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25.03.1988 - 

Konventionelle Methoden erfordern zuviel Anpassungsaufwand:

CASE-Tools bringen mehr als Standardpakete

Fertige Softwarelösungen allein können den Anwendungsstau nicht lösen: Denn der Anpassungsaufwand ist bis zu dreimal höher als die Investition in eine Eigenentwicklung. Karl-Heinz Weiler* plädiert deshalb für die Alternative einer offenen, herstellerneutralen Softwareproduktionsumgebung.

Bis vor etwa zwei Jahren galten Standardsoftwarepakete als der geeignete Ansatz, DV-Anwendungen schnell und wirtschaftlich zu realisieren. Über Jahre hinweg wurden daher von seiten der Anbieter erhebliche Anstrengungen und Investitionen unternommen, um den Markt mit horizontalen, vertikalen und Einzelanwender-Softwarepaketen bedienen zu können.

Hochfliegende Erwartungen haben sich nicht erfüllt

Heute ist festzustellen, daß die ursprünglichen Erwartungen in die standardisierte Anwendungssoftware nicht erfüllt wurden und auch künftig nicht realisiert werden können. Aufgrund der Vielfalt von Anforderungen und organisatorischen Gegebenheiten in den Unternehmen können Standardpakete jeweils nur Teilaspekte einer Lösung abdecken. Und selbst unter dieser Voraussetzung bedarf es erheblicher Anpassungen und Änderungen sowie einer Integration in die bestehende DV-Umgebung.

Anwenderlösungen werden wohl kaum auf der grünen Wiese realisiert. Bestehende Investitionen müssen weiter genutzt und sollen auch geschützt werden; das ist genauso als Tatsache zu akzeptieren wie das Vorhandensein einer heterogenen DV-Welt. Sobald der Anwender beginnt, ein Standardpaket anzupassen, stellt sich die Frage, wie lange das Etikett "Standard" noch zutreffend ist.

Untersuchungen von Barry Böhm,TRW Inc., Los Angeles, ergaben, daß typischerweise die Entwicklung von Anwenderlösungen mit Hilfe von Standardpaketen ein Dreifaches der Kosten für eine Individualentwicklung ausmachen kann (Artikel in IEEE-Software im September '87 erschienen). Dies trifft ganz besonders auf große und komplexe Systeme zu. Hier gilt es also, Lösungswege auf ihre Gesamtauswirkungen bezüglich Zeit und Kosten zu überprüfen.

Leider gibt es kaum Standardsoftware, die ohne erheblichen Anpassungsaufwand zum Einsatz kommen könnte; außerdem sind die Pakete schon gar nicht als Gesamtlösung anzusehen. Interessant ist dabei die Beobachtung, daß alle Anbieter ihr Dienstleistungsspektrum massiv um Beratungs- und Anpassungsarbeiten erweitern. Aus Marktzwängen heraus bieten diese Hersteller Ergänzungs- und Integrationsarbeiten an, wobei sie in die laufende Software eingreifen müssen.

Die Begründung, Haftung und Gewährleistung erforderten den Kauf des Service vom Hersteller, ist schlicht vorgeschoben. Wer immer eine Gesamtlösung anbietet, muß auch Haftungs- und Gewährleistungsverpflichtungen übernehmen - das gilt für seine eigene und die Gesamtleistung. Selbst in dem Fall, daß der Auftraggeber die Generalunternehmerschaft für sich reserviert, dürfte eine Mitwirkungspflicht zum Gelingen der Gesamtlösung nicht zu vermeiden sein.

Neueste Untersuchungen sagen aus, daß zum Beispiel für Fertigungsplanungs- und -steuerungspakete keine Standards abzusehen sind und hier Integrations- und Anpassungsarbeiten erheblich nachgefragt werden. Der Prozeß, in dessen Verlauf ein Paket ausgewählt beziehungsweise abgelehnt und die damit verbundenen weiteren Aufwendungen bestimmt werden, ist langwierig muß jedoch durchgestanden werden. Nur so kann tatsächlich die wirtschaftlichere Lösung gefunden werden. Fragen der Haftung und Gewährleistung sind zwar nicht belanglos, stehen aber beim ersten Schritt keineswegs im Vordergrund.

