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17.08.1990 - 

Einmal ausgelagert kehrt die DV nicht mehr zurück

Chance und Gefahren von DV aus der Steckdose

Schon lange suchen die Anbieter in der Computerbranche einen Ersatz für den ausgelaugten Hardwaremarkt. Am chancenreichsten erscheint hier der Servicebereich - je umfassender desto lukrativer. Am besten der Anwender gibt gleich seine gesamte Datenverarbeitung in die Hände des Dienstleisters. Outsourcing und Facilities Management heißen die Schlagworte dafür. Vor allem in den Vereinigten Staaten, aber auch in England und Frankreich hat dieses Konzept Anhänger gefunden. Hierzulande stößt es allerdings nach wie vor auf tiefes Mißtrauen. Kein DV-Leiter, keine Geschäftsleitung gibt leichten Herzens einen zentralen Unternehmensbereich in fremde Hände. Das Gespenst der Abhängigkeit geht um. Gleichzeitig aber lockt die Vorstellung, DV-Leistungen wie Strom aus der Steckdose zu bekommen. CW-Redakteur Hermann Gfaller ist der Outsourcing Frage nachgegangen.

Marktanalysen bestätigen den Optimismus der DV-Dienstleister nur zum Teil Während die Bostoner Yankee Group das Marktvolumen für 1989 weltweit auf immerhin 29 Milliarden Dollar schätzt, geht IDC nur von knapp 1,5 Milliarden Dollar aus. Auch die derzeitige Wachstumsrate von elf (IDC) beziehungsweise 17 (Input) Prozent erreicht gerade eben eine Marke, wie sie im Softwarebereich üblich ist.

Hinzu kommt, daß die Wirtschaftlichkeit einiger Anbieter nicht im freien Wettbewerb gemessen werden kann. Nicht wenige machen wie die General-Motors-Tochter EDS - einer der größten in dieser Branche - das meiste Geld mit Aufträgen ihrer Konzernmutter. Bei diesen Dienstleistern handelt es sich im Grunde um ausgelagerte DV-Zentren, die ihre Leistungen - quasi als Zubrot - auch am Markt anbieten.

Trotzdem denken immer mehr Unternehmen darüber nach, ob sie ihre DV außer Haus geben sollen. In den USA ist Outsourcing nach Erkenntnissen der Yankee Group für alle Unternehmen, die zu den "500 Fortunes" zählen, ein ernstzunehmendes Thema; ein Fünftel davon werde wohl im Laufe der kommenden Jahre einen entsprechenden Vertrag unterzeichnen.

Eines der ersten deutschen Unternehmen, die ihre Datenverarbeitung vollständig in fremde Hände gelegt hat, ist die Motorenwerke Mannheim AG (MWM). Da die Rüsselsheimer EDS Tochter die Hauptlast der Arbeit trägt, wie Vorstandsvorsitzender Gerhart Peleschka berichtet, kommt MWM mit nur noch drei DV-Mitarbeitern aus, die als "Schnittstelle" für die Fachabteilungen fungieren.

Peleschka hat das Outsourcing-Konzept in den USA kennengelernt, wo es sich seiner Meinung nach bewährt hat. Während nicht nur dort viele Anwender durch Outsourcing vor allem ihre DV Kosten senken wollen, stellt der MWM-Manager technologische Gesichtspunkte in den Vordergrund: "Der Hauptvorteil besteht darin, daß wir ständig auf dem neuesten technischen Stand sind, ohne selbst dafür große Anstrengungen machen zu müssen." Mittelständischen Unter nehmen, wie dem seinen, falle es gerade im Bereich der DV-gestützten Kommunikation immer schwerer, mit der Entwicklung Schritt zu halten.

Die Datenverarbeitung auszulagern ist eine grundsätzliche Entscheidung. Peleschka begründet sein Votum damit, daß sich ein Unternehmen nicht über seine Software, sondern mit den eigentlichen Produkten und Dienstleistungen profilieren sollte. Auch wenn er ein räumt, daß die DV hier entscheidend zu einem Erfolg beitragen kann, gilt für Peleschka: "Solange sie funktioniert, interessiert sie den Kunden nicht."

