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20.06.1997 - 

IT in Banken/Für den SB-Sektor sind Standards im Kommen

Chipkarten und mobile Automaten verändern die Selbstbedienung

Der Selbstbedienungsbereich einer Bank scheint, weil meist abseits vom Schalter- und Kassenbereich gelegen, eine eigene Welt zu sein. DV-technisch haben die beiden Bereiche aber gemein, daß ihre Anwendungen auf denselben Host zugreifen. Ähnlich gestaltete sich zudem der Wandel zur PC-Technologie; auch im SB-Umfeld hat sie sich schließlich durchgesetzt. Waren die Geldautomaten älteren Baujahrs noch mit Controller-Chips ausgestattet, so verfügen die neueren Systeme über eigene Intelligenz. Beispielsweise läßt sich der Mainframe entlasten, wenn Plausibilitätsprüfungen bereits im SB-Gerät ausgeführt werden. Auch manche Kundeninformationen liegen bereits auf dem Server in der Filiale oder auf dem SB-Terminal selbst.

An sich sind SB-Lösungen geschlossene Umgebungen, Hard- und Softwarekombinationen, die historisch aus der Hand eines Herstellers kommen. Proprietäre Schnittstellen ermöglichen die Kommunikation mit dem Host, der die Daten vorhält, Autorisierungen vornimmt und Transaktionen freigibt. Auf dem Main- frame selbst hat sich die internationale Nachrichtennorm ISO 8583 mittlerweile als Standard durchgesetzt. Auch auf der Anwendungsebene waren bislang proprietäre Betriebssysteme und Schnittstellen-Programme die Regel.

Bei neuen Anwendungen im SB-Umfeld sind diese starren, herstellerbezogenen Strukturen eher hinderlich. Will ein Finanzdienstleister seinen Kunden die elektronische Geldbörse in Form einer Chipkarte anbieten, so setzt das nicht nur Öffentlichkeitsarbeit, sondern auch eine Menge DV-technischen Entwicklungsaufwand voraus.

Hardware muß ausgetauscht oder erweitert, die Benutzeroberfläche neu programmiert und um die neue Funktionalität ergänzt werden. Hinzu kommen neue Peripherie-Schnittstellen, die ins Konzept einzufügen sind. Abhängigkeit besteht außerdem von den Bereitstellern der direkten Host-Verbindungen, die ebenfalls die neue Funktionalität in ihre Produkte integrieren müssen. Wie bei klassischen Host-Anwendungen stehen die Banken vor der Frage, den Aufwand in Kauf zu nehmen oder von vornherein eine neue IT-Infrastruktur aufzubauen und Filiale um Filiale umzustellen.

"Der Trend geht auch hier zu neuen Lösungen, die auf Standards oder De-facto-Standards basieren", beschreibt Bernd Peters, Mitarbeiter im Geschäftsgebiet Selbstbedienungssysteme bei der Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG (SNI), das gegenwärtige Szenario. "Zudem setzen die Banken immer mehr auf Multivendor-Umgebungen."

Wie bei den klassischen IT-Infrastrukturen etabliert sich auch in diesem Umfeld das Netzprotokoll TCP/IP. Hinzu kommen standardisierte Schnittstellen wie Wosa/XFS, die vom Normungsgremium Banking Solution Vendor Council (BSVC) entwickelt und von den Herstellern übernommen wurden.

Ein Industriekonsortium sorgt für Standards

Das BSVC kümmert sich um die Erweiterungen des Windows Open-Services-Architecture-(Wosa-)Standards für den Finanzbereich. Wosa/ XFS (Exten- sions for Financial Services) hat sich mittlerweile weltweit als Standard zur Ansteuerung der diversen Bankenperipherie, aber auch der SB-Peripherie wie Kontoauszugsdrucker, Geldausgabeautomaten sowie Informations- und Transaktionsterminals etabliert. Es sind darin Anwendungsdienste sowie einheitliche, hersteller- und geräteneutrale Programmier-Schnittstellen beschrieben. Unterschiedliche Peripheriegeräte können so in das System eingebunden werden.

