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01.04.1983 - 

Immer neue Spezifikationen von EHKP 4, 5 und 6 erschweren Software-Implementierung

Btx verzögert: Auch IBM kocht nur mit Wasser

MÜNCHEN - Die Post verschiebt den Start von Bildschirmtext. Auf diese Nachricht reagierten in der vergangenen Woche Btx-Freaks und

Btx-Lobbyisten je nach Interessenlage und Temperament sehr unterschiedlich: Von Empörung über die Informationspolitik der Post über Bemerkungen wie "eine Riesenschlappe für die IBM" bis zu Erleichterung reichen die Reaktionen der Fachöffentlichkeit. Als Gründe für die "prohibitive Panne" werden zum einen "normale Projektverzögerungen", zum anderen auch "politische Implikationen" gehandelt.

Das Postministerium selbst hat versichert, daß die Post immerhin noch den internationalen Standard CEPT auf der Funkausstellung zeigen werde. Auch könnten die Teilnehmer dann in Berlin Seiten nach dem internationalen Standard abrufen. Aber: "Dem Teilnehmer wird für das Editieren noch nicht der volle Komfort angeboten, und von den Nutzern können die Dienste im Rechnerverbund nur nach den Merkmalen des bisherigen Standards in Anspruch genommen werden. Die Basis für die Entwicklung der Endgeräte bleibt jedoch erhalten."

Geplant war die Aufnahme des Dienstbetriebes der

Btx-Vermittlungsstellen in Berlin und Düsseldorf schon vor Beendigung eines Funktionsannahmetests durch die Post. Davon hat nun IBM nach der Darstellung des Pressesprechers in einer Empfehlung an das Ministerium abgeraten. Das Schreiben soll erst vor kurzem eingegangen sein. Bundespostminister Schwarz-Schilling hat sein Bedauern ausgesprochen: "Wir sind natürlich sehr enttäuscht."

Die offizielle technische Begründung der IBM lautet: "Nach heutigem Erkenntnisstand ist nicht sichergestellt, daß in der kurzen Vorbereitungszeit eine ausreichende Betriebssicherheit des Gesamtsystems erreicht werden kann; insbesondere bedingt das Zusammenspiel der Vielzahl neuartiger Komponenten und Schnittstellen einen ungewöhnlich hohen zeitlichen Aufwand für Test und Stabilisierung. Die Betriebssicherheit muß Vorrang vor Terminplänen haben."

Der Termin hatte allerdings bei Vergabe des Auftrages an IBM im November 1981 eine entscheidende Rolle gespielt. Damals hatte es beim Fernmeldetechnischen Zentralamt geheißen, ausschlaggebend für den Zuschlag seien die technischen Details gewesen und die, "Glaubhaftigkeit, was Machbarkeit, Termineinhaltung und Systemerweiterung betrifft". SEL, zusammen mit Siemens, sowie Prestel-Bauer British Telecom hatten der weit unterbietenden und - wie sich nun im nachhinein zeigt - damit hoch pokernden IBM nicht Paroli bieten können (CW Nr. 49/80.

Von IBM aus gesehen geht es heute nur darum, "daß wir die Sicherheit sozusagen für den 1. September nicht gewährleisten, sondern nur für einen späteren Zeitpunkt. Das ist eigentlich alles." Neuer Termin ist "spätestens Anfang zweites Quartal 1984"; zum Jahreswechsel 84/85 soll das Projekt dann wieder im bisher vorgesehenen Stufenplan Tritt gefaßt haben.

Im Rückblick stellen sich dem Projektbeobachter drei unterschiedliche Ebenen der Information über Btx dar: Die Politikerebene, die technische Arbeitsebene und die Marketingebene.

Die Politiker priesen oder verdammten mehr oder weniger halbherzig das neue Medium, konnten es jedoch auf politischem Wege, weder vor noch nach der Wahl zu Fall bringen. Beispiele sind hier Peter Paterna, Medienfachmann der SPI), der sich eine "Mitwirkung des Parlaments bei der Entscheidung, das Medium einzuführen, gewünscht hätte (CW Nr. 7/83, Seite 15), oder kurz nach seinem Amtsantritt Postminister Christian Schwarz-Schilling, der vor der Presse bei der Vorstellung des Postetats 83 Bildschirmtext mit keiner Silbe mehr erwähnte (CW Nr. 50/83, Seite 0.

