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Verschärfter Wettbewerb fordert Europas Produzenten heraus:


17.02.1989 - 

Chip-Strategen müssen großen Sprung wagen

Prof. Ulrich Lohmar ist Vorsitzender der Stiftung für Kommunikationsforschung, Forum für Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

Jeder Unternehmer kennt den Unterschied zwischen Mikro- und Makroökonomie, und jeder Politiker weiß um die Erfahrung, daß eine politische Partei nicht nur eine überzeugende Politik machen, sondern auch im Hinterland der Gesellschaft, in den Städten und Dörfern, fest verankert sein muß. Ein solcher beinahe "kosmischer" Zusammenhang ist nun auch in der Elektronik entstanden: kleine Formen, große Wirkungen.

Es begann vor ungefähr einem halben Jahrhundert mit de

Eniac und wurde von mehr als 17 000 Röhren in Gang gehalten. Das Ungetüm hatte ein Gewicht von dreißig Tonnen, brauchte 174 Kilowatt an Energie und leistete dennoch nur einen Bruchteil dessen, was moderne Mikroprozessoren können Heute arbeiten wir mit einem Miniprozessor, der 200 000 Transistoren und mehr hat, nur 30 bis 40 Gramm wiegt und lediglich 0,3 Watt an Energie benötigt. Was in diesen Jahrzehnten entstand und sich weiterentwickelte, nennen wir heute die "Schlüsselindustrie" Mikroelektronik. Und dabei sind bisher nur 15 Prozent aller denkbaren Anwendungen der Mikroelektronik in die Tat umgesetzt worden. Dieser Markt verdoppelt sich alle sechs Jahre, wächst also mit einem Durchschnitt von 12 Prozent in jedem Jahr. Dabei beträgt der Anteil der Mikroelektronik in elektronischen Geräten nur fünf Prozent, aber sie sind halt entscheidend für die Vielfalt der Anwendungen und damit für den Markterfolg und die Wettbewerbsfähigkeit.

Revolution in Technik, Ökonomie und Gesellschaft

Was ist das nun eigentlich, Elektronik und Mikroelektronik? Man muß da zunächst die Sprache der Techniker zu Hilfe nehmen. Es gibt drei wichtige Merkmale:

* Verstärker, Schalt- und Speicherfunktionen auf einem Halbleiterkristall.

* Eine integrierte Schaltung vereinigt eine Vielzahl von Funktionen auf einem halbleitenden Material, heute meistens Silizium.

* Bei den zur Zeit entstehenden Strukturbreiten von unter einem 1000stel Millimeter (Submikro) wird es möglich, auf 100 Quadratmillimeter mehr als eine Million Funktionen unterzubringen.

Der gemeinsame Nenner dieser Merkmale ist die Erhöhung des Grades der Integration. Und dafür gibt es wiederum mehrere Gründe:

* geringere Kosten pro Funktion,

* weniger Platzbedarf,

* mehr Zuverlässigkeit,

* höhere Arbeitsgeschwindigkeit,

* Erschließung aller Möglichkeiten der Anwendung,

* Energieeinsparung.

Wirtschaftlich bedeutet dies, daß die Elektronik bis zum Jahre 2000

die ökonomische Bedeutung der Elektrik, der Automobilindustrie, des Maschinenbaus, der Feinmechanik und der Optik, der Chemie und der Ölprodukte, von Schuhen und Textilien, ja sogar von Nahrungsmitteln, Getränken und Tabakwaren als Einzelindustrie überflügeln wird. Das allein ist jedoch nicht ausschlaggebend für die Einschätzung der Elektronik als dem alles entscheidenden Antrieb unserer Wirtschaft, deren Motor wiederum die Mikroelektronik ist. Wichtig ist dabei, daß Mikroelektronik eine Querschnittstechnologie für alle Anwendungsbereiche ist und wird. Sie ist es, die die Leistungsfähigkeit von Geräten und Systemen bestimmt. Dazu sind Speicher und Mikrocomputer notwendig, deren Basis wiederum eine sehr gute Halbleiterindustrie sein muß.

