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10.11.1998

Bürokraten bedrohen den deutschen IT-Standort

Nach dem Wahlsieg von Gerhard Schröder schaut die deutsche IT-Branche mit bangem Blick nach Bonn und Berlin: Eine neue Weichenstellung in der Wirtschafts- und Forschungspolitik wird erwartet. Ein CW-Gespräch mit Kennern und engagierten Förderern der High-Tech-Szene zeigt, daß tiefgreifende Reformen überfällig sind.

CW: Was sagt Ihnen der Name Edelgard Bulmahn?

Färber: Die neue Bundesforschungsministerin. Ich habe erst vor kurzem von ihr Notiz genommen.

Nemetschek: Wir erhoffen uns natürlich sehr viel von der Dame.

CW: Welche konkreten Erwartungen haben Sie an die neue Bundesregierung in puncto Forschungspolitik?

Scheer: Das ist eine Chance für einen Neuanfang. Die alte Regierung ist im nachhinein zu kritisieren. Die Erwartung, daß man mit großen Forschungsprogrammen auch Kompetenz auf wichtigen Märkten gewinnt, hat sich nicht erfüllt. In der Zeit, in der wir große, milliardenschwere Programme für die Forschung aufgesetzt haben, ging sowohl die Hardware- als auch die Softwarekompetenz in diesem Land verloren.

CW: Können Sie Beispiele nennen?

Scheer: Datenbanksysteme zum Beispiel wurden eine Zeitlang sehr erfolgreich von Deutschland aus auf den Weltmarkt exportiert. Inzwischen liegt die Kompetenz voll in den USA. Ähnlich verhält es sich auf vielen Anwendungsgebieten, zum Beispiel bei den CAx-Technologien, wo wir vor zehn Jahren durchaus noch mithalten konnten. Die negative Entwicklung im Softwarebereich rückt durch den großen Erfolg der SAP und all der anderen Anbieter, die auf deren Erfolgswelle mitschwimmen, aus dem Blickfeld. Dabei ist das große Sterben der mittelständischen Software-Industrie längst im Gange.

CW: Was ist auf der politischen Ebene konkret falsch gemacht worden?

Färber: Professor Scheer und ich haben vor zwei Jahren auf der CeBIT gefordert: "Wir brauchen keinen Forschungs-, sondern einen Marketing-Minister." Das gilt nach wie vor. Mit noch mehr Forschung und Entwicklung kommen wir nicht weiter. Die Veränderungen müssen sich in Vertrieb, Marketing und Finanzierung vollziehen. Dazu müßte die Politik begreifen, daß Finanzierung ein wesentlicher Faktor für den Technologiestandort ist.

Scheer: In Deutschland ist vor allem in Grundlagen- und Anwendungsforschung investiert worden - in den ersten Abschnitt der Wertschöpfungskette also. Die nachfolgende Phase, das Umsetzen eines Prototyps in ein Produkt und dessen Markteinführung, wurde nicht berücksichtigt. Wir haben gehofft, daß aus dem Humus an Technologie-Know-how Unternehmen entstehen werden, die Prototypen in Produkte verwandeln und für die internationale Markteinführung sorgen. Das ist nicht eingetreten.

CW: Der Erfolg der SAP zeigt, daß die mangelhafte politische Weichenstellung allein nicht als Grund für fehlendes unternehmerisches Engagement in Deutschland herhalten kann. Die Ursachen für die Probleme müssen noch woanders liegen.

Scheer: Es gibt immer Einzelfälle wie die SAP, die anders funktionieren. Da kommen besondere Konstellationen von Personen und Situationen zusammen, die ein Unternehmen erfolgreich machen. Aber wenn wir über Politik sprechen, wollen wir nicht irgendwelche Zufallsergebnisse haben, sondern die Dinge systematisieren. Und da fehlt es an der ganzheitlichen Betrachtung der Wertschöpfungskette sowie an Belohnungssystemen, die den Sprung von der Forschung in die Praxis unterstützen.Ein Universitätsprofessor gewinnt durch Forschungsergebnisse Anerkennung bei seinen Kollegen auf einem Fachgebiet - und nicht dadurch, daß er ein mittelständisches Unternehmen gründet oder unterstützt. Im Gegenteil, das wird ihm in seiner wissenschaftlichen Community eher negativ ausgelegt. Das muß sich ändern.

