzwang, in dem die Provider stecken. Dabei ist es in Korea keineswegs so, dass die Kunden ihren Internet- und Handy-Bedarf zum Nulltarif stillen können. Ganz im Gegenteil: Der Koreaner gibt im Durchschnitt für seinen Breitbandanschluss 31,40 Dollar und für den Mobilfunk nochmals rund 30 Dollar aus. Das ist kein Pappenstiel, die Carrier aber erwarten mehr. Sie können nur dann expandieren, wenn sie neben Internet- und Sprachdiensten auch multimediale Services wie TV- und Video-Broadcasting an die Kunden bringen.

Umsatzschub durch multimediale Services

An solchen Diensten wird nun mit Hochdruck gearbeitet. So hat der Netzbetreiber SK Telecom einen Satelliten ins All schießen lassen, mit dem schon in der zweiten Jahreshälfte für Internet- und Mobilfunkkunden zwölf Fernsehkanäle sowie 25 Hörfunkprogramme überall zu empfangen sein sollen. Der Service wird laut SK Telecom zehn Dollar kosten und soll zur Umsatzsteigerung beitragen. Laut Analyst Kim erwirtschaften die koreanischen Provider derzeit durchschnittlich 7,7 Prozent ihrer Einnahmen mit Breitbanddiensten. Für das Jahr 2008 taxiert er den Umsatz in diesem Marktsegment auf 25 bis 30 Prozent.

Vor dem Problem der Marktsättigung und des Umsatzschwundes stehen nicht nur die Koreaner. Auch in Hongkong, Taiwan, Singapur und Japan ist die Versorgung der Teilnehmer mit Breitbandanschlüssen weit fortgeschritten. Der erbitterte Konkurrenzkampf zwischen Festnetz- und Kabelnetzbetreibern führt hier ebenfalls zur Preiserosion. "Wir verdienen mit dem Breitbandgeschäft zwar kein Geld, zahlen aber auch nicht drauf", erklärt Yuji Inoue, Senior Vice President des japanischen Carriers NTT. In Japan wird Angaben der International Telecommunication Union (ITU) zufolge der ADSL-Anschluss mit Flatrate im internationalen Vergleich mit 28,80 Dollar Monatsgebühr am preiswertesten angeboten. Die USA werden in der ITU-Statistik mit 41,10 Dollar, Deutschland mit 55,77 Dollar gelistet.

Ruf nach mehr Bandbreite

In ihrem Bemühen, den Umsatzschwund zu stoppen, denken asiatische Netzbetreiber sogar darüber nach, die Flatrate wieder abzuschaffen. Entsprechende Pläne hegt zum Beispiel die Korean Telecom. Der Carrier will damit den so genannten Heavy Usern einen Riegel vorschieben, die 80 Prozent des Netzverkehrs erzeugen, aber nur ein Zehntel der Internet-Teilnehmer verkörpern. Das Unterfangen dürfte für den Provider jedoch schwer werden, weil die Koreaner seit jeher an den unbegrenzten Internet-Konsum gewöhnt sind und Korean Telecom mit der geplanten Einschränkung Gefahr liefe, Kunden und Umsatz zu verlieren.

Weil die Netzbetreiber in dieser Zwickmühle stecken und der Ruf Südkoreas als führende Breitbandnation auf dem Spiel steht, ist die Re-gierung in Zugzwang. Vor diesem Hintergrund wird auch die von Minister Chin ausgerufene Wibro-Initiative verständlich, die dem Land noch mehr Infrastruktur und Bandbreite für umsatzträchtige, hochwertige Applikationen und Services bescheren soll. Es gilt als sicher, dass der Staat für die Entwicklung und Realisierung des Projekts, das auch unter der Kategorie Fixed Mobile Convergence eingeordnet werden kann, Gelder lockermacht.

Doch was verbirgt sich genau hinter Wibro beziehungsweise dem Ansatz der Fixed Mobile Convergence? Vereinfacht gesagt, könnte man das Projekt als Brückenschlag zwischen dem Festnetz, WLANs und Mobilfunk bezeichnen. Alle drei Bereiche haben ihre Stärken und Schwächen. So verfügt das Festnetz über Flächendeckung, gute Sprachqualität und hohe Bandbreiten, bindet den Anwender aber an seinen Standort. Für den Mobilfunk spricht die große Abdeckung, allerdings ist die Datenrate gering und der Dienst teuer. Im Gegensatz dazu zeichnen sich WLANs durch ihre hohe Bandbreite und den drahtlosen Zugriff ins Internet aus, ihre Reichweite ist jedoch äußerst begrenzt und die Quality of Services schlecht.

Mit Wibro soll nun der Radius der WLANs so weit ausgedehnt werden, dass die Versorgung mehr oder weniger flächendeckend ist. Grundlage ist der noch in der Entwicklung befindliche Standard 802.16, der in Fachkreisen den Namen Wimax trägt und kommendes Jahr serienreif ist. So lange wollen die Koreaner aber mit der Installation nicht warten. Die Behörden haben deshalb schon rechtzeitig das erforderliche Frequenzspektrum reserviert und die Entwickler beauftragt, loszulegen. Abweichungen vom kommenden internationalen Standard Wimax sollen dann später nachgebessert werden.

