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08.04.1994

Business Re-Engineering muss mit IT-Integration einhergehen

Der Umstieg von einer Master-Slave- zur Client-Server- Datenverarbeitung ist fuer die Wettbewerbsfaehigkeit eines Unternehmens notwendig. In kleinen Schritten laesst sich der Technologiewechsel risikolos realisieren. Fritz Gross* erklaert, wie.

In vielen Unternehmen ist die Situation der Datenverarbeitung durch folgende Merkmale charakterisiert:

- zentralistische Organisation, das heisst Bildschirmterminals am Grossrechner, Abwicklung vieler Funktionen im Batch-Verfahren;

- ueber viele Jahre gewachsene inkompatible und schlecht dokumentierte Anwendungssysteme mit Datenredundanzen und komplexen Schnittstellen erfordern hohen Wartungsaufwand, und

- die Fachabteilungen greifen zur Selbsthilfe: Es entstehen In- selloesungen auf der Basis von PC-Technologie, wobei die Konsistenz zwischen zentral am Grossrechner und dezentral am PC gespeicherten Daten oftmals auf der Strecke bleibt.

Die Forderung nach einer zeitgemaessen Datenverarbeitung resultiert aus der Tatsache, dass es fuer Unternehmen zum wichtigsten Erfolgsfaktor geworden ist, auf Marktveraenderungen und Kundenwuensche reagieren zu koennen. In diesem Zusammenhang wird das hierarchisch-patriarchalische Organisationsschema in Frage gestellt und durch prozessorientierte Konzepte ersetzt, in denen eigenverantwortliche Teilbereiche (Segmente) des Betriebs auf der Basis von Kunden-Lieferanten-Beziehungen zusammenarbeiten.

Die Entwicklung der Informationstechnik verlaeuft parallel: Das zentralistische, Mainframe-basierte Gestaltungsprinzip (Master- Slave) wird abgeloest vom Konzept der kooperativen Datenverarbeitung in Client-Server-Netzen. Bei aller Skepsis gegenueber Modetrends bietet diese Architektur vielversprechende Ansaetze zur wirkungsvollen informationstechnischen Unterstuetzung der modernen Organisationsprinzipien:

- grosse Flexibilitaet bezueglich der Vernetzung von Arbeitsplaetzen unter dem Gesichtspunkt der Optimierung von Geschaeftsprozessen;

- Integration aller DV-Funktionen am Arbeitsplatz des Sachbearbeiters, um den groesseren Arbeitsinhalt bei hoeherer Eigenverantwortung bewaeltigen zu koennen (multifunktionaler Arbeitsplatz);

- Praesentation und Eingabe der Daten in einer an die Beduerfnisse des Anwenders angepassten Form (grafische Benutzeroberflaeche) sowie

- direkter Zugang zu den Unternehmensdaten durch Endbenutzerwerkzeuge bei Gewaehrleistung der Konsistenz und Aktualitaet der Daten.

Nun stellt sich die Frage, wie sich der Weg, der aus dem Tal der zentralistischen Grossrechner-DV in die schoene neue Welt der Client-Server-Architektur fuehrt, erfolgreich zuruecklegen laesst. Dazu muessen entsprechende Ressourcen zur Verfuegung stehen und die einzelnen Etappen definiert werden.

Obwohl das Angebot an Standardsoftware fuer die Client-Server- Architektur stark waechst, wird es immer Aufgaben geben, fuer die unternehmensspezifische Loesungen zu entwickeln sind. Dies gilt vor allem fuer Geschaeftsprozesse, die einen direkten Einfluss auf die Erfuellung der kritischen Erfolgsfaktoren haben und deren wirkungsvolle DV-technische Unterstuetzung Wettbewerbsvorteile bringt. Damit das Unternehmen weiterhin ueber DV-Kompetenz verfuegt, sollte die Loesung dieser Aufgaben der eigenen Anwendungsentwicklung (gegebenenfalls mit externer Unterstuetzung) uebertragen werden.

In diesem Zusammenhang kommt Werkzeugen zur professionellen Entwicklung von Client-Server-Anwendungen mit grafischer Benutzeroberflaeche besondere Bedeutung zu. Leistungsfaehige und ausgereifte Produkte sind bereits am Markt. Auch die fuer PC- Plattformen verfuegbare Datenbanksoftware erreicht, was Funktionalitaet und Datensicherheit betrifft, den im Grossrechnerbereich ueblichen Standard.

Die wichtigste Ressource stellen allerdings motivierte Mitarbeiter dar, die die tiefgreifenden Veraenderungsprozesse ueberhaupt erst ermoeglichen.

Mitarbeiter in den Fachabteilungen: Als Werkzeug zur selbstaendigen Problemloesung hat sich der Einzelplatz-PC in weiten Bereichen durchgesetzt. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Loesungen auf der Basis der Client-Server-Architektur eine grosse Akzeptanz bei den Anwendern erzielen, da sie die Vorteile und erweiterten Moeglichkeiten rasch erkennen und nutzen. Wesentlich ist dabei die Tatsache, dass man das Personal sehr frueh in den Entwicklungsprozess einbeziehen kann (Prototyping).