Auf Betriebssystem-Ebene kommen auch bei den SB-Clients und -Servern vermehrt gängige Plattformen wie Windows NT, Unix oder OS/2 zum Einsatz.

Standards bieten nicht nur den Vorteil, daß sich im SB-Umfeld Multivendor-Umgebungen aufbauen lassen - sie ermöglichen erstmals auch gleiche Architekturen im Selbstbedienungsbereich und im Schalter-Kassen-Sektor. So werden auch die dort verwendeten Peripheriegeräte wie die automatischen Kassentresore (AKTs) über WOSA/XFS angesteuert.

Damit verringert sich der Administrations- und Entwicklungsaufwand. Neue Anwendungen und Peripheriegeräte lassen sich einfach in die bestehende Umgebung einbinden. Auch die einst zwingende Trennung von SB-Terminal und Server-System ist nicht mehr erforderlich. Durch die PC-Technologie verfügen die Clients über ausreichende Intelligenz, um die Aufgaben der Server zu übernehmen. So sind quasi direkte Verbindungen zwischen Selbstbedienungsgerät und Host beziehungsweise Host-Vorrechner möglich.

Die modernen Selbstbedienungssysteme sind deshalb wie dezentrale Client-Server-Lösungen zu betrachten, mit der Ausnahme, daß eben spezielle Ein- und Ausgabegeräte angesteuert werden. Wie bei den klassischen Anwendungen sollen sich die SB-Applikationen schnell um neue Funktionen erweitern lassen. Dies erfordert allerdings eine spezielle Anwendungsarchitektur. Sie muß horizontal strukturiert sein, damit die Komponenten der unterschiedlichen Ebenen austauschbar sind. Ändert sich das Systemumfeld, bleibt die Peripherie davon unberührt. Das gleiche gilt für die Ansteuerung des Hosts, der Anwendung oder bei Änderungen an der Oberfläche, die dann nicht mehr den aus der Vergangenheit bekannten hohen Programmieraufwand nach sich ziehen.

Die Implementierung der Oberflächen erfolgte beispielsweise in der Vergangenheit immer verwoben mit der SB-Anwendung. Mit der Einführung offener SB-Systeme lassen sich nun am Markt verfügbare Tools einsetzen, etwa IBM Visual Age, MS Visual Basic, MS Visual C++, MS Jakarta, SNI OT Framework, Toolbook, Icon Author sowie Werkzeuge nach dem Internet-Standard wie Front Page/Internet Studio, ActiveX, Visual Basic Script, Java/Java Script und der Internet Explorer.

Schnittstellen bergen Tücken des Proprietären

Offene Schnittstellen der Anwendungskomponenten machen die Lösung unabhängig von einer bestimmten Hardware. Applikation und Plattformen sind beliebig kombinierbar. "Allerdings ist darauf zu achten, daß die Ebenen nicht über Generierungswerkzeuge oder proprietäre Schnittstellenerweiterungen verbunden werden, da ansonsten deren Entkopplung wieder außer Kraft gesetzt ist", warnt Siemens-Nixdorf-Mitarbeiter Peters.

Wie dieses Ebenenkonzept wirkt, läßt sich am Beispiel der "Pro-Classic"-Architektur von SNI erläutern. Aufgeteilt in die Bereiche Peripherieansteuerung, Anwendung, Host-Anschluß sowie Administration ist die Software quasi schichtweise aufgebaut. Diese Schichten lassen sich nach Bedarf zusammensetzen. So sind unter der Bezeichnung "Pro Device" Module entwickelt worden, die es der Anwendung ermöglichen, diverse Peripheriegeräte verschiedener Hersteller, etwa Vereinzeler, SB-Drucker, Depositories, Encrypting PIN Pads, Operator-Panels und Ident-Kartenleser, anzusprechen.

