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19.06.1998 - 

Deutscher IT-Senkrechtstarter benötigt Kapital und Mitarbeiter

Brokat: Wenn der Erfolg ständig die Wachstumsziele korrigiert

Auf den ersten Blick scheinen beide nur wenig miteinander gemein zu haben. Und dennoch sind sich die vielzitierte Softwaremacht aus Walldorf und der vergleichsweise noch kleine Stuttgarter Anbieter von Lösungen zum Internet-Banking in einem Punkt nicht unähnlich: Sowohl SAP als auch Brokat wurden kürzlich in das Europe 500 Honorary Listing aufgenommen - eine Organisation zur Förderung des europäischen Unternehmertums. Die Kriterien für jene erlauchte Gesellschaft lauteten: Verdoppelung von Umsatz und Mitarbeiterzahl zwischen 1991 und 1996.

Das Wachstumstempo, das die Stuttgarter seit ihrer Gründung vorlegten, ist in der Tat beeindruckend. Was 1994 als Vier-Mann-Betrieb mit einem Umsatz von 768 000 Mark begann, ist heute zu einem 250 Mitarbeiter beschäftigenden Unternehmen gewachsen. Allein im Geschäftsjahr 1996/97 schnellte der Umsatz von 2,6 Millionen auf zehn Millionen Mark hoch (siehe Abbildung). Für das Geschäftsjahr 1997/98, das am 30. Juni endet, erwarten die fünf Vorstände Boris Anderer, Michael Janßen, Stefan Röver, Achim Schlumpberger und Michael Schumacher wiederum Rekordeinnahmen. Anvisiert sind 30 Millionen Mark - was ein Plus von 300 Prozent wäre.

Größter Umsatzträger mit etwa 95 Prozent ist das Geschäftsfeld "Finance", also Banken, Versicherungen, Bausparkassen und Wertpapierhandelsgesellschaften. Maßgeblichen Anteil am momentanen Höhenflug der Company hat dabei die Java-basierte 128-Bit-Verschlüsselungssoftware "X-Presso Security Package", die auf der Client-Seite als sogenanntes Online-Gateway beziehungsweise Java-Applet auf der Transaktionsplattform "Twister" aufbaut. Selbige verfügt - als typische Back-end-Lösung konzipiert - laut Brokat über eine modulare, offene Software-Infrastruktur, die jeweils branchenspezifische Anpassungen ermöglicht.

Ein Paket, das im Markt Resonanz finden zu scheint. Denn mit eben skizziertem Produktportfolio waren die Newcomer mit die ersten, die Internet-Banking-Lösungen in Deutschland implementierten. Eigenen Angaben zufolge beträgt der Marktanteil (inklusive der auf dem mittlerweile etablierten Homebanking-Standard HBCI aufbauenden "Twister"-Applikation "X-HBCI-Banking") hier derzeit etwa 70 Prozent. Angeführt wird die Referenzliste von Kunden wie der Deutschen Bank oder Allianz. Der vom Auftragswert her größte Deal wurde bislang mit den sechs Rechenzentren der österreichischen Raiffeisen-Bankengruppe abgeschlossen. Weitaus größere Projekte laufen im Moment - allerdings sei man hier, so der im Vorstand mit fünf gleichberechtigten "Managing Partner" für die Bereiche Marketing und Produkt-Management zuständige Boris Anderer, noch nicht autorisiert, "konkrete Namen zu nennen".

Während es die Stuttgarter im reinen Internet-Banking-Umfeld noch mit vergleichsweise kleinen Wettbewerbern wie Netlife, ESD oder Data Design zu tun haben, ist die Konkurrenzsituation im Markt für Electronic-Cash-Systeme ungleich schärfer - Branchengrößen wie IBM, Hewlett-Packard (Verifone) oder auch Trintech lassen grüßen! Die Zielsetzung der Schwaben ist aber auch hier eine sehr ehrgeizige: In Zukunft will Brokat mit Lösungen wie "X-Pay Electronic Payment" im Ranking der europäischen Internet-Zahlungssystemanbieter einen der vorderen Plätze belegen.

Daß Wachstumsraten wie die der Stuttgarter sehr schnell an (eigene) Grenzen stoßen können, ist auch für die Brokat-Vorstandsriege keine neue Erkenntnis. Zentrales Problem, das sich für die Mannen um Boris Anderer damit stellt, ist einmal mehr die weitere Finanzierung der Unternehmensexpansion. Bislang sind drei Venture-Capital-Firmen schon zu einem Drittel an der Company beteiligt. Neben der schwierigen Kapitalsituation macht dem Unternehmen jedoch auch der an qualifizierten IT-Fachkräften leergefegte Arbeitsmarkt zu schaffen. Im Durchschnitt stellt Brokat derzeit zehn Mitarbeiter pro Monat ein, innerhalb des nächsten Jahres soll sich die Zahl der Beschäftigten von derzeit 250 auf 500 verdoppeln.

Wachstum also auch hier, das jedoch seinen Tribut fordert. Auch im laufenden Geschäftsjahr werden die Stuttgarter dem Ex-McKinsey-Berater zufolge aufgrund nach wie vor hoher Anlaufverluste keinen operativen Gewinn ausweisen. "Wir gehen von einer schwarzen Null aus, die unter Umständen sogar etwas rot schimmert", beschreibt Anderer die anhaltende finanzielle Gratwanderung seiner Company. In der gegenwärtigen Phase der Expansion könne es jedoch nicht das primäre Ziel sein, "den maximalen Profit herauszuholen". Viel wichtiger sei es zum Beispiel, in wichtigen Auslandsmärkten in die Gänge zu kommen. Der Grund: "Brokat kann seine führende Position nur aufrechterhalten, wenn das Unternehmen international so schnell wie möglich auf Akzeptanz stößt", ist Anderer überzeugt. Eine Meinung, mit der er nicht alleine dasteht. Wie kaum eine andere deutsche IT-Company verfügen die Stuttgarter nach Ansicht vieler Fachleute über einen Technologievorsprung, sind damit aber auch Getriebene der weiteren Marktentwicklung.

Andererseits zeigt Brokat bereits heute mit Niederlassungen in Zürich, London, Wien, Sydney, Südafrika und Singapur weltweite Präsenz und generiert immerhin 25 Prozent des Umsatzes im Ausland. Mit einer erst vor kurzem in Atlanta etablierten Dependance versucht Brokat derzeit zudem, auch im US-Markt Fuß zu fassen.

Vor größeren Veränderungen steht auch die Vertriebsstrategie, die bisher noch überwiegend direkt ausgerichtet war. Anderer: "Wir planen, den Partneranteil am Geschäft bis zum Jahr 2000 auf weit über 50 Prozent auszubauen." Für die nahe Zukunft gibt es bei Brokat darüber hinaus Überlegungen, eine Diversifizierung in neue Business-Units vorzunehmen. So sollen zum bisher mit Abstand wichtigstem Geschäftsfeld "Finance" die Bereiche "Commerce", "Health" und "Authorities" hinzukommen. All dies in Angriff zu nehmen, erfordert zunächst aber wiederum nur eines: eine gut gefüllte Unternehmenskasse. Brokat will sich deshalb dem Run vieler High-Tech-Unternehmen an deutsche sowie internationale Finanzplätze anschließen und plant zum Jahresende den Gang an die Börse.

* Andrea Goder ist freie Journalistin in München.

Abb: Ehrgeiziges Ziel: Geradezu explodieren sollen die Umsätze im Geschäftsjahr 1997/98. Quelle: Brokat