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20.07.1990 - 

EG will die Normierung von Informationssystemen forcieren

Brüssel hält die Marschroute für offene Kommunikation ein

BRÜSSEL (pg) - Die EG-Kommission macht Ernst: Mit Inkrafttreten der dritten und letzten Stufe eines seit 1984 laufenden Projekts sollen bis 1996 die letzten proprietären Bastionen in den Euro-Behörden fallen. Gewinner werden am Ende offene Standards sowie Unix sein. Auf der Verliererseite dürfte dagegen OS/2 stehen.

Schon 1980, so Walter de Backer, Chef des Informatics Directorate der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, hatte die EG beschlossen, künftig - soweit als möglich - auf eine offene, herstellerunabhängige Architektur zu setzen. De Backer zu dem damaligen Beschluß: "Jede Behörde stand in Sachen Soft- und Hardware vor einer historisch anders gewachsenen Situation. Folge waren viele proprietäre Systeme, die untereinander kaum kommunizieren konnten. Die Organisation mußte also technische Agreements schaffen, auf deren Basis die einheitliche, heterogene Kommunikation möglich ist, weil wir nicht jeder Behörde vorschrieben können, dieselben Geräte und Applikationen anzuschaffen "

Es dauerte jedoch vier Jahre, bis die Marschroute mit ihren Durchgangsstationen ausgearbeitet war. Ein Blick zurück: Mehrere Gremien hatten besagten Drei-Stufen-Plan entworfen, dessen erste Phase von 1984 bis 1987 dauerte. In diesem Zeitraum wurden proprietäre Netze gegen paketvermittelnde ausgetauscht. Gleiches geschah mit Terminals - sie mußten Geräten mit "Multi Protocol Converter" (MPC) sowie Rechnern mit Unix System V weichen. Ferner entwickelten die Techniker einen "Multi Vendor File Transfer" für alle bei der EG verwendeten Betriebssysteme.

Die zweite Übergangsphase, die bis 1991 datiert ist, sieht in erster Linie die Umrüstung der lokalen Netze von einer reinen Telefonverkabelung auf den Standard Ethernet vor. Dadurch werden, so de Backer, der Datendurchsatz erhöht und die Konvertierung der Protokolle vereinfacht.

"Der Krieg um offene Standards ist vorbei"

Neues Hard- und Software-Equipment muß jetzt - soweit möglich - OSI-Standards sowie dem X/Open-Portability-Guide genügen. Darüber hinaus wurde die alte Telex-Zentrale durch ein Telecom-Center ersetzt, das über Gateways Electronic Mail, Telex, Teletex und Filetransfer von den lokalen Netzen zum öffentlichen Netz realisiert.

Obwohl der zweite Projektabschnitt noch nicht beendet ist, blickt der IS-Chef optimistisch in die Zukunft: "Der Krieg mit den Herstellern um offene Standards ist vorbei. Die Anbieter haben sie akzeptiert, und ihre Realisierung ist nur noch eine Frage der Zeit." De Backer weiter: "Es macht auf Dauer keinen Spaß, sich ständig mit der Multi Protocol Convertion herumzuschlagen." Jeder offene Standard sei deshalb ein Schritt zur Realisierung der von der EG-Kommission eigens konzipierten "Information Architecture", die folgende vier Ebenen umfaßt: Organisation, Equipment, Anwendungen und Informationssysteme.

"Man darf die vier Schichten nicht als Layer im Sinne des OSI-Modells betrachten", erklärt de Backer. Die sieben Schichten der ISO seien bei der "Information Architecture" der EG zwischen den Ebenen Equipment und Applikationen angesiedelt und daher nur ein Bestandteil des EG-Konzepts, wenn auch ein wichtiger.

Sein besonderes Augenmerk richtet der Direktor jedoch auf die vierte und höchste Ebene der "Informations Architecture", die Informationssysteme. Sie sollen in jeder Netzeinheit der EG installiert werden und durch eine einheitliche Benutzerschnittstelle je nach Bedarf den Zugriff auf Datenbanken sowie den Informationsfluß regeln. Voraussetzung dafür sei aber eine stabile und durchgängige Plattform, auf der sich die Applikationen aufsetzen lassen.

Für die Realisierung seiner Vorstellung denkt de Backer an völlig neue Informationssysteme, die aus "Application Building Blocks" und "Entwicklungs-Tools" unabhängiger Software-Anbieter zusammengesetzt werden. Dies hätte den Vorteil, daß sich die Software-Ingenieure der EG auf das Design und die Pflege der Datenbanken sowie das Aufsetzen der Services konzentrieren könnten.

Mit der einheitlichen Applikations-Plattform hofft der IS-Verantwortliche der Gemeinschaft, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Zum einen würden identische und von allen Softwarelieferanten einzuhaltende Anwendungsblöcke für alle Euro-Behörden und dere Kommunikationspartner Anwendungen in heterogener Umgebung ermöglichen, zum anderen fielen die Wartungskosten für die bis dato unterschiedlichen Systeme geringer aus. Dazu de Backer: "Je simpler das System ist und je weniger daran geändert werden muß, desto niedriger sind die Kosten für die Manpower, die bei Informationssystemen weit mehr zu Buche schlagen als die Ausgaben für Hard- und Software."