Leider fehlen aber die Voraussetzungen dafür. Die Forschungsträgerschaften in Deutschland fördern immer nur das, was ihnen als Formulierung im Antrag plausibel erscheint. Wenn jemand eine Idee hat, geht das durch Gutachtergremien. Der Antrag wird beurteilt und im positiven Fall für förderungswürdig befunden. Was am Ende herauskommt, interessiert keinen mehr. Die Anträge dürfen auch nicht zu innovativ sein, sonst verstehen die Gutachter sie nicht. Also richtet sich die Forschungsunterstützung auf Mainstream-Dinge. Daher laufen wir der Innovation hinterher.

CW: Welche Maßnahmen sollte die neue Bundesregierung ergreifen?

Nemetschek: Meiner Ansicht nach muß sie gar nichts tun, um den Mittelstand voranzubringen. Die wesentlichen Fortschritte werden von den Unternehmen selbst initiiert. Nur in den Firmen draußen wird die Zukunft geschmiedet. Ich möchte außerdem kritisch anmerken: Eine Regierung, die sich Technologiefeindlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat, und das haben SPD und Grüne, wird auf dem Gebiet der Forschung im Bereich Zukunftstechnologien keine Impulse setzen.

CW: Die Koalitionsvereinbarungen zwischen SPD und Grünen klingen aber durchaus vielversprechend: "Wir wollen die Innovationsfähigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen stärken. Dazu wird die Bundesregierung ein Innovationsprogramm starten, das die schnelle Umsetzung von Forschungsergebnissen in kleinen und mittleren Unternehmen fördert. Die Zusammenarbeit mit den Hochschulen soll erleichtert werden." Von solchen Zitaten könnten wir noch weitere liefern.

Nemetschek: Wir werden sehen, ob sich auf diesem Gebiet wirklich etwas bewegt. Ich kann Ihnen sagen, für mich ist noch nie etwas gemacht worden. Ich meine aber auch, die Unternehmen müssen und können es aus eigener Kraft schaffen.

Färber: Wir kennen ja die Technologietransfer-Stellen an den Hochschulen, die die hervorragenden Erkenntnisse der Wissenschaft in die unterbelichtete mittelständische Wirtschaft transportieren sollen. Man hat irrsinnig viel Geld in diesen Technologietransfer gesteckt, es ist nie etwas dabei herausgekommen - weil der Ansatz falsch ist. Die Aktivitäten müssen von den Unternehmen ausgehen. Einem gut geführten Unternehmen mit viel Begeisterung und ein bißchen Geld wird es nicht schwerfallen, die richtigen Technologien zu finden. Das ist kein Kunststück - erst recht nicht im Internet-Zeitalter.

Scheer: Das würde bedeuten, daß Universitäten und Forschungsinstitute überflüssig sind. Nun geht aber sehr viel Geld dort hinein. Also ist doch die Frage, ob wir nicht dafür sorgen können, daß wir es in der Zukunft besser machen.

Wenn Sie sagen, der Mittelstand ist schlau genug, sich die Erkenntnisse der ganzen Welt zusammenzusuchen, dann unterstellen Sie damit ein Holprinzip der Unternehmen. Die Forschungsinstitute könnten vor sich hin schlafen und würden nicht den Druck verspüren, ihre Ergebnisse an verwertende Unternehmen weiterzureichen. Ich möchte diesen Schlaf nicht gern unterstützen und lieber für Druck sorgen. Meiner Ansicht nach haben die Forschungsinstitute und Universitäten die Verpflichtung, für die Weiterverwertung ihrer Ergebnisse zu sorgen, solange sie Mittel der Gesellschaft, also Steuermittel, in Anspruch nehmen.

Ein Marktbewußtsein für Forschungsergebnisse muß entstehen, und es sind Belohnungssysteme zu schaffen. Wenn ein Forscher über Jahre hinweg öffentliche Mittel bekommt, nur weil er einen großen volkswirtschaftlichen Nutzen in Aussicht gestellt hat, diesen aber nicht nachweisen kann, sollte man bei der nächsten Vergabe sehr vorsichtig sein. Wird ein solches Belohnungssystem nicht eingeführt, wäre ich fast dafür, die gesamte Forschungsförderung in Deutschland einzustellen und statt dessen die Steuern bei mittelständischen Unternehmen zu senken. Die könnten sich dann ihre Forschungsergebnisse selbst erarbeiten oder auf der Welt zusammenkaufen.

Nemetschek: Das klingt alles etwas negativ. Wir haben sowohl zur TU München Beziehungen als auch zum Fraunhofer-Institut und zur Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD). Wir betreuen viele Diplomarbeiten in unserem Hause, die auch wieder einen Wissenstransfer bringen. Vielleicht könnte alles besser gemacht werden, aber man sollte das, was läuft, nicht so schlecht darstellen.