Hier stimmt ihm Georg Rampf, Org./DV-Leiter der Ulmer Kässbohrer Fahrzeugwerke GmbH zu: "Es ist, als kämen die DV-Leistungen aus der Steckdose. Man zahlt dafür, und die Technik dahinter kann einem im Grunde egal sein." Trotzdem kommt für ihn Outsourcing derzeit aus mehreren Gründen nicht in Frage.

Zum einen hat Kässbohrer laut Rampf die Datenverarbeitung in einem Maße integriert, daß eine teilweise Auslagerung einzelner Bereiche kaum mehr möglich ist. Andererseits verspricht er sich von einer totalen Auslagerung keine wirtschaftlichen Vorteile. Sein Argument:

"Unsere DV-Anforderungen sind so komplex, daß wir eine ganze Reihe teurer Sonderleistungen in Anspruch nehmen müßten, die den ursprünglichen Kostenvorteil einer Auslagerung auffressen würden."

Vor allem aber teilt Rampf das Mißtrauen vieler Anwender, die durch den irreversiblen Schritt des Outsourcing ihre Handlungsfreiheit eingeschränkt sehen. Für ihn ist die Abhängigkeit vom DV Dienstleister wesentlich höher als die bestehende vom Hardwarelieferanten. "Den Hersteller kann man notfalls wechseln", argumentiert er, "bei einem Outsourcing-Unternehmen ist das weit schwieriger."

Einen ähnlichen Standpunkt nimmt Bernd Tröndle DV-Leiter der Agrippina Versicherung in Köln, ein. Für ihn stellt die Auslagerung des Rechenzentrums oder gar der gesamten Datenverarbeitung eine grundsätzliche Fehlentwicklung dar. Nach seiner Beobachtung kommt "die Begeisterung, von der man allenthalben liest, mehr von den Anbietern als von denen, die die RZ-Dienste in Anspruch nehmen." Auch wenn er die möglichen Kostenvorteile des Outsourcing sieht, steht für Tröndle das Problem der Abhängigkeit im Vordergrund.

MWM-Vorstandsvorsitzender Peleschka mag diese Befürchtungen nicht teilen. Seiner Ansicht nach ist die Abhängigkeit weit geringer, als viele Anwender annehmen. "Unser Vertrag ist so ausgelegt, daß wir unsere Software selbst bestimmen können", belegt er seine Behauptung, "wenn dadurch Mehrkosten beim DV-Anbieter entstehen, dann muß er sie uns erst nachweisen, bevor er sie in Rechnung stellen kann." Peleschka räumt allerdings ein, daß Sonderwünsche immer einen etwas höheren Preis haben.

Auch Rüdiger Lang, geschäftsführender Gesellschafter der Agens Consulting GmbH, Ellerau, hält die Abhängigkeit vom DV-Dienstleister für weniger gravierend als befürchtet. Schließlich könnten unzufriedenen Kunden ja den Anbieter wechseln. Er räumt allerdings ein, daß diese Möglichkeit um so eingeschränkter sei, je mehr der Anwender Batch-Verarbeitung betreibe und individuelle Software einsetze.

Mit dem laut Lang unumkehrbaren Trend zur Dialogverarbeitung und zu Standardprodukten verliert diese Einschränkung zunehmend an Bedeutung. Wer modular aufgebaute Standardsoftware einsetze, fände schon heute alternative Anbieter.

Als weitere Bedingungen für die sinnvolle Auslagerung der DV nennt der Unternehmensberater den Wechsel von der Batch zur Dialogverarbeitung sowie den Aufbau einer Netzwerk-Infrastruktur. "Wo Dialogverarbeitung betrieben wird", erläutert Lang, "kann ein ausgelagertes Rechenzentrum als zentraler Datenhalter dienen, das feste Dialogzeiten, Softwarestabilität und Rundum-Service garantiert. Damit der Standort des Rechenzentrums bedeutungslos wird, ist allerdings ein gewisses Niveau der Netzverbindungen erforderlich."

