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02.11.1990

CADCAM braucht keine Schmalspur-Informatiker

Wenn CAD/CAE/CIM-Projekte in Fertigungsunternehmen angepackt werden sollen, kommt es regelmäßig zu Querelen, brechen Konflikte zwischen Datenverarbeitern und Ingenieuren über Rollenverteilung und Kompetenz-Leadership auf. Sind Informatiker nur Schmalspur-Spezialisten, wie die Fertigungsspezialisten meinen? Haben andererseits die Techniker, was das erforderliche Computer-Know- how betrifft, den Anschluß verpaßt? CW-Redacteur Hans Königes untersuchte auf der Systec 90, mit welchen Aus- und Weiterbildungskonzepten westdeutsche Industrieunternehmen dem Personalproblem im CAD/CAE/ CIM-Bereich begegnen. Tenor der Aussagen: Der Wunschkandidat sollte zwar nicht alles mitbringen, aber doch so flexibel sein, vieles in kurzer Zeit aufzunehmen.

Die Chancen stehen gut

Unabhängig von ihrer Ausbildung stehen die Chancen der Personen mit C-Qualifikationen gut, wenn man berücksichtigt, daß bereits neun von zehn Maschinenbaubetrieben laut Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München ab einer Größe von 500 Beschäftigten mit CAD- oder CAP-Systemen arbeiten. Selbst bei Betrieben mit weniger als 100 Beschäftigten zeichnen sich beachtliche Quoten von 20 bis 40 Prozent C-Technik-Nutzung ab. Für Wolfgang Schmädeke ist die Sache klar: "Wir haben mit Maschinenbauern die besseren Erfahrungen gemacht." Aus der Sicht des DV-Chefs der Audi AG verstehe der Informatiker die Sprache des Maschinenbauers nicht und könne darüber hinaus keine technische Zeichnung lesen.

Auch am Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebswissenschaften der TU München (IWB) sind die Präferenzen eindeutig. Da hier die Anwendungsaspekte immer im Vordergrund stünden, so Michael Lindl, ziehe man einen Elektrotechniker oder Maschinenbauer dem Informatiker vor. Für den IWB-Projektleiter lerne der Maschinenbauer schneller, mit dem Computer zurechtzukommen, als der Informatiker begreife zu erkennen, was ein Konstrukteur brauche Noch drastischer formuliert es Bernd Weber von der Uni Bochum und Mitglied der Ingenieurgemeinschaft für neue

Technologien "lnit": "Wir nehmen keinen Informatiker, weil wir zuviel zeit damit verlieren ihn einzuarbeiten, und im übrigen können wir ihm von der Anwenderseite eh' nicht alles beibringen." Er könne nur dort einbezogen werden, wo eine Inselkomponente zu realisieren sei und da bestehe die Möglichkeit, ihn vom Gesamtproblem fernzuhalten.

Der ideale Kandidat ist für Wilfried Emmerich derjenige der alle Wissensbereiche abdeckt, die für einen CAD/CAM-Experten notwendig sind, also sowohl den technischen mit Maschinenbau und Informatik als auch den organisatorischen mit Betriebswirtschaft. Diese Bedingung könne nach Ansicht des IDS-Bereichsleiters in erster Linie der Wirtschaftsingenieur mit fundierten DV-Kenntnissen erfüllen.

Nicht so eng sieht es Debis-Personalreferent Jürgen Kurz. Ihm sei es ziemlich egal, ob er einen Maschinenbauer oder einen Informatiker für die Entwicklung der CAD/AM-System engagiere, er unterstelle jedem Informatiker, daß er in kurzer Zeit Kenntnisse über den Ablauf in der Produktion erwerbe. "Und wenn er einen gesunden Menschenverstand hat, eignet er sich schnell auch Kenntnisse über Planung und Kosten eines Projektes an, dafür braucht er kein zusätzliches Betriebswirtschaftsstudium."

Auch Peter Kettner glaubt, daß der Techniker gut daran täte, sich um BWL-Kenntnisse zu bemühen. Der Geschäftsführer des Aachener CIM-Centers nennt auch die Gründe: Der High-Tech-Spezialist neige

dazu, alles zu machen, was nur irgendwie realisierbar sei. "Wenn er dann gegen einen reinen Controller argumentieren muß, hat er schlechte Karten." Er solle sich unbedingt kaufmännische Kenntnisse aneignen, am besten ein wirtschaftswissenschaftliches Aufbaustudium absolvieren.

