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02.07.1999 - 

Antitrust-Prozeß: US-Justiz punktet gegen die Gates-Company

Chefankläger führt Microsofts wichtigsten Zeugen vor

WASHINGTON D.C. (CW) - Vergangene Woche lief es nicht gut für die Gates-Company im Antitrust-Prozeß. Chefankläger David Boies nahm im Kreuzverhör den Microsoft-Zeugen Richard Schmalensee auseinander. Der Dekan am Massachusetts Institute of Technology (MIT) habe, so Boies Vorwurf, von dem Softwaregiganten viel Geld erhalten und dafür mehr als fragwürde Expertisen geliefert.

Anfang vergangener Woche schien alles planmäßig zu verlaufen. Als letzten Zeugen riefen die Microsoft-Verteidiger Schmalensee in den Zeugenstand. Dort "durfte" der Finanzexperte, der bereits früher im Prozeßverlauf ausgesagt hatte, seine Ansicht wiederholen, mit dem Internet Explorer von Microsoft könnten die Anwender heute auf eine bessere und günstigere Browser- und Computerplattform zurückgreifen. Der Konkurrenzkampf im Markt zwischen Netscape und Microsoft habe zu besseren Produkten geführt. Und dann setzte der MIT-Dekan noch einen drauf: Man habe es mit einem normalen Wettbewerbsszenario zu tun, vergleichbar mit der Situation in einer Kleinstadt, wo eine Handvoll Händler beginnen, dem angestammten Grossisten Konkurrenz machen. Letzteres hätte Schmalensee wohl besser für sich behalten, denn damit rief er den vorsitzenden Richter Thomas Jackson auf den Plan. Dieser sah sich jedenfalls prompt zu einem Kommentar veranlaßt: "Ich sehe darin eher das Wal-Mart-Phänomen", meinte der Richter lapidar mit Anspielung auf den US-Einzelhandelriesen. Und fügte hinzu: "Wo Wal-Mart ist, bleiben in der Regel die Wettbewerber weg."

Welche Firmen entwickeln Browser-basierte Produkte?

In der Folge wollte Jackson von Schmalensee Beispiele von Firmen genannt bekommen, die ausschließlich auf der Basis eines Browsers lauffähige Programme entwickelt und auf den Markt gebracht haben, die eine Bedrohung für das "Betriebssystem" Windows darstellen. Hier zeigte sich der Microsoft-Zeuge jedoch Montag vergangener Woche blank: Einzig und allein die Web-Version von Intuits Finanzsoftware "Quicken" fiel ihm ein.

Tags darauf hatten die Microsoft-Anwälte dann ihren Top-Zeugen für das plötzliche "Interesse" von Richter Jackson sowie das abschließende Kreuzverhör gut vorbereitet. Ausstaffiert mit jüngsten Pressemitteilungen von den Firmen AOL, 3Com und Inergy, in denen angeblich einschlägige Produkte angekündigt werden, sollte Schmalensee in die Schlacht ziehen. Doch Microsoft (und der MIT-Dekan) hatten nicht mit Chefankläger Boies gerechnet. Denn der Staranwalt kam nach einem Bericht des Branchen-Informationsdienstes "Computergram" zunächst auf etwas anderes zu sprechen. 800 Dollar pro Stunde sowie Extra-Boni von schätzungsweise 200 000 Dollar habe der Wissenschaftler in den vergangenen zwei Jahren von Microsoft für seine "objektiven Untersuchungen" kassiert. "Wollen Sie uns weismachen, daß Ihre gesamte Expertise ausschließlich auf solchen Materialien beruht?" fragte Boies Schmalensee. Und der war angesichts des mehr oder weniger unverhohlenen Bestechungsversuches wieder blank.

Genüßlich hielt Boies dem MIT-Dekan daraufhin noch eine Passage aus dessen erster Aussage vor. Dort hatte der Microsoft-Zeuge behauptet, renommierte PC-Hersteller wie IBM und Dell würden ihre Rechner zum Teil auch ohne vorinstalliertes Betriebssystem ausliefern, so daß die Anwender hier die freie Wahl - im Zweifel also sogar zugunsten einer "Linux-Box" - hätten. "Sind Sie sich dessen wirklich sicher?, fragte der Anklagevertreter Schmalensee unter Anspielung auf die längst bekannte Tatsache, daß Microsoft selbst beim Branchenführer IBM in Sachen Lizenzierung mehrmals hatte die Muskeln spielen lassen. Der MIT-Dekan hatte denn auch hier nur eine ausweichende Antwort parat: "Microsoft hat natürlich etwas gegen PC-Hersteller, die ihre Geräte nicht mit einem Betriebssystem vorkonfigurieren - aber nur, um das Problem der Softwarepiraterie so gering wie möglich zu halten." Da fiel dann auch dem Chefankläger nichts mehr ein. Außerhalb des Gerichtssaales äußerte sich Boise jedoch vernichtend über Schmalensee: "Microsofts Markt- und Finanzexperte weiß nicht, worüber er redet."