Scheer: GMD und Fraunhofer sind Institutionen, die mittlerweile schon unter Druck geraten sind, sich auf dem freien Markt zu finanzieren. Dort sind kleine Bewegungen zu erkennen. Die leeren Kassen dürften auch im universitären Umfeld das beste Motiv sein, sich nach Märkten und Bedarfen zu orientieren.

CW: Sollte nicht grundsätzlich neu überlegt werden, auf welchen Gebieten Forschungsförderung überhaupt Sinn gibt?

Scheer: Wir müssen uns auf Bereiche konzentrieren, wo wir Kernkompetenzen haben und gute Marktchancen vorhanden sind. Es ist wichtig, Programme aufzustellen und zu sagen: Dorthin wollen wir in Deutschland. Bringt es noch etwas, in Halbleiterforschung zu investieren, oder sollten wir nicht sagen: Der Zug ist abgefahren, wir machen etwas anderes mit Zukunft.

Färber: Ich stimme Ihnen zu, man müßte neue Leitlinien für künftige Forschungsschwerpunkte setzen. Man könnte so besser und langfristiger planen. Es wäre aber falsch, die entstehende Basistechnologie über Technologietransfer-Stellen in die Wirtschaft hineinzudrücken. Das funktioniert fast nie. Ein Unternehmen muß sich seine Forschungsergebnisse selbst organisieren. Ein echter Unternehmer ist gierig danach, er findet die entsprechenden Stellen schnell. Man muß die Unternehmen in die Lage versetzen, Märkte zu sehen, zu entwickeln und in ihnen zu wachsen. Dann kommen die Technologien von ganz allein.

CW: Warum scheint das Zusammenspiel zwischen Forschung und Wirtschaft in Ländern wie den USA besser zu funktionieren?

Färber: Technologietransfer funktioniert am besten über Menschen. Die in Deutschland völlig getrennten Welten - ein Professor darf nicht in die Wirtschaft gehen, ein Unternehmer nicht an die Universität - gibt es in den USA nicht. Dort besteht der Know-how-Transfer darin, daß die Leute zwischen Wirtschaft und Forschungsinstituten hin- und herwechseln.

Scheer: Wir haben in Deutschland eine sehr teure Forschungsinfrastruktur, aus der bisher zuwenig herausgekommen ist - zuwenig an Arbeitsplätzen und zuwenig an Produkten auf der High-Tech-Ebene. Dabei haben wir ein enormes Potential, was zukunftsgerichtete Märkte betrifft. Leider läuft die Verteilung der Gelder nicht nach vernünftigen Prinzipien. Bei Hochgeschwindigkeitsrechnern (Superrechnern) zum Beispiel wurde die Forschung erst unterstützt, als der Markt schon lange weggebrochen war. Man hat nur noch die Hobbyforschung einzelner Wissenschaftler gefördert. Und wenn man sich die Gutachternetze ansieht, dann weiß man auch, wie solche Entscheidungen zustande kommen. Wir brauchen also innerhalb der Ministerien, der Forschungsträger-Organisationen und der Gutachternetze ein neues Bewußtsein für eine Veränderung der Forschungspolitik. Große Sprüche nützen wenig, wenn das nicht hinterher in der Bürokratie intern und extern durchgesetzt wird.

Nemetschek: Ich fürchte, der Forschungsapparat ist aus sich heraus nicht änderbar. Im Prinzip gebe ich Professor Scheer in allen Punkten recht. Der Wissenschaftler, der sich ausschließlich für die Forschung interessiert und Anerkennung allein im universitären Umfeld und nicht in der verwertenden Industrie sucht, ist die Regel - das sind 80 Prozent der Professoren. Von innen heraus wird keine Veränderung möglich sein. Man kann dieses ganze Geflecht mit einer Art Planwirtschaft vergleichen. Die funktioniert nicht, weil die Schrauben, an denen gedreht werden muß, zu vielfältig sind. Die ganzen Gutachtergremien sind nach planwirtschaftlichen Maßstäben organisiert.

CW: Es hat an oberster Stelle dieser Republik, nämlich direkt bei Ex-Kanzler Helmut Kohl, eine Tafelrunde gegeben, um dieses Thema anzupacken. Technologierat hieß die Institution, von der man dann aber nur wenig gehört hat. Professor Scheer, Sie waren Mitglied!

