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06.11.1987 - 

Know-how bleibt nur eine Voraussetzung für Effizienz der neuen Techniken, Teil 2

CAD/CAM-Einsatz: Die Qualität der Arbeit ändert sich

MÜNCHEN (CW) - Angst oder Euphorie im Umgang mit neuen Techniken sind zwei Verhaltensweisen, deren Ursachen meist in der mangelnden Information über das "Werkzeug Computer" liegen. Computerunterstützte Tätigkeiten sind auf dem Vormarsch; deshalb gilt es, auch jene Veränderungen der Arbeit aufzuzeigen, die in Verbindung mit CAD/CAM-Installationen auftreten können. Die Hinweise in Folge 2 der dreiteiligen Serie über "Rechnergestütztes Konstruieren und Fertigen" sollen zugleich als Anregung für eigene Analysen dienen, um organisatorische wie auch personelle Hemmnisse überwinden zu helfen. Im vorhergehenden Beitrag in der CW Nr. 43, Seite 82, wurde die ergonomische Gestaltung von CAD/CAM-Arbeitsplätzen beleuchtet. Im dritten Teil, CW Nr. 46, sind schließlich arbeitsrechtliche Aspekte der CA-Einführung das Thema.

Durch die Einführung von CAD/CAM-Systemen wird in aller Regel das Anforderungsprofil verändert. Die wesentlichen Ursachen liegen darin, daß einfache, quasi manuellgeistige Tätigkeiten vom System übernommen werden und dafür der Mitarbeiter geistig höher beansprucht wird und somit auch für den Arbeitsablauf eine höhere Verantwortung übernehmen muß. Darüber hinaus wird dem Mitarbeiter gegenüber bisherigen Lösungen bei CAD/CAM eine größere Bandbreite abgefordert, was in Verbindung mit höherer Verantwortung in der Regel nur durch höhere Könnensvoraussetzungen zu erfüllen ist. Das ist insbesondere dann zu erwarten, wenn es sich bei CAD/CAM-Installationen nicht um Insel-, sondern integrierte Lösungen handelt, bei denen die Schnittstellen zwischen Entwicklung, Konstruktion und Fertigung fließend gestaltet sind.

Antwortzeitverhalten

Besonders ist auf die vorn CAD/CAM-System gebotenen Antwortzeiten auf Benutzeraktionen zu achten. Als Idealfall sollte der Mitarbeiter nie auf die Reaktion des Rechners warten müssen. Durch nicht gerechtfertigte oder unverständliche Wartezeiten muß der am System tätige Mitarbeiter eine höhere "Konzentrationsleistung" erbringen, die ihn in der Regel zusätzlich ermüdet. Darüber hinaus besteht die Gefahr, daß das gesamte CAD/CAM-System oder zumindest Teile abgelehnt werden, weil die Maschine sich nicht den berechtigten Wünschen der Mitarbeiter anpaßt.

Arbeitsabläufe

Die Arbeitsabläufe müssen sich nicht zwingend verändern. Das gilt insbesondere dann wenn CAD/CAM-Systeme als Insellösungen installiert werden. Handelt es sich dagegen um integrierte CAD/CAM-Systeme - die Entwicklung geht in diese Richtung -, so ist damit zu rechnen, daß bisherige Arbeitsabläufe sich verschieben, zum Teil ein anderes Gewicht erhalten oder zumindest andere Schnittstellen zwischen Entwicklung, Konstruktion, und Fertigung nach sich ziehen. Dieses kann Folgen bei den Arbeitsinhalten und auch bei den Anforderungsprofilen haben.

Nicht das CAD/CAM-System sollte die Arbeitsausführung (Grad der Schnelligkeit, Arbeitsfortschritte) bestimmen, sondern der Mitarbeiter. Zeitdruck steigert in aller Regel nicht die Leistung, sondern die Fehlerquote.

Arbeitsbelastung

Die Arbeitsbelastung verändert sich. Arbeit im Stehen (etwa am Zeichenbrett) entfällt, Routinetätigkeiten (zum Beispiel öfteres, wiederholtes Zeichnen und Konstruieren von Teilen) übernimmt der Rechner. Die Mitarbeiter werden also zum Teil entlastet.

Sie erhalten größere Spielräume für kreative und abstrakte Arbeiten. Damit verlagert sich die Beanspruchung mehr in den psycho-mentalen Bereich. Auch soziale Beziehungen verändern sich. Ein Beispiel: Konstrukteure müssen sich überlegen, welche Arbeiten sie mit Hilfe des CAD/CAM-Systems durchfuhren könnten und sollten, welchen Austausch von Informationen und Daten sie mit Kollegen und anderen Bereichen pflegen müssen.

Arbeitsflexibilität

Beim Einsatz integrierter CAD/CAM-Systeme nimmt allein schon aufgrund der Möglichkeiten des Systems (flexibel für mehrere Anwendungs- und Einsatzgebiete) die Arbeitsflexibilität zu. Es ist möglich, mit den Systemen verschiedenste Arbeiten zeitgleich durchzufahren und zu verknüpfen. Die Systeme sind nicht ausschließlich für Entwicklung, Konstruktion oder Fertigung bis hin zur Qualitätssicherung geeignet, sondern decken eben vielfältige Funktionen der vorgenannten Aufgabengebiete ab. Das hat auch Folgen für den an diesem Arbeitsplatz tätigen Mitarbeiter, der dadurch in seinem Handlungsspielraum und in seinen Möglichkeiten, Dinge zu versuchen und auszutesten, einen Zuwachs erfährt.

