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13.03.1998 - 

Konkurrenzfähige Rechner - aber nur mit fremden Chips

China: Ein Gigant klopft jetzt an die Tür zum PC-Weltmarkt

Chinesische Käufer von PCs konnten sich jahrelang eigentlich nur zwischen zwei Alternativen entscheiden: Weit überteuerte und zugleich überalterte Geräte, die von lokalen Herstellern zusammengebaut wurden, oder quasi der letzte Schrei von US-Herstellern - High-tech-Equipment, das allerdings zum Großteil aus Schmuggelware bestand, die ein nicht gerade seriös anmutender Großhandel einführte. Diese "Marktbedingungen" haben sich in letzter Zeit geändert.

Prozessorgigant Intel zollte Chinesen Respekt

Als Intel vor rund einem Jahr auf "Roadshow" in mehreren chinesischen Großstädten ging, um seinen MMX-Mikroprozessor vorzustellen, wurde diese Veränderung deutlich. Immerhin acht lokale PC-Hersteller waren seinerzeit sofort auf den MMX-Zug aufgesprungen und zeigten nicht alte und nachgebaute Geräte wie früher, sondern glänzten mit PCs, die "state of the art" waren - etwa mit der Fähigkeit zum Videoconferencing. "Die chinesischen PC-Hersteller sind mit ihren Angeboten durchaus konkurrenzfähig", stellte denn auch James Jarett, Marketing-Verantwortlicher des Prozessorgiganten im Reich der Mitte, wohlwollend fest.

Die chinesischen PC-Companies sind also in ihrem Bemühen, den technologischen Rückstand zu den führenden Amerikanern aufzuholen, ein gutes Stück weitergekommen. Allerdings ist dies kein Verdienst der staatlichen Industriepolitik nebst ihrer Bürokraten, sondern rührt aus der Eigendynamik chinesischer Computerfirmen wie Legend Group oder anderer No-Name-Companies aus Pekings "Haidan"-Distrikt her. Auch die im Umfeld der Hersteller angesiedelten kleinen Zulieferer haben eine immer größere Zuverlässigkeit in puncto Qualitätskontrolle erreicht. Ergebnis: Die chinesische PC-Industrie hat mittlerweile eine Reife erreicht, die Markennamen wie IBM, Dell, Compaq oder AST zumindest bei "Brot-und-Butter-PCs" die Stirn zu bieten vermag. Desktops made in China sind billiger, (fast) ebenso modern und zuverlässig wie Importware.

Die Prognosen, denen zufolge China bedingt durch seine demographische Entwicklung (auch) zum weltweit größten PC-Markt avancieren dürfte, sind hinlänglich bekannt. Fest steht indes heute schont, daß das Reich der Mitte zumindest der derzeit am schnellsten wachsende IT-Markt ist. Denn was vielfach vergessen wird: Im Windschatten der Hardware-Spezialisten ist auch eine heimische Softwareindustrie entstanden, die mit größtenteils "chinaspezifischen" Produkten im Markt Erfolg hat.

Doch zurück zur Statistik: 1996 hatte der chinesische IT-Markt ein Volumen von umgerechnet 2,1 Milliarden Dollar. Bereits zur Jahrtausendwende soll selbiges auf über neun 9 Milliarden Dollar steigen - Wachstumsraten für die hiesigen Anbieter inklusive (siehe Kasten "PC-Markt im Reich der Mitte"). Die demzufolge jetzt erfolgreiche chinesische Computerindustrie dürfte aber vermutlich erst im Falle eines Eintritts Chinas in die Welthandelsorganisation (WTO) und der damit verbundenen Exportfreiheit so richtig zum Höhenflug ansetzen. Zum Vergleich: Ein "Made in China by chinese"-PC mit einem 166 MHz-Pentium-Mikroprozessor kommt für umgerechnet weniger als 1200 Dollar in den Handel und ist damit immerhin um 20 Prozent preisgünstiger als ein vergleichbarer Rechner von Weltmarktführer Compaq.

Erfolgsstory von Legend dürfte Nachahmer finden

Der erfolgreichste PC-Hersteller in China dürfte vermutlich Legend sein. In weniger als zwei Jahren schnellte der Jahresumsatz der Company auf 928 Millionen Dollar hoch; zugleich eroberte Legend Rang sechs im chinesischen PC-Markt, dicht hinter den internationalen Branchengrößen IBM und Compaq. Allein im vergangenen Jahr verkaufte das Unternehmen nach ersten Schätzungen der China Research Organisation in seinem Heimatmarkt rund 200000 PCs. Als früherer Hauptvertriebspartner von AST wurden bereits 26 Filialen mit mehr als 1000 Verkaufs- und Wartungsagenturen im Markt etabliert - ein Know-how und vor allem eine Infrastruktur, die sich jetzt beim Aufbau einer eigenen Distributionskette im wahrsten Sinne des Wortes bezahlt machen.

