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23.01.1987

Bringschuld der DV wird zur Hol-Chance der Anwender

Rolf-Dieter Leister, Vizepräsident des Beirates der Deutschen Bundesbahn und

Wirtschaftsberater für Informations- und Kommunikationstechnik, Stuttgart

In der Computerbranche überschreiten wir derzeit eine Schwelle: nämlich von der Datenverarbeitung zur Informationsverarbeitung. Diese inhaltliche Metamorphose ist dadurch gekennzeichnet, daß wir künftig erstrangig qualitative Prozesse - also dispositive Tätigkeiten - und damit die Nutzung der Informationsverarbeitung für bessere Entscheidungen forcieren, während Datenverarbeitung primär quantitative Prozesse für Rationalisierungsaufgaben adressiert.

Hierdurch ändern sich die Stärkenfelder, in denen technische Innovation stattfindet, auch räumlich. Während elektronische Datenverarbeitung vor 25 Jahren ausschließlich durch Großrechnereinsatz, das heißt durch die Verarbeitung von Daten in Stapeln, gekennzeichnet war, ist Informationsverarbeitung in den 80er Jahren durch die zunehmende Verbindung von Computerleistung mit Telekommunikation via Dialogverarbeitung am Arbeitsplatz geprägt. Dies hat zur Folge, daß bislang vorwiegend technische Systeme vor allem dadurch komplexer geworden sind, weil sie als sozio-technische Systeme den Menschen viel stärker einbeziehen.

Aus dieser gewachsenen Komplexität folgt, daß der - zwar erfreuliche - Preisverfall der Mikroelektronik deutlich an Stimulanz für das Entstehen neuer Computeranwendungen einbüßt. Trotz jährlich stabiler Preisverbesserungen der Rechnerleistung von zirka 25 Prozent sind die Etats der Datenverarbeitung in Relation zu den Gesamtetats der Unternehmen keineswegs kleiner geworden; sie sind in den vergangenen Jahren nahezu konstant geblieben.

Entscheidend ist deshalb, wie dieser Kostenblock inhaltlich genutzt wird, den Wandel von Datenverarbeitung mit dem Primärziel der Substitution zu Informationsverarbeitung mit dem Primärziel der Innovation anzuregen. Hierzu ist die unternehmensstrategische Einbettung der Informationsverarbeitung unverzichtbar.

Dieser Wandel verändert die Datenverarbeitungsorganisation aus ihrer Primärrolle der Produktion von Daten in die Primärrolle der Verbesserung von Dienstleistung. Informationsverarbeitung ist deshalb zunehmend am Nutzen und abnehmend an den Kosten der Information orientiert. Dies hat zur Folge, daß sich die klassische Bringschuld der EDV-Funktion in eine Hol-Chance der Anwender wandelt. Gleichzeitig verändert sie aber auch die Qualität der Partnerschaften zwischen ihnen und den Computerherstellern. Vor 25 Jahren war beim klassischen Kunden/Lieferanten-Verhältnis im wesentlichen der Hersteller für das Produkt verantwortlich; heute ist es viel stärker ein "Arzt/Patienten"-Verhältnis, in dem der Patient für seine Gesundheit selbst verantwortlich zeichnet, aber auch den Arzt wechseln kann. Als Folge hieraus - und um so stärker Informationssysteme anwendungsindividuell eingesetzt werden - hat sich der größere Teil der Entwicklungsaufwendungen vom Hersteller zum Benutzer hin verlagert.

Dies liegt daran, daß zwar technisch vieles möglich ist wird aber Informationstechnik auf alte Organisationen gestellt, dann führt eine "1-zu-1-Elektrifizierung" überholter Informationswege nur zu einer digitalen Verteuerung. Der organisatorische Nachholbedarf und die Notwendigkeit, die Informationsausbildung in den Fachabteilungen zu verstärken, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß wir heute - über alle Branchen hinweg gesehen - einen Systemspezialisten für zirka 50 Benutzer beschäftigen und damit ganz gut auskommen. Wir verfügen aber über nur einen Organisator für etwa 500 Endbenutzer. Diesen um den Faktor zehn größeren Rückstand aufzuholen, ist deshalb so lohnend, weil wir es uns heute leisten können, Organisationen "um die Information herum" und nicht mehr um die Maschine oder um veraltete Organisationsstrukturen herum maßschneidern zu können. Jedes Produkt läßt sich prinzipiell dadurch verbessern. Damit wird Information zum Produktionsfaktor und damit zum wesentlichen Leistungsunterschied im Wettbewerb.

Im Wandel von Datenverarbeitung zu Informationsverarbeitung ist die Funktionsteilung von Technik und Anwendung zwischen Computerherstellern und Benutzern markanter geworden. Es ist deshalb grundsätzlich nicht mehr wesentlich, welche Herstellerstrategie Anwender verfolgen, sondern welchen Infrastrukturstandard - sowohl die Kommunikation als auch die Systemarchitektur betreffend.

Kennzeichnend für die Datenverarbeitungswelt war die Zuordnung der DV-Kunden quasi zu Bauunternehmen. Kennzeichnend für die Informationsverarbeitungswelt ist ihre Zuordnung quasi zu Architekten. Das Bauelement "Mikroelektronik" ist nicht die wesentliche Qualitätsänderung, wohl aber der Baustil der sich, um die Akzeptanz in der Fläche zu verbessern, deutlich gewandelt hat.

Auszug aus dem Festvortrag zum 25jährigen Jubiläum der Einführung der elektronischen Datenverarbeitung bei der Deutschen Bundesbahn.