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Neue EDV-Karriere: Der Byte-Spion


07.02.1975 - 

Briefe an Boris

Es soll einer der erfolgreichsten Wirtschaftsspionageringe der Nachkriegszeit gewesen sein, den die Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik kürzlich "zerschlugen". Dunkelmänner mit Sonnenbrillen und Trenchcoats hatten Ferritkerne geraubt, Wartungsunterlagen photographiert und alles für 272 000 Mark an den Osten verscheuert. So lasen es die Laien in der Zeitung.

Die Leute vom Fach merkten hingegen sofort, daß da was nicht stimmen konnte. Unser Verlag beauftragte deshalb seinen Geheimagenten Heinzgünther Klaus, einen toten Briefkasten in der Kölner Bahnhofstoilette zu knacken und anhand der entwendeten Korrespondenz Licht in die mysteriöse Affäre zu bringen. Das überraschende Resultat der Recherchen zeigt unseren Lesern (exklusiv!), wie es wirklich war.

Interessant für alle Karriereplaner in der Informatik: Es muß nicht immer die EDV-Chef-Position sein, die der Bit- und Byte-Novize anvisiert - Fachspione verfügen ebenfalls über Budget und Möglichkeiten. Natürlich sind Nackenschläge von oben auch hier nicht immer vermeidbar:

Moskau, 13. Januar 1975

Lieber Genosse Boris, entweder bist Du von allen guten Geistern verlassen, oder die revanchistische Westpresse hat wieder einmal tief unter der Gürtellinie zugeschlagen: 272 000 Mark für EDV-Chips und Wartungslisten! Das Zeug hatte uns Bela Memoryi, der Parteifreund aus Budapest, schon andrehen wollen, als Zar Peter im Kreml noch mit Zinnsoldaten spielte!

Übrigens: Wo bleibt der Aufstellungsplan des Kölner Rosenmontagszuges 1975? Du weißt, daß wir die diesjährige Maiparade nach den neuesten Methoden der kapitalistischen Karnevaller organisieren wollen. Also schaffe schleunigst eine Kopie ran! Die teure Photoausrüstung, von der die BRD-Blätter jetzt alle genüßlich berichten, haben wir Dir nicht vermacht, damit Du überständige Maintenance Manuals ablichtest!

Und teile mir schnellstens mit, daß die Meldung von der Maschinenspionage eine Ente ist! Denn das dart doch nicht wahr sein!

Iwan G. Dumandruff

Moskau, 18. Januar 1975

Boris!

Es ist also doch wahr! Die haben Dich und Deine Leute hopps genommen! Beim Klauen der Magnetbänder mit dem Betriebssystem! Heiliger Transistor von Taschkent! Habt Ihr denn wirklich nicht mehr alle Tassen unterm Samowar? Kein Mensch hat Euch geheißen, ins Computergeschäft zu steigen. Ihr könnt doch kein Kilobyte von einem Krabbencocktail unterscheiden! Jetzt ist natürlich der Borschtsch am Dampfen! Die ganze Welt denkt, Mütterchen Rußland sei ein elektronischer Kongo! Wir müßten James Bond einsetzen, um rauszukriegen, wo beim Prozessor die Flip-Flöppe sitzen!

Der Alte ist vielleicht sauer! Ihr sollt gleich ausbrechen und Euch hier bei ihm melden. Sonst will er über TASS bekanntgeben, daß Ihr alle Chinesen seid und gar keine Genossen von uns.

Also kommt sofort her und bringt den Rosenmontagsplan mit! Aber ein bißchen dawai!

Iwan G. Dumandruff

Moskau, 20. Januar 1975

Boris!

Der Alte hat einen anonymen Brief gekriegt, wo drinsteht, Du hättest eine bezahlte PR-Aktion für den Hersteller inszeniert und Dich absichtlich mit dem nebbichen Material erwischen lassen. Die Leute sollten annehmen, das System sei ganz was Spezielles, weil die Russen nachts ihre Agenten hinschicken beziehungsweise 272 000 Mark für die geklaute Software berappen. Stimmt das?

Iwan G. Dumandruff

Kiew, 25. Januar 1975

Lieber Genosse I. G. Dumandruff, ich habe durch Zufall von Eurer bedauerlichen Bredouille in Deutschland gehört. Bitte seien Sie nicht zu streng zu dem Außendienstgenossen Boris, denn er ist unschuldig, er handelte tatsächlich im Auftrag unseres sozialistischen Vaterlandes. Ich selbst hatte ihn nämlich gebeten, für unser Institut einige sehr interessante Stücke zu beschaffen. Tut mir sehr leid, daß ich Ihnen damit Ärger bereitet habe.

Sie können meine Kostenstelle mit den verauslagten 272000 Mark belasten.

Prof. Pawel Kapierstny

Ukrainisches Institut für Altertumsforschung

Abt. Techn. Museum

.S. Das mit der PR-Aktion war also ein Gerücht. Doch die Idee ist gar nicht so übel ... P. K.