Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

03.05.1985 - 

Amerikanische Hochschulen bauen auf die neue Technik; Teil 3:

Chips erobern den Campus und die Cafeteria

Von Professor Dr. Hans R. Hansen*

Enge Partnerschaften zwischen Hochschule und Rechnerproduzenten sind in den USA - im Gegensatz zur alten Welt - seit langem alltäglich. Mehrjährige Projekte an den Hochschulen sollen effektives Lernen unterstützen und zudem neue DV-Ressourcen erschließen. Die Universitäten Carnegie Mellon, MIT und Harvard - die "Top three" der Informatik-Szene in den USA - planen bei Rechnerentwicklungen bis in die 90er Jahre hinein.

Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, Massachusetts, ist wohl die berühmteste Technische Hochschule auf der Welt und nimmt auch in der Informatik-Forschung einen internationalen Spitzenrang ein. Insgesamt 9500 Studenten werden an fünf Schools - Architecture and Planning, Engineering (einschließlich Computer Science), Humanities an Social Science, Science, Management - von nahezu 1000 Professoren unterrichtet. Die derzeitige informationstechnologische Infrastruktur besteht aus rund einem Dutzend lose verbundener lokaler Netze (LAN) unterschiedlicher Architektur, 150 mittleren und großen Rechnern diverser Hersteller - überwiegend DEC - und Verbindungen zu mehreren Organisationen außerhalb.

Wie die Harvard University, betreibt auch das MIT einen hochschuleigenen Computerladen, in dem die Mikrocomputer von DEC und IBM an Hochschulangehörige mit Rabatten von bis zu 40 Prozent und Programme mit Rabatten bis zu 60 Prozent verkauft werden.

Apple räumt dem MIT für den Weiterverkauf an Hochschulangehörige 50 Prozent Nachlaß auf die marktüblichen Endbenutzerpreise bei Macintosh-Systemeinheiten ein. Von keinem Fachbereich wird derzeit erwogen, die Studenten zum Kauf eigener Mikrocomputer für Ausbildungszwecke zu animieren. Optimale Computerlernumgebungen sollen vielmehr an der Hochschule durch das Projekt "Athena" realisiert werden.

Hersteller im Millionen-Clich

Am 27. Mai 1983 wurde vom MIT das Projekt "Athena als hochschulweites Fünfjahresexperiment angekündigt, mit dem moderne Computer und Kommunikationssysteme in alle Phasen des Ausbildungsprozesses integriert werden sollen. Athenas Hauptziele sind

- Studenten aller Disziplinen ein kreatives, erfüllteres, effizienteres Lernen durch Rechnerunterstützung zu ermöglichen und hierzu neue Wege des Lernens zu erproben,

- zusätzliche EDV-Ressourcen für Ausbildungszwecke zu schaffen und

- "Kohärenz", also einen Verbund und eine möglichst weitgehende Übereinstimmung in der Benutzeroberfläche von vorhandenen und neuen EDV-Ressourcen zu gewährleisten.

Verhandlungen mit mehreren Computerherstellern zur Finanzierung des Vorhabens, das bis gegen Ende 1982 nur die School of Engineering beinhaltete, führten zu einer hochschulübergreifenden Ausweitung und einer Förderungszusage von DEC und IBM in Höhe von annähernd 50 Millionen Dollar. Die Geräte und personelle Unterstützung von DEC sind für die gesamte fünfjährige Projektdauer gesichert und sollen auf die School of Engineering konzentriert werden. Die zunächst nur für drei Jahre von IBM zugesagte Hardware-, Software- und Personalunterstützung soll hingegen den anderen MIT-Schools zugute kommen und alle Aktivitäten des ersten Studienjahres betreffen. Seitens des MIT werden für Athena weitere 20 Millionen Dollar aufgebracht.

