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Abgesang auf eine Computerlegende


31.08.2001 - 

Bull: Schlussverkauf oder Comeback?

MÜNCHEN - Der Computerpionier Bull scheint unaufhaltsam auf sein Ende zuzusteuern. Die Zerstückelung des über Jahrzehnte vom französischen Staat protegierten IT-Konzerns, die mit dem Verkauf der Service-SparteIntegris im Mai ihren vorerst letzten Höhepunkt fand, lässt kaum einen anderen Schluss zu. Von Beate Kneuse*

Was bleibt einem Unternehmen, das tief in den roten Zahlen steckt, hohe Schulden und wenig liquide Mittel sowie kaum noch interne Einsparpotenziale hat? Es greift auf sein Tafelsilber zurück und verscherbelt es, um nicht den Gang zum Konkursrichter antreten zu müssen. Exakt diesen Weg beschreitet Computerpionier Bull. Dies ist spätestens seit dem Frühjahr offensichtlich. Was anfangs noch als vielversprechende Reorganisation und Fokussierung auf Wachstumsmärkte aussah, entpuppte sich letztendlich als "Back-to-the-roots"-Taktik mit ungewissem Ausgang.

Rückblende: Mitte vergangenen Jahres beschloss Konzernchef Guy de Panafieu die Aufspaltung in mehrere eigenständig operierende Tochtergesellschaften. Ziel sollte sein, den neuen, kleineren Einheiten größere unternehmerische Freiheit zu geben - sie aber auch für finanzkräftige Partner interessant zu machen. Erst wurde die Softwaredivision Bull Soft verselbständigt, die seither unter dem Namen Evidian firmiert. Ende 2000 verkündete Panafieu die gleiche Verfahrensweise für die Service-Aktivitäten, die in Integris umbenannt wurden, sowie das Mainframe- und Servergeschäft, das nunmehr als Bull Infrastructure et Systemés am Markt agiert.

Bei Analysten stieß die Aufsplittung durchwegs auf ein positives Echo. Vor allem die Verselbständigung des IT-Dienstleistungsbereiches werteten viele Branchenkenner als Befreiungsschlag. Denn obwohl sich die Service-Sparte in den vergangenen Jahren ansehnlich entwickelt hat (zum Gesamtumsatz 2000 in Höhe von 3,2 Milliarden Euro steuerte sie mit rund 1,7 Milliarden Euro mehr als die Hälfte bei), profitabel ist sie nicht. Aus gutem Grund, wie Hans-Dieter Ernst, letztjähriger Bull-Deutschland-Chef und nun mehr Leiter der deutschen Integris-Mannschaft, meint: "Ein Hersteller hat eine andere Vertriebsstruktur als ein Service-Unternehmen. Solange da keine saubere Trennung besteht, muss dies unweigerlich zu Lasten der Dienstleistung gehen." Und er ergänzt: "IBM hat ja nicht umsonst seine Global Services ins Leben gerufen." Was Ernst dabei allerdings geflissentlich übersieht, ist die Tatsache, dass auch Big Blue bis heute nicht unbedingt als herstellerneutraler Service-Spezialist gesehen wird.

Doch zurück zu Bull: Kaum hatte das neue Jahr begonnen, warteten die Franzosen mit der Ankündigung auf, den zu dieser Zeit ebenfalls bereits selbständig agierenden SmardcardBereich Bull CP8 an den Mischkonzern Schlumberger zu veräußern. Offiziell wurde die Maßnahme als logischer Schritt im Rahmen der Umstrukturierung dargestellt, schließlich hatte das Geschäft mit den Plastikkarten inklusive Terminals im Fiskaljahr 2000 gerade mal 159 Millionen Euro Umsatz in die Kassen gebracht - und die Profitmargen lagen laut Bull weit unter denen der Konkurrenz.

Wann begann der Anfang vom Ende?Firmenkenner kommentierten den Deal wohlwollend. Nur Eric Burkel nicht. Der Analyst von Global Equities orakelte düster über die vermeintlich wahren Absichten des Bull-Managements: "Sie beginnen, den Laden in Einzelteilen zu verkaufen. Das ist der Anfang vom Ende." Tatsächlich zählten die Franzosen immerhin zu den Smardcard-Pionieren und mischten technologisch immer ganz vorne mit. Auch Ex-Bull-Deutschland-Lenker Ernst hatte noch im vergangenen Jahr von den "großen Chancen" gesprochen, die man in diesem Wachstumsmarkt habe.