Auf der technischen Arbeitsebene dominierte verteiltes Detailwissen; mit Fortgang des Projekts versiegte der Informationsfluß mehr und mehr; seit November 1982 ist deutlich nichts Offizielles mehr zu hören. Erste Gerüchte aber hatten Schwierigkeiten der Software-Erstellung bei IBM signalisiert (CW Nr. 45/82 Seite 0. Nicht nur Personalquerelen beim Marktführer hatten solchen Vermutungen Nahrung gegeben. Andeutungen über Manpowerprobleme im Softwareteam sickerten durch. In der Wirtschaftspresse wurden bereits angelaufene Kosten von 80 Millionen Mark, später dann sogar "weit über 100 Millionen Mark" kolportiert. Resümee: "Das wird für IBM teuer." Als offizieller Auftragswert wurde zu diesem Zeitpunkt immer noch 50 Millionen Mark genannt.

Inzwischen sollte das schließlich in einer Gruppe in Frankfurt zusammengefaßte Team auf zirka 100 Leute, "die Tag und Nacht ackerten und zwischen USA und Deutschland jetteten", angewachsen sein. Spätestens von diesem Zeitpunkt ab war de facto ein Informationsstopp verhängt. Bei der Post wollte man nichts über das Vertragsunternehmen IBM ohne dessen Zustimmung sagen; pünktlicher Projektbeginn wurde jedoch immer wieder versprochen.

Bei der IBM sah sich die Presseabteilung außerstande - ohne Abstimmung mit dem Kunden Bundespost projektbegleitende

Informationen herauszugeben, die die heute anstehende Verzögerung hätte kalkulierbar machen können. Gezielte Indiskretionen schließlich sorgten dafür, daß der Fachöffentlichkeit immerhin bekannt wurde, daß IBM auch für die zweite Ausbaustufe von Btx den Zuschlag erhalten hatte, aus technisch zwingenden Gründen, wie sich herausstellte (CW Nr. 1/83, Seite 2). Nach zurückhaltenden Schätzungen beträgt der Auftragswert mindestens das Dreifache vom ersten Abschluß. Damit war der Markt für die Vermittlungsrechner, auf den auch andere Mitbewerber "Ansprüche" geltend gemacht hatten, und die entsprechende Software bis 1986 blockiert, wenn nicht länger, wie dort befürchtet wurde und wird.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war sehr vielen Insidern klar, daß IBM zwischen der Btx-Leitzentrale und den sogenannten

"De-Zentralen" auf festgeschalteten Leitungen seine eigenen Protokolle fährt. Nun gab es unter diesen Gutinformierten wohl keinen, der die IBM gestellte Aufgabe unterschätzt hätte; gerade deshalb machte das "Unverständliche Schweigen der Post" (FAZ-Artikel zur zögernden Bekanntgabe der Btx-Gebühren) so stutzig.

Die Schwierigkeiten, die heute von Projektkennern genannt werden, und die unter anderem mit zum verzögerten Start geführt haben, waren bereits damals abzusehen: Die letzten Spezifikationen des neuen europäischen Standards CEPT waren nicht früh genug verabschiedet worden, die Einheitlichen Höheren Kommunikationsprotokolle (EHKP) 4, 5 und 6 nicht nur für die IBM völliges Neuland, dennoch aber unverzichtbarer Bestandteil des Pflichtenheftes der Post. Außerdem kamen immer wieder neue Spezifikationen auf die Frankfurter Projektgruppe zu. Neben den allgemeinen bei Großprojekten üblichen Alltagsschwierigkeiten stellten sich auch noch von den Banken besondere Anforderungen ein in bezug auf Datensicherheit und -schutz.

Die werblichen Informationen aus der Marketingebene machten sich den offiziellen Fortgang der Btx-Dinge zunutze. Die Btx-Gebühren wurden schließlich doch bekanntgegeben, der Btx-Staatsvertrag der Länder vorangetrieben; Loewe Opta präsentierte einen integrierten Decoder zu einigermaßen akzeptablem Preis (1 000 Mark); die wissenschaftliche Begleitforschung hatte fast keine Bedenken mehr gegen das neue Medium; die postnahen Btx-Zeitschriften kommentierten im guten Glauben die Aktionen ihres Auftraggebers; die Hersteller von Btx-Endgeräten und Rechnerverbundsoftware arbeiteten verbissen vor sich hin. Loewe Opta hat auch schon verkündet, das Unternehmen müßte Leute entlassen, falls das Geschäft mit den Btx-fähigen Fernsehern zum Jahresende nicht so laufe, wie erhofft. "In der Tat einen Skandal" findet der Chefredakteur von Bildschirmtext aktuell, Hans Gusbeth, engagierter Btx-Schreiber, das Schweigen der Post "seit Januar 1983".

