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16.02.1990 - 

Großbritannien und die Niederlande liegen an der Spitze

Bundesrepublik hat die Nase bei EDI/Edifact nicht vorn

BRÜSSEL - Bei Edifact, dem internationalen Standard für den Austausch von Handelsnachrichten, sind Großbritannien, Frankreich, die Niederlande und auch die nordeuropäischen Staaten der Bundesrepublik ein gutes Stück voraus. Dies zeigt unter anderem ein Beispiel aus der Bauindustrie, das hier - neben Ländervergleichen hinsichtlich der EDI-Durchdringung - vorgestellt wird.

EDI/Edifact hat in erster Linie in den kommerziellen Branchen wie Handel, Transport, Banken, Versicherungen, Zoll und Verwaltung in vielen Pilotprojekten Fuß gefaßt. Ungeachtet der Tatsache, daß einige Länder auf diesem Gebiet weiter sind als andere ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Edifact als der Standard für die Abwicklung von Geschäftstransaktionen schlechthin benutzt wird.

Die Anwendung des jetzt noch als Schrittmacher-Technologie bezeichneten elektronischen Datenaustauschs nach internationalen Normen gilt speziell bei der Verwirklichung des europäischen Binnenmarkts als Notwendigkeit in der Geschäftsabwicklung.

Staatliche Förderung läßt zu wünschen übrig

Großbritannien und die Niederlande scheinen hier einen gewissen Vorsprung gewonnen zu haben. Während in Großbritannien mehr als 1000 Unternehmen EDI nach verschiedenen Branchenstandards in der täglichen Praxis einsetzen - den Hauptanteil hat hier die Anwendung des Nachrichtenstandards Tradacom - , gibt es in den Niederlanden mehr als 100 Datenaustauschabwicklungen im Handelsbereich mit Edifact-Nachrichten. Weitere Beispiele sind in der Chemie-, der Konsumgüter- und der Elektronik-Industrie angesiedelt.

Sowohl in den oben erwähnten Länder als auch in den nordeuropäischen Staaten Finnland, Norwegen, Schweden und Dänemark werden für die Verbreitung und Anwendung von EDI/Edifact mehr Aktivitäten und Unterstützungsaktionen, zum Beispiel staatliche Unterstützung, Förderung von Pilotprojekten, Eigeninitiativen von Branchen und Verbänden, auf breiterer Basis durchgeführt als in Deutschland, Spanien, Italien und den übrigen europäischen Staaten. Aus deutscher Sicht kann man sich die Frage stellen, warum hier so wenig koordinierende Aktivitäten in Sachen Edifact unternommen werden. Wann und wie wollen die Verantwortlichen, die Unternehmen, Verbände und staatlichen Institutionen bei

der Entwicklung und Anwendung von EDl/Edifact mehr Einfluß nehmen als bisher?

Eine aktuelle Befragung in Europa (Stand 15. November 1989) über die Anwendung von Edifact-Nachrichten in laufenden und geplanten Projekten brachte überraschende Ergebnisse, die eine momentane Bewertung der Führungsrolle in Sachen EDI und Edifact nur schwer ermöglichen und die bis jetzt aufgestellten Behauptungen über den Haufen werfen. Die Befragung wurde von Mitgliedern der Öffentlichkeitsarbeit und Dokumentationsgruppe des Edifact-Boards durchgeführt und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und auf statistisch fundierte Erkenntnisse. Die daraus resultierenden Zahlen werden, bedingt durch die rasche Entwicklung im Edifact-Bereich, laufend korrigiert, so daß eine Verschiebung der prozentualen Anteile von Ländern, Branchen und benutzten Edifact-Nachrichten sehr wahrscheinlich ist. Die aus der Erhebung abgeleiteten Zahlen geben jedoch einen Eindruck davon, wo und was sich bei Edifact zur Zeit etwas tut.

