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22.11.1991 - 

Diebold-Forum zum Thema Software-Management

CASE-Bilanz: Marketing-Szenario entspricht noch nicht der Realität

FRANKFURT (hv) - Eine Bestandsaufnahme in Sachen Computer Aided Software Engineering (CASE) wagte Ralf Allwermann, Berater bei der Eschborner Diebold Deutschland GmbH, auf dem Diebold Technologie Forum '91. Sein Vortrag bestätigte, was viele Teilnehmer ahnten: Die CASE-Realität in den Unternehmen hängt weit hinter dem Stand der öffentlichen Diskussion zurück.

Sogenannte Softwareproduktions-Umgebungen (SPU) sind genügend vorhanden, aber dem Anspruch, eine vollständig integrierte CASE-Umgebung zu bieten, können nur wenige Anbieter einigermaßen gerecht werden. Allwermann betonte, daß in puncto Integration die proprietären SPU einen deutlichen Vorsprung vor den nicht-proprietären hätten. Als proprietäre Umgebungen bezeichnete der Berater das geschlossene, für die Anwendungsentwicklung relevante Software-Repertoire eines Herstellers, einschließlich, Datenbanksystem und 4GL, wie es zum Beispiel von der Software AG angeboten werde.

Nicht proprietär ist nach dieser Definition IBMs AD/Cycle-Konzept, das auf die Einbindung verschiedener Werkzeuge unterschiedlicher Hersteller angewiesen ist. IBM müsse diesen Weg einschlagen, weil der Branchenprimus in diesem Markt zu lange geschlafen habe, so Allwermann. "In der Regel haben wir es bei integrierten CASE-Umgebungen lediglich mit Konzepten zu tun", resümiert der Consultant. Dies gelte insbesondere für die nicht-proprietären Ansätze, wo die Integration unterschiedlicher Werkzeuge wegen mangelnder Schnittstellen unzureichend sei.

Aber auch die Hersteller mit einer eigenen CASE-Tradition konnten sich laut Allwermann keinen allzu großen Vorsprung herausarbeiten: "Ich kenne kein Unternehmen, dem es gelungen ist, sein Data Dictionary aktuell mit gültigen Daten zu füllen und aktiv zu nutzen." Das automatisierte Zusammenspiel von Werkzeugen und zentralem Datenbehälter - dem Repository beziehungsweise Data Dictionary also - stelle gegenwärtig noch die absolute Ausnahme dar.

Die Bestandsaufnahme des Diebold-Beraters war umfassend. Das "Primat einer offenen Architektur" können laut Allwermann gegenwärtige SPU nur teilweise erfüllen, da es an ausreichend standardisierten Schnittstellen fehle. Zufriedenstellend sei dagegen das Angebot an mächtigen Werkzeugen, die für alle Phasen des Software- Lebenszyklus' im Überfluß vorhanden seien - allerdings bestehe auch hier das Problem der mangelhaften Integration. Ebenfalls positiv könne das hohe ergonomische Niveau bewertet werden, das die verschiedenen Umgebungen inzwischen aufgrund der grafischen Oberflächen vorhandener Werkzeuge erreicht hätten.

Schlecht kommt in der Beurteilung des Diebold-Mitarbeiters das Prototyping weg: Insgesamt gebe es zu wenige taugliche Werkzeuge für die Erstellung von Prototypen. Die verfügbaren Produkte seien gerade in der kommerziellen Anwendungsentwicklung kaum einsetzbar. Allwermann: "Wir sehen kein Licht am Ende des Tunnels.' Die Integration von Vorgehensmodellen und Methoden ist nach Angaben des Beraters - abgesehen von einigen US-Softwarehäusern -zwar von den meisten Anbietern vorgesehen. Der Realisierungsstand lasse jedoch auch hier zu wünschen übrig. Ein weiteres Manko sei die kaum ausreichende Einbindung des Projektmanagements in Softwareproduktions-Umgebungen. Besser berücksichtigt werde dagegen das Konfigurationsmanagement - vor allem dort, wo proprietäre CASE-Umgebungen zum Einsatz kommen.

Allwermann betonte in seinem Vortrag, daß der CASE-Einsatz den, Unternehmen in der Regel nur ein sehr bedingtes Rationalisierungspotential bringe. Gespart werden könne in der Regel durch die richtige Definition und Durchführung von Projekten - ein Faktor, der mit den CASE-Werkzeugen selbst nichts zu tun hat. Nicht so sehr Produktivitätsgewinn und Rationalisierung, sondern viel mehr die Qualitätsverbesserung sei das Ergebnis des Software-Erstellungsprozesses.

Die Veränderung der Anwendungsentwicklung bedeutet immer auch eine Neuordnung der Organisation. Daher wird laut Allwermann die Folge eines vermehrten Einsatzes von CASE-Werkzeugen eine engere Zusammenarbeit von Fachbereichen und Org./DV-Abteilung sowie eine veränderte Verantwortlichkeit und eine neue Kompetenz der Fachbereiche sein.

Angesichts dieser positiven Zukunftsaussichten erscheint die gegenwärtige Situation der Anwendungsentwicklung in einem trüberen Licht: In mehr als 80 Prozent aller Unternehmen, so Diebold, ist nach wie vor eine hohe Individualfertigung mit geringen Controlling-Möglichkeiten die Regel. Serienfertigung in der Software-Entwicklung betreiben heute erst etwa 15 Prozent der Unternehmen. Bei nur einem Prozent läuft Serienfertigung nach einem definierten Regelwerk ab, so daß ein ausreichendes Controlling möglich wird. Vollständig umgesetzt und von allen Projekten berücksichtigt wird ein Regelwerk noch fast nirgendwo, und Vorschriften zur Optimierung vorhandener Regelwerke sind schon gar nicht vorhanden.

Kontrovers diskutiert wurde auf dem Diebold Technologie Forum '91 die Frage, ob die Einführung eines unternehmensweiten Datenmodells sinnvoll sei. "Es gibt in größeren Unternehmen kein unternehmensweites Datenmodell, das funktioniert. Das ist beweisbar", behauptete Hubert Österle, Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik in St. Gallen. Realisiert seien lediglich unterschiedliche Modelle für Unternehmensbereiche und dort, wo PPS-Daten im CAD-Umfeld genutzt werden sollten, tauchten immer wieder Schwierigkeiten auf.

Auch Allwermann betonte, daß das Thema unternehmensweites Datenmodell heute "umstritten" sei. Alle vorhandenen Datenmodelle zu einem konsistenten Modell zusammenzuführen - "da sehe ich Fragezeichen", so der Consultant. Es fehle an Möglichkeiten einer automatisierten technischen Verknüpfung. Die einfache Projektdaten-Modellierung dagegen habe sich bereits vor fünf Jahren durchgesetzt und sei aus dem Entwicklungsprozeß nicht mehr weg zu denken.

Auch die Zusammenfassung dieser Modelle zu sogenannten Bereichsdatenmodellen sei in der Praxis akzeptiert und werde heute durchgeführt. Möglich sei zudem die Erstellung sogenannter "Unternehmensdatenmodelle", bei denen es im Unterschied zu unternehmensweiten Modellen darum gehe, Daten aus bestimmten Bereichen zur Unterstützung von Management-Entscheidungen heranzuziehen.