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18.12.1992 - 

JAPAN

Bushido-Mentalität zeigt neue Wege für Europa auf

Die Entwicklung Japans zur Wirtschaftsmacht ist vor allem auf die jahrhundertelang gewachsene, stabile Sozialstruktur zurückzuführen. Geprägt von der sogenannten Bushido-Mentalität, stellen sich japanische Angestellte mit an Selbstaufgabe grenzendem Einsatz in den Dienst ihres Arbeitgebers, um für ihn und mit ihm zum Erfolg zu gelangen. Markus Tidten* setzt sich mit diesem japanischen Verhaltenskodex und den daraus folgenden Konsequenzen für die westlichen Nationen auseinander.

West-östliches Und/Oder

"Kopieren und/oder kooperieren?" So dürfte sich für die Japaner vor ihrem bewunderungswürdigen Aufstieg zur Wirtschaftsmacht par excellence die Frage nach der richtigen Strategie im Weltmarkt gestellt haben. Kopieren ohne zu kooperieren - über Lizenzierung diskutierte man nicht lange - bedeutete zwar Akzeptanz durch Preiswürdigkeit und Umsatzvolumen in vorbereiteten Märkten, ferner Know-how-Aneignung ohne größere didaktische Investitionen, doch blieb die Durchschlagskraft der Preußen Asiens sekundär. Erst als man dort erkannte, daß nur ein gewisses Maß an Kooperation den Wettbewerb um den notwendigen innovativen Faktor bereichert, wurden aus den Söhnen Nippons die erstzunehmendsten Wettbewerber überhaupt.

Heute ist es der Westen, der den Erfolg sucht und sich fragt: "Kopieren und/oder kooperieren?" Indes war es dereinst einfacher, ein mechanisches Kinderspielzeug zu clonen, als hierzulande im Jahr 1992 die vielbeschworene Bushido-Mentalität mit unserer gestylten Workgroup-Dynamik zu integrieren. Doch das sozial Know-how einer Samurai-Vergangenheit ist nur eine Komponente, die so im Okzident nicht kopiert werden kann. Die langfristige Strategie, sich in Schlüsseltechnologien in eine Schlüsselposition zu bringen, gestützt auf ein mächtiges Bankenkonsortium, läßt dem finanziell ausgebluteten Westen nur die Wahl einer friedlichen Koexistenz.

Im Sektor Informationstechnik kommen ihm dabei die Gesetze der technischen Kommunikation zur Hilfe. Mit Hardwarestärke allein läuft es im Computergeschäft bekanntlich schon lange nicht mehr rund. Technische Kommunikation - sprich Kommunikationsstandards - und menschliche Kommunikation - sprich internationale anwenderfreudliche Software - stellen die beiden unabdingbaren Gateways her, ohne die weder der Osten noch der Westen im Markt bestehen können. Und bei diesen Themen muß die ganze Welt mitreden.

So befruchten sich auf der einen Seite die hochentwickelte Reagenzglas-Kultur, wie sie nur in einer jahrhundertelangen Isolation entstehen konnte, und auf der anderen Seite die Mentalität der westlichen Weltbürger, die sich ein globales Dorf ohne japanische Nachbarschaft, Konkurrenz und Kooperation wohl auch gar nicht mehr vorstellen wollen.

Hardware-Kompetenz

allein zählt im "global village" nicht mehr lange.

Foto: The Image Bank

Bei der Frage nach den zahlreichen und komplexen Ursachen für Japans wirtschaftliche Erfolge wird gerade nach dem Ende des kalten Krieges und vor den drohenden Handelskriegen zwischen den drei Wirtschaftsblöcken Nordamerika, Japan und Europa ein Standortvorteil Japans immer deutlicher. Es ist nämlich die einzige Region, in der nur ein Staat einen Schnittpunkt im globalen Wirtschaftsdreieck repräsentiert. Das äußere Umfeld, gekennzeichnet durch eine praktische Bündnisfreiheit, wird durch die inneren Umstände einer einheitlichen Kultur und einer über Jahrhunderte tradierten und daher sehr stabilen Sozialstruktur potenziert:

Besonders im Vergleich zu den Anstrengungen der Europäer bei der Konsolidierung des Gemeinsamen Marktes gewinnt dieser Vorteil Japans, verbunden mit stabilen innenpolitischen Verhältnissen, vermehrt an Bedeutung. Die zunächst von der amerikanischen Besatzungsmacht erzwungene und dann auch im eigenen Interesse lange geübte außenpolitische Zurückhaltung setzte wirtschaftspolitische Energien frei, die entscheidend zur gegenwärtigen wirtschaftlichen Potenz beigetragen haben.