Hotspots extra large

Der Einsatz von auf Wimax basierenden Funk-netzen wird in Fachkreisen unter zwei Aspekten diskutiert. Zum einen können damit kos-tengünstig Landstriche erschlossen werden, wo keine Breitbandanbindung durch das Festnetz möglich ist. Zum anderen kann die Reichweite von Hotspots je nach Bandbreite erweitert und die Technik komplementär zum Mobilfunk eingesetzt werden. In Korea, wo ein Großteil der Bevölkerung in Großstädten lebt, wird das Thema vor allem unter dem zweiten Aspekt diskutiert. Ziel ist es, frequentierte Zonen bis Ende 2005 mit einem Funkzellennetz zu überziehen, das zunächst jedem Anwender bei einer Reichweite von einem Kilometer eine Transferrate von 3 Mbit/s ermöglicht. Später soll das Volumen dann auf 18,6 Mbit/s steigen.

Fabian Hess, Solution Manager Access bei Siemens ICN, ist von der Entwicklung in Korea und in ganz Asien begeistert. Er sieht in der Wibro-Initiative einen wichtigen Schritt in Richtung Konvergenz zwischen dem Festnetz und Funknetzen. In Zukunft wird man dem Broadband-Experten zufolge nicht mehr über verschiedene Netze sprechen, sondern über unterschiedliche Schnittstellen zu einem IP-basierenden Netz, über das dann alle Applikationen und Dienste laufen. Jeder Kunde, so seine Vision, werde über ein multiples Endgerät verfügen, das je nach Anwendungstyp und dessen Bandbreitenbedarf automatisch die optimale und kostengünstigste Zugangsschnittstelle wählt. Kernstücke dieser Next Generation Networks werden Softswitches sein, die die dezentralen Gateways bis hin zu den Endgeräten steuern und alles auf das Internet Protocol umsetzen.

Bis das All-IP-Zeitalter anbricht, wird noch einige Zeit verstreichen. Klar ist aber, dass die Bewegung von Asien ausgeht, wo die Netzbetreiber das Thema mit Hochdruck forcieren. Hierzulande ticken die Uhren in Sachen Breitbandausbau und All IP langsamer. Die Telekom rechnet laut Roland Kittel, CTO der Telekom-Sparte T-Com, bis 2007 mit rund zehn Millionen verkauften DSL-Anschlüssen, das entspricht 25 Prozent der deutschen Haushalte. Derzeit liegt die Quote bei 4,4 Millionen Breit-bandanschlüssen. Damit ist der deutsche Carrier, der früh mit seinem T-DSL-Angebot gestartet war, im internationalen Vergleich von einer Spitzenposition ins Mittelfeld abgerutscht.

Telekom sieht noch keinen VDSL-Bedarf

Mit der zur CeBIT vorgestellten DSL-Kampagne "1, 2, 3", die dem Kunden die Wahl zwischen drei Geschwindigkeitsstufen lässt, sieht sich die Telekom jedoch gut aufgestellt. Laut Horst Melcher, Präsident der Deutschen Telekom K.K. in Japan, sind die Bandbreiten von bis zu 3 Mbit/s für die derzeit verfügbaren Anwendungen absolut ausreichend. Für Video on Demand genügt dem Telekom-Manager zufolge eine Transferrate von 1,5 Mbit/s. "Bisher sind keine Inhalte in Sicht, die VDSL zwingend erfordern", sagt Melcher.

Für eine Glasfaservernetzung bis in die Haushalte, wie sie die japanische NTT vorantreibt, erkennt der deutsche Carrier derzeit keine Notwendigkeit. Für die Telekom komme ein solches Projekt nicht in Frage, weil es sich nicht rechne. Im Gegenteil: "Die politisch verordnete Einführung von Fiber-to-the-Home in Ostdeutschland war eine finanzielle Katastrophe", warnt Melcher vor Abenteuern. Heute wird die Glasfaser im Osten wieder mit ADSL überbaut.

Fest steht, dass die Telekom möglichst lange an ihrem Kupfernetz festhalten will, um ihren Sparkurs fortzusetzen. Trotzdem hat der Carrier auch Wimax im Blick. Tests mit dem breitbandigen Funkstandard sind laut Technikchef Kittel bereits geplant.

Egal, über welches Medium die Bandbreiten transportiert und angeboten werden: Die Broadband-Welle rollt unaufhaltsam. Laut ITU sind die Wachstumszahlen dieser noch jungen Marktentwicklung größer als die im Mobilfunk. Das macht deutlich, welche Dynamik hinter dieser Bewegung steckt. Die Europäer könnten sich in einer ungewohnten Rolle wiederfinden. Dae-Je Chin lässt mit Worten seiner Rede grüßen: "Wir müssen den Entwicklungsländern helfen."

Peter Gruber, pgruber@computerwoche.de

Abb.1: Breitband- und Internet-Boom in Südkorea

Südkorea ist Weltmeister in der Verbreitung von Breitbandanschlüssen. Drei Viertel aller Haushalte verfügen heute über einen schnellen Internet-Zugang. Quelle: Korean Telecom

Abb.2: DSL-Anschlüsse weltweit

DSL ist international die am stärksten verbreitete Zugangstechnik, gefolgt von Kabelmodems. Quelle: ITU