Kein Anbieter von DV-Lösungen, mag er noch so groß sein, behauptet von sich, daß er eine Gesamtlösung aus eigenen Produkten anbieten könne. Jeder muß dazukaufen und integrieren, um solch eine Lösung zu offerieren. Nicht umsonst legen sich alle bedeutenden Anbieter heute "Professional and Integration Services" zu, bauen Dienstleistungskapazitäten neben ihren Produkten auf und sind bereit, Generalunternehmer auch für heterogene Welten und für Third-Party-Produkte zu werden.

Situation für kleine User besonders unbefriedigend

Eine solche Marktstrategie bedeutet Wachstum und entspricht dem Kundenbedürfnis nach Anwenderlösungen. Sogar kleinere DV-Anwender investieren in Beratung, bevor sie sich auf Lösungsaussagen einlassen. Die heutigen Möglichkeiten der Standardpakete sind auch und gerade für diese Kunden noch äußerst unbefriedigend.

Der Wunsch und der Bedarf mit Hilfe von Standard-Anwendungspaketen eine wirtschaftliche und schnelle Lösung zu realisieren, ist weiterhin vorhanden. Aber nur mit neuen Ansätzen wie "Customized Versions" und "Particular Vertical Markets" ist diese Marktforderung zu befriedigen. Versuche und Entwicklungen laufen bereits, versprechen marktgerechtere Lösungsansätze, werden aber ebenfalls Integrations- und Anpassungsaufwand erfordern.

Ein nachweisbar besserer Ansatz ist die Verwendung von Softwareproduktionsumgebungen (SPUs), auch CASE-Werkzeuge genannt. Mit Hilfe dieser SPUs lassen sich Anwendungen wirtschaftlicher, transparenter und flexibler realisieren und warten - ganz gleich, ob Standardpakete verfügbar oder ob Individualarbeiten zur Verwirklichung einer Gesamtanwendung erforderlich sind.

Entscheidend bei der Auswahl eines CASE-Tools ist vor allen Dingen die Offenheit des Systems. Die Umgebung muß bestehende Methoden und Werkzeuge einbinden und somit bereits getätigte Investitionen schützen oder sogar verbessern können. Offenheit bedeutet auch, daß weitere Werkzeuge einsetzbar sind, falls das aus Anwendersicht erforderlich sein sollte - und zwar unabhängig von der Anbieterfrage.

Wartungsaspekt schlägt kostenmäßig voll durch

Außerdem müssen diese SPUs in einer heterogenen DV-Welt verwendet werden können. Der Anwender sollte unbelastet von rein hardwaretechnischen Überlegungen in der Lage sein, neue Produkte einzusetzen, falls er davon einen Nutzen hat. Denn die Hardwaretechnologie schlägt in einem etwa jährlichen Rhythmus um; die Software muß jedoch aus Betriebs- und Ressourcen-Zwängen 10 bis 15 Jahre leben. Von daher ist der Wartungsaspekt einschließlich der Möglichkeit von Erweiterungen beachtenswert und schlägt kostenmäßig voll durch.

Überdies muß die SPU alle Phasen der Entwicklung und Wartung der Anwendersoftware sowie die Durchgängigkeit der Entwicklung abdecken und sicherstellen. Dazu gehören neben der Erstellung von Pflichtenheften, der Änderungskontrolle und der Projektmanagement-Unterstützung eine einheitliche Vorgehensweise und Dokumentation sowie die Projektkommunikation.

Der Markt für die Softwareproduktionsumgebungen wächst zur Zeit um 40 Prozent im Jahr. Die damit erreichbaren Produktivitätsvorteile für Neuentwicklung und Wartung von Anwendersystemen sind aus jahrelangen Einsatzerfahrungen quantitativ nachweisbar - insbesondere dort, wo Gesamtlösungen, nicht technische und vertragliche Einzelaspekte, gefordert sind.