Ein anderer wesentlicher Hauptfaktor für Japans Entwicklung zur Wirtschaftsmacht ist in der sogenannten Bushido-Mentalität zu sehen. Bushido, die Ethik des Kriegerstandes, die aus einer Mischung konfuzianischer und buddhistischer Lehren entstanden ist, hat die Selbstaufgabe und das Dienen für einen Herrn zum allgemein akzeptierten und auch heute noch kaum kritisch hinterfragten Ideal stilisiert. Besonders während der strengen und bis in die entlegensten Landesteile konsequent praktizierten Administration der Tokugawa-Shogune von 1600 bis zur Meiji-Restauration 1867 waren gesellschaftliche Verhaltensmuster entstanden, die auf einem ausgefeilten hierarchischen Prinzip mit weit verzweigten Verästelungen bis in die kleinsten bäuerlichen Gemeinschaften gründeten.

Die mehr als dreihundert Jahre währende Abschließungspolitik der Tokugawa-Shogune trug zudem noch zu einer Verfestigung und Homogenisierung der Gesellschaft bei, da Fremdeinflüsse anderer Kulturen und Gesellschaften kaum oder nur gefiltert durch eine dünne Schicht akademischer Samurai wirken konnten. Es liegt auf der Hand, daß eine solche Reagenzglasgesellschaft, entstanden unter idealen Laborbedingungen, ungleich leichter auf einheitliche Ziele ausgerichtet werden kann als etwa die multikulturellen Gesellschaften Europas und Amerikas.

Die immer betont unauffällig akkurat gekleideten Salariman, die japanischen mittleren und höheren Angestellten großer Unternehmensgruppen, und die Beamten werden oft als die modernen Bushi Japans bezeichnet. Ihre Herkunft sind nicht mehr die Samuraifamilien des feudalen Japan, sondern das gute Dutzend staatlicher und privater Elite-Universitäten. Sie dienen nicht mehr den Daimyos der Feudalzeit, sondern renommierten Firmen, denen gegenüber sie eine totale Loyalität aufbringen. Ihre Waffentüchtigkeit ist ihre fachliche Kompetenz.

Ähnlich wie die Herren aus der Feudalzeit die absolute Selbstaufgabe ihrer Vasallen mit einer totalen Fürsorge bis in die privaten Bereiche honorierten, genießen die heutigen Salariman eine Arbeitsplatz- und soziale Sicherheit bis ins hohe Alter. Damit verbunden sind zahlreiche Vergünstigungen - von der Bereitstellung firmeneigener Wohnungen bis hin zur Nutzung großzügiger Sport- und Freizeiteinrichtungen.

Die innere Wirtschaftsstruktur Japans ist heute, ähnlich der strengen Stände- und Hierarchieordnung der Feudalzeit, geprägt durch das System eines Netzwerk-Kapitalismus.

Große Firmengruppen schließen sich zusammen (Keiretsu) und bilden in sich eine autarke Wirtschaftseinheit, die von eigenen Banken bis zu Handelsgesellschaften (Sogo Shosha) all das umfaßt, was zur Durchsetzung der Unternehmensziele erforderlich ist. Die Homogenität und die Loyalität der Belegschaft, die auch nicht durch branchenspezifische Gewerkschaften gestört werden, setzen sich fort im Netzwerk der Subunternehmer und Zulieferer, die ihrerseits der langfristigen Anbindung an einige wenige Unternehmen tendenziell den Vorzug geben gegenüber kurzfristig vielleicht höheren Gewinnmargen, die sich durch Diversifizierung auf mehrere und miteinander konkurrierende Großunternehmen erzielen ließen.