Daß es der EG-Kommission mit der Realisierung einer offenen Kommunikation ernst ist, beweist die gegenwärtige Verhandlungspolitik. "Heute lassen wir uns keine Verkaufsgespräche und Präsentationen der Hersteller mehr aufzwingen", sagt de Backer selbstbewußt, "sondern geben genau an, was wir haben wollen. Anbieter, die unseren Vorstellungen nicht entsprechen, werden nicht mehr berücksichtigt, auch wenn sie noch so namhaft sind." Die Reaktionen der Hersteller seien bisher im großen und ganzen positiv gewesen, Lösungen für die Ebene werden aber noch auf sich warten lassen.

Nach Ansicht des Eurokraten wurde das Gros der Standardisierung auf dem Feld der Hardware und der Applikationen geleistet, der Bereich der Informationssysteme, der ihm besonders am Herzen liegt, aber stark vernachläßigt. Deshalb sei es jetzt wichtig, die Normierung auf dieser Ebene zu forcieren, um das Ziel der Informationssysteme mit einer verteilten und kostensparenden Applikations-Architektur möglichst schnell zu erreichen. Noch wichtiger sei jedoch die Entwicklung eines Netzes, das die Kooperation der Informationssysteme zwischen den EG-Mitgliedsstaaten und den politischen Institutionen der Gemeinschaft zuläßt.

Apropos Netze: Auch in diesem Punkt zeichnen sich aus Sicht Backers für die EG klare Tendenzen ab. So dürfte das X.25-System wegen seiner geringen Durchsatzrate und des wachsenden Datenaufkommens innerhalb der Gemeinschaft in zwei bis drei Jahren ausrangiert werden. Als Nachfolger haben die Planer vorerst geleaste 2Mbit-Leitungen auserkoren, über die auch die LAN-Protokolle und neue Techniken gefahren werden können. Für einen noch späteren Zeitpunkt ist an FDDI und ein Netz-Management auf Basis des Simple Network Management Protocols (SNMP) gedacht.

Im Vorfeld der Ethernet-Vernetzung hatten die Koordinatoren der EG eine Verkabelung mit dem Medium Glasfaser bereits in Erwägung gezogen. Man habe vorerst aber darauf verzichtet, weil die Standards sowie die Topologie noch unsicher und die Kosten zu hoch seien. Gleiches gelte auch für das Breitband-ISDN, das wegen der Übertragung von bewegten Bildern von Interesse sei.

Nur eine bescheidene Rolle im IS-Konzept der EG spielt dagegen ISDN. Das Dienste-interpretierende digitale Netz wird wahrscheinlich nur in Teilbereichen als Übergangslösung zwischen Datex P und 2-Mbit-Leitungen zum Einsatz kommen. De Backers Begründung: "Es wird immer wieder vergessen, daß es bei ISDN auf internationaler Ebene noch starke Differenzen bei der Standardisierung gibt." Fest stehe aber, daß die EG peu Ó peu die alten analogen Telefonsysteme gegen private ISDN-Nebenstellenanlagen austauscht.

Neben dem Plädoyer zugunsten der OSI-Standards X.400, X.500 und FTAM legte der Brüsseler Beamte auch ein deutliches Bekenntnis zu Unix ab. Das Betriebssystem habe durch Posix und X/Open international einen Standardisierungsgrad erreicht, den proprietäre Systeme für sich nicht beanspruchen könnten. Ferner sei Unix zu den neuen Technologien kompatibel und insbesondere für Workstations hervorragend geeignet. Einzig im Mainframe-Bereich müßten noch kleinere Verbesserungen durchgeführt werden. Aus dem Rennen scheint bei der EG dagegen OS/2 zu sein. "Es gibt keinen Grund, OS/2 einzusetzen", meinte der IS-Direktor, "außer, die ganze Welt nimmt es." +

Der Groschen ist gefallen

Es ist knapp ein Jahr her, da wurde an gleicher Stelle im Kommentar der Widerstand so mancher Hersteller gegen offene Standards beklagt. Sie schienen auf diesem Ohr taub und zeigten nur Initiative, wenn es galt, dem Kunden proprietäre Lösungen aufzuschwatzen.

Natürlich sind wir nicht so vermessen zu glauben, daß die Vertreter heute ausziehen, um den Anwendern nun das hohe Lied der Heterogenität zu singen. Aber, und das stimmt uns froh, nicht nur in der Weltpolitik, sondern auch in den Kopfen vieler Unternehmensstrategen sind Mauern gefallen.

"Der Krieg mit den Herstellern um offene Standards ist vorbei", hat kürzlich einer gesagt, der es wissen muß: Walter de Backer, bei der EG-Kommission für Informationstechnologie verantwortlich, hat nämlich jüngst in zahlreichen Verhandlungen den Anbietern auf den Zahn gefühlt. Das Ergebnis war geradezu sensationell: Alle zeigten sich bereit, Produkte im Sinne des strengen und auf Offenheit ausgerichteten EG-Regelwerks, der "Informations Architecture", zu entwickeln.

Der Groschen scheint also gefallen zu sein, auch wenn man bedenkt, daß keiner gern das Renommee, EG-Lieferant zu sein, aufs Spiel setzt. Es hat in den Vorstandsetagen die Einsicht gesiegt, daß jeder, der sich offenen Standards verschließt, bald als Außenseiter in der Ecke steht. Grund genug selbst für Große und Namhafte, beispielsweise auf OSI-Kurs zu gehen. Wer läßt schon gerne mit dem Finger auf sich zeigen, auch wenn er ein noch so dickes Fell besitzt. pg