Zu diesem Zeitpunkt habe die IBM "schon rausgelassen", daß sie den "Starttermin zweites Quartal 1984" für notwendig halte; da habe es bereits einen Brief aus Stuttgart gegeben, wissen wieder andere System-Bastler der ersten Stunde: "Der Btx-Arbeitskreis Anwendungen war immer ein sehr offenes und ehrliches Forum zwischen Post und Anwendern. Dort hat die Post im Februar zum ersten Mal gepokert und ihren Mitstreitern nicht die Offenheit entgegengebracht, die die Anbieter eigentlich gewohnt waren. Dieser Arbeitskreis war ein ganz wichtiges politisches Instrument für die Post, sofort alle die ins Boot zu kriegen, die ihr hinterher die Masse sichern und ihr die Programme machen sollten."

Aus dieser Ecke ist zu hören, daß einige ihre Programme aus Protest zurückziehen wollen; hierher kommen denn auch die weitreichendsten Spekulationen: Man könne davon ausgehen, daß der noch nicht sehr fest im Amtssattel sitzende Minister Schwarz-Schilling zu diesem Zeitpunkt, als die Verzögerung schon auf der Hand lag, das Schweigen verordnet hätte.

Der mit der Projektgesellschaft Kabelkommunikation (PKK), Ludwigshafen, ins Gerede gekommene Minister habe offenbar seine erneute Nominierung gefährdet gesehen. Sehr selbstbewußt geben sich diese Anwender derzeit nicht. Kleinmütig fürchten sie, daß Bildschirmtext im Schatten des Kabelpilotprojektes, Ludwigshafen, wenn Ludwigshafen im Januar breit einsteigt, verkümmert".

Als verständlich hingegen stellt Franz Arnold, bis zum Ministerwechsel Abteilungsleiter im Bundespostministerium für Fernmeldewesen und Dienste, die Verzögerung dar.

Er hält den jetzigen Zeitpunkt, die Karten auf den Tisch zu legen, für eine "sinnvolle Abschätzung" und glaubt nicht daß die Terminwahl etwas mit der Bundestagswahl zu tun gehabt habe, vielmehr mit der Hannover-Messe: "Man muß sehen, daß die Leute langsam anfahren; ich merke das auch bei unseren Kunden (SCS, Köln), die wollen jetzt auch ihre Anwendersysteme machen. Für die ist es wichtig, ob sie das Ziel 1. März oder 1. Oktober haben." Arnold, der auf Veranlassung von Schwarz-Schilling seinen Hut nehmen mußte, erklärte abschließend: "Das würde ich keinem Bundespostminister anlasten; der konnte wirklich nichts dazu."

Datex-P scheint ein weiterer Schwachpunkt für den Fortgang des komplexen Projektes. Raimund Eisele vom Betriebswirtschaftlichen Institut der Kreditgenossenschaften (BIK), Frankfurt, befürchtet, daß "Datex-P durch Btx ganz unheimlich zugeknallt wird". Seine Bedenken betreffen weniger die Leitungskapazität denn die der Knotenrechner von Northern Telecom. Es sei gerade erst der dritte in Frankfurt installiert worden, doch das BIK zum Beispiel bekomme im Moment einfach keine Leitung.

Eisele hat sich schon vor ein paar Monaten dafür ausgesprochen, den ehrgeizigen Starttermin abzusagen. Sinnvoll sei eine Verschiebung um ein ganzes Jahr. Aber der Mut dazu habe damals offenbar den Verantwortlichen noch gefehlt: Besser die Flucht nach vorne, als ein System auf die Beine stellen, daß nachher nicht akzeptiert wird. "Wenn da mal 30 000 bis 40 000 Kunden dranhängen, und das sind ja motivierte Kunden, und wenn das Netz dann immer wieder mal steht, dann sind die demotiviert. Und einen demotivierten Kunden wieder zu motivieren, das dauert Jahre."

"Politische Implikationen" hatte es im Postverwaltungsrat gegeben, durch Bedenken, die von einer Abteilung des Justizministeriums geäußert worden waren, ein Kommunikationsmittel wie Bildschirmtext mit solcher Relevanz für gesellschaftliche Veränderungen durch einen Beschluß des Postverwaltungsrates über die Fernmeldeordnung einzuführen.

Bundespostminister Schwarz-Schilling soll in einem Telefongespräch mit Justizminister Hans Engelhard die Bedenken aus dem Weg geräumt haben.

Es habe sich um eine Einzelaktion eines Abteilungsleiters gehandelt. Das Schreiben wurde dem Postverwaltungsrat zur Kenntnis gegeben. Der Abteilungsleiter hatte für das Ministerium aber mit seiner Unterschrift mitgeteilt, daß Btx nicht durch eine Änderung der Fernmeldeordnung eingeführt werden könne, sondern eines förmlichen Gesetzes bedürfe.