Arbeitsinhalte/Qualifikationen

Durch den Einsatz von CAD/CAM-Arbeitssystemen wird eher eine qualitative Arbeitsverdichtung erfolgen, weil zusätzlich über die Schnittstellen, zum Beispiel von der Konstruktion zur Fertigung und umgekehrt, aufgaben- und arbeitsplatzübergreifende Randbedingungen beachtet werden müssen.

Es besteht die Gefahr, daß durch den Einsatz von CAD/CAM-Arbeitssystemen eine Polarisierung der Qualifikationsstrukturen auftreten kann. Das heißt, für einen Teil der Mitarbeiter werden verbleibende Restfunktionen der Arbeit auf "Jedermanntätigkeiten" reduziert, für andere entstehen hochwertige Tätigkeiten. Die Gefahr einer "Zweiklassen-Gesellschaft" ist aus der betrieblichen Erfahrung heraus dann gegeben, wenn sich die Anwendung neuer Techniken, wie CAD/CAM, lediglich auf eine kleine Gruppe konzentriert, so daß diese "geistige Elite" in den Genuß aller beruflichen und materiellen Vorteile kommt.

Arbeitsorganisation und Arbeitsstruktur

Die Grenzen zwischen den Tätigkeiten zum Beispiel eines Ingenieurs und Technischen Zeichners werden fließend. Dasselbe geschieht zwischen den Aufgabengebieten der Konstrukteure verschiedener Fachgebiete. Damit zeichnet sich ab, daß bestehende Berufsbilder inhaltlich verändert werden. Die vertikale und horizontale Arbeitsteilung geht zurück. Das wird insbesondere Forderungen an die Anpassungsaus- und weiterbildung stellen.

Es ist zu klären, wer die Führungsverantwortung des oder der CAD/CAM-Systeme unter sachlichen Gesichtspunkten haben sollte.

Arbeitszeit/Benutzerzeiten

Bei der Gestaltung der Arbeits- und Benutzerzeiten müssen folgende Gesichtspunkte berücksichtigt und in Einklang gebracht werden:

Den Mitarbeitern jederzeit die Möglichkeit geben, am System zu arbeiten; Ideen kommen oft plötzlich.

Wirtschaftliche Nutzung der CAD/CAM-Systeme, zum Beispiel vollkontinuierlich, Schichtarbeit.

Konzentrationsfähigkeit der Benutzer, Organisation der Tätigkeiten am System und anderer erforderlicher Vor- und Nacharbeiten, etwa Nachschlagen in Unterlagen, Diskussionen mit Kollegen und Vorgesetzten.

Erfahrungsgemäß sollte eine Auslastung der Bildschirme nicht zu mehr als 80 Prozent verplant werden, wobei die Benutzerzeit pro Mitarbeiter zusammenhängend zwei Stunden nicht überschreiten sollte (3).

Starre Pausenregelungen und systembedingte Pausen sind zu vermeiden. Den Mitarbeitern sollte die Möglichkeit einer individuellen Pausengestaltung gegeben werden.

CAD/CAM-Systeme sind ein erheblicher Kostenfaktor, was betriebswirtschaftlich dazu zwingt, die CAD/CAM-Arbeitsplätze einem möglichst hohen Nutzungsgrad zuzuführen. Das bedeutet, daß die persönlichen Arbeitszeiten von der Betriebszeit abgekoppelt werden, um zu einer besseren Auslastung des Betriebsmittels CAD/CAM zu kommen. Dafür bieten sich verschiedene Möglichkeiten an: Teilzeit, Arbeitsplatzteilung, versetzte Arbeitszeiten, Gleitzeit über das heute praktizierte Maß hinaus, bis natürlich zur Schichtarbeit (4). Vor- und Nachteile verschiedener Zeitsysteme sind gegeneinander abzuwägen, auch unter Rücksichtnahme auf Wünsche und Bedürfnisse der Mitarbeiter.

Entlohnung

Schwierigkeiten im Verständnis der Mitarbeiter sind insbesondere dann zu erwarten, wenn etwa im Konstruktionsbereich einfache Zeichenbrett-Tätigkeiten fortfallen und diese zeitlichen Anteile mit zum Beispiel ingenieurmäßigen Aufgaben aufgefüllt werden und es somit zu einer "Arbeitsverdichtung" kommt.

Wenn die Mitarbeiter aber schon entsprechend ihrer höchsten Qualifikation der bisherigen Anforderungen bezahlt werden und sich das Anforderungsprofil durch die neuen Arbeitsstrukturen und Arbeitsinhalte letztendlich qualitativ nicht erhöht, so werden diese Mitarbeiter das Gefühl gewinnen, mehr zu leisten, aber nicht mehr Geld dafür zu erhalten. Hier wird nur mit Informationen und Aufklärung das notwendige Verständnis bei den Beteiligten zu erreichen sein.