Sieht man diesen Netzwerk-Kapitalismus als Spiegelbild der strengen Hierarchie des Japans der Daimyos und Bushi, wird hier wie da das Prinzip "Status vor persönlichem individuellem Reichtum" deutlich. Der materielle Reichtum Japans ist nicht das persönliche Wohlergehen einzelner Bürger, sondern vielmehr ein allgemeiner Wohlstand der Gesellschaft als Ganzes. Über den Status seiner Bezugsgruppe und die individuelle Position innerhalb dieser Bezugsgruppe nimmt der Einzelne indirekt teil am Reichtum des Ganzen.

Gleiche Ziele - allerdings zugunsten der Bezugsgruppe

Dies erklärt auch die aus unserer Sicht oft als extrem und selbstverleugnend erscheinende Opferbereitschaft japanischer Angestellter für ihr Unternehmen. Während Arbeitnehmer im Westen die individuelle Ansammlung und Sicherung materieller Güter anstreben, um damit sowohl den gewünschten Lebensstil als auch Selbstverwirklichung zu realisieren versuchen, scheint der japanische Arbeitnehmer die gleichen Ziele zu verfolgen - allerdings zugunsten seiner Bezugsgruppe.

Es liegt auf der Hand, daß das historische und globalpolitische Umfeld für Europa und die Bundesrepublik einerseits und für Japan andererseits jeweils Rahmenbedingungen geschaffen hat, die nicht austauschbar sind und auch nicht kopiert werden können. Eine Entlassung etwa der Bundesrepublik aus allen Bündnisverpflichtungen ist weder möglich noch würde sie von den wirtschaftlichen und politischen Partnern geduldet. Absinken in politische Unbedeutsamkeit und existenzbedrohende Schwächung der Wirtschaftskraft wären die unmittelbaren Konsequenzen, wobei die Frage nach dem Zusammenhang von Ursache und Wirkung beider Einbußen nur noch akademische Zirkel interessieren dürfte.

Aber auch die inneren Verhältnisse, also die kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Japans Entwicklung bisher in positiver Weise beeinflußt haben, sind wohl kaum auf unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur anzuwenden. Selbst wenn es einigen wenigen großen und renommierten Unternehmen gelingen sollte, in Ansätzen etwas von dieser Bushido-Mentalität bei den Arbeitnehmern zu erzeugen, können die Auswirkungen nur marginal sein. Es ist die breite Akzeptanz der beschriebenen Denk- und Verhaltensweisen in Japan und die Homogenität der Gesellschaft, die ihre Stärke ausmacht.

Würde ein Unternehmen hierzulande von seinen Angestellten erwarten, daß sie allein aufgrund des Firmennamens bereit sein müßten, ihre Arbeitszeit über das tarifliche Maß auszudehnen, Versetzungen und Trennung von ihren Familien zu akzeptieren, ihren Urlaub nur zur Hälfte oder gar einem Drittel zu nehmen, und auch bei Krankheit Urlaub zu beantragen, um damit durch Stelleneinsparungen höhere Lohnkosten zu vermeiden, würde das die Arbeitnehmer in unserem System schlichtweg überfordern; ganz zu schweigen von den zahlreichen rechtlichen Komplikationen mit Betriebsräten und Gewerkschaften. Auch die sozialpolitische Verantwortung der Arbeitgeber, die in unserem System gehalten sind, immer weniger Arbeit gerecht auch auf immer mehr Arbeitslose zu verteilen, würde nicht wahrgenommen.

Der Versuch, eine Bushido-Mentalität lediglich zu kopieren, muß also scheitern. Vielmehr sollten sich die westlichen Nationen auf ihre eigenen Stärken besinnen, mehr Flexibilität und Eigeninitiative entwickeln. So ist zum Beispiel die möglichst umfassende Kenntnis der Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur Japans eine der wichtigsten Voraussetzungen, um mit beziehungsweise in Konkurrenz zu diesem Land auf den Weltmärkten bestehen zu können. Dazu gehören Selbstverständlichkeiten wie eine angemessene Sprachausbildung für die Mitarbeiter, die in Japan eingesetzt werden sollen. Der Mythos der Unterlernbarkeit der japanischen Sprache, den nicht zuletzt die Japaner selbst geschickt pflegten, ist ad acta zu legen. Erst die Sprache und das Gespräch mit Einheimischen gewähren Einblicke in Motivation und Handlungsmaximen. Dies schützt vor Fehlinterpretationen und falschen Erwartungen.

