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22.06.2001 - 

Intershop-Hauptversammlung 2001

Canossa an der Elbe

HAMBURG (ajf) - Der angeschlagene Softwareanbieter Intershop musste sich auf der Jahreshauptversammlung seinen Kleinanlegern stellen. Diese bewiesen Großmut, denn kritische Töne bildeten die Ausnahme. Trotzdem ist die Durststrecke für Intershop noch lange nicht durchgestanden.

Aufbruchstimmung verbreitete das Management von Intershop vergangene Woche auf der Hauptversammlung in Hamburg. Aufbruchstimmung nach einem Halbjahr, das die Mitarbeiter von CEO Stephan Schambach und die Aktionäre am liebsten vergessen würden: Im Januar 2001 hatte der Softwareanbieter nach einer Gewinnwarnung sein Waterloo an den Börsen erlebt, seitdem arbeitet die Firma mit Hochdruck an ihrem Comeback.

Vor rund 1000 Aktionären wollte Schambach in Hamburg den Startschuss geben, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Dies ist auch bitter nötig, denn der Aktienkurs der Firma dümpelt um vier Euro und ist damit von einstigen Höhenflügen um die 100 Euro weit entfernt. Es ging auf der Hauptversammlung also nicht nur um das Vertrauen der Kleinanleger, es ging in erster Linie um deren verlorenes Geld.

Trotzdem hielten sich die Investoren mit öffentlicher Kritik am Management merklich zurück. Wortmeldungen gab es kaum, lediglich der Vertreter der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz Jens-Uwe Nölle nahm kein Blatt vor den Mund: "Selbstüberschätzung und Realitätsferne" hätten Intershop an den Abgrund gebracht, viele der Kleinanleger stünden vor dem Ruin.

Zwar gab es für diese markigen Sprüche wohlwollenden Beifall aus dem Auditorium; dass die vielen gezielten Nachfragen Nölles vom Intershop-Management teilweise aber nur ausweichend beantwortet wurden, störte niemanden so recht. Schließlich wurden parallel zur anschließenden Abstimmung Bockwürstchen im Foyer aufgetischt, weshalb sich das Interesse an weiteren Plenumsdiskussionen in Grenzen hielt. Letztlich endete die Hauptversammlung mit einem klaren Punktsieg des Intershop-Managements: Mehr als 98 Prozent der Anteilseigner stimmten für die Entlastung des Vorstandes.

Trotz des eindeutigen Votums bleibt ungewiss, wann und vor allem wie sich Intershop finanziell erholen soll. Er sei sich bewusst, so Schambach, dass man Vertrauen nicht allein mit Worten, sondern nur mit Resultaten gewinnen kann. Kernziel des Geschäftsjahres sei es deshalb, im vierten Quartal, also von Januar bis März 2002, erneut die Gewinnschwelle zu erreichen. Als Beispiel für den Umschwung zitierte Schambach in seiner Rede vor der Hauptversammlung eine aktuelle Presseerklärung des Unternehmens, wonach sich Bertelsmanns E-Commerce-Division Bol für Intershops Software "Enfinity" entschieden hätte. Dies brächte "mehrere Millionen Euro" Umsatz in die Kasse, so Schambach. Weil dabei zudem die Konkurrenten ATG und Oracle ausgestochen wurden, konnte sich der Firmengründer ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Das Hauptproblem von Intershop liegt aber weniger in den Programmen, denen regelmäßig gute Noten attestiert werden, sondern vielmehr in den schlechten Marktbedingungen: Die Nachfrage in den USA und Asien hat sich rapide abgekühlt, eine Besserung ist nicht in Sicht, und auch Schambach schließt eine ähnliche Entwicklung für den europäischen Raum nicht aus. Zudem hat sich Intershop im ersten Fiskalquartal eine große Bürde für das Gesamtjahr aufgeladen, denn der operative Verlust belief sich auf mehr als 35 Millionen Euro.

