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25.05.1990 - 

Fakultätentag will in der DDR helfen

Bundesdeutsche Informatiker auf dem Sprung nach drüben

STUTTGART (CW) - Der bundesdeutsche Fakultätentag hat sich ein umfangreiches Programm vorgenommen, um den DDR-Kollegen unter die Anne zu greifen. Einige Universitäten sind schon einen Schritt weiter und haben bilaterale Kooperationsverträge abgeschlossen.

In der DDR ist man - so meinen einige bundesdeutsche Professoren - am Ausbau zweier Fachbereiche an den Hochschulen besonders interessiert: zum einen am Fach Betriebswirtschaft um so schnell wie möglich die Grundlagen der Marktwirtschaft zu lehren und den Ballast der Planwirtschaft abzustreifen, zum anderen an der Informatik. Hier will man den technologischen Anschluß an .den Westen nicht verpassen.

Professor Rul Gunzenhäuser, Vorsitzender des Fakultätentages der Informatiker, das oberste Gremium aller bundesdeutschen Informatik-Fachbereiche an Hochschulen, geht davon aus, daß an den DDR-Hochschulen die Zahl der Informatik-Studenten steigen wird. Zur Zeit sind nach seinen Einschätzungen an fünf Hochschulen "weit unter 1000" DDR-Studenten im Hauptfach Informatik eingeschrieben. Der Stuttgarter Informatik-Professor rechnet für das Wintersemester mit einer Zahl von gut 1000.

Die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter an DDR-Hochschulen wird dagegen aller Voraussicht nach nicht steigen, denn die Unis waren personell gut ausgestattet. Von einem Rostocker Professor war zu hören, i daß er an seinem Lehrstuhl 25 wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt. Für deren Bezahlung war allerdings das Staatsministerium für Bildung in Ost-Berlin zuständig. Wenn jetzt im Zuge der Angleichung der DDR Hochschulen an bundesdeutsche Verhältnisse die Autonomie der Lehranstalten durchgesetzt wird, kann es mit der groß I zügigen personellen Austattung zu Ende sein, weil dann das Geld fehlen wird.

Um den DDR-Informatikern schnelle Hilfe zukommen zu lassen, hat der Fakultätentag eine Reihe von Empfehlungen ausgesprochen. Als erstes ist beabsichtigt, daß bundesdeutsche Professoren und Dozenten in den Semesterferien an DDR-Hochschulen Weiterbildungskurse für Studenten und Hochschullehrer abhalten sollen.

Stuttgarter Dozenten unterrichten in Leipzig

Die Informatiker der Universität Stuttgart sind hier bereits In der konkreten Planungsphase. Im August und September werden sie nach Leipzig fahren und dort Kurse für Studenten in den höheren Semestern anbieten. Ein großer Bedarf an Lehrveranstaltungen besteht aus deren Sicht insbesondere auf den Gebieten Software-Engineering, Software-Technik, Datenbanken und Informationssysteme sowie Verteilte Systeme und Künstliche Intelligenz, weniger in der Theorie der Informatik.

Als nächstes will man DDR-Informatik-Studenten ermöglichen, m der Bundesrepublik zu studieren. Bereits in diesem Sommersemester besuchen mit finanzieller Unterstützung des Landes Baden Württemberg 20 Studenten aus Karl Marx Stadt die Universitäten im Ländle.

Des weiteren ist der Fakultätentag dabei Finanzmittel aufzubringen, um DDR-Kollegen Arbeitsaufenthalte und den Besuch von Fachtagungen hier zu ermöglichen. So bemühen sich zur Zeit die Informatiker in Braunschweig, einem Dozenten von der Hochschule in Magdeburg einen Lehrauftrag zu erteilen. Professor Klaus Alber vom Fachbereich Informatik ist zuversichtlich, zum Wintersemester den ersten DDR Gastdozenten für Informatik vorstellen zu können. An der Universität Kaiserslautern werden zwei Dresdener Wissenschaftler bei Professor Theo Härder mit Hilfe eines Stipendiums der VW-Stiftung ihre Habilitationsarbeit vorbereiten.

Ferner wollen die Wissenschaftler Literatur und Arbeitsmittel in die DDR schicken. Gunzenhäuser: "Wir sammeln zum Beispiel Bücher, insbesondere Handbücher". Die Berliner Informatiker stellten gemeinsam mit der neugegründeten Humboldt-Universität einen Antrag auf Lehrmittel beim Se nat. Hier will man sehr behutsam umgehen, was die Zusammenarbeit betrifft. "Es soll nicht der Eindruck der Umarmung entstehen", so Professor Heinz Schweppe.

Zusätzlich soll ein Programm des Bundesbildungsministeriums anlaufen , um eine größere Summe für Fachliteratur für Hochschulbibliotheken in der DDR bereitzustellen. Der Fakultätentag hat hier einen Ausschuß eingesetzt, der die Wünsche der DDR-Professoren und Bibliotheken entgegennimmt.

Ein weiterer Ausschuß, der sich vor kurzem konstituiert hat, will die Informatik-Studienordnungen der beiden Länder angleichen. Ziel ist nach Aussage von Gunzenhäuser ein gemeinsamer. Rahmenstudienplan für West und Ost. Die Anpassung der DDR-Studienordnung in einem ersten Schritt solle noch in diesem Sommersemester erfolgen.

Die Informatiker aus Karl-Marx-Stadt haben einen Vorschlag erarbeitet, der sich sehr stark an hiesige Pläne anlehnt, und nun ist man gerade dabei, diesen in den Hochschulgremien zu verabschieden. Er soll am 1. Oktober in Kraft treten.

Um den Gedankenaustausch mit den DDR-Hochschulen zu vertiefen, empfiehlt der Fakultätentag seinen Mitgliedern, bilaterale Kooperationsabkommen zu schließen.

Einige Universitäten haben damit schon begonnen: etwa die Universität Oldenburg mit der Universität Leipzig, Braun schweig mit Magdeburg und Stuttgart mit Karl-Marx-Stadt.

Zu den Schwachpunkten der DDR-Institute zählt unbestreitbar ihre "magere" Ausrüstung mit Geräten. Die Universitäten sind in der Hauptsache mit PCs ausgestattet, die in der Regel von Robotron hergestellt wurden, weiß der Vorsitzende des Fakultätentages zu berichten. Workstations seien eine Seltenheit.

Darüber hinaus würden diese gemeinsam mit der Industrie genutzt , zum Beispiel in Jena mit Zeiss oder in Rostock mit der Werftindustrie .

In der Bundesrepublik wäre es undenkbar, so der Professor, Informatiker nur an PCs auszubilden. Für den weiten Bereich des CAD sei ein solcher Rechner, wie er drüben benutzt wird, für die Ausbildung nicht geeignet; "Es wäre undenkbar, daß wir Diplomanden prüfen, die ausschließlich auf einem PC gearbeitet haben, und diese dann in der Industrie tätig werden".

Eine Zusammenarbeit der Hochschulen mit der Industrie, um den Einsatz für drüben zu koordinieren, ist nach Aussage von Gunzenhäuser absolut nicht geplant: "Die Industrie hat ihre eigenen Maßnahmen."