LAN im Token-Ring-Konzept

Durch das Projekt Athena wird das MIT ungefähr 3000 Mikrocomputer für Ausbildungszwecke erhalten. Diese an sich auch im Stand-alone-Betrieb nutzbaren Arbeitsstationen werden an LAN angeschlossen, die wiederum durch ein campusweites Netz verbunden werden sollen. Grundsätzlich ist entschieden worden, nur auf dem Markt angebotene Arbeitsstationen einzusetzen. Um einerseits möglichst rasch zu einer Basisausstattung mit derzeit verfügbaren Geräten zu kommen und um andererseits an der zu erwartenden technischen Weiterentwicklung teilzuhaben, werden zwei Projektphasen unterschieden.

Die Phase 1 umfaßt die Studienjahre 1983 bis 84 und 1984 bis 85. In der ersten Hälfte der Phase wurden an der School of Engineering 300 DEC-Terminals verteilt, die an 63 verbundene VAX 11/750- und VAX 11/730-Minicomputer gekoppelt sind. Ein Drittel der Terminals sind grafikfähige Monochrom-Bildschirmgeräte mit niedriger Auflösung, ein Drittel sind VS 100-Stationen (grafikfähig, hochauflösende Monochrombildschirme) und ein Drittel sind Professional 350 Mikrocomputer (Farbgrafikschirm mit mittlerer Auflösung). In jedem Gebäude der School of Engineering ist ein Cluster mit allen drei Stationstypen, einem Laserdrucker, einem mechanischen Zeilendrucker und im Normalfall fünf bis zehn Minicomputern installiert.

Von IBM werden in Phase 1 rund 500 Personal Computer, zum größten Teil PC XT, eingesetzt. Die Systemeinheit wird mit einer SRITEK-Koprozessorkarte ausgestattet, um zusätzliche Verarbeitungsleistung und die weiter unten beschriebene Betriebssystemkompatibilität zu erreichen. Weiterhin wird eine LAN-Adapterkarte eingesetzt. Diese Geräte werden in fünf bis acht lokalen, räumlich verteilten Netzwerken mit je einem IBM-System 4341 als Dateiserver und einem Laserdrucker verbunden. Nach IBM-Aussagen wurde als LAN-Technologie - außerhalb der School of Engineering - das Token-Ring-Konzept gewählt. Die ersten 90 PC-XT-Einheiten und eine IBM 4341 wurden im März/April 1984 an die MIT Sloan School of Management ausgeliefert.

Die DEC-Cluster und die IBM-LAN werden in ein neues campusweites Rechnerverbundsystem integriert, das Verbindungen zu dem schon vorhandenen MIT-Netz aufweist. Als Betriebssystem für alle Arbeitsstationen und Server soll Unix, Version 4.2, von der Universität Berkeley dienen. Unix ist wegen der hohen Portabilität im Hinblick auf das Kohärenz-Ziel optimal, die Version 4.2 bsd wurde vor allem wegen der guten Netzeigenschaften und der weiten Verbreitung an technischen Hochschulen gewählt. Im Projekt Athena wird dieses Betriebssystem weiterentwickelt, um neue Peripheriegeräte zu unterstützen, es an neue Softwarekonzepte anzupassen und um eine benutzerfreundliche Oberfläche zu schaffen.

An systemnaher Software sollen als Standard zur Verfügung stehen:

- Übersetzer für C, Fortran, Lisp:

- ein Editor und ein Formatierer ;

- ein Paket zur numerischen Datenanalyse;

- ein Grafikpaket;

- ein Kommunikationsprogramm für elektronische Post und Dateitransfer.

Die wegen des Kohärenz-Ziels ursprünglich vereinbarte Beschränkung auf die Sprachen "C", Fortran und Lisp wurde schon im bisherigen Projektverlauf ziemlich "auf geweicht". Mittlerweile gilt auch Pascal als "Athena-offiziell", das heißt, Vorhaben zur Softwareentwicklung in dieser Sprache können aus Projektmitteln unterstützt werden. Die MIT Sloan School of Management verwendet nicht nur zusätzlich Basic, sondern sie ist sogar von der Unix-Gesamtlinie abgewichen und setzt wegen des breiten Anwendungssoftwarespektrums PC-DOS ein.