Leistungserfassung

Das Problem der Leistungskontrolle durch das System und der in diesem Zusammenhang geführten Diskussion, sowohl im Betrieb als auch außerhalb, sollte nicht unterschätzt werden. Grundsätzlich lassen sich alle Aktivitäten an CAD/CAM-Arbeitsplätzen erfassen und dokumentieren, wer wann und in welchem Umfange Arbeiten ausgeführt hat. Häufig genug ist eine derartige Dokumentation nicht nur gewünscht, sondern geradezu für den betrieblichen Ablauf erforderlich, um nachträglich zu wissen, wer wann und in welcher Form Arbeiten ausgeführt, damit beeinflußt hat und somit verantwortlich ist. Das Problem ist nur, daß sich einerseits die Mitarbeiter hinsichtlich ihrer Arbeitsleistung kontrolliert fühlen können und andererseits betriebsverfassungsrechtliche Gesichtspunkte (vergleiche °87 Betriebsverfassungsgesetz/°75 Bundespersonalvertretungsgesetz) dabei zu berücksichtigen wären. Auch hier muß man auf die betroffenen Mitarbeiter offen zu-

gehen und mit ihnen über die Zusammenhänge sprechen. Verdeckte Kontrolle ist weder ein geeigneter noch ein zulässiger Weg.

Ort der Arbeitsausführung

Der Ort der Arbeitsausführung, also die Lage des CAD/CAM-Arbeitsplatzes sollte möglichst so sein, daß bisherige bewährte Arbeitsabläufe und soziale Strukturen beibehalten werden. Dadurch lassen sich bewährte Kommunikationswege in der Organisation und für die Mitarbeiter und Vorgesetzten nutzen.

Es sollte der organisatorische Grundsatz verfolgt werden, die Arbeitsausführung möglichst nahe ans Objekt heranzubringen. Das hat den Vorteil, daß der Mitarbeiter einerseits direkten Kontakt zur Arbeit und zum Objekt hat und andererseits durch die Nähe stärker für das Produkt motiviert wird.

Dem steht jedoch entgegen, daß häufig aus verschiedenen Gründen (.Raum; Arbeitsorganisation etc.) CAD/CAM-Arbeitsplätze gesondert untergebracht werden müssen. Es ist jedoch anzustreben, diese Situation auf Sonderfälle zu beschränken, da sonst die Gefahr besteht, CAD/CAM-Arbeitsplätze nicht optimal in die Arbeitsstrukturen integrieren zu können.

Bei der Installation von CAD/CAM-Arbeitsplätzen in gesonderten Räumen muß darauf geachtet werden, daß für die Mitarbeiter die Kommunikation untereinander möglich ist und daß sie in das Betriebsgeschehen und den Betriebsverband eingebunden bleiben. Alleine schon durch die räumlich getrennte Unterbringung kann der Mitarbeiter isoliert werden.

Elektronische Fernarbeit

Durch die CAD/CAM-Technologie und neue Bürotechniken und -dienste sind auch verstärkt Möglichkeiten der elektronischen Fernarbeit gegeben. Dabei muß zwischen Heimarbeit als Arbeitnehmer oder selbständiger Unternehmer und Nachbarschaftsbüros in Form von Satellitenbüros (Zweigstellen in der Nähe der Mitarbeiterwohnung) und gemischten Nachbarschaftsbüros (für Mitarbeiter verschiedener Firmen, die in einem Bezirk wohnen) unterschieden werden. Die Installation von solchen Arbeitsplätzen trifft auf betriebliche Strukturen und eine Gesellschaft, die dafür wohl noch nicht vorbereitet sind. Die gesamte Sozial- und Rechtsordnung ist auf Arbeitsplätze ausgerichtet, die am Betriebsort im Rahmen der Arbeitszeitordnung eingerichtet sind. Sollte der Wunsch bestehen, diesen neuen Weg der Arbeitsplatzverlagerung zu beschreiten, sind diffizile, unter Umständen schwierige Rechts-, aber auch Personal- und Organisationsfragen zu klären.

(Fortsetzung in CW Nr. 46.)

Literaturhinweise

(1) Posth, M. Personalplanung unter veränderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen. In: Posth, M./Staudt, E.; Personalwirtschaft in Zeiten des Umbruchs (Beiträge zur Gesellschafts- und Bildungspolitik, Heft 91), Deutscher Instituts-Verlag, Köln 1983, S. 42

(2) Cieplik, U.; Personalplanung für den Robotereinsatz; Personalführung 10/84, S. 250 f.

(3) Antl, V.; CAD/CAM-Großanwendung bei MBB; Fortschrittliche Betriebsführung/Industrial Engineering; Heft 4 August 1983, S. 259

(4) Rutenfranz, J./Knauth, P.; Schichtarbeit und Nachtarbeit. München 1982 (Hrg. Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung)

Auszug aus: Bernd Schumacher, Rechnergestütztes Konstruieren und Fertigen (CAD/CAM), Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, München 1986.