Aufgrund der Erhebung sind 517 Projekte (Anwendung eines Nachrichtentyps mit einem oder mehreren Partnern) mit Edifact-Nachrichten bekannt. Davon entfallen auf die Niederlande 192 (37 Prozent), auf Deutschland 109 (21 Prozent) und auf Großbritannien 69 (13 Prozent). Der Rest verteilt sich auf die anderen europäischen Länder (Bild 1). 497 (96 Prozent) Projekte davon laufen mit Edifact-Standardnachrichten (UNSM), der Rest von 20 (vier Prozent) Projekten wird mit Edifact-Nachrichten durchgeführt, die keine UNSMs darstellen, aber nach der Edifact-Syntax aufgebaut sind. Bei der Befragung wurden mehr als 1300 angeschlossene Partner-Unternehmen genannt, davon mehr als 300 namentlich. Die bei den Projekten angebundenen Partner-Unternehmen sind zu mehr als 90 Prozent europäische Unternehmen.

In den 517 Projekten werden 19 verschiedene UNSMs, die sich in verschiedenen Entwicklungsstadien befinden, verwendet. 83 Prozent der Anwendungen arbeiten mit Nachrichten aus dem Handelsbereich, davon entfallen 53 Prozent auf Bestellnachrichten, 19 Prozent auf die Rechnung und elf Prozent auf andere Handelsnachrichten (Bild 2). Die restlichen 17 Prozent der Anwendungen laufen mit Nachrichten aus dem Versicherungsbereich (zehn Prozent), dem Transportbereich (fünf Prozent) und dem Zoll (zwei Prozent).

Eine Zuordnung der 517 Projekte nach Branchen gestaltet sich insofern schwierig, weil ja an fast jeder Anwendung mehrere Partner angeschlossen sind die verschiedenen Branchen angehören können. Die Zuordnung nach Branchen erfolgte daher nur von dem sendenden Unternehmen. 35 Prozent der Anwendungen sind dem Handelsbereich zuzuordnen, 34 Prozent den Unternehmen aus der Elektronik und Computerindustrie und 14 Prozent aus der Chemieindustrie. Der Rest (Bild 3) verteilt sich zu zehn Prozent auf den Banken- und Versicherungsbereich, fünf Prozent auf die Transportwirtschaft und zwei Prozent auf den Zoll. Der Handelsbereich ist dabei sehr breitgefächert, da sowohl die Konsumgüterwirtschaft als auch alle anderen Unternehmen, die nicht direkt den anderen Branchen zuzuordnen sind, dazugehören, zum Beispiel Touristik, Baubereich, Automobilbereich, Post.*

Trotz der zitierten Zahlen ist es eine Tatsache, daß Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und die nordeuropäischen Länder in Sachen EDI viel mehr tun, sich frühzeitig an den Entwicklungsarbeiten beteiligen und damit auch unmittelbaren Einfluß auf das wirtschaftliche Potential von EDI nehmen. Dies zeigt unter anderem das Beispiel aus der Bauindustrie in diesen europäischen Ländern. Hier werden von Unternehmen und Verbänden Anstrengungen unternommen, EDI/Edifact als ein wichtiges Arbeits- und Rationalisierungsmittel im Bereich der Bauindustrie (Building process and construction) einzusetzen.

Die Aktivitäten begannen zirka Mitte 1988 mit der Gründung eines europäischen Arbeitskreises für die Entwicklung von Edifact-Lösungen für die Bauindustrie. Der Arbeitskreis im Rahmen der Organisation des Edifact-Board hat sich zur Aufgabe gestellt, die Entwicklung von Edifact-Nachrichten für ihre speziellen Branchenanforderungen durchzuführen. Im zweiten Halbjahr 1988 wurde versucht, aus allen europäischen Ländern (EG und EFTA) Vertreter aus der Bauindustrie für die Aktivitäten und Arbeiten zu gewinnen. Bis heute sind trotz mehrerer Versuche noch keine Vertreter von Spanien, Italien und der Bundesrepublik Deutschland aus der Bauindustrie in den Entwicklungsgremien zu finden.