Also eher ein Notverkauf oder tatsächlich die strikte Ausrichtung auf die neuen Kernkompetenzen Highend-Rechner und IT-Services? Die Antwort folgte Anfang März. Da lud Bull-Chef Panafieu die französische Wirtschaftsjournaille zur Bilanzpressekonferenz und präsentierte für das Jahr 2000 ein Nettominus von 243 Millionen Euro sowie einen von 148 auf 301 Millionen Euro gestiegenen Schuldenberg - bei von 243 auf 86 Millionen Euro drastisch geschmolzenen Eigenmitteln. Gleichzeitig zog Panafieu aber eine Nachtragsrechnung aus der Tasche, die Veräußerungsgewinne von rund 306 Millionen Euro aus dem Verkauf der Chipkarten-Division enthielt, obwohl das Geld erst Tage zuvor auf Bulls Konto geflossen war.

Schnell die Unternehmenskasse saniertDamit stand fest, dass der Verkauf der CP8-Division in der Tat eine Blitzaktion zur vorübergehenden Sanierung der maroden Finanzlage gewesen war. Aber war er auch der Startschuss für den Ausverkauf, wie Analyst Burkel im Januar prophezeit hatte? Wieder blieb man in der Bull-Zentrale die Antwort nicht lange schuldig. Im Mai meldete man völlig überraschend den Verkauf der europäischen Integris-Organisation an die französische IT-Service-Gesellschaft Steria.

Der Deal sieht vor, dass die Übernahme aller einschlägigen Integris-Gesellschaften (inklusive Frankreich) via Aktientausch erfolgt - dadurch erhält Bull eine 15-prozentige Beteiligung an Steria, während sich Integris Frankreich in Form eines Management-Buyouts gegen Cash von Bull trennt. Unterstützt wird die Finanzierung von Steria sowie dem Versicherungskonzern Axa. Allerdings gehen nicht alle Integris-Aktivitäten an Steria. Die Maintenance-Leistungen - sprich: die Wartung von Hardware und Betriebssystemen - werden der Bull-Division Infrastructure et Systemès zugeordnet. Eine nachvollziehbare Lösung, denn die Hardware-Organisation benötigt diese systemnahen Dienstleistungen, ein unabhängiger IT-Dienstleister nicht. Auch die übrigen internationalen Integris-Niederlassungen in den USA und dem Rest der Welt gehen nicht an Steria. Sie verbleiben weiterhin bei Bull.

Win-Win-Situation für zwei Franzosen?So überraschend der Deal kam - für Markus Huber, Consultant bei der Meta Group Deutschland, ist es eine Win-Win-Situation für beide Unternehmen. "Integris hat mit Steria fortan eine Muttergesellschaft, die ausschließlich im IT-Servicegeschäft aktiv ist. Steria wiederum macht mit der Übernahme der wesentlich größeren Integris einen guten Schritt zum Ausbau des Europageschäfts nach vorn." Im vergangenen Jahr erzielte der mit rund 5000 Mitarbeitern bis dato weitgehend nur in seinem Heimatmarkt präsente Serviceanbieter mit seinen Consulting-, Systemintegrations- und Outsourcing-Aktivitäten einen Umsatz von rund 500 Millionen Euro. Laut Integris-Manager Ernst ist Steria profitabel und verfüge über eine gute Kapitalisierung am Aktienmarkt. Durch die Übernahme von Integris gewinne das Unternehmen eine eingeführte europäische Organisation, die (ohne Frankreich) 850 Millionen Euro Umsatz und rund 5000 Mitarbeiter mitbringt. Auch im wichtigen deutschen Markt kann Steria dadurch Boden gutmachen. Hierzulande bislang mit 40 Mitarbeitern vertreten, die zuletzt rund zehn Millionen Euro Umsatz machten, kommen mit Integris Deutschland nun an die 600 Mitarbeiter und gut 110 Millionen Euro Umsatz an Bord.