Die "Pro-Topas"-Bausteine zur Anwendungsgestaltung sind von dieser Ebene völlig getrennt und lassen sich auch untereinander nach Belieben kombinieren. Neben diversen Emulationen zur Integration von SNI-Systemen in bestehende Selbstbedienungsnetze hat man zum Beispiel fertige Anwendungsmodule für Geldautomaten, Kontoauszugsdrucker, Service- und Informationsterminals entwickelt. Diese Module sind ebenfalls komponentenbasiert aufgebaut, Funktionen lassen sich nach Bedarf verbinden. So kann ein SB-Client in manchen Fällen auch die Aufgabe des Servers übernehmen - es besteht somit eine direkte Verbindung zum Host oder zur Autorisierungszentrale.

Auch die Programme, die die Kommunikation zwischen Selbstbedienungssystem, Host beziehungsweise Server ermöglichen, wurden gesplittet, um je nach Anforderung den Anschluß an Host-, Server- oder Autorisierungssysteme diverser Couleur zu realisieren. Eine Variante von "Pro Connect" gestattet den Offline-Betrieb von Geldautomaten, wobei wie bei den in Supermärkten, Einkaufszentren oder neuerdings auch in Eisenbahnen installierten Systemen die Autorisierung per Funkverbindung zum Host erfolgen kann, die Verbuchung der Transaktionen aber erst auf Diskette erfolgt und nachträglich in den Zentralrechner eingespielt wird.

Für alle drei Ebenen vorhandene Entwicklungs-Kits ermöglichen den Finanzdienstleistern, über mitgelieferte Gerätetreiber als Quellcode sowie Schnittstellenbeschreibungen eigene Lösungen anzusprechen oder auch marktgängige Tools für die Anwendungsentwicklung, etwa Visual Age, Visual C++, Visual Basic oder Active X, einzubinden. Denn die Pro-Topas-Kit-Komponenten haben beispielsweise die Eigenschaften von OLE-Servern in bezug auf Objekte, Properties, Methoden und Events. Hinzu kommen Komponenten für die Administration, die remote erfolgen kann und auch Nicht-Siemens-Nixdorf-Systeme einschließt.

Auch im SB-Sektor wird die Rationalisierung immer weiter vorangetrieben. Das beginnt damit, daß die Mitarbeiter mehr Beratungsfunktionen übernehmen und von Dienstleistungen wie Geldauszahlung, Überweisungsentgegennahme etc. entbunden werden. "Manche Finanzinstitute überlegen, reine Servicefilialen zu errichten, die nur aus Selbstbedienungsautomaten bestehen und gar keinen Schaltermitarbeiter mehr beschäftigen", hat Peters erfahren. Am Ende bedeutet dies jedoch auch, daß die Verfügbarkeit der Systeme erhöht werden muß. Zwar ermöglicht ein Operator Panel einem autorisierten Bankmitarbeiter das Nachfüllen der leeren Geldbehälter, auch ein Betriebssystem-Absturz läßt sich zur Not noch vor Ort beheben, doch sollte ein Peripheriegerät ausgefallen sein, ist in der Regel erst einmal Warten angesagt. Hinzu kommt, daß der Fehler von den Mitarbeitern der Filiale oftmals nicht erkannt oder, wenn es sich um personell nicht besetzte Servicefilialen handelt, erst gar nicht bemerkt wird. "In der Regel gibt es einen zuständigen Mitarbeiter, der aber nicht vor Ort bei dem Gerät sitzt. Er wird angerufen, fährt hin und sieht nach, wo das Problem liegt. Zur Fehlerbehebung ist meist nochmals eine Fahrt erforderlich", erläutert Peters.