Mitarbeiter in der Datenverarbeitung: In manchen Fachartikeln entsteht der Eindruck, dass die Kenntnisse jener Mitarbeiter, die die Systeme fuer Mission-critical-Anwendungen (meist in Cobol oder PL/I) ueber viele Jahre entwickelt und gepflegt haben, in der objektorientierten Client-Server-Umgebung wertlos geworden sind.

Den Pioniergeist wieder zum Leben erwecken

Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Gerade in der Uebergangszeit ist ein profundes Wissen ueber die bestehenden DV-Systeme besonders wichtig. Ausserdem behalten die Grundprinzipien der Entwicklung unternehmensweiter Anwendungen - zum Beispiel systematische Testmethoden - weiterhin Gueltigkeit. Kenntnisse ueber objektorientierte Software-Entwicklung, ereignisgesteuerte Programmierung und Entwicklung grafischer Benutzeroberflaechen erweitern die bereits vorhandenen Faehigkeiten dieser Mitarbeiter.

Neue Softwaretechnologien bewirken meist einen starken Motivationsschub, der den Pioniergeist frueherer Tage zu neuem Leben erweckt - geistige Flexibilitaet ist schliesslich keine Frage des Alters. Ueberaus wichtig ist es auch, bestehende Vorurteile und Verstaendigungsschwierigkeiten zwischen PC-Freaks und Anwendungsentwicklern aus der Grossrechnerwelt abzubauen. Dies geschieht am besten in gemischten Teams zur Realisierung von Pilotprojekten, in denen beide Seiten rasch erkennen, dass sie viel voneinander lernen koennen.

Einzelne Entwicklungsschritte gliedern das gesamte Vorhaben in zeitlich und finanziell ueberschaubare Einheiten. Fuer jeden Schritt sollte ein klares Ziel abgesteckt werden. Das entscheidende Erfolgskriterium jeder Phase ist dabei der fuer den Anwender in der Fachabteilung erreichte und erkennbare Nutzen. Jeder Projektabschnitt dient dem Wissenserwerb und dem Aufbau von Kompetenz im Unternehmen und ist mit den entsprechenden Schulungsmassnahmen zu begleiten. Der hier skizzierte Ablauf stellt nur ein Beispiel dar und muss firmenspezifisch angepasst werden.

1. Schritt: Installation einer Entwicklungsumgebung fuer Client- Server-Anwendungen an einem Einzelplatzrechner. Dann wird im Team, das aus einem Entwickler fuer Grossrechneranwendungen, einem PC- Spezialisten und einem Mitarbeiter der Fachabteilung besteht, eine einfache Anwendung realisiert. Die Zielvorgabe besteht darin, Wissen ueber die Entwicklung von Client-Server-Anwendungen zu erwerben, die Vorteile grafischer Benutzeroberflaechen fuer die Praesentation und Eingabe von Daten zu demonstrieren sowie Moeglichkeiten der selbstaendigen Entwicklung von Applikationen durch den Endanwender mit Hilfe eines geeigneten Werkzeugs aufzuzeigen.

2. Schritt: Verbindung eines Einzelplatz-PCs mit dem Grossrechner, Implementierung einer Bildschirmemulation, Entwicklung einer Anwendung, die unter Benutzung der 3270-Schnittstelle des Emulators und eines geeigneten Brueckenprogramms auf Anwendungen des Grossrechners zugreift. Mehrere nach tayloristischen Gesichtspunkten getrennte Bildschirmmasken eines Standardprogramms werden auf dem Grossrechner unter einer grafischen Oberflaeche zusammengefasst. Damit laesst sich zeigen, welche Vorteile das Ganze fuer die Praesentation und Eingabe der Daten etwa bei der Auftragserfassung in Kundendienst oder Vertrieb bringt.

Ziel ist es, zu demonstrieren, wie Medienbrueche zwischen heterogenen Grossrechneranwendungen (Standardsoftware, Eigenentwicklungen) mit Hilfe von grafischen Oberflaechen zu ueberwinden sind - etwa bei der Verbindung zwischen Vertriebssystem und PPS (Produktionsplanung und -steuerung), wenn es darum geht, die Verfuegbarkeit im Rahmen der Auftragserfassung zu pruefen.

3. Schritt: Aufbau eines lokalen Netzes, Realisierung einer Anwendung, in der mehrere Arbeitsstationen miteinander und mit dem Grossrechner kooperieren und Daten austauschen. Geschaeftsprozesse sollen mit Hilfe der Client-Server-Technik schneller und sicherer abgewickelt werden: etwa die Bearbeitung von Angeboten oder wenn Aenderungen in der Konstruktion vorzunehmen sind.

Die weiteren Schritte muessen unternehmensspezifisch geplant werden. Es ist jeweils zu pruefen, ob geeignete Standardsoftware angeboten wird oder die Anwendungen individuell zu ent- wickeln sind.

Die Voraussetzungen fuer die ersten Gehversuche in der Client- Server-Welt sind damit erfuellt. Durch eine Gliederung in sorgfaeltig geplante Teilprojekte lassen sich die Vorteile der neuen Technik praktisch vor Augen fuehren, waehrend das Risiko kontrollierbar bleibt. Es liegt nun bei den Verantwortlichen in den Unternehmen, den Startschuss zu geben.