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16.11.1990 - 

Verluste steigen weiter, Gewinn nicht vor 1992 erwartet

Chef der maladen Bull-Gruppe-verbreitet Durchhalte-Parolen

PARIS/KÖLN (bk) - Angesichts der immer größer werdenden Verluste bei der französischen Gruppe Bull setzt Konzernchef Francis Lorentz noch einmal energisch den Rotstift an. In den kommenden zwei Jahren sollen weltweit sieben Werke aufgegeben und 5000 Mitarbeiter- entlassen werden.

Auf rund 2,88 Milliarden Franc (etwa 850 Millionen Mark) wird der Fehlbetrag der Bull-Gruppe nach Prognosen von Francis Lorentz zum Jahresende gestiegen sein. Nun, so äußerte er sich in Frankreich, müsse man die Anpassung des Unternehmens an die tiefgreifenden Strukturveränderungen des Marktes, die für einen Zeitraum von vier Jahren vorgesehen war, innerhalb der nächsten zwei Jahre bewältigen. Dadurch erhofft sich Lorentz 1992 die Rückkehr zur Profitabilität.

Der jetzt angekündigte Plan zur Umgestaltung der Gruppe Bull umfaßt neben einem Personalabbau von 5000 Mitarbeitern in den kommenden 14 Monaten (davon 2500 in den USA, 1100 in Frankreich und 1400 im restlichen Europa) auch eine drastische Reduzierung der Produktionsstätten.

Sieben von 13 Werken wollen die Franzosen bis Ende 1992 schließen beziehungsweise verkaufen.

Bestehen bleiben sollen die Fertigungsstätten im französischen Angers und in Boston, wo hauptsächlich die Großrechner von Bull produziert werden, die Mikrocomputerfabriken in Villeneuve d'Asq und St. Joseph/ Michigan sowie das neue Peripherie-Werk in Belfort und eine kleinere Fabrik in Italien, wo Drucker gefertigt werden. Die Gesamtverantwortung für die weltweite Fertigung trägt fortan Jean Claude Albrecht, der Präsident der Bull SA.

Gleichzeitig ordnet die Bull-Gruppe ihre europäischen Aktivitäten neu. Die Geschäfte in Italien und Großbritannien, die bislang in den Zuständigkeitsbereich der amerikanischen Bull HN Information Systems fielen, werden zum 1. Januar 1991 der Bull International SA angegliedert, die unter der Leitung von Didier Ruffat steht. Damit wollen sich die Franzosen nicht zuletzt auf den bevorstehenden europäischen Binnenmarkt vorbereiten.

Beschleunigen will der französische DV-Konzern auch sein Langzeit-Forschungsprojekt zur Entwicklung einer einheitlichen Systemarchitektur, die das proprietäre Betriebssysteme GCOS von Bull und Unix verbindet. Dieses Vorhaben wird auf elf Milliarden Franc veranschlagt. Wie verlautete, erwäge derzeit die französische Regierung, sich im Rahmen eines Fünfjahresvertrages mit knapp einem Viertel an den Kosten zu beteiligen.

Zusammengefaßt werden außerdem die Aktivitäten der Bull SA und der Bull HN im Fernen Osten. Sie sollen fortan von den Amerikanern gemanagt werden.

So hoffnungvoll Lorentz in das Jahr 1992 schaut, von dem er sich den Sprung zurück in die Gewinnzone erwartet, so skeptisch beurteilen Branchenbeobachten diese Erwartung. Das Restrukturierungsprogramm kommt ihrer Meinung nach zu spät und ist nicht ausreichend.

Daniel Lebourhis, Computeranalyst bei der Pariser Dataquest-Dependance, erklärte gegenüber dem "Wall Street Journal": "Nach meinen Berechnungen müßte Bull noch weitaus drastischere Kostenreduzierungsmaßnahmen vornehmen und auch noch mehr Personal entlassen." Darüber hinaus sehe er für das Unternehmen die Notwendigkeit, strategische Allianzen mit anderen Computerherstellern einzugehen, wenn es überleben wolle.

Dadurch könne sich Bull zu einem starken Spezialisten entwickeln, was der Existenz eines schwachen Generalisten vorzuziehen sei.

Doch Lorentz will von solchen Maßnahmen, die vor einigen Wochen bereits Industrieminister Roger Fauroux "angeregt" hatte, nichts hören. Eine "Ehe" mit einem anderen Europäer stünde für die nächsten drei bis fünf Jahre nicht zur Debatte, zumal mögliche potentielle Partner momentan ebenfalls nicht allzuviel Geld verdienen würden, zitiert das "Wall Street Journal" den Konzernchef.

Bei der Kölner Bull AG scheint derweil alles seinen normalen Gang zu gehen. Pressesprecher Jörg M. Pläsker erklärte, man sei von den Entlassungen nicht betroffen. "Zu bedeutenden Personalbewegungen wird es bei uns in Deutschland nicht kommen, nicht zuletzt deshalb, weil wir bereits seit einigen Jahren eine Personalpolitik mit Augenmaß geführt haben." Außerdem böten sich durch die neuen Aktivitäten in Ostdeutschland zusätzlich Möglichkeiten der personellen Umschichtung".

Was die finanzielle Situation der Kölner Vertriebstochter angeht, hielt sich Pläsker bedeckt. "Wir haben noch zwei starke Monate vor uns, deshalb läßt sich bislang nur sagen, daß die AG zum Jahresende keine roten Zahlen schreiben wird." An den Vorjahresgewinn von 4,5 Millionen Mark werden die Kölner wohl auch nicht herankomen. Pläsker: "Wir haben genauso mit den schwierigen Marktbedingungen zu kämpfen wie alle anderen."