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18.07.2006

CEP verheißt den Blick in die Zukunft

Mit Complex Event Processing versprechen IT-Hersteller ein Radarsystem für die Unternehmenssteuerung. Noch fehlt es an verlässlichen Standards für den praktischen Einsatz.
Finanzdienstleister agieren in einer globalen
Finanzdienstleister agieren in einer globalen

Von CW-Redakteur

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578012: SOA 2.0 - zu schnell für die Anwender?

577703: Oracle baut Event Processing in seine Middleware ein;

574470: BI ist nicht mehr der Nabel der Welt.

SOA und Events

Agilität und Flexibilität - mit diesen Attributen werben SOA- und Event-Processing-Anbieter gleichermaßen. Beide Konzepte ergänzten sich, argumentieren Analysten des Beratungshauses Gartner. Für die Kombination aus SOA und Event Processing haben sie das Kürzel SOA 2.0 erfunden. Mit seiner "Event-Driven Architecture Suite" ist kürzlich auch Oracle auf diesen Zug aufgesprungen.

Wolfgang Herrmann

Wie erkennt ein Mobilfunkanbieter in Echtzeit, wenn ein Service nicht korrekt funktioniert? Wie erfährt eine Bank zeitnah, wenn plötzlich mehr Kreditanträge als üblich storniert werden? Wie erkennt ein Online-Anbieter neue Trends im Kaufverhalten der Kunden? Solche Fragen lassen sich mit Hilfe von Complex Event Processing beantworten, werben die Protagonisten.

Die auch unter dem Begriff Ereignis-orientierte Verarbeitung bekannte Softwarekategorie ist zwar nicht ganz neu, gewinnt aber im Zusammenhang mit Service-orientierten Architekturen (SOA) an Bedeutung (siehe Kasten "SOA und Events"). Großes Ziel ist eine Art Radarsystem, das es Unternehmen erlaubt, schneller auf Veränderungen zu reagieren: Ereignismuster unmittelbar erkennen und Reaktionen anstoßen - so beschreibt Wolfgang Kelz vom US-amerikanischen Softwarehersteller Tibco das Funktionsprinzip der CEP-Tools.

Ereignisflut

David Luckham, CEP-Experte an der kalifornischen Stanford University, spricht von typischen Informationsproblemen, die sich damit lösen ließen. Verursacht würden sie von der "globalen Ereigniswolke", in der sich international tätige Unternehmen bewegten. Am Beispiel eines Finanzdienstleisters erläutert er, wie der Aktienmarkt von einer kaum überschaubaren Ereignisflut beeinflusst wird (siehe Grafik "Globale Ereigniswolke"): Unternehmen gehen an die Börse, die Zentralbank regelt die Höhe der Leitzinsen, Online Trader handeln Wertpapiere, Broker und Hedgefonds agieren in vielfältiger Weise. CEP-basierende Analyse-Tools erkennen aus der Masse der Events Muster, setzen Szenarien ins Bild oder generieren Warnungen. Auch Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge ließen sich auf diese Weise identifizieren, so der Wissenschaftler. Entscheidend sei, diejenigen Ereignisse in Echtzeit aufzuspüren, die Geschäftsziele beeinflussen können. Luckham: "Nach Börsenschluss ist es zu spät."

Die Möglichkeiten, Muster aus Echtzeitdaten zu erkennen und zu analysieren, hätten eine kritische Masse erreicht, schreibt Tibco-CEO Vivek Ranadivé in seinem Buch "The Power to Predict". Damit ließen sich künftige Ereignisse mit einer hohen Wahrscheinlichkeit vorhersagen. Kombiniert mit der Fähigkeit, rasch zu handeln, ergäben sich völlig neue Geschäftschancen. "Predictive Business" nennt der Manager diese schöne neue Welt; mit Hilfe von Software-Tools aus dem eigenen Haus soll sie Wirklichkeit werden.