Mittlerweile sind die Entwicklungsarbeiten in diesem Bereich schon weit fortgeschritten. Nach den ersten Arbeitsmeetings kam es zur Verabschiedung eines

Arbeitsprogramms, von dem 1989 die ersten Punkte realisiert wurden. Nach der Erarbeitung und Verabschiedung eines gemeinsamen Diagramms über die Informationsflüsse (Transaction flow chart) in der Bauindustrie, die teilweise in den einzelnen Ländern unterschiedlich sind, wurden folgende vier Arbeitsgruppen gebildet:

1. Supply (Lieferabwicklung),

2. Building process,

3. Product classification,

4. CAD.

In diesen Arbeitsgruppen werden die besonderen Probleme aus den speziellen Bereichen der Bauindustrie behandelt und sollen zu Ergebnissen führen, die in Pilotprojekten ausgetestet werden und später in der Praxis Niederschlag finden.

Die ersten Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen "Supply" und "Building process" liegen bereits vor. Als erstes sind die Vorschläge für vier neue Edifact-Nachrichten (UNSM = United Nations Standard Message) für den Bereich "Building process" zu nennen:

Coresp = Bauverantwortlichkeiten,

Coform = Baupreiskalkulation,

Coplan = Bauplanung,

Covalv = Bauwertschätzung.

Weiterhin ist der Subset der Edifact-Nachrichten Bestellung (UNSM: Purchase order) für die Bauindustrie und ein EDI-Building-User-Manual erstellt worden.

Bei der Realisierung der Edifact-Nachrichten hat man sich an den Ergebnissen aus dem Handelsbereich orientiert. Die für die Bauindustrie angestrebten Edifact-Nachrichten sollen als sogenanntes Subsets der UNSMs, eventuell erweitert um spezielle Erfordernisse aus der Bauindustrie, entwickelt werden. Wo keine entsprechenden UNSMs vorhanden sind, werden neue UNSMs entwickelt.

Zusätzlich wurde bis Ende 1989 ein sogenanntes Forschungs- und Entwicklungsprogramm definiert, bei dem die Probleme einer gemeinsamen europäischen Produktklassifikation gelöst werden sollen. Hierbei denkt man an finanzielle Unterstützung seitens der europäischen Länder und/oder der EG-Kommission. Parallel zu diesen Entwicklungsaktivitäten, werden Pilotprojekte mit oben erwähnten Nachrichten durchgeführt oder es laufen nationale Vorbereitungen für Pilotprojekte in den Ländern Dänemark, Finnland, Schweden, Frankreich und Niederlande.

Ein weiteres bedeutendes Vorhaben dieser europäischen Arbeitsgruppe der Bauindustrie ist die Durchführung einer ersten EDI-Building-Conference. Diese Konferenz wird im Herbst 1990 in Paris stattfinden.

Sicherlich ist die Behauptung daß in Deutschland, speziell der Bauindustrie, für Edifact wenig getan wird, etwas übertrieben. Erste positive Ansätze sind im Baubereich in Deutschland schon angegangen worden. Hier sind sowohl die EDI-Branchenaktivitäten der Sanitärwirtschaft (Hersteller und Großhändler) und des Bauhandels zu nennen, als auch das von der VE-Wohnen mit mehr als 240 Partnern installierte EDI-System "Handwerkerkoppelung."

Trotzdem ist zu hoffen, daß bald weitere Ansätze und auch eine Mitarbeit aus der Bauwirtschaft/Bauerstellung von deutscher Seite an den europäischen Edifact-Entwicklungen unternommen werden.

*Mehr Einzelheiten über die Ergebnisse der Edifact Befragung können beim Obmann der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit und Dokumentation, Edifact-Board, angefordert werden: Hinrich Schlieper bei IBM Deutschland, 7000 Stuttgart 80, Pascalstr. 100.