Es genügen übliche Management-Methoden

Wie in herkömmlichen lokalen Netzen (LANs) greifen deshalb auch bei den SB-Netzen die üblichen Management-Methoden. Administrations-Tools ermöglichen dem Rechenzentrum oder den Servicefachleuten remote Statusabfragen und Fehlerlokalisierung. Diese Lösungen gestatten zum Beispiel auch die Softwareverteilung - neue Treiber oder Funktionen lassen sich online in die Filiale transportieren. Via SNMP mit den gängigen Netz-Management-Lösungen wie "IBM Netview", "Siemens Nixdorf Transview" oder "HP Openview" beispielsweise verknüpft, sind auch die bisher eigenständigen Selbstbedienungsinfrastrukturen in die übliche Netzadministration integrierbar.

Im Grunde verhält es sich mit SB-Systemen wie in der klassischen Datenverarbeitung. Die Technik, besonders Internet, Multimedia und neue Kommunikationsdienste, lassen viel Freiraum für Ideen. "Der Trend geht dahin, daß die Geldautomaten auch außerhalb der Bankräume aufgestellt werden, vor allem in Supermärkten nimmt ihre Zahl zu", so der Bankenspezialist. "Aber auch Sportveranstaltungen würden sich anbieten. Nach der Veranstaltung wird der mobile Geldautomat einfach woanders aufgestellt." So ermöglichen heute bereits Funkverbindungen die Geldausgabe via EC- oder Kreditkarte. Die Autorisierung erfolgt via X.25, die anschließende Verbuchung wird auf Diskette gespeichert, diese von einem Mitarbeiter abends entnommen und an die Bank weitergeleitet.

Ein Geldautomat läßt sich so nahezu überall plazieren. Die Gefahr des "Datenklaus" besteht hier laut Peters nicht: "Durch die neuen Encrypted PIN Pads' wird die Identifikationsnummer bereits bei der Tastatureingabe codiert und auch die anderen Informationen werden vom System verschlüsselt. Mit diesen Daten kann niemand etwas anfangen." Im Kommen ist zudem Cash-Recycling - ein bislang im SB-Umfeld nur in Japan verwendetes Verfahren. Geldeinzahlungen in einen Geldautomaten gelangen sofort wieder in den Geldkreislauf. Das Prinzip klingt einfach, doch erschwingliche Technik ist noch nicht verfügbar. Deshalb beschränkt sich Cash-Recycling in Europa bislang auf den Schalter-Kasse-Bereich.

Aber auch die Internet-Technologien dürften künftig im SB-Bereich stärker vertreten sein, zum Beispiel Web-Browser wie der Internet Explorer und Active X als Terminaloberflächen. Die Hersteller arbeiten bereits an entsprechenden Produkten. SB-Terminal, Home-Banking-Lösung, Filialanwendung könnten dann in Zukunft auf der gleichen Technik basieren. Somit kann dem Trend zur Installation von Kioskterminals für Werbe- und Informationsangebote verstärkt Rechnung getragen werden.

Angeklickt

Offene Software-Architekturen werden auch im SB-Umfeld immer wichtiger und ersetzen die proprietären Hard- und Software-Komplettlösungen der Vergangenheit. Nur mit auf Standards wie Wosa/XSF basierenden Anwendungen lassen sich neue Dienstleistungen und Geschäftsfelder in die vorhandene Infrastruktur integrieren. Denn sie ermöglichen die Entkopplung von Host-Anschluß, Peripherieansteuerung und der Anwendung. So lassen sich einzelne Komponenten austauschen, ohne die gesamte Lösung neu programmieren zu müssen.

Plattformen

- Betriebssysteme im Client-Bereich: MS Windows NT (MS Windows 95), IBM OS/2;

- Betriebssysteme im Server-Bereich: Unix/Sinix, MS Windows NT Server, IBM OS/2;

- Netzwerke, Kommunikation: OSF/DCE, TCP/IP, SNA, X.25, ISDN, HTTP;

- Zugang zu Online-Diensten zum Beispiel Internet-Technologien wie Active X, HTML, Java.

*Stefanie Schneider ist freie Fachjournalistin in München.