Dass die neuformierte Steria/Integris allerdings in absehbarer Zeit die europäische IT-Dienstleistungsszene aufmischen wird, ist nicht zu erwarten. Zwar lautet das ambitionierte Ziel von Steria-Boss Bernard Enaud, in Europa einen Platz unter den ersten Zehn zu ergattern, was laut Integris-Deutschland-Lenker Ernst auch zu schaffen ist: "Wir sind nun ein reines Service-Unternehmen, völlig Hardware-unabhängig, aber gleichzeitig bevorzugter Partner von Bull." Doch gemessen an anderen großen Namen wie IBM Global Services, EDS, T-Systems oder SBS ist man bislang nur ein Leichtgewicht. Außerdem dürfe man, so Meta-Group-Analyst Huber, trotz der Tatsache, dass Integris über eine große Erfahrung als Outsourcer im SAP- und Baan-Umfeld sowie als Beratungshaus im Infrastrukturbereich verfügt, nicht übersehen, dass die Franzosen noch "einigen Nachholbedarf in Sachen Prozess-Management und Anwendungsintegration" haben. Darüber hinaus agiere Integris lediglich in Frankreich im Großkundenumfeld - sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern sei man indes überwiegend im Mittelstand aktiv. Zudem müsse man sich "organisatorisch und kulturell erst einmal zusammenraufen", wenn der Deal, der sich derzeit noch in der Due-Diligence-Phase befindet, in trockenen Tüchern ist.

Spannender dürfte aber allemal die Frage sein, wie es mit den Restbeständen der Bull-Gruppe als reinem Mainframe- und Server-Anbieter samt anhängiger Softwaretochter weiter geht? Schon kursieren Gerüchte, dass auch die Software-Divsion Evidian, die im letzten Jahr rund 46 Millionen Euro Verlust einfuhr, in Sachen Systemmanagement-Software aber einen nach wie vor guten Ruf genießt, nicht mehr lange im Bull-Verbund bleiben wird. "Was die machen, hat Hand und Fuß", so ein Insider. "Aber die Motivation hält sich in Grenzen, man wartet sehnsüchtig auf einen neuen Eigentümer." Hans-Dieter Ernst sieht aber für Bull nicht schwarz: "Durch den Verkauf des Smartcard-Geschäfts und den Integris/Steria-Deal hat man den finanziellen Befreiungsschlag geschafft, und kann nun die anderen Bereiche erfolgreich weiterführen." Tatsache ist aber auch, dass das Hardwaregeschäft der große Renner nicht mehr ist, zumal auch im Server-Markt die Preise derzeit beträchtlich fallen. Da hilft es auch wenig, dass man nach wie vor eng mit IBM und NEC kooperiert. Denn noch immer herrscht unter Branchenkennern ein einhelliges Urteil über die Franzosen vor, das da lautet: "Erfindergeist hui, Verkaufstalent pfui!"

Ein strategischer Partner für das Hardwaregeschäft, so ihn denn Bull-Chef Panafieu nach ersten fruchtlosen Bemühungen im Herbst vergangenen Jahres noch weiter sucht, wird sich ohnehin so leicht nicht finden lassen. Der jedoch wäre - abgesehen vom finanziellen Aspekt - nötig, um Bulls Aktivitäten an der Verkaufsfront auf Vordermann zu bringen. Sollte sich tatsächlich ein großer IT-Hersteller finden, so wären dessen Motive wohl eindeutig: einen Wettbewerber vom Markt wegkaufen, sich die wenigen Rosinen herauspicken und den Rest abwickeln. Möglich auch, dass sich Motorola und NEC, beide mit 17,4 Prozent an Bull beteiligt, über einen Kauf Gedanken machen. Aber beide Unternehmen haben angesichts des dramatischen Markteinbruchs in ihrem jeweiligen Segment derzeit selbst Probleme genug. Eine Vertriebspartnerschaft mit einem großen Beratungshaus oder Dienstleister, so dieser denn Vorteile von einer Kooperation mit Bull sähe, wäre ebenfalls nicht ohne Probleme. Dann nämlich würde man in Konkurrenz zu Steria treten. Dennoch räumt Integris-Deutschland-Chef Ernst dieser Variante "großen Charme" ein.

Was machen die Aktionäre?Was wirklich aus Bull wird, hängt letztlich aber auch von den Anteilseignern ab. Neben NEC und Motorola halten noch die französische Regierung und France Télécom ebenfalls je 17,4 Prozent sowie DAI Nippon Printing 5,5 Prozent. Der Rest der Bull-Aktien ist in Besitz der Mitarbeiter beziehungsweise freier Aktionäre. Noch vor zwei Jahren war das Ansinnen Panafieus, einen weiteren Investor für die Groupe Bull an Bord zu holen, am Veto der Shareholder gescheitert. Der Grund: Mit Walter Butler hatte lediglich ein Privatinvestor Interesse bekundet - und der trachtete gleich nach einem Anteil von 30 Prozent. "Ein Privatinvestor ist eigentlich nur darauf aus, in ein paar Jahren an einem entsprechend gutem Exit zu verdienen. Und darauf wollten sich die Altaktionäre damals nicht einlassen", erklärt Hans-Dieter Ernst nachträglich die Situation. Doch die Stimmung bei den Anteilseignern könnte sich rasch ändern, wenn es Bull in absehbarer Zeit nicht gelingt, bessere Ergebnisse zu erzielen.