In der Phase 2, welche die Studienjahre 1985 bis 86 bis 1987 bis 88 beinhaltet, wird das MIT ungefähr 2100 weitere Mikrocomputer erhalten: 1600 von DEC für die School of Engineering und 500 von IBM für andere Fachbereiche. Diese, noch bei beiden Herstellern in Entwicklung befindlichen, "advanced workstations" werden durchweg 32-Bit-Prozessoren, hochauflösende Rasterbildschirme und einen LAN-Anschluß aufweisen und mit demselben Betriebssystem und derselben systemnahen Software wie in Phase 2 arbeiten. Auch die derzeit geschriebenen Programme für Lernzwecke werden auf einfache Weise auf diese neuen Arbeitsstationen übertragen werden können.

DEC und IBM stellen für Athena je fünf eigene Mitarbeiter zur Verfügung. Seitens des MIT werden während der gesamten fünfjährigen Projektdauer 15 bis 20 Systemingenieure eingesetzt; sie dienen hauptsächlich zur Systemprogrammierung und -wartung sowie zur Beratung der

Anwendungsprogrammentwickler, also der MIT-Abteilungen aller Fachbereiche.

Kommissionen wachen über 12 Millionen Dollar

Zur Curriculumentwicklung, das heißt Entwicklung und Test von Software für Ausbildungszwecke, sind (...) Millionen US-Dollar aus den Projektmitteln vorgesehen. Für die Mittelvergabe - Arbeitsstationen, Geld für die externe Auftragsprogrammierung - sind zwei Kommissionen - eine für DEC- und eine für IBM-Ressourcen - zuständig, die aus etwa zehn Personen bestehen (Professoren, Studenten und eine Herstellervertreter). Antragsberechtigt ist jeder einzelne beziehungsweise jede Gruppe von Hochschullehrern. Für kleinere Vorhaben genügt ein Antrag von wenigen Seiten. Gefordert wird aber in jedem Fall die Einhaltung der Projektstandards und eine ausführliche Dokumentation der Ergebnisse. Vor allem innovative, durchaus auch risikoreiche curriculare Vorhaben sollen unterstützt werden.

Die beiden Vergabekommissionen treten jährlich dreimal zusammen. Bis Mai 1984 wurden von 76 eingereichten Anträgen auf finanzielle Forderung - beantragte Gesamtsumme 2,5 Millionen Dollar - 34 positiv entschieden; gewährte Gesamtsumme 440 000 Dollar. Für weitere Projekte wurden Arbeitsstationen vergeben, Projektbeschreibungen werden halbjährlich verfaßt.

Als Beispiele seien die geförderten Projekte der School of Engineering aufgezählt: Computer Enhanced Education in Space flight Dynamics; A "Glass Analog Computer" for subjects in Dynamics Control; Molecular Graphic Modeling; Computer Aided Teaching System for the Design of Constructed Facilities, Computationg as a Conceptual Framework for Learning Linear Algebra; Machine Vision - Eyes for Athena, Computer-Aided Electromagnetic Field Instruction; Dynamic Models for Quantitative Physiology; Computer-Aided Exercises in Quantitative Physiologie; A Computer-Based Course in Modeling, Research, and Design; Enhancing Thermodynamics Education in through the Use of Computers; Computer Applications in Transport Phenomena; Computer Applications in Mechanics of Materials; Software Development for Teaching Irradiation Effects; Group Design Tools; Development of a Fast Computer Simulator for Nuclear Power Systems; Computer Simulation Workshops to Exploit Athena Network Capabilities; Curriculum Development of New Subject on Computational Methods in Matereal Sciences; A New Methodology of Thermodynamic Analysis for Efficient Computer-Aided Modeling an Processing; Computer-Aided Hydrostatics and Hull Surface Definition; Computer Time for a School-Wide Elective in Engineering System Analysis, Computational Resources for "Rocket Propulsion"; Simulation of Volumetric Aging in Glassy Polymers.

