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29.06.2001 - 

"Das Management hat total versagt"

Brokat-Aktionäre machen ihrem Ärger Luft

STUTTGART (wh) - Während einer teilweise dramatisch verlaufenen Hauptversammlung musste die Führungsriege der Brokat AG herbe Kritik einstecken. Unternehmenschef Stefan Röver gestand Fehler ein und kündigte einen Gehaltsverzicht der Gründungsvorstände an.

"Ihr Größenwahnsinn hat unser Geld gekostet", donnerte ein sichtlich erregter Kleinanleger. "Brokat ist bereits den Expansionstod gestorben." Die Debatte über den Lagebericht des angeschlagenen Softwareherstellers geriet zur Generalabrechnung enttäuschter Aktionäre mit der Führungsriege. Die Vorstände um Sprecher Röver lauschten mit versteinerten Mienen.

"Das Management hat bei der Kostenkontrolle total versagt", urteilte Rudolf Neumann, Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). "Bisher hatte Brokat ein Kostenproblem", konstatierte der Anlegervertreter. "Jetzt ist daraus ein Finanz- und Liquiditätsproblem geworden, weil das Management das Problem vor sich hergeschoben hat."

Neumann kritisierte, das geplante Kostensenkungsprogramm komme angesichts der dramatischen Finanzlage viel zu spät: "Warum um Himmels willen erst jetzt?" Die nun gebotene Eile schade dem komplexen Konsolidierungsprozess. Brokat hatte das Programm am 11. Juni in einer Ad-hoc-Meldung angekündigt (siehe CW 25/01, Seite 8). Wegen eines Verlustes aus der Neubewertung von Beteiligungen und Tochtergesellschaften ist die Hälfte des bilanziellen Grundkapitals aufgebraucht.

Winfried Holtermann von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sprach von "hektisch bis panisch eingeleiteten Restrukturierungsmaßnahmen". Angesichts einer Cashburn-Rate von 15 Millionen Euro pro Monat reichten die verbleibenden Mittel nicht einmal mehr für zwei Quartale. Brokat verfügte nach eigenen Angaben zum 30. März 2001 über einen Barmittelbestand von 88,7 Millionen Euro. Die Reserven wären demnach bereits Ende des dritten Quartals aufgebraucht. Der Hersteller war davon ausgegangen, sich noch bis zum vierten Quartal ohne fremde Hilfe finanziell über Wasser halten zu können. Bis dahin sollten die Sparmaßnahmen in vollem Umfang greifen. "Wenn weiter so gewirtschaftet wird, tritt der Super-GAU ein", warnte der DSW-Sprecher.

Röver verteidigte die Expansionsstrategie, räumte aber auch Fehler ein. Die Konjunkturabschwächung in den USA hätte man möglicherweise früher absehen können. Holtermann monierte, die Finanzgemeinde habe den Einbruch der US-Wirtschaft schon im Herbst vergangenen Jahres klar erkannt. Bei Brokat sei diese Erkenntnis offenbar erst Anfang dieses Jahres gereift.

Auf die harsche Kritik reagierte Röver mit der überraschenden Ankündigung, die Gründungsvorstände würden so lange auf ihr Gehalt verzichten, bis die Gewinnschwelle erreicht sei. Betroffen davon sind neben ihm selbst Finanzchef Michael Janßen und Entwicklungsvorstand Michael Schumacher. Um Wachstum und Profitabilität zu sichern, werde sich das Unternehmen künftig auf die drei Kernmärkte Mobile Business, E-Finance und regelbasierte Personalisierung konzentrieren. Brokat halte an dem Ziel fest, im vierten Quartal schwarze Zahlen auf Ebitdaso-Basis zu schreiben (Ergebnis vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen und Mitarbeiterbeteiligungen).

Oberste Priorität habe nun die Sicherung der Liquidität, erklärte Janßen. Falls die Maßnahmen zur Kostensenkung nicht ausreichten, müsse im vierten Quartal neues Kapital zugeführt werden. Brokat streicht ein Fünftel der Stellen und schließt Standorte in den Niederlanden, Belgien und Israel. Die Maßnahmen sollen im vierten Quartal 2001 zu Einsparungen von 15 Millionen Euro führen.

Der Finanzvorstand bestätigte Gespräche mit potenziellen Investoren, lehnte aber genauere Angaben ab. Dies würde die Verhandlungen gefährden. Die Aufwendungen für die Restrukturierungsmaßnahmen beliefen sich auf etwa vier Milliarden Euro. Der größte Teil entfalle auf Abfindungszahlen an ausscheidende Mitarbeiter. Im Jahr 2001 werde Brokat Firmenwertabschreibungen in Höhe von 138 Millionen Euro vornehmen, im Vorjahr waren es 49 Millionen Euro. DSW-Vertreter Holtermann erklärte dazu, er rechne mit einem weiteren "massiven Wertberichtigungsbedarf" infolge der Übernahmen der US-Firmen Blaze und Gemstone.

Die Möglichkeit einer Übernahme beurteilte Holtermann kritisch. Ein Hindernis stelle die "unsägliche" Anleihe in Höhe von 125 Millionen Euro dar, die Brokat letztes Jahr begeben hat. Die Summe werde im Jahr 2010 fällig und sei damit eine "Giftpille" für jeden Kaufinteressenten.

Entgegen dem Antrag von Aktionärsvereinigungen und einigen Kleinanlegern entlasteten die Anteilseigner Vorstand und Aufsichtsrat mit einer Mehrheit von 90 Prozent. Sie ermächtigten das Führungsgremium zudem, bis Ende Mai 2006 Wandelschuldverschreibungen im Wert von bis zu einer Milliarde Euro auszugeben.