Die Mikroelektronik kennzeichnet nicht nur die revolutionäre Entwicklung in der Technik und in der Ökonomie. Auch ihre gesellschaftlichen Auswirkungen werden tiefgreifend sein. Das wird vor allem in sechs Trends deutlich:

* Eine größere Produktivität der Arbeit und die gleichzeitige Entlastung von Menschen durch Technik erlauben eine Steigerung des Lebensstandards.

* Bisher war die Steigerung des Wirtschaftswachstums mit einer immer weitergehenden Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen verbunden. Die Mikroelektronik entkoppelt diesen Zusammenhang, zum Beispiel durch ihren niedrigen Verbrauch an Energie.

* Bislang mußten die Menschen überwiegend an dem Ort tätig sein, wo ihr Arbeitsplatz war. Sie kamen also zur Arbeit, nicht die Arbeit zu ihnen. Die Mikroelektronik macht es möglich, auch von verschiedenen Orten aus zusammenzuarbeiten.

* Durch die Flexibilität von Arbeitszeit und -ort erlaubt die Mikroelektronik einen besseren Ausgleich zwischen strukturschwachen und strukturstarken Regionen.

* Mit dieser Entwicklung werden die Berufsbilder vielfältiger: Eine größere Vielfalt von Berufsfeldern und Kombinationen zwischen ihnen entsteht.

* Unser Ausbildungswesen wird farbiger werden, weil auch dort die neue Vielfalt sich durchsetzt.

Technisch, ökonomisch und gesellschaftlich stößt die Mikroelektronik also ein Tor in eine Zukunft auf, die durch Wachstum, Vielfalt und neue Formen der Kommunikation geprägt sein wird. Das sind die positiven Folgen der elektronischen Revolution.

Politik muß Kurs und Ziele bestimmen

Die Mikroelektronik stellt uns jedoch auch vor große neue Anstrengungen. Der Wettbewerb um ihre Entwicklung ist nicht mehr national begrenzbar, sondern verläuft international und weltweit, zwischen Staaten, Kontinenten und Unternehmen. Wir befinden uns mitten in einem internationalen Innovationswettlauf, der von einem gigantischen Anstieg der erforderlichen Investitionen bestimmt ist: Mit jeder neuen "Generation" werden sich die erforderlichen Investitionen in etwa verdoppeln, wobei der Zeitabstand von einer "Generation" zur nächsten etwa drei Jahre beträgt.

Angesichts dieser Tatsache muß man sich natürlich fragen, woher die finanziellen Mittel kommen sollen, die dafür erforderlich sind. Das ist vor allem für die politische Führung der Industrieländer eine wesentliche, ja entscheidende Frage geworden, denn die Politiker können Steuergelder ja nur einmal ausgeben und müssen an anderer Stelle einsparen, was sie für ein herausragendes Ziel schon ausgegeben haben.

Theoretisch wäre es natürlich möglich, sich weltweit darauf zu einigen, daß die großen Industrieregionen USA, Japan und Europa ihre finanziellen Möglichkeiten bündeln und auf diese Weise die wirtschaftliche Belastung durch die Entwicklung der Mikroelektronik mindern. Doch dieser Weg ist aus zwei Gründen versperrt:

* Eine Verständigung über einen solchen gemeinsamen Weg zwischen den USA, Japan und Europa ist nicht in Sicht.

* Die drei herausragenden Regionen der industriellen Welt verfolgen unterschiedliche wirtschaftliche und teilweise auch divergierende politische Interessen.

Wie sieht die Lage in den USA aus? Im Bereich der Mikroelektronik sind die Amerikaner entscheidend von ihrem militärischen Sicherheitsdenken geprägt. Die Japaner haben heute in der Mikroelektronik überwiegend die Nase vorn, die Amerikaner wollen dies ändern und die elektronische Weltherrschaft aus militärischen Gründen zurückgewinnen Um dieses Ziel zu erreichen, stellt die amerikanische Administration der Industrie auf verschiedenen Wegen enorme wirtschaftliche Mittel zur Verfügung. Das Projekt SDI hat diesen Trend in der amerikanischen Politik noch verstärkt.