Neben den Vergabekommissionen gibt es noch in analoger Zusammensetzung eine technische Kommission, die für Softwarespezifikationen zur Erreichung des Kohärenz-Ziels zuständig ist, und eine Kommission für Verwaltungs- und Betriebsangelegenheiten. Die Arbeit der vier Athena-Kommissionen wird von einem Exekutivkommitee koordiniert, das an den Hochschulpräsidenten und Universitätsdirektor berichtet.

Von den einzelnen Schulen wurden Arbeitsgruppen zur fachspezifischen Curriculumentwicklung und Erstellung von Anwendungssoftware eingerichtet.

So sind an der Sloan School of Management sieben Hochschullehrer des Fachgebietes Management Science mit derartigen Aufgaben befaßt und erhalten hierfür eine Reduktion ihrer Lehrverpflichtung von 25 bis 50 Prozent. Für das Fach Marketing befinden sich etwa fünf rechnerunterstützte Fallstudien in Entwicklung: Contract Analysis, Perceptual Mapping; Life-Cycle Exercise; Sales Force Allocation; Marketing Planning. Um den Rechnereinsatz in der Lehre auf breiter Ebene zu stimulieren, bekommen sämtliche Hochschullehrer einen kostenlosen IBM PC (PC-1 oder Portable) mit 512 KB Arbeitsspeicher beziehungsweise gegen Aufzahlung auch einen PC XT. Die ausgewählte Standardsoftware entspricht jener der Harvard Business School, ergänzt um das Decision Support System Express.

Die Carnegie-Mellon University (CMU) ist eine private, forschungsorientierte Universität in Pittsburgh Pennsylvania, mit etwa 450 Professoren, 5500 Studenten und 1000 Verwaltungsangestellten Sie besteht aus sechs Colleges beziehungsweise Schools: Carnegie Institute of Technology (= ingenierwissenschaftlicher Fachbereich), College of Fine Arts, College of Humanities an Social Sciences, Graduate School of Industrial Administration (betriebswirtschaftlicher Fachbereich) sowie Mellon College of Science (= naturwissenschaftlicher und Informatik-Bereich) und School of Urban und Public Affairs. Die Informatik-Abteilung zählt zu den besten in den USA, als "top three" gelten derzeit: CMU, MIT und Stanford.

Bis vor kurzem wurden campusweit fast ausschließlich mittlere und große DEC-Rechner eingesetzt. Im Universitätsrechenzentrum sind sechs DEC 2060 und drei VAX 11/780 über ein DECnet (1 MBit/s Übertragungsrate) untereinander verbunden. Fachbereichsrechner sind eine weitere DEC 20, zwei DEC 10 (in der Funktionsabteilung) sowie pro School mindestens eine große VAX-Maschine (in der Informatik-Abteilung allein rund 40 VAX- und PDP-11-Prozessoren). Insgesamt etwa 1500 Terminals sind an diese Rechner gekoppelt. An der Informatikabteilung sind zusätzlich 130 Perq-Arbeitsstationen (16-Bit-Mikrocomputer mit Rasterbildschirm) im Einsatz. Die meisten Fachbereichsrechner sind über Ethernets - "alte" mit 3 MBit/s und "neue" mit 10 MBit/s - verbunden, die sich auf die einzelnen Gebäude beschränken. Die Rechner des Universitätsrechenzentrums und der Informatik-Abteilung kommunizieren über proNET, einen Token-Ring der Firma Proteon Inc. (Natick, Massachusetts).

