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12.03.1976 - 

Aus dem Tagebuch einer Schnecke

Chinas Computerindustrie wächst nur langsam Von Egon Schmidt

12.03.1976

Zu einem Informationsbesuch in die Chinesische Volksrepublik ist Bundesforschungsminister Hans Matthöfer am 29. Februar abgereist. Während seines zwölftägigen Aufenthaltes wird Matthöfer unter anderem auch einen Blick in chinesische Rechenzentren werfen. Mehr als ein Blick wird es wohl nicht werden - denn was im Reich der Mitte in dieser Branche existiert ist noch nicht viel.

800 Millionen Menschen, staatsgelenkte Planwirtschaft, starker Industrialisierungsdrang - das schreit ja geradezu nach ausgedehnten, engmaschigen Computer-Verbandsystemen. Doch wo steht die Datenverarbeitung in China wirklich und welche Perspektiven tun sich für die nächsten Jahre auf?

Was man so sporadisch aus dem Reich der Mitte hört, verwirrt oft. So soll die Universität Peking zusammen mit der Pekinger Fabrik für Telekommunikations-Ausrüstungen schon 1973 den ersten Rechner der dritten Generation vollendet haben - es war die Rede von 1 Mikrosekunde Zykluszeit, 48 Bit Wortlänge, Hauptspeicherkapazität 131 K Worte und 22 Peripheriegeräten neun verschiedener Typen - doch dann hat man die Pläne zur Serienfertigung offenbar wieder auf Eis gelegt. Will Mao denn beim Abakus bleiben?

Engpaß Nachwuchs-Schulung

Sicher nicht, meint James W. Kho, selber Chinese und Computerexperte an der California State University. Er bereiste vor einiger Zeit China und verfolgt seither die Tendenzen im dortigen Computerwesen, das übrigens noch nicht einmal auf den Universitäten ein fest etabliertes Fachgebiet ist.

Das ist teilweise eine unmittelbare Folge der parteioffiziell geforderten Verzahnung von Studium und Produktion. Im letzten halben Jahr ihres Studiums gehen die Computer-Studenten der Universität Tsinghua beispielsweise direkt in die Fabriken um in der Produktion auftretende Probleme am Ort lösen zu helfen. Anderseits vermißt Kho im Lehrangebot Fächer wie Computersimulation, Operating-Systems, Computergraphik oder künstliche Intelligenz. Der Grund dafür dürfte teils am Mangel an geeigneten Lehrkräften, teils an fehlender Übungs-Hardware liegen: Nur wenige Hochschulen verfügen über Trainings-Computer, die übrigens oft im Haus entwickelt und gebaut wurden.

Schon eigene Computer-Werke

Den wohl besten Universitäts-Computer fand Kho in Futan. Hier baute die Fakultät zusammen mit Fabrikarbeitern sich selber einen IC-Digitalrechner mit 48 Bit Wortlänge und 32 K Worte Hauptspeicher. Dazu zwei Magnettrommeln, zwei Bandspeicher, zwei Lochstreifenleser und zwei Zeilendrucker, aber kein Kartenleser. Die Software schließt einen Algol 68-Compiler ein, programmiert wird jedoch meist noch in Maschinensprache oder in Assembler.

Zu einer ausgesprochenen Computerfabrik hat sich die, ursprünglich Türgriffe produzierende Schanghaier "Fabrik für drahtlose Elektrik Nr. 13" entwickelt, wo mit Uni-Hilfe seit 1972 die Mittelklasse-IC-Rechner 709 und 719 gebaut werden.

Noch ist der Maschinenpark in chinesischen Betrieben für eine konsequente Computerisierung meist etwas zu simpel doch das ändert sich langsam. Eine Ölraffinerie in Nanking benutzt schon einen Prozeßrechner mit Fernbedienung, doch noch werten die Ingenieure dessen Resultate manuell aus. Die Umstellung der weltberühmten Strickwarenfabrik in Hangtschou von Lochkartensteuerung auf Elektronik ist zwar geplant, scheitert aber vorerst an mangelndem Know-how und passender Hardware.

Der Schlüssel zur weiteren Computerisierung Chinas liegt unter diesen Umständen zweifellos in der Ausbildung zahlreicher Nachwuchskräfte an welchem Denken diese erzogen werden sollen, lehrt Mao: " Wir können zur Industrialisierung nicht Schritt für Schritt den gleichen Weg nehmen, wie zuvor schon andere Nationen. Wir müssen alte Normen durchbrechen. Einerseits müssen wir die schon entwickelte fortschrittliche Technologie nutzen, sie aber nur nach sorgfältiger Kritik und Analyse übernehmen. Andererseits müssen wir selbst initiativ werden und eine Technologie entwickeln, die direkt auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist."

Egon Schmidt ist freier Wissenschaftsjournalist