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04.04.2008

"BWLer sehen zuerst immer die Kosten"

Informatiker und Betriebswirte trennen manchmal Welten. Coburger Studenten zeigten in einem Praxisprojekt, wie beide Seiten voneinander profitieren können.

Man nehme einen fränkischen Polstermöbelhersteller, einen Zulieferer und 25 Studenten aus Informatik und Betriebswirtschaft. Diese Versuchsanordnung war für die Studenten der Fachhochschule Coburg anspruchsvoll: Zum einen mussten sie ein Konzept für einen papierlosen Wareneingang erstellen, zum anderen mussten sie unterschiedliche Sichtweisen überwinden und einen gemeinsamen Nenner finden.

640 Lieferscheine gingen bislang Monat für Monat bei der Firma Koinor in Michelau ein. Die Bearbeitung war aufwändig, die Studenten sollten eine papierlose Lösung entwickeln, die dem Polstermöbelhersteller wie auch seinem Zulieferer B+D Gestellbau GmbH Vorteile bringt. Um zu verstehen, wie der Wareneingang im Detail vor sich geht, informierten sich die Studenten im Projektverlauf immer wieder vor Ort beim Polstermöbelhersteller. Dabei begleiteten sie den Ablauf von der Bestellung bis zur Verarbeitung der angelieferten Materialien. Für ihre Recherchen zu den neuesten Technologien fuhren einige der Studierenden zur Münchner Computermesse Systems. Andere riefen Softwareanbieter an.

Informatiker achten nur auf Technik

Die Zusammenarbeit zwischen Informatik- und Betriebswirtschaftsstudenten, die die beiden Professoren Peter Rausch (Fakultät Wirtschaft) und Dieter Landes (Fakultät Informatik) initiiert hatten, war nicht immer einfach. So ist Markus Gäbelein, Informatikstudent an der FH Coburg, während des Praxisprojekts die Kostenfixierung der angehenden Betriebswirte aufgefallen: "Die BWLer sehen zuerst immer die Kosten. Vor allem die Anschaffungskosten. Teuer ist schlecht, günstig ist gut. Obwohl vielleicht die vergleichsweise teure Technologie in der Folgezeit mehr Geld einsparen könnte. Bei Informatikern stehen die technische Machbarkeit und die eingesetzten Technologien im Vordergrund." Das gemischte Team empfand er aber als Vorteil, da jeder die Möglichkeit hatte, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. "Wenn man die Chande hat, den BWLern über die Schulter zu schauen, versteht man ihre Sprache besser", sagte Gäbelein.

In den Augen von Betriebswirtschaftsstudentin Christina Beck haben sich die unterschiedlichen Sichtweisen der beiden Gruppen gut ergänzt: "Bei der Recherche nach den Möglichkeiten der Identifizierung von Waren haben wir uns eher darauf konzentriert, was ein Barcode-Scanner kann und welchen Preis man dafür bezahlen muss (Kosten/Nutzen). Für die technischen Anforderungen war es gut, jemanden fragen zu können, der einem sagen kann, was für Funktionen bei einem Barcode-Scanner gebraucht werden. Es haben sich Fragen aufgetan, auf die ich als BWLer nie gekommen wäre."

Verständnisprobleme

Bis die Studenten das Konzept für den papierlosen Wareneingang präsentieren konnten, mussten sie einige Verständnisprobleme überwinden, schildern die Professoren: So wurden von der jeweiligen "Gegenseite" unterschiedliche Fachausdrücke vorausgesetzt. Auch gab es Fachbegriffe, die bei Betriebswirten und Informatikern eine völlig andere Bedeutung haben. Manchmal merkten die Beteiligten erst im Verlauf der Meetings, dass die Projektmitstreiter der jeweils anderen Fachrichtung eine andere Vorstellung von dem Gesagten hatten. Die speziellen Fachsprachen beziehungsweise das eigene Wissen setzte jede Seite bei den "anderen" zunächst als bekannt voraus. Erst im Lauf der Zeit verstanden alle, dass das Hintergrundwissen der Einzelnen sehr unterschiedlich ist und manchmal längere Erklärungen notwendig sind.

