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20.11.1992

BWL definiert die Computersprache für schlanke Unternehmen

Dr. Wolf Dietrich Nagl Produkt-Manager bei der Oracle Deutschland

Viele, die sich beruflich mit Computern beschäftigen, verspüren heute eine große Verunsicherung: Hardwarepreise sinken rapide, neue Konfigurationsmöglichkeiten tun sich auf, Hersteller von Hard- und Software ergreifen ungewohnte Maßnahmen, schlanke Konzepte reduzieren Arbeitsplätze, großen Anbietern wird unlautere Kundenbindung vorgeworfen; die wenigen positiven Zukunftserwartungen sind mit nebulösen Schlagworten verknüpft, etwa CASE, Objektorientierung und unternehmensweites Datenmodell.

Zukunftssichere Entscheidungen in dieser Situation verlangen eine ganzheitliche Sicht auf kurzfristige Aktionen und langfristige Trends. Nur damit kann guten Gewissens eine Weichenstellung für die betriebliche Zukunft erfolgen. Eine Orientierungshilfe bieten die folgenden zehn Thesen, die anschließend noch kurz kommentiert werden:

1. Die Informationstechnologie ist im Betrieb Befehlsempfänger und Erfüllungsgehilfe für betriebswirtschaftliche Organisationsaufgaben. Vor ihrer riskantesten Entscheidung stehen Manager und Auftraggeber, wenn Anwendungssoftware fertig entwickelt ist: einfuhren oder einstampfen?

2. Dieses Risiko läßt sich nur verkleinern, wenn das Management zunächst übersichtliche Organisationsstrukturen gestaltet und eine abgestimmte Anwendungssoftware dazu unverzüglich generiert wird.

3. Neue Paradigmen zum Abbau des Anwendungsstaus bei Anwendungssoftware sind nicht erforderlich, denn eine effiziente Computerunterstützung für bewährte Strukturen der Betriebswirtschaftslehre (BWL) löst diese Aufgabe schneller und zuverlässiger.

4. Dafür muß die Technologie bereitstellen: bei der Hardware leistungsfähige und kostengünstige Workstations, Server und Netze; bei der Software 4GL, Datenbanken, Generatoren, interaktive Grafik und Objektorientierung.

5. Viele Betriebe können bei dieser Umstellung auf Erfahrungen zurückgreifen, denn nun wird die vor Jahrzehnten eingeführte Bewirtschaftung der materiellen Werkstoffe auf immaterielle (Information, Organisation, Software) ausgedehnt. So heißt nun das Lager Repository, die Durchlaufplanung Lifecycle etc.

6. Softwaresysteme mit der hier vorgestellten Funktionalität sind komplex und daher frühestens nach zwei von Einsatzerfahrung gesteuerten totalen Überarbeitungen anwenderfreundlich und effizient.

7. Da die meisten Eigenschaften der Anwendungssoftware aus den Organisationsstrukturen automatisch abgeleitet werden, wird künftig ergonomisches und technisches Tuning zur Haupttätigkeit der Software-Entwickler. Bei unerwartet schlechter Performance verursacht eine Aufstockung der Hardware weniger Kosten und Risiken als eine 3GL-Nachentwicklung.

8. Es werden bedeutend weniger Anwendungsprogrammierer, aber zusätzliche Organisationsberater und Systembetreuer benötigt.

9. Nur dieser Strukturwandel führt im Gesamtbetrieb wie in der IM-, IT- und DV-Abteilung zu einer wettbewerbsfähigen und schlanken Organisation mit optimaler Wertschöpfung. 10. Die IBM hat auf diesem Gebiet mit AD/Cycle leider keinen kurzfristig nutzbaren Industriestandard gesetzt.

Diese Thesen wurzeln fest in der Gegenwart, denn Des gibt schon mindestens einen Verbund von Softwareprodukten, der den hier gesteckten Rahmen füllt. Nur noch Träumer erwarten von den Informatikforschern neue, geniale Konzepte zum Abbau des Anwendungsstaus, Realisten dagegen verlagern alle bekannten Routinearbeiten bei Organisationsgestaltung und Anwendungsentwicklung in den Computer.

Eine illusionslose und pragmatische Strategie hat auch zu den weit verbreiteten Softwarepaketen geführt, die heute im Büroalltag den Schriftverkehr (Textsysteme) und die Ressourcenplanung (Tabellenkalkulation) unterstützen. Nun definieren die grafischen und alphanumerischen Strukturen der Organisationslehre einen Sourcecode, für die darauf abzustimmenden bequemen Editoren gibt es erprobte Vorbilder. Jeder Manager benutzt diese nur für den Computer neue Sprache schon lange auf Papier. Den Informatikern liefert so die Betriebswirtschaftslehre (BWL) eine Computersprache frei Haus, auf die ihre künftigen Programmierer im Betrieb schon bestens vorbereitet sind.

Den Anwendungsprogrammierern werden so die Routineaufgaben weggenommen, dies verändert radikal ihr Arbeitsumfeld. Ähnliches passierte in der Druckindustrie, als dort neue Systeme den Text vom Autor bis zur Druckmaschine durchgängig und verlustfrei betreuen konnten. Daß nun im Verwaltungsbereich ein vergleichbarer technologischer Durchbruch gelungen ist, bestätigen alltägliche Beobachtungen: Betriebliche Probleme werden zunächst in Zeichnungen mit Kringeln und Strichen analysiert - zum Beispiel als Aufbau- und Ablauforganisation - die einzelnen Geschäftsvorfälle werden anschließend über Listen und Karteien gesteuert und kontrolliert. Die Informatik bietet für die erste Aufgabe die Objektorientierung und für die zweite relationale Datenbanken. Ihre nahtlose Integration fällt unter die Schlagworte visuelle Programmierung und ICASE (Integrated Computer Aided Systems Engineering).

Die Objektorientierung wirkt sich besonders bei komplexen grafischen Systemen positiv aus. Ein Beispiel dafür ist die Standardsoftware zum effizienten Editieren und Auswerten von BWL-Strukturen, dazu muß ein komplexes objektorientiertes Innenleben von einer bequemen Benutzeroberfläche abgekapselt werden. Eine gelungene Synthese von High-Tech und einfacher Bedienung ist der sicherste Indikator für die Reife einer Technologie: Nach Auto und Telefon wird diese nun auch vom Computer in der betrieblichen Organisation erreicht.

Die Technologie zur Überwindung der vielzitierten Softwarekrise ist also verfügbar, es fehlen jedoch noch technische Standards und Normen. Da AD/ Cycle bis jetzt keinen tragfähigen Industriestandard geliefert hat, muß die Branche in internationalen Gremien zeitaufwendig Kompromisse suchen.

Auf Auslöser und Auswirkungen dieser Thesen geht das im Verlag Addison-Wesley erschienene Buch "Computertechnologie und Managementpraxis" im Detail ein. Für das technische Verständnis dieses Strukturwandels werden dort Entity-Relationship, relationale, semantische und objektorientierte Datenbanken auf ihre gemeinsame logische Wurzel zurückgeführt und ihre artgerechten Einsatzschwerpunkte identifiziert. Dies deckt auch die Substanz der hier aufgeführten Schlagworte auf,