Auch die nach Darstellung Microsofts untrennbare Verbindung von Windows 98 und dem Browser "Internet Explorer", einer der strittigsten Punkte im Antitrust-Verfahren, rückt nach den jüngsten Entwicklungen wieder stärker in den Mittelpunkt des Geschehens. Auslöser war die Befragung des Computerexperten Edward Felten durch Richter Jackson. Felten war im Microsoft-Prozeß schon früher als Zeuge der Anklage aufgetreten.

Jackson wollte von Felten wissen, inwieweit die Auswahl oder die Installation eines Browsers generell Sicherheitsfragen von Anwendern berühre. Felten, der unter anderem Leiter des Secure Internet Programming Laboratory an der Universität Princeton ist, antwortete, es bestehe mit Browsern immer die Gefahr, daß Benutzer Viren aus dem Internet laden. Damit könne die Sicherheit eines Unternehmens beeinträchtigt werden. Manche IT-Verantwortliche würden auf die Installation von Browsern verzichten, um solche Risiken auszuschließen.

Felten hatte im Dezember 1998 ausgesagt, mit einem von ihm entwickelten Programm ließen sich Browser und Betriebssystem trennen, ohne daß die Funktionsfähigkeit von Windows dadurch beeinträchtigt werde. Microsoft versuchte daraufhin, mit einem manipulierten Videofilm die Untrennbarkeit von Betriebssystem und Browser zu belegen (siehe CW 6/99, Seite 12). Die Vorführung des Films durch den Senior Vice-President James Allchin gilt als einer der peinlichsten Auftritte eines Microsoft-Vertreters seit Beginn der Verhandlung.

Felten war nach der Wiederaufnahme des Monopolprozesses am 1. Juni der letzte von drei Zeugen der Anklage. Die Verteidiger Microsofts bestellten danach den AOL-Manager David Colburn in den Zeugenstand. Colburn war an den Verhandlungen zur Übernahme Netscapes durch AOL im November 1998 beteiligt gewesen. Microsofts Anwalt James Warden konfrontierte Colburn unter anderem mit einer E-Mail des AOL-Chefs Steve Case vom September 1998, in der dieser die Möglichkeit anspricht, den mit der AOL-Software ausgelieferten Browser "Internet Explorer" gegen Netscapes "Navigator" auszutauschen. Diesen Schritt hat AOL bis heute nicht vollzogen.

Auf Antrag von Boies mußte Warden dann auch die Antwort von AOL-President Robert Pittman auf besagte E-Mail dem Gericht präsentieren. Diese wiederum stützt die Position der Staatsanwälte: Pittman schrieb seinem Kollegen Case seinerzeit, Microsoft sei "zu stark, um ausgeschlossen zu werden (...) Sie könnten uns sehr schaden, wenn sie keine andere Möglichkeit mehr sehen. Wir sollten mit ihnen im Geschäft bleiben."

Auch der Auftritt des ehemaligen Symantec-Chefs Gordon Eubanks trug wenig dazu bei, die Position Microsofts zu stärken. Eubanks, inzwischen CEO des Softwareherstellers Oblix, sprach unter anderem von einer Bedrohung Microsofts durch eine wachsende Zahl von Entwicklern, die ihre Programme nicht für die Windows-Plattform, sondern für Web-Browser schrieben. Damit gab er den Vertretern der Anklage die Chance, eine "schwarze Liste" aus dem Hause Microsoft zu präsentieren, die offensichtlich dazu gedacht ist, Sanktionen gegen mißliebige Softwarehäuser einzuleiten. Die Liste ist in die Kategorien "Freunde", "Feinde" oder "Neutral" unterteilt. Die Feinde entwickeln nach dieser Diktion Technologien, die Microsofts Interessen im Wege stehen, sprich Software, die nicht für Windows geschrieben ist. Ein Microsoft-Manager schlägt in dem Papier vor, die Lizenzierung des Quellcodes von Windows NT an 13 kleinere Softwarehäuser zu beschränken.

Um diesen Punkt geht es unter anderem in dem Verfahren, das Bristol Technology gegen Microsoft angestrengt hat. Ohne den kompletten Quellcode, den Microsoft Bristol versprochen habe, sei der Hersteller nicht in der Lage, Kernprodukte wie "Wind/U" weiterentwickeln. Mit Hilfe von Wind/U lassen sich für Windows geschriebene Programme auf anderen Betriebssystemen wie Unix verfügbar machen.

Microsofts Anwalt Tom Burt versuchte die Bedeutung des Memorandums herunterzuspielen. Die Liste beziehe sich auf einen Nischenmarkt. Ein anderer Sprecher des Konzerns erklärte, die in dem Papier vorgeschlagenen Maßnahmen spiegelten nicht die offizielle Unternehmenspolitik wider und seien auch nicht realisiert worden. Das Schriftstück habe ein neuer Mitarbeiter verfaßt.