Scheer: Dort wurden Gespräche auf einer sehr hohen Ebene geführt, die zu konkreten Vorschlägen geführt haben. Nur hinterher in der Umsetzung haperte es. Dabei könnte durchaus etwas passieren. Beispielsweise läßt sich die Effizienz von Forschungseinrichtungen sehr wohl messen - etwa daran, ob und wie viele Drittmittel von Fachbereichen eingeworben wurden. Universitäten müßten offenlegen, wie die Zusammenarbeit mit der Industrie funktioniert.

An der Universität Saarbrücken wurde mal erhoben, wie die Professoren mit Drittmitteln umgehen. Man hat ein Ranking aufgestellt, aber der Präsident hat sich gescheut, diese Liste zu veröffentlichen. Er schrieb, er wolle davon absehen, um "keine Unruhe zu erzeugen" - Unruhe offenbar bei denen, die wenig Drittmittel an die Uni anziehen. Wir benötigen aber solche Hitlisten, damit die anderen auf Ideen kommen, was an Forschungskooperationen überhaupt möglich ist.

Meßbar wären auch die Anzahl von Patenten, die aus Forschungsbereichen herauskommen, die Umsetzung von Prototypen in Produkte oder die Menge der entstehenden Spin-off-Unternehmen, die aus einem Forschungsbereich heraus entstanden sind.

Nemetschek: Veränderungen sind mit den gegenwärtigen Herrschern in ihren Fachbereichen nicht zu erzielen. Man müßte also schauen, daß junge Wissenschaftler andere Bedingungen vorfinden. Doch den bestehenden Block in Forschung und Wissenschaft können Sie nicht zerbrechen. Ich war in verschiedenen Gremien und weiß, wovon ich spreche.

CW: Was hier von Ihnen kritisiert wird, ist letztendlich das vielgescholtene deutsche Beamtenwesen, das den universitären Apparat offenbar lähmt. Sollte der Universitätsbeamte abgeschafft werden?

Scheer: Es gibt tatsächlich keinen Grund, daran festzuhalten.

CW: Was halten Sie von Modellen, Professoren für einen bestimmten Zeitraum zu berufen und dann je nach Leistung erneut mit ihnen zu verhandeln?

Färber: Wie ich höre, sind solche Überlegungen in Bayern schon im Gange.

Nemetschek: Der Grundgedanke beim Beamtentum ist ja der der Unabhängigkeit. Daß ein Richter Beamter sein muß, ist unumstritten. Bei anderen ist das nicht so zwingend, und ich wage zu behaupten, daß es auch bei Professoren nicht sein müßte.

Allerdings wären dann andere Anreize zu schaffen, um wirklich Spitzenköpfe in die Forschung zu bekommen. Ein guter Wissenschaftler, der an der Universität nur ein Durchschnittsgehalt beziehen kann und durch Nebentätigkeits-Verordnungen um die Chance gebracht wird, Sondereinnahmen zu verbuchen, wird sich einen Job in der Wirtschaft suchen.

Scheer: Ein Gedanke liegt mir sehr am Herzen: Wir reden hier mit Sicherheit nicht mehr für uns. Wir haben unseren beruflichen Lebensweg gefunden und unsere Ideen so realisiert, wie wir das wollten. Aber die junge Forschergeneration, die nicht mehr an den vollen Kassen hängt, sollte viel stärker, als das bisher der Fall war, auf die Industrie zugehen und sich dort Ressourcen verschaffen, um ihre Ideen umzusetzen. Wir bluten sonst hier in Deutschland völlig aus._VS:Die Unis werden weiter unter erheblichen finanziellen Belastungen stehen. Die Erhebung von Studiengebühren ist von der neuen Bundesregierung kategorisch abgelehnt worden. Es wird also keinen neuen Mittelzufluß aus anderen Quellen geben. Wo soll denn das Geld für die Forschung herkommen, wenn nicht die jungen Forscher außerhalb der staatlichen Institutionen Märkte für ihre Ideen schaffen?

CW: Jahr für Jahr werden in Deutschland Pleitenrekorde gemeldet. Unternehmensgründungen erscheinen immer mehr als unkalkulierbares Risiko. Es fehlt den Technikern offensichtlich das Know-how, um ein Unternehmen vernünftig zu führen.