Gleichzeitig hat sich Legend aber auch früh im Ausland engagiert und verkauft beispielsweise seine Motherboards in insgesamt 26 Ländern. Was aber im Zweifel noch wichtiger ist: Das Unternehmen hat von Beginn an die Know-how-Beschaffung respektive den internationalen Erfahrungsaustausch hoch eingestuft. So hat Legend bereits 1993 als erster chinesischer Hersteller im Silicon Valley ein Design-Center eröffnet. Mit anderen Worten: Man ist bereit, auch im Ausland zu investieren - eine Einstellung, die (noch) nicht allen chinesischen Firmen zu eigen ist, wenn es darum geht, das eigene Produkt konkurrenzfähig zu machen. Unter anderem zahlt Legend jährlich zwölf Millionen Dollar an Microsoft für das Recht, die eigenen PCs mit der chinesischen Version von Windows 95 zu laden. Das verteuert zwar jeden Rechner um etwa 100 Dollar, verleiht aber nach Ansicht von Branchenkennern Legend ein nahezu konkurrenzloses Image in puncto Seriosität.

Legends Wettbewerber im eigenen Land bauen indes weitgehend auf die vielfältigen und relativ billigen Ressourcen vor Ort. Founder, ursprünglich ein Softwarehaus, wird beispielsweise von der Universität Peking "kontrolliert" und bekommt für seine 300 Mann starke Forschungsabteilung immer die besten Graduierten des Landes. Das Unternehmen hat 1997 ungefähr 100000 PCs produziert und dürfte damit den achten Rang auf dem chinesischen Markt behauptet haben. Doch was heißt dies schon in einem Markt, in dem einmal mehr alles in Frage gestellt wird. So muß zum Beispiel das noch 1990 den chinesischen PC-Markt dominierende Unternehmen Great Wall inzwischen kleinere Brötchen backen. Informa- tionsvielfalt, das Internet sowieso, aber auch zunehmende Werbung und die tiefergehende Markt- und Technologie-Kenntnis der Käufer machen jedenfalls den Überlebenskampf vor allem für die kleinen No-Name-Hersteller immer schwieriger.

Andererseits: Weitere "Legends" sind im Kommen (siehe nochmals Kasten "PC-Markt in Reich der Mitte") - ein anhaltendes Shake-out also, das in den kommenden Jahren noch für so manche Überraschung gut sein dürfte. Dies um so mehr, weil natürlich auch IBM und Compaq längst China als Markt entdeckt haben und dort zum Teil auch groß in den Bau von Fertigungsanlagen investieren. Und: Wenn besagte WTO-Mitgliedschaft der Chinesen greift und damit die Importschranken wegfallen, dürften auch die "Spitzencloner" aus Taiwan, Südkorea, Malaysia etc. ante portas stehen.

Zudem gibt es noch ein anderes, wenn man so will, strategisches Manko: Jeder einzelne Chip, jeder Prozessor und jeder DRAM muß importiert werden - oft genug aus dem verhaßten Taiwan. Im Gegensatz zu den USA, Japan, Südkorea oder Taiwan verfügen die Chinesen über keine entsprechenden Fertigungsanlagen. Bis jetzt hat sich Peking erfolglos bemüht, dieses Defizit zu beseitigen. So wäre zwar längst ein Grundstück für den Bau einer Chipfabrik in Shanghai vorhanden. Auch die Finanzierung (rund 1,2 Milliarden Dollar) ist gesichert. Was fehlt, ist ein Technologie-Partner, der den Chinesen quasi den roten Teppich in den Club der Hochleistungschip-Hersteller ausrollt.

Halbleiter-Firmen zeigen Peking die kalte Schulter

Doch die restliche IT-Welt zeigte Peking bislang die kalte Schulter - mehr als ein Dutzend multinationaler Hersteller wie IBM, Siemens, Texas Instruments und Rockwell haben trotz der Tatsache, daß sich sogar die Beratungsfirma Price Waterhouse für das Projekt engagierte, abgewunken. Das Desinteresse dürfte einerseits mit dem weltweiten Nachfragerückgang im Halbleitermarkt zusammenhängen. Der Bedarf an Chips mag im Reich der Mitte zwar groß sein - aber nicht groß genug im globalen Maßstab. Und vielleicht spielen unterschwellig auch noch politische Motive eine Rolle. Die genannten Firmen dürften es nicht unbedingt als ihre Aufgabe ansehen, zur Verbreitung von Spitzentechnologien in China beizutragen. Außerdem gilt: Chipfabriken benötigen eine extrem stabile Stromversorgung, eine exzellente Wartung, erfahrene Ingenieure, sauberste Wasserqualität, feinste chemische Standards etc. - Parameter, bei denen China noch beleibe nicht westlichen Standards gerecht wird.

*Ivan Botskor ist freier Journalist und Geschäftsführer des Japaninfo-Verlags in Ulm.