Ganz anders ist die Motivation in Japan. Dieses Land betrachtet die Mikroelektronik als den Schlüssel zu einer technologischen und in der Folge davon ökonomischen Vorherrschaft in der Welt und konzentriert heute schon dreißig Prozent seiner Mittel für Forschung und Entwicklung auf Elektronik und Mikroelektronik. Der Anteil der Mikroelektronik bei der Ausgestaltung der fünften Computergeneration ist hoch.

In der amerikanischen wie der japanischen Technologiestrategie ist entscheidend, daß die Mikroelektronik die ausschlaggebende Komponente ist, sowohl bei der militärischen Motivation der Amerikaner als auch bei den tehnologischökonomischen Absichten der Japaner. Uns Europäern wird daher nichts anderes übrigbleiben, als den Versuch zu unternehmen, mit den beiden heute führenden Industriemächten auf diesem Gebiet Schritt zu halten oder wenigstens nicht dauerhaft abgehängt zu werden. Es ist wie bei dem Bild der Kette, die nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Sollte in Europa die Mikroelektronik unser schwächstes Glied im Weltwettbewerb werden, dann würden wir auch in wirtschaftlichen Bereichen - also bei unseren Exportchancen - von den Japanern oder Amerikanern abhängig, denn es steht nicht zu erwarten, daß sie uns jeweils Einblick in den fortgeschrittenen Stand ihres Know-hows in der Mikroelektronik geben.

Wie also ist die Situation für uns in Europa? Den eigenen Bedarf an Mikroelektronik innerhalb der Europäischen Gemeinschaft können wir heute nur zu vierzig Prozent durch europäische Unternehmen decken. Das muß sich ändern. Um Export und Import auf diesem Gebiet auszugleichen, müßten wir zum Beispiel in der Bundesrepublik Deutschland bis zur Jahrtausendwende eine Steigerung der Produktion um das Achtfache erreichen. Dafür wiederum brauchen wir im europäischen Rahmen für Forschung und Entwicklung in diesem Zeitraum gut zwanzig Milliarden Mark und für zusätzliche Investitionen weitere vierzehn Milliarden Mark.

Diese Summen klingen gewaltig, und sie sind es auch. Wenn wir uns vor der Notwendigkeit, diese unglaubliche Anstrengung auf uns nehmen zu müssen, nicht drücken wollen, andererseits aber nicht in den militärischen Sog der USA oder in das Schlepptau des imperialistischen Anspruchs der Japaner geraten wollen, müssen wir eine gesamteuropäische Strategie ausarbeiten, die unsere politische und kulturelle Vielfalt zu bewahren erlaubt, gleichwohl aber ökonomisch und technologisch zu einem großen Sprung anzusetzen in der Lage ist. Darüber brauchen wir in dieser Sache einen politischen Grundkonsens in Europa.

Warum sollte es denn auf unserem alten und doch so lebensstarken Kontinent nicht möglich sein, gemeinsam dieses große Ziel zu fixieren und auch die Bevölkerung einzuladen, bei der Finanzierung der europäischen Zukunft mitzuwirken, etwa durch Auflegen einer europaweiten Lotterie "Glücksrad des Fortschritts" oder eines "Zukunftspfennigs"?

Warum denken wir nur an die Staatskassen und die eigenen Investitionsmittel der Industrie, wenn wir überlegen, wie die 35 Milliarden für das Zukunftsunternehmen Mikroelektronik aufgebracht werden können, um mit den USA und mit Japan bis zur Wende des Jahrtausends auf schließen zu können?

Nein, wir müssen die Bevölkerung Europas als Partner des Fortschritts gewinnen. Die Mikroelektronik ist ja kein Selbstzweck, sondern als Schlüssel für technologische, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen von überragender Bedeutung. Wir brauchen auf diesen Feld eine europäische Kompetenz. In den Industrieregionen unserer Erde ist es nun einmal so, daß die entscheidenden Trends von Naturwissenschaft und Technik ausgelöst, von Ökonomie und Gesellschaft aufgefangen und dann von der Politik gestaltet werden müssen. An dieser Schwelle der Entscheidung durch die politische Führung unseres Kontinents stehen wir heute.