Gleichzeitig ging der Umsatz im Vergleich zum Vorjahresquartal um 19 Prozent auf 20,3 Millionen Euro zurück. "Die Zahlen lassen für Optimismus wenig Raum", so das Fazit Rudolf Hildebrandts von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre. Kaum beruhigender wirkte außerdem, dass COO Wilfried Beeck auf der Hauptversammlung ankündigte, das Ergebnis des Geschäftsjahres 2001 werde geringer als das des Vorjahres ausfallen.

Um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, haben die Softwerker daher interne Veränderungen eingeleitet. Durch ein rigoroses Sparprogramm sanken laut Beeck im ersten Quartal die Ausgaben um zwölf Millionen Euro oder 19 Prozent. "Wir stellen uns den Herausforderungen", gab sich Schambach zuversichtlich: "Wir haben Dollarzeichen auf der Stirn."

Interview mit Stephan SchambachCW: Die Hauptversammlung hat Sie mit mehr als 98 Prozent Zustimmung entlastet. Zufrieden?

Schambach: Ja, sicherlich sind wir zufrieden.

CW: Ein Kleinanleger sagte auf dem Podium, er hätte 32 000 Mark mit Intershop-Aktien verloren. Wie fühlen Sie sich in so einem Moment?

Schambach: Natürlich betrifft mich das. Wir sind eine Publikumsgesellschaft geworden, weil wir den Erfolg teilen wollen. Am Aktienmarkt gab es ein Auf und Ab, doch wenn es einmal derart kräftig nach unten geht, betrifft das alle. Ich habe nichts lieber, als wenn unsere Aktionäre Geld verdienen.

CW: Was ist schwieriger: das Vertrauen der Aktionäre oder das der Kunden wiederzugewinnen?

Schambach: Ich glaube, dass wir beim Kundenvertrauen ganz gut aussehen. Da haben wir mit Bertelsmann gerade wieder einen großen Anwender dazugewonnen. Bei den existierenden Kunden genießen wir großes Vertrauen, vor allem, weil sämtliche Lösungen referenzierbar sind und funktionieren. Wir haben also keine Leichen im Keller wie einige unserer größeren Wettbewerber.

CW: Und bei den Investoren?

Schambach: Verloren gegangenes Aktionärsvertrauen lässt sich nicht mit einer Hauptversammlung wiedergewinnen. Das kann man nur gewinnen, wenn man nachhaltig das Geschäft verbessert, die Umsätze steigert und auch Gewinne erzielt. Da haben wir noch einen weiten Weg zu gehen.

CW: Im ersten Quartal sind die margenstarken Neulizenzen stark zurückgegangen. Wie wollen Sie das kompensieren?

Schambach: Alle Unternehmen, die im Umfeld von E-Commerce-Software tätig sind, haben ähnliche Lizenzeinbrüche verzeichnet, sonst hätten sie nicht ihre Ergebnisse verpasst. Natürlich arbeiten wir daran, mit den veränderten Bedingungen, beispielsweise den verlängerten Vertriebszyklen, zurechtzukommen. Dazu braucht man eine größere Pipeline, einen stärker auf die Partner orientierten Vertrieb und Lösungen, die einen noch schnelleren Return on Investment haben. Letzendlich glaube ich, dass wir bei der langfristigen Entwicklung des Lizenzumsatzes gut aussehen. Natürlich dauert das eine Weile, denn in vielen Märkten ist die Kaufzurückhaltung noch ziemlich groß.

CW: Sie gaben auf der Hauptversammlung relativ deutlich zu verstehen, dass in puncto Wirtschaftsabschwung noch einiges auf Europa zukommen würde. Sind Sie wirklich so pessimistisch?

Schambach: Ich bin nicht pessimistisch, aber heute morgen musste ich leider lesen, dass in Deutschland ein beispielloser Preisanstieg stattfindet. Eine Kombination von stagnierendem Wachstum, Inflation und niedrigen Zinsen ist eine Zwickmühle, die sich nicht so ohne weiteres wieder aufbrechen lässt. Ich wage eben nicht mehr zu prognostizieren, wo das hinführt. Ich wollte einfach nur erklären, dass die Trends in den USA ein halbes Jahr später auch zu uns kommen. Vielleicht nicht so schnell und so drastisch, aber sie kommen.