Nicht ganz so visionär klingen Luckhams Ausführungen zur Relevanz von CEP für die IT-Infrastruktur eines Unternehmens. Er beschreibt sie mit dem Schlagwort "IT to Management Insight". Dahinter verbirgt sich die Fähigkeit, Ereignismuster in IT-Schichten zu erkennen und deren Auswirkungen auf Prozesse und Geschäftsziele vorherzusagen. Eine Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen, böten Tools für das Business Activity Monitoring (BAM), so Luckham. Sie überwachen einfache Ereignisse (Simple Events) mit Hilfe von Statusmeldungen, die beispielsweise über Dashboards angezeigt werden. Die Interpretation der Statusinformationen erfolge dabei im Kopf der Benutzer: "Die Tools erlauben keine Vergleiche mit komplexen Ereignismustern und auch keine Kombinationen von Ereignissen aus unterschiedlichen Quellen." Eine globale Übersicht müsse der Anwender aus eigener Kraft schaffen, BAM-Lösungen seien deshalb nur eingeschränkt einsetzbar.

Gartner-Analyst Roy Schulte grenzt Event-Processing-Systeme auch von klassischen BI-Werkzeugen ab (Business Intelligence): "Event-Processing-Tools können Muster erkennen, die traditionelle Werkzeuge nicht sehen." Sie nutzten etwa erheblich mehr Daten als BI-Werkzeuge und stellten Event-Informationen automatisch und in Echtzeit zur Verfügung: "CEP ist eine natürliche Erweiterung von BI."

Wie funktioniert CEP?

Die Kernelemente der neuen Tools bilden in der Gartner-Diktion Event Processing Agents (EPAs) - kleine Programme, die kontinuierlich Anfragen gegen Daten aus Ereignisströmen fahren. Sie nutzen Regeln, um Ereignisse zu filtern, zu korrelieren und zu komplexeren Ereignissen (Complex Events) zu aggregieren. Softwareagenten vergleichen Events mit vorher definierten Mustern und identifizieren beispielsweise solche Ereigniskonstellationen, die vorgegebene Restriktionen verletzen. Regeln können etwa in einer Event Processing Language (EPL) formuliert sein, so Schulte. Doch es gibt auch andere Wege. So greift Tibco mit seiner Software "BusinessEvents" auf eine CEP-Engine zurück, die ähnlich wie eine Rules Engine funktioniert und so genannte Zustandsübergangstabellen nutzt. Tibco-Manager Scott Fingerhut beschreibt den Nutzer der Software so: "BusinessEvents zeigt dem Management, wie ein Router das Netz beeinflusst, wie das Netz die Anwendungen und diese wiederum die Geschäftsprozesse beeinflussen."

Zu den potenziellen Killerapplikationen für CEP zählt Gartner unter anderem den Echtzeithandel in der Finanzbranche, die Verwaltung von RFID-Netzen, Supply-Chain-Management (SCM) und Betrugserkennung. Anhand typischer Transaktionsmuster ließen sich mit Hilfe von CEP beispielsweise Kreditkartenbetrüger aufspüren. Bis zum Jahr 2008 werde mehr als die Hälfte der Großunternehmen CEP im Kontext von Business-Anwendungen einsetzen, prognostizieren die Analysten.

Etliche Softwarehäuser sind bereits auf den Zug aufgesprungen, darunter Spezialanbieter wie Actimize, Decision Point oder Systar. Andererseits integrieren die Großen der Softwarebranche CEP-Techniken in ihre Integrations- und Middleware-Portfolios. Neben Tibco zählen dazu etwa Sun mit dem Seebeyond-System "eBAM", Webmethods mit "BAM and Optimize" oder IBM mit dem "Websphere BI Message Broker".

Hürden für Event Processing

Doch wie so häufig bei neuen Techniken mangelt es für den Einsatz an verlässlichen Standards. So funktioniert etwa Tibcos CEP-Engine nur in der eigenen Welt, einen Standard für die von Gartner propagierte Event Processing Language gibt es noch nicht. Mit der Common Event Infrastructure (CEI) legte IBM einen ersten Entwurf für CEP-Standards vor. Er basiert auf dem XML-Schema Common Base Event (CBE), das der Hersteller dem Standardisierungsgremium Oasis zur Prüfung vorgelegt hat. Die Entscheidung steht aus. Eine zusätzliche Hürde sieht Schulte in dem unzureichenden Wissen der meisten Softwareentwickler. Kopfzerbrechen dürfte IT-Verantwortlichen zudem eine weitere Gartner-Prognose bereiten: Die durch Event Processing verursachte Netzlast soll sich von 2006 bis 2011 jedes Jahr verdoppeln.