Färber: Das ist ein Grundproblem. Wir müssen hierzulande erstmal begreifen, was für eine Bedeutung ein Business-Plan hat. Es geht weniger darum, einer Bank etwas vorzulegen; vielmehr kommt es darauf an, ein Team zu formieren und auf eine gemeinsame Zielrichtung einzuschwören. Es geht nicht mehr ohne Team. Ich halte es für kontraproduktiv, wenn heute noch an vielen Stellen Heinz Nixdorf oder Max Grundig als vorbildliche Unternehmer genannt werden. Das sind Individualisten, die zwar anerkannt werden, aber nicht mehr als Vorbilder dienen sollten. Die ganze angelsächsische Ausbildung ist von vornherein auf die Teamleistung ausgerichtet. Unsere Ausbildung dagegen orientiert sich noch immer an der Einzelleistung. Wenn die Teamschulung schon nicht an der Hochschule gelehrt wird, muß sie doch spätestens vor der Gründung eines Unternehmens erfolgen. Venture-Capital-Geber zwingen Gott sei Dank dazu.

Tolle Erfinder aus der Turnschuhgeneration müßten sich mit erfahrenen Unternehmern zusammentun - ähnlich wie es bei Netscape Marc Andreessen und der erfahrene Jim Clark vorexerziert haben. Solche Verbindungen sind erfolgversprechend. Das nötige Kapital ist da. Wir brauchen keine Förderung mehr vom Staat - ich darf das eigentlich gar nicht sagen, es wird gleich wieder Kritik hageln.

CW: Wenn Sie die Chance hätten, ein wie auch immer definiertes Innovationsministerium zu übernehmen - wo würden Sie den Hebel ansetzen, um die Strukturpolitik in Deutschland zu verbessern?

Färber: Ich würde die Forschungsförderung reduzieren. Als ich meine erste Company gegründet habe, bin ich dauernd nach Bonn oder Brüssel gefahren und habe den Blödsinn gemacht, Entwicklungszuschüsse zu akquirieren. Dabei habe ich die Firma in die völlig falsche Richtung gelenkt - nämlich in die, die von den Beamten vorgegeben wurde. Ich hätte mich statt dessen in den Markt hinein entwickeln müssen. Danach habe ich mir geschworen, keine Mark Förderung mehr für die neue Company. Das haben wir eisern durchgehalten - und es hat sehr gut funktioniert.

Scheer: Ich würde zwei Sachen ändern. Erstens ein erfolgsorientiertes und durchgängiges Belohnungssystem für die Forschung einführen, also bei der Förderung das Ergebnis in den Vordergrund stellen, nicht den Antrag. Das zweite: Die neue Ministerin Bulmahn muß sich das nötige Charisma verschaffen. Das funktioniert wie in der Kindererziehung: Am besten helfen immer gute Beispiele. Beispielunternehmen und -personen sollten zusammengebracht werden, um die junge Generation zu überzeugen. Vielleicht wäre es außerdem sinnvoll, eine Art Beratungsgremium zu gründen, um von dort her eine Richtungsänderung in der gesamten Forschung zu erzielen.

Nemetschek: Politik hat gar nicht soviel Macht und Wirkung, wie viele denken. W i r machen das - ich als Vertreter eines mittelständischen Unternehmens im Kleinen, die Großunternehmen im Großen. Lohnnebenkosten, die um einen halben Prozentpunkt sinken, helfen nicht viel - schon gar nicht, wenn gleichzeitig die Benzinkosten steigen. Entscheidend sind die globalen Einwirkungen auf unser Land. Wir sollten sehen, wie wir ihnen begegnen können. Ich glaube übrigens, daß unsere Industrie das schon ganz gut macht.

Die Teilnehmer

Professor Dr. August-Wilhelm Scheer, Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik (IWi) in Saarbrücken und Gründer des Software-Unternehmens IDS Prof. Scheer GmbH, das Werkzeuge für die Geschäftsprozeß-Analyse und -Optimierung anbietet.

Professor Dipl.-Ing. Georg Nemetschek, Vorstand der Nemetschek AG in München. Die Softwareschmiede produziert Lösungen für Architekten, Planungsbüros und Bauunternehmen.

Eberhard Färber, Mitbegründer und Vorstandssprecher der Ixos AG in München. Das Softwarehaus liefert Archivierungssoftware im SAP-Umfeld und stand in den letzten Wochen wegen eines doppelten Börsengangs an der Nasdaq und am Neuen Markt in Frankfurt in den Schlagzeilen.

Das Gespräch führten die freie Journalistin Heidrun Haug aus Tübingen sowie die CW-Redakteure Gerhard Holzwart und Heinrich Vaske.