Mikros nur zu einem Zehntel von dritten Herstellern

Seit Beginn der 80er Jahre werden - praktisch losgelöst von der skizzierten Computerausstattung - in immer stärkerem Umfang marktgängige Mikrocomputer eingesetzt. Käufer sind einzelne Professoren, Studenten oder Hochschuleinrichtungen. Obwohl es bisher von den Colleges sowie Schools keinerlei Empfehlungen an Hochschulangehörige zum Mikrocomputerkauf gibt, dürften mittlerweile auf dem Campus schon mehr als 3000 darartige Geräte im Einsatz sein. Knapp zwei Drittel sind IBM Personal Computer, ein Drittel sind Apple Lisa und Macintosh-Einheiten und höchstens zehn Prozent stammen von dritten Herstellern. Der vom Universitätsrechenzentrum betriebene Computerladen hat in den ersten vier Monaten nach Ankündigung des Apple Macintosh allein für dieses Modell 1500 Bestellungen erhalten, ohne daß daher der bisher stark dominierende IBM-PC-Absatz mengenmäßig zurückgegangen wäre. IBM und Apple haben diese Entwicklung durch Maßnahmen wie hohe Preisnachlässe und Gratisanlagen stark forciert. Ihre Marketingaktivitäten waren und sind dabei direkt auf die einzelnen Fachabteilungen gerichtet.

Aus dieser seitens der CMU kaum beeinflußbaren Entwicklung entstand ein zunehmender Druck, eine adäquate Kommunikationsinfrastruktur sicherzustellen, die auch zu erwartenden gerätetechnischen Fortschritten gerecht wird. Weiterhin wurde - so wie am MIT - nach Wegen gesucht, möglichst jedem Forscher einen persönlichen Hochleistungsmikrocomputer zur Verfügung stellen zu können, dessen Hardware schon 1980/81 wie folgt gekennzeichnet wurde: Prozessor mit 1 MIPS, virtueller Adreßraum von 2ê32 Worten pro Prozeß, mindestens 2ê20 Worte Primärspeicher, lokaler Sekundarspeicher mit 10ê8 Bytes und virtueller Speichertechnik Rasterbildschirm mit 1000 x 1000 einzeln adressierbaren Punkten, Tastatur, Zeigeeinrichtung sowie LAN-Anschluß (10ê6 Bit/s).

Auch ein modernes Software- und Verbundkonzept wurde schon damals im sogenannten Spice-Projektvorschlag spezifiziert. "Spice" steht als Kürzel für: Scientific Personal Integrated Computing Environments". Gespräche mit den "Hauslieferanten" DEC zur Finanzierung dieses hochschulweiten Entwicklungsvorhabens scheiterten. Am 20. Oktober 1982 wurde dann angekündigt, daß CMU dieses auf fünf Jahre befristete Projekt in kaum veränderter Form zusammen mit IBM realisieren wird. IBM hat für drei Jahre Unterstützung fest zugesagt und für die weiteren zwei Jahre eine Absichtserklärung abgegeben.

Die damals in Aussicht genommene Gesamtstruktur des geplanten Mikrocomputerverbundsystems wird in Bild 2 wiedergegeben. Bis zum Jahr 1990 sollen 6000 bis 7000 vernetzte Arbeitsstationen der Spice-Leistungsklasse an der CMU installiert werden. Die ersten 75 Prototypsysteme mit experimenteller Hardware wurden im Herbst 1984 fertiggestellt. Im Herbst dieses Jahres soll die Auslieferung von für den Echtbetrieb vorgesehenen Geräten und deren Einsatz in der Ausbildung beginnen; angepeilt sind 400 bis 1000 Einheiten bis zum Frühjahr 1986. Ab Herbst 1986 sollen dann die Studenten zum Kauf der Stationen verpflichtet werden, wobei von einem Marktangebot um zirka 3000, - Dollar ausgegangen wird. Von da ab wird ein Anwachsen des Bestands um 1000 Arbeitsstationen pro Jahr erwartet. Sieht man von dem Kohärenz-Ziel ab, das an der CMU als nicht realisierbar und auch nicht als unbedingt erstrebenswert gilt, gibt es hinsichtlich der langfristigen Zielsetzungen kaum Unterschiede gegenüber dem MIT-Projekt.