Betriebswirtschaftsstudentin Julia Kappes begreift das unterschiedliche Wissen und die verschiedenen Denkweisen als Chance: " Wenn Studenten aus zwei verschiedenen Fakultäten aufeinandertreffen, kommt man schneller ans Ziel und findet Lösungen, die die einzelne Gruppe nicht gefunden hätte. Der eine füllt die Lücken des anderen." So haben die Informatiker den Betriebswirten erklärt, was Edifact ist, und die BWLer haben den Informatikern den RoI verdeutlicht. "Dies hat Zeit gespart, die die einzelnen Gruppen für die Recherche gebraucht hätten", sagt Kappes.

Während den Betriebswirten tiefgehendes IT-Know-how fehlte, mangelte es den Informatikern an Instrumentarien, um die Wirtschaftlichkeit von technischen Lösungen zu beurteilen. Ferner fiel es ihnen schwer, Interdependenzen bei den betriebswirtschaftlichen Prozessen und damit Auswirkungen von Lösungen auf andere Abteilungen zu erkennen. Dafür brachten die Informatiker ein deutlich ausgeprägteres technisches Verständnis und systemanalytisches Denken mit. Aufgrund dieser Unterschiede war man sich bei der Bewertung von Lösungen nicht immer einig. Die verschiedenen Aspekte wie Wirtschaftlichkeit, Kosten oder technische Finesse von Hard- und Software waren den jeweiligen Fachexperten unterschiedlich wichtig oder flossen bei Entscheidungen mit anderer Gewichtung ein.

Unterschiedlich war auch die Arbeitsweise. "Während die Betriebswirte sich immer wieder an Beispielen orientierten und über Lösungen diskutieren wollten, stand für die Informatiker eher abstraktes Denken im Vordergrund. Die Betriebswirte fokussierten sich bei ihrer Argumentation auf Budget- und Kostenfragen, die Informatiker auf technische Aspekte", beschreibt Rausch. Aus Sicht der Informatiker wurden die Betriebswirte als "diskussionsfreudig" wahrgenommen. "Wenn sich BWLer mal für eine Sache entschieden haben, verteidigen sie sie auch, obwohl es andere, eventuell technisch bessere Vorschläge gibt, die ein Informatiker bevorzugen würde", hat Informatikstudent Gäbelein beobachtet. Umgekehrt wurden die Informatiker als "sehr direkt" empfunden. "Die Informatiker kommen gleich zum Punkt, während Betriebswirte mehr erklären und diskutieren", so einer der Projektteilnehmer. Zudem fiel es Informatikern leichter, modellhafte Darstellungen zu verstehen. Für die Betriebswirte waren konkrete Beispiele im Kommunikationsprozess wichtig.

Vorurteile gehören über Bord

Passive Informatiker und geschwätzige BWLer? Die Coburger Studenten haben in ihrem interdisziplinären Projekt gelernt, dass sie sich mit solchen Stereotypen nicht aufzuhalten brauchen. Um einander besser zu verstehen, sollte man genau zuhören, Missverständnisse gleich klären, mit der anderen Denkweise verständnisvoll umgehen und vor allem öfter mal nachfragen. Wenn Informatiker und Betriebswirte in gemischten Teams ihr Fachwissen einbringen, gegenseitig voneinander lernen und nicht nur Ideen aus der "eigenen" Denkwelt berücksichtigen, ist der Projekterfolg gesichert. Der Möbelhersteller Koinor war vom Konzept der Studenten so angetan, dass er seinen Wareneingang wie empfohlen neu organisieren wird.

Hier lesen Sie …

  • warum Informatiker anders denken und reden als Betriebswirte;

  • was jeder vom anderen lernen kann;

  • warum Vorurteile nicht weiterhelfen.