Der zentrale Punkt liegt für ihn jedoch in den Kosten. Langs Erwartung: "In drei bis fünf Jahren, wenn die technischen Voraussetzungen geschaffen sind und der Leidensdruck über die anwachsenden Budgets wächst, kommt auch die Bereitschaft über Outsourcing nachzudenken".

Bleibt, daß sich die einmal getroffene Entscheidung für eine Auslagerung der Datenverarbeitung nicht mehr rückgängig machen läßt. DV-Leiter Rampf und Tröndle nennen den Grund: Wer die DV weggibt, der läßt auch das entsprechende Know-how ziehen. Damit wird es fast unmöglich, sich im Bedarfsfall die DV zurück ins Unternehmen zu holen.

Diesem Argument setzt Unternehmensberater Lang eine Form von Outsourcing entgegen, wie sie vor allem bei Großunternehmen gängig ist. So haben General Motors und die Aachen-Münchener-Versicherung durch die Gründung einer Tochtergesellschaft ihren DV-Bereich innerhalb des Konzerns ausgelagert.

Der Vorteil dieser Lösung liegt auf der Hand. Nun ist nicht mehr der DV-Auftraggeber, sondern der Dienstleister in der Position des Abhängigen. Diese Möglichkeit ist nicht nur großen Konzernen vorbehalten. Lang: "Es gibt keinen Grund, warum sich nicht mehrere mittelständische Unternehmen zusammentun könnten, um gemeinsam ein Unternehmen zu gründen, das ihnen die Datenverarbeitung abnimmt." Die DV-Dienstleister macht diese Form der "Inhouse Outsourcing" allerdings überflüssig.

Aber auch ohne die Gründung einer DV-Tochter lassen sich die Risiken verringern. So konnte sich die Stuttgarter Porsche AG ihre DV-technische Eigenständigkeit bewahren, indem sie ausschließlich den Bereich des Computer Aided Designs (CAD) ausgelagert hat. Die Stuttgarter betrachten Outsourcing vor allem als Möglichkeit, für spezielle Anwendungsbereiche Know-how zu gewinnen.

Aufgrund dieser Haltung kommt Helmut Dorfmüller, Organisationsleiter des Sportwagen-Herstellers, zu dem Schluß: "Es kann nicht darum gehen, die gesamte Datenverarbeitung außer Haus zu geben - auch wenn die Anbieter noch soviel dafür werben."

Diese Einstellung scheint auch bei den Information-Managern in den Vereinigten Staaten verbreitet zu sein, die sich durch Outsourcing vor allem einen besseren Zugriff auf moderne Netztechnologien verschaffen wollen. So meldet die "Network World", eine amerikanische Schwesterpublikation der CW, daß neue US-Unternehmen einen Vertrag über einen sogenannten "Commax-Service" abgeschlossen haben.

Die Dienstleistung besteht in diesem Fall darin, daß den Kunden ein internationales Netz aufgebaut wird, was ihnen unter anderem die mühselige Suche nach qualifizierten Netzwerk-Fachleuten im Ausland erspart. Außerdem müssen sie sich nicht mit den nationalen Postbestimmungen herumschlagen. Commax ist ein Zusammenschluß der Britisch Telecommunication PLC mit der MCI International Inc. und der Kokusai Denshin Denwa Ltd.

Doch bei aller Begeisterung der Amerikaner für das Outsourcing findet sich auch dort ein gerütteltes Maß an Skepsis, wie das Beispiel der Avon Products Inc. zeigt. Die Angebote der DV-Dienstleister haben die Konzernmanager dort dazu veranlaßt, ihre DV-Kosten unter die Lupe zu nehmen. Das Ergebnis: Statt der Auslagerung der Datenverarbeitung wurde die Arbeit von sechs Rechenzentren optimiert, wodurch sich für Avon im kommenden Jahr Einsparungen von rund drei Millionen Dollar ergeben sollen. Raymond Perry, Vice-President für Information Systems bei Avon, kommt daher zu dem Schluß :"Der Hauptnutzen des Outsourcing ist, daß es einen Grund liefert, die DV-Arbeit zu überdenken und zu optimieren." gfh