Projektmittel nicht an Sprachen gebunden

Die Beschränkung der "zugelassenen" Programmiersprachen wird als kreativitätshemmend angesehen. Zwar werden - wie am MIT - auf den CMU-Arbeitsstationen zunächst nur C, Fortran, Lisp und Pascal unterstützt, diese werden jedoch für weitere Sprachen offengehalten. Die Vergabe von Projektmitteln für die Softwareentwicklung ist nicht an die Verwendung bestimmter Sprachen gebunden.

An der CMU wird - entgegen MIT - jedoch von Anfang an ein 32-Bit-Mikrocomputer entwickelt und eingesetzt, der den Spezifikationen der bis in die 90er Jahre hinein vorgesehenen Arbeitsstationen entspricht. Das im vergangenen Jahr entstandene Modell wird zwar ausdrücklich als experimentell bezeichnet und ist definitiv nicht die Arbeitsstation, welche die Studenten ab 1986 kaufen sollen - hinsichtlich der Funktionen und Leistungen gibt es aber voraussichtlich keinen Unterschied. Die wirkt sich natürlich im Hinblick auf die Vorbereitung und Entwicklung von Anwendungssoftware für Ausbildungszwecke besonders positiv aus.

Basis an der CMU konstruierten experimentellen Arbeitsstation PEACH (= Personal Experimental Academic Computer Hardware) ist ein regulärer IBM PC XT, der mit einem 32-Bit-Koprozessor versehen ist. Ursprünglich war hierfür ein MC 68000 vorgesehen; wegen der höheren Leistungsfähigkeit des NAS 16632-Chips wurde dann jedoch die SRITEK-Karte gewählt. Neben einem hochauflösenden Rasterbildschirm sind die handelsüblichen PC-Monochrom- und -Farbschirme verwendbar. Als Betriebssystem dient Unix 4.2 bsd. Ein geräteunabhängiger, sehr schneller "Window-Manager" für eine hochentwickelte Fenstertechnik (mehrere Prozesse, hierarchische Pop-up-Menüs, Farbschirmunterstützung, Netzwerkanschluß, beschränkte Grafikfunktionen) hat sich im Probebetrieb als stabil erwiesen. Ebenso ist der eigenentwickelte, als Paket von Unterroutinen gestaltete, "Wysiwyg"-Editor ("What you see is what you get") fertiggestellt.

Meinungsverschiedenheiten zwischen IBM und CMU

Als Dateiserver dienen derzeit Sun-2-Mikrocomputer, ebenfalls unter Unix 4.2 bsd. Sie bedienen jeweils etwa 20 Arbeitsstationen, gelten als äußerst zuverlässig und gewährleisten eine hohe Sicherheit. Die wichtigsten Funktionen der ebenfalls selbst entwickelten File Serving Software sind implementiert und können später problemlos auf jede andere Unix-Maschine übertragen werden. An der CMU geht man davon aus, daß dies in absehbarer Zeit IBM-Anlagen sein werden.

Arbeitsstationen, Dateiserver, Server zur Berechtigungsprüfung, Druckerserver und anderes mehr werden an die vorhandenen dezentralen LAN angeschlossen, die sämtlich durch ein "Ethernet-Rückgrat" verbunden werden. Als Protokoll dient TCP/IP. Spezielle Rechner, "Routers", lassen über das Verbindungsnetzwerk nur den gezielten Verkehr zwischen den jeweils angesprochenen dezentralen LAN zu - aus Leistungs- und Sicherheitsgründen. Hierfür wurden vorhandene PDP-11-Minicomputer verwendet. Die Software für das Routing ist ausgetestet. Sie ist, wie sämtliche systemnahen Programme des CMU-Projekts, in C geschrieben und damit in hohem Grad portabel. Für das Backbone-Ethernet wurden 1983 Glasfaserkabel campusweit verlegt; im Sommer 1984 wurden alle gewünschten Verbindungen mit Ungerman-Bass-Adaptern realisiert.

