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07.12.1990 - 

Anwender moniert entscheidende Lücke im Software-Angebot

CASE: Der ökonomische Aspekt wurde bisher stets vernachlässigt

07.12.1990

*Rainer Hochkoeppler ist Projektleiter im Bereich Klinische Forschung der Hoffmann-La Roche AG, Basel.

Moderne Anwendungsentwicklungs-Werkzeuge sind dafür ausgelegt, die Software-Erstellung zu vereinfachen und zu beschleunigen; das betriebliche Umfeld bleibt dabei weitgehend unberücksichtigt. Rainer Hochkoeppler* stellt jedoch die Forderung nach einer Methodologie, die ihm die Bearbeitung des Systemkontexts erlaubt.

Die Software-Industrie hat uns daran gewöhnt, daß sie ständig neue Gadgets, neue Features, neue nette Dinge auf den Markt bringt. Aber die Verbesserungen der Produkte sind bislang nur quantitaver, nicht etwa qualitativer Art. Ein echter Durchbruch in der Software steht uns noch bevor.

Als Anwender schwebt uns die Vision von einer Software vor, die es uns erlaubt, unsere Informations-Bewirtschaftungs-Bedürfnisse, also unsere Anliegen hinsichtlich eines integrierten Daten- und Informations-Managements, so in den Griff zu bekommen, daß wir nicht nur unsere Bedürfnisse abdecken können, sondern für die Verwirklichung auch erheblich weniger Aufwand benötigen, als bisher notwendig.

Ich meine hier nicht etwa Verbesserungen von zehn oder zwanzig Prozent, sondern eine radikale Verminderung dieses Aufwands. Eine solche Aufwandsreduktion ist heute trotz 4GL-Sprachen, relationaler DBMS-Produkte, trotz der Objektorientierung, die sich am Horizont abzeichnet, sowie all der vielen bunten Neuigkeiten an der Oberfläche nicht möglich.

Meiner Ansicht nach ist es die Ökonomie der Systementwicklung, die einmal näher angeschaut werden sollte. Was die Softwarebranche uns bietet, sind sicher gute Fortschritte, aber wir stellen doch fest, daß die Entwicklung von lauffähigen, produktiven Systemen immer noch viel zu aufwendig ist. Anwendungen zu entwickeln, sie produktiv in Betrieb zu setzen und in Betrieb zu halten, Altlasten zu bewältigen, die mit der Einführung neuer Systeme im Zusammenhang stehen, Migrationsprobleme beim Wechsel der Version zu handhaben, also alles das, womit die Betriebe bekanntermaßen kämpfen, ist noch in keiner Weise wirtschaftlich gelöst.

Sehen wir uns die 4GL-Sprachen und die CASE-Tools, die gemäß der mit ihnen verbundenen Erwartungen den Entwicklungsprozeß begleiten, vereinfachen und rationalisieren sollen, einmal genauer an: Diese modernen Anwendungsentwicklungs-Werkzeuge sind eher eindimensional auf den technischen Aspekt hin konzipiert; es fehlt ihnen an Breite und riefe der betrieblichen Sicht.

Chefs kontrollieren die DV-Investitionen

Damit werden die IT-Fachleute - bildlich gesprochen - in die Lage versetzt, ihre Löcher schneller zu bohren; ob sich aber die Löcher an der richtigen Stelle befinden, ist eine andere Frage.

Genau hier liegt für mich das Problem: Der Kontext, in dem

Informationssysteme arbeiten sollen, die betriebswirtschaftliche, am Nutzen orientierte Bewertung eines Informationssystems, also der organisatorische Kontext und die geschäftliche Zielsetzung, bleiben zumeist außen vor. Nach wie vor ist ein CASE-Werkzeug erklärtermaßen ein Ingenieur-Tool, aber es steht außerhalb des betrieblichen Zusammenhangs, also außerhalb ganz wesentlicher Fragestellungen des Unternehmens.

Heutzutage sind die Betriebe nicht mehr so freigiebig, was ihre Ausgaben auf dem Gebiet der Informationstechnologie angeht. Es hat eine gewisse Skepsis in den Chef-Etagen eingesetzt.

Dort steht mehr denn je die Überlegung im Raum: Wir werden da ständig zum Erwerb neuer Systeme, neuer Versionen, neuer Maschinen, neuer, Anwendungsgeneratoren und neuer Werkzeuge genötigt; aber was bringen eigentlich all diese Investitionen?

Diese Frage kann man kaum beantworten, wenn man nicht den Kontext der Informationssysteme betrachtet, geschweige denn Werkzeuge für die Bearbeitung des Systemkontextes hat. Meiner Meinung nach ist an dieser Stelle ein Vorstoß notwendig.

Es wäre sicher vermessen, wenn ich jetzt die Spezifikationen eines solchen Durchbruchproduktes liefern wollte.

Ich möchte hier lediglich einmal feststellen, daß es eine Lücke im Software-Angebot gibt, die sich mit 4GL-Sprachen, CASE-Tools und Objektorientierung nicht schließen läßt. Es bedarf weniger einer technischen Innovation als einer Reflexion über die Art und Weise, wie Informationssysteme geboren und betrieben werden. Hierfür brauchen wir eine Methodologie, bevor wir überhaupt Produkte entwickeln können.

Die Lösung dieses Problems muß in einer interdisziplinären Bemühung bestehen. Es geht darum, das Wissen um die Vorgehensweisen des Betriebes zu formalisieren, also gewisse kognitive Strukturen in den Individuen der Organisation zu erfassen, explizit zu machen und zusammenzubringen. Die Wissensstrukturen und die Ansprüche dieser Individuen in ein Gesamtbild zu fassen, das ist die Aufgabe einer Methodologie, die sich mit der Umwelt der Informationssysteme befaßt.

Es gibt bereits interessante Ansätze, um diese Zusammenhänge und Prozesse zu erfassen - und vor allem in einer Art und Weise explizit zu machen, die jedem Beteiligten unmittelbar verständlich ist. Ein hochabstrakter Formalismus, der erst einmal in wochen- oder monatelangen Ausbildungskursen erlernt werden müßte, kann nicht Sinn der Sache sein.

Wir haben es hier mit dem Vorfeld der gesamten Anwendungsentwicklung, der Datenmodellierung und der Prozeßmodellierung zu tun. Hier müssen wir uns quasi intuitiv verständlicher Methoden bedienen, die allerdings nicht so weich sein dürfen, daß sie keine Fakten und keine Substanz bringen würden, die einem Informations- und Prozeßmodell zugeführt werden können.

Wie gesagt, es wird in dieser Richtung gearbeitet, so beispielsweise an den Universitäten Lancaster in England und Strathclyde in Schottland. Diesen Ansätzen gemeinsam ist die Bemühung um eine Teilstrukturierung von bisher Unstrukturiertem.

Noch einmal: Künftig muß es darum gehen, sicherzustellen, daß die Löcher, die gebohrt werden, sich auch am richtigen Ort befinden. In diesem Bereich sollte sehr viel gearbeitet werden, damit wir endlich die Fragen beantworten können, was die moderne IT dem Anwenderunternehmen überhaupt bringt. Die Löcher schneller und sicherer zu bohren, das gelingt uns mit Hilfe der CASE-Tools heute tatsächlich viel besser als vor drei, vier oder fünf Jahren.