*Beate Kneuse ist freie Journalistin in München.

Trauriges KapitelIn puncto Technologie hat weder die US-amerikanische noch die deutsche IT-Konkurrenz dem französischen Computerkonzern Bull lange Zeit etwas vormachen können. So waren es die Franzosen, die Anfang der 50er Jahre mit dem "Gamma 3" das Elektronikzeitalter der bis dahin von Tabelliermaschinen geprägten DV einläuteten. Bull war es auch, die schon wenige Jahre darauf als eines der ersten Computerunternehmen mit der "Gamma 60" ein volltransistorisiertes System mit Magnettrommelkern und Magnetkernspeichern auf den Markt brachte. Alte DV-Hasen bekommen noch heute glänzende Augen, wenn sie an dieses "Wunder auf Papier" denken. In späteren Jahren zählten die Franzosen zudem zu den Pionieren im Mikrocomputer- und Smartcard-Bereich, ohne dies indes konsequent voranzutreiben.

Doch so reich das Unternehmen an Innvoationsgeist auch immer war - es mangelte von jeher an der Fähigkeit, die zum Teil revolutionären Maschinen auch an den Kunden zu bringen. So stand der Computerproduzent in seiner langen Geschichte mehr als einmal vor dem finanziellen Desaster, was - und das kam erschwerend hinzu - immer wieder auch die französische Regierung auf den Plan rief. Denn Paris traf nicht immer glückliche Entscheidungen. So ging 1964 ein Aufschrei der Entsetzens durch das Land der Gallier, als man Bull an den US-Elektronikriesen General Electric (GE) verkaufte. Herbe Schelte setzte es auch 1970, als GE Bull an Honeywell weiterreichte, ohne dass der französische Staat dagegen etwas unternahm.

Als die Regierung in Paris Anfang der 80er Jahre Bull nach vielen Irrungen und Wirrungen "heimholte" und zum Staatskonzern machte, wurde zwar in der Bevölkerung gejubelt, für das Unternehmen indes war es ein Desaster. Der Staat machte aus seinem neuentdeckten IT-Aushängeschild ein Auffangbecken nicht mehr überlebensfähiger Firmen. Bull wurde zu einem Gemischtwarenladen mit unzähligen und inkompatiblen Produkten, viel zu hohen Produktionskosten und kaum noch nachvollziehbarer, dafür um so unrentablerer Vertriebsstruktur. Immer wieder mussten die Steuerzahler herhalten, um finanzielle Löcher zu stopfen - Bull war zum Spielball der Interessen diverser französischer Politiker geworden.

Dem Bull-Management wiederum unterliefen zahlreiche strategische Fehler. Viel zu spät verlagerte man den Schwerpunkt weg von den proprietären GCOS-Rechnern hin zu offenen Systemen. Den PC-Boom verpasste man ganz. Das Ansinnen, durch den Kauf der PC-Sparte von Zenith und dem späteren Engagement bei Packard Bell zusammen mit NEC doch noch in diesem Marktsegment Fuß zu fassen, war so erfolglos wie kostspielig. Genauso halbherzig betrieben die Bull-Lenker den Wandel vom reinen Hardware-Anbieter hin zum Technologielieferanten mit Lösungs- und Service-Expertise.

Fast schon ein Wunder also, dass Bull bis heute überlebt hat. Jetzt aber sieht es bitter aus. Der Verkauf von Integris sorgt womöglich kurzfristig für mehr wirtschaftliche Stabilität. Und auch ein eventueller Verkauf von Evidian kann noch mal Geld in die Kasse bringen, wenn es wieder eng wird. Sind aber auch diese Reserven aufgezehrt, dürfte das Schicksal der Computerlegende endgültig besiegelt sein.

Abb: Bull-Geschäftsentwicklung

Kasse klamm: In den letzten Jahren schimmerte die Bull-Bilanz stets tiefrot. Quelle: Bull