Daß der Inforrnatiker dennoch seine Existenzberechtigung in der "Fabrik der Zukunft" habe, wird nicht bestritten. Seine Einsatzmöglichkeit sei jedoch sehr beschränkt, so HP-Personalleiter Stefan Böhm: "Wir brauchen den Informatiker nur auf der Betriebssystem-Seite, wenn es um die Kernprogrammierung geht." Axel Thewellis von PSI in Berlin faßt die Aktivitäten des DV-Profis etwas weiter: "Er muß ein lauffähiges

Softwareprogramm erstellen können, bei dem es darauf ankommt, daß es sicher und fehlertolerant ist, und das auf Eingabefehler so reagiert, daß der Anwender damit etwas anfangen kann."

Auch Kettner meint, daß es in der Entwicklungsabteilung nicht ohne informatiker gehe. Allerdings diffenziert er noch stark zwischen den Informatiker und dem Programmierer. Von ersteren erwarte er doch, daß er sich schnell produktionstechnische Kenntnisse aneigne, um im Dialog mit dem Inginieur die Probleme erörtern zu können. Immerhin müsse der DV-Profi ein Bild von der Aufgabenstellung habene um es dann in eine Softwarestruktur umzusetzen und informatikmäßig auszuarbeiten. Der Programmierer brauche letzten Endes gar nicht zu wissen wofür die Lösung diene , seine handwerkliche Leistung allein zähle. PSI-Manager Thewellis erinnert an die Bedeutung der DV-Spezialisten: "Wer CAD/CAM-Systeme ohne Informatiker entwickelt, dem wird es nicht gelinge", das System befriedigend zu warten und zu pflegen". Aufgrund der kurzen Innovationszyklen und des sehr komplexen Aufgabengebietes in den C-Techniken betonen sowohl die befragten Techniker als auch die Personalverantwortlichen den Gesichtspunkt der Weiterbildung. Haupttenor der Aussagen: jeder muß lernen, über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Die Spezialisierung werde zurückgehen, Konstrukteure müßten zum Beispiel lernen, flexibler zu denken und für den NC-Programmierer mitzudenken. Lindl glaubt, daß durch die Einführung der C-Techniken Jobrotation eher akzeptiert wird und daß "Mitarbeiter eines Unternehmens auch in anderen Abteilungen wochenweise arbeiten werden".

Das ermögliche dann auch dem Informatiker, die Arbeiten der Konstrukteure in kurzer Zeit kennenzulernen. Kettner. "Man wird sicherlich nicht den frisch von der Uni kommenden Informatiker damit beauftragen, ein Projekt zu übernehmen." Aber nach zwei Jahren sollte er auf jeden Fall ein Gefühl dafür entwickeln, so der Aachener Geschäftsführer, wie die technische Aufgabenstellung und die informationstechnische Umsetzung für eine Lösung auszusehen hätte.

Als beste Qualifikationsvoraussetzungen für eine CIM-Tätigkeit wird noch immer die Universitätsausbildung betrachtet. Lindl weist vor allem darauf hin, daß gerade im CAD/CAM-Bereich wichtige Impulse von einigen Universitäten kamen und daß auch die meisten Veröffentlichungen aus der Wissenschaft stammen.

Weber betont vor allem einen nicht zu unterschätzenden Trend an deutschen Universitäten. So hätte eine Reihe von Hochschulen in den Anwendungsfächern wie Maschinenbau, Elektrotechnik und Bauwesen Informatikkurse eingerichtet. Diese Informatikangebote ermögliche den Studenten, in diesen Studiengängen mehr als nur Grundkenntnisse der Datenverarbeitung zu erwerben.

Erstaunlich ist die Tatsache, daß sich eine Spezialisierung im Studium auf CAD/CAM in der Regel nicht auszahlt, wenn es um die Höhe des Anfangsgehalts geht. Bei Audi verdient ein Hochschulabsolvent mit einem Maschinenbaustudium etwa 67 000 Mark im Jahr, ein Informatiker zehn Prozent weniger. Bei Mercedes Benz liegt das Anfangsgehalt der Ingenieure gar bei 53 000 (FH-Abschluß) bis 58 000 Mark per anno. Böhm erinnert jedoch daran, daß spätestens nach dem ersten Wechsel, sei es innerhalb des Unternehmens oder zu einem anderen Unternehmen, keiner mehr frage, welches die Spezialisierung im Studium gewesen sei, "dann zählt nur das, was der Bewerber in der vorhergehenden Position geleistet hat".

Auch wenn sich eine Spezialisierung auf CAD/CAM nicht direkt in einem höheren Anfangsgehalt niederschlage, hofft der Audi-DV-Chef diese Absolventen zu beruhigen, indem er ihnen versichert, daß ihre Qualifikation am Arbeitsmarkt sehr gefragt sei.