Da die Industrialisierung und Technisierung von außen nach Japan hineingetragen und nicht wie in den westlichen Gesellschaften aus eigenem Antrieb entwickelt wurden, ist Innovationsbereitschaft und ständige Lernwilligkeit in die Persönlichkeitsstruktur vieler Japaner eingegangen.

In unserem Kulturkreis scheint eher das Bewußtsein des Beharrens auf einmal Geschaffenem und Bewährtem vorzuherrschen.

Der sich auch in Japan abzeichnende Wertewandel - weniger Bushido, mehr Individualität - wird langfristig dann zu einer Angleichung der beiden Wirtschaftssysteme und ihrer jeweiligen Leistungsfähigkeit führen, wenn auf unserer Seite das Verantwortungsbewußtsein des einzelnen Arbeitnehmers vermehrt auf die Gruppe und die Gesellschaft als Ganzes ausgerichtet werden kann. Hier ist die innerbetriebliche Führung von Unternehmen gefordert, Modelle zu entwickeln, die Arbeitseinsatz, Innovationsbereitschaft und Lernwilligkeit einzelner Arbeitnehmer fördern und systemgerecht honorieren. Dazu gehören attraktive Fortbildungsmöglichkeiten, Delegation von Verantwortung auf breiter Basis und Akzeptanz von Sachautorität auch hierarchisch Tieferstehender.

Besinnung auf die eigenen Stärken und systematischer Ausbau von Potentialen, die langfristig diese Qualitäten zum Tragen bringen, sind dem Versuch, kulturfremde Verhaltensweisen zu importieren, vorzuziehen. Die verglichen mit Japan vorbildliche soziale Sicherheit sowie der durch geringe Jahresarbeitszeit und langen Urlaub gekennzeichnete hohe Lebensstandard sollten weniger als Nachteil, sondern vielmehr als langfristiger Vorteil gegenüber Japan gewürdigt und bewahrt werden. Der noch bestehende Vorsprung in bestimmten Bereichen wie Umwelttechnik und Grundlagenforschung sollte auch um einen hohen Preis (beispielsweise mehr staatliche Förderung) gehalten und ausgebaut werden.

Abhängigkeit nicht polarisieren sondern auffangen

Da zu erwarten ist, daß die weltweite Abhängigkeit etwa der Mikroelektronik von Chips aus Japan und den USA eher zunimmt, kommt der verstärkten Kooperation mit diesen Staaten eine hohe Bedeutung zu. Zwar sollten die eigenen Anstrengungen der Unternehmen in den relevanten Schlüsselbranchen des Kommunikationsbereiches nicht nachlassen. Gleichwohl aber ist die Politik gefordert, einen Rahmen für die partnerschaftliche Zusammenarbeit gerade mit diesen Staaten zu schaffen, der die Abhängigkeiten nicht polarisiert, sondern auffängt. Hierbei gibt es mit Blick auf Japan noch einen erheblichen Nachholbedarf.

Weniger Isolierung und mehr Einbindung in globale Verantwortung muß das Politische Ziel der Zusammenarbeit mit Japan sein. Dazu gehören Fragen wie die der Neustrukturierung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (ein Thema, das die Bundesrepublik mitbetriftt), aktive Mitsprache und Mitgestaltung Japans auch beispielsweise bei der KSZE - hier sind bereits Fortschritte erzielt worden - und intensivere Abstimmung in entwicklungspolitischen Fragen. Immerhin leistet Japan die meiste Entwicklungshilfe. Aber auch in der aktuellen Situation der westlichen Industrienationen gegenüber der GUS ist es politisch nicht mehr zu rechtfertigen, daß sich Japan aus der Gruppe der hilfswilligen Staaten auszuklinken versucht unter dem Vorwand, vier Jahrzehnte nach dem Krieg immer noch keinen Friedensvertrag mit einem Land geschlossen zu haben, das mittlerweile von der Landkarte verschwunden ist.

* Markus Tidten ist Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik, Ebenhausen. Er hielt diesen Vortrag im Rahmen des Symposiums "Wirtschaftsmacht Japan - Ohnmacht Europas?", das die Bayrische Staatsregierung zusammen mit der Brüsseler EG-Kommision am 23. und 24. Oktober 1992 in München veranstaltete.