Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

25.02.1994 - 

Die Vorbereitungen fuer die Privatisierung laufen auf Hochtouren

Bull-Vorstand will "harten Kern" privater Anteilseigner

Nach langem Zoegern und vielen Querelen mit der EU-Kommission ueber die Subventionierung des franzoesischen Computerfabrikanten hat Bull-Chef Jean-Marie Descarpentries seine Sanierungs- und Privatisierungsplaene vor der Presse erlaeutert. Bereits in diesem Sommer sollen Belegschaftsaktien ausgegeben und so die Senkung der Staatsquote am Konzernbesitz eingeleitet werden. Mittelfristig haelt Descarpentries einen Boersengang des Konzerns fuer realisierbar, durch den 20 bis 40 Prozent des Gesellschafterkapitals in den Handel kommen wuerden. Zuvor muesse bei Bull jedoch ein "harter Kern" von Schachtelbeteiligungen gebildet werden. Zu diesem Nukleus sollten insbesondere die bereits heute beteiligte France Telecom sowie NEC gehoeren. Die Japaner hatten sich an der juengsten Kapitalerhoehung beteiligt und ihren Anteil von 4,4 Prozent gehalten. Die franzoesische Regierung werde, wenn auch mit einer geringeren Quote, am Konzern beteiligt bleiben. Die IBM, deren Aktienpaket sich auf 2,1 Prozent verringerte, werde dagegen als Eigner bei Bull kuenftig nur eine "marginale Rolle" spielen, sagte der Manager voraus. Bull will weiteren Streit mit Bruessel vermeiden Den Vorstellungen Descarpentries zufolge sollen dem harten Kern auch neue Kapitalgeber beitreten. Genannt werden hier unter anderen Hewlett-Packard und Bulls Vertriebsgenosse Packard Bell. Um diesen Firmen, aber auch "etwaigen europaeischen Interessenten" den Zugang zum Bull-Kapital zu bahnen, denkt die Konzernspitze offenbar an eine Umgruendung des Unternehmens. Dabei wuerden die mittlerweile geschaffenen sieben Geschaeftszentren von einer neuen Holding ueberdacht, in die sich franzoesische und andere Firmen nach vorausgehender "industrieller Partnerschaft" mit den einzelnen Business Units einkaufen koennten. Ein Beispiel dafuer wuerde etwa ein PC-Pool aus Zenith Data Systems (ZDS), Packard Bell und NEC darstellen. Allerdings koenne darueber "konkret erst nach der Rueckkehr von ZDS zur Rentabilitaet gesprochen werden", betonte Descarpentries. Solche Planungen brauchen den Segen des Industrieministeriums und der amtlichen Privatisierungsaufsicht. Da Bull und das aufsichtsfuehrende Pariser Industrieministerium einem neuerlichen Rechtsstreit mit Bruessel um die Zulaessigkeit von Staatshilfen aus dem Weg gehen wollen, soll die Privatisierung noch bis zum Sommer durch Ausgabe von zehn Prozent Belegschaftsaktien am Firmenkapital eingeleitet werden. In zwei bis drei Jahren koennten die Mitarbeiter bis zu 20 Prozent des Konzerns erwerben. Betriebsrat fordert Klarheit ueber Sanierungsfolgen Bisher stiess diese Ankuendigung bei den von Lohnverzicht und Arbeitsplatzverlust bedrohten Bull-Mitarbeitern freilich auf wenig Gegenliebe: Vorher, so der Sprecher des Gesamtbetriebsrats, muesse Klarheit ueber die beschaeftigungspolitischen Folgen der von Descarpentries verlangten Standortverlagerungen und Betriebsstillegungen im Grossraum Paris geschaffen werden. Dort waeren etwa 20 der bisher existierenden Hard- und Software-Ateliers betroffen. Der Open-Systems-Abteilung, die mit 1,8 Milliarden Franc Defizit (etwa 600 Millionen Mark) zu den groessten Verlustbringern zaehlt, soll es nach den Vorstellungen des Bull-Chefs ebenfalls an den Kragen gehen. Dort stehen 500 von 2500 Jobs auf dem Spiel. Das beabsichtigte Outsourcing der technischen Dokumentation an ein Serviceunternehmen, das zu 56 Prozent IBM Frankreich und einer Gruppe ehemaliger IBMer gehoert, erregt ebenfalls den Zorn der Belegschaft. Allerdings kann Descarpentries eine Reihe guter Gruende fuer das bisherige Vorgehen von Unternehmensleitung und Ministerium in der Sanierungsfrage anfuehren. Eine Liquidierung von Bull etwa kaeme dem franzoesischen Steuerzahler mit 15 bis 20 Milliarden Franc "noch teurer als der abschliessende Verlustausgleich" erklaerte der Pache- Nachfolger. Im uebrigen haette er gleich nach seinem Eintritt ins Unternehmen dessen defizitaeren Taetigkeitszweige abstossen koennen. Doch traue er sich wegen seiner langjaehrigen Praxis als Sanierer zu, auch bei Bull "90 Prozent der jetzigen Aktivitaeten zu retten" und unter einem Dach zu bewahren. Ein "Gesundschrumpfen" lehnt der Bull-Chef ab Gewiss wirke dieses Ziel ehrgeizig angesichts eines im letzten Geschaeftsjahr erlittenen Umsatzrueckgangs von knapp zwei Milliarden auf 28,2 Milliarden Franc sowie eines neuerlichen Verlustes vor Rueckstellungen, Schuldendienst und Steuern von 1,9 Milliarden Franc. Aber schon 1993 haetten sich die Verkaufseinbussen "von Halbjahr zu Halbjahr" abgeschwaecht, und im Januar 1994 sei gar ein Umsatzplus von 23 Prozent erzielt worden. Freilich wird auch Descarpentries das positive Ergebnis eines einzigen Monats noch nicht fuer die grosse Trendwende halten. "Gesundschrumpfen" lehnt er als Sanierungsstrategie jedoch rundheraus ab. Dieses Rezept fuehre trotz kurzfristiger Bilanzaufhellung erfahrungsgemaess "in einen Teufelskreis weiterer Marktanteilsverluste, sinkender Erloese und neuerlicher Defizite." Angeraten sei statt dessen, die Gruppe einige Monate "unter Hochspannung" zu setzen, damit sich ihre Rentabilitaet und die Privatisierungsaussichten "durch einen internen Wachstumsschub" verbesserten.