Die externe Kommunikation (serielle Verbindungen mit 9600 Bit/s) wird ebenfalls über Routers gesteuert. Zunächst können von außerhalb nur die PEACH-Stationen das Campusnetz erreichen. Es wird jedoch er wartet, daß in nicht allzu ferner Zeit auch marktgängige Mikrocomputer wie der Apple Macintosh oder die diversen IBM-PC-Modelle das in den USA zum Standard avancierte, auch von ARPANET verwendete TCP/IP-Protokoll beherrschen und damit "CMU-kommunikationsfähig" werden. An verschiedenen US-Universitäten laufen derzeit dahingehende, regierungsgeförderte Vorhaben. Bild 3 zeigt die im Herbst 1984 realisierte Systemstruktur.

Nach Abschluß der Entwicklungsarbeiten für die Basishardware und -software des CMU-Projektes sollen weitere PEACH-Stationen produziert werden, und es beginnt die Erprobungs- und Anwendungsphase im Ausbildungsprozeß.

Gewisse Meinungsverschiedenheiten scheinen zwischen den Partnern IBM und CMU über die künftige Rolle von Großrechnern zu bestehen. IBM wollte Mainframes schenken, die aber in dem realisierten Konzept eigentlich keinen Platz haben. Sie kämen allenfalls als "Großdateiserver" für Datensicherungs- und archivierungszwecke in Betracht. Dazu müßte auf diesen Rechnern Unix 4.2 laufen - was früher oder später sicher kommt - oder es müßten Unix-4.2-Ports zu VM-Hostumgebungen geschaffen werden - woran an der CMU nicht, dem Vernehmen nach aber bei IBM intern gearbeitet wird. Von der CMU wurde im September 1983 der Grundsatzbeschluß gefaßt, künftig keine Großrechner mehr anzuschaffen. Bezüglich der LAN-Technologie wird auf Ethernets gesetzt; mit dem IBM-Token-Ring wird nicht einmal experimentiert.

IBM leiht den Universitäten Mitarbeiter aus

Weil es sich um eine Joint-Study handelt, ist die Zusammenarbeit mit IBM sehr viel enger als am MIT - nach Aussagen der CMU-Informatiker. IBM bringt im Gegensatz zum MIT-Projekt auch aus eigenen Forschungs- und Entwicklungslabor Know-how, Hard- und Software ein - am MIT nur Marktprodukte - und erhält alle Rechte an den Projektergebnissen. Erstellte Hardware und Software kann jedoch von der CMU auf Dauer kostenlos verwendet werden.

Für die Entwicklung und Implementierung der Komponenten und des verteilten Gesamtsystems wurde im Oktober 1982 als neue Organisationseinheit das Information Technology Center (ITC) geschaffen. Dort sind derzeit rund 40 Mitarbeiter beschäftigt. 30 gehören zum technischen Entwicklungspersonal, die Hälfte davon kommt von IBM. Sie sind auf dem Campus in einem eigens errichteten Gebäude unter strengen Sicherheitsvorkehrungen tätig.

Ein Jahr später wurde ein Center für Design of Educational Computing (CDEC) gegründet, dessen Hauptzweck die Förderung und Koordination der Anwendungssoftwareentwicklung für die Ausbildung ist. Zur finanziellen Unterstützung inneruniversitärer Entwicklungsvorhaben, insbesondere zur Abdeckung der damit verbundenen Personalkosten, stehen dem CDEC jährlich über eine Million Dollar zur Verfügung. Projektanträge einzelner Professoren auf Zuweisung kleinerer Summen aus diesem Budgetposten und/oder auf Arbeitsstationen umfassen üblicherweise nur ein bis zwei Seiten. Mitte 1984 hatte das CDEC sechs Mitarbeiter, in den kommenden Jahren wird der Personalstand auf 40 aufgestockt. In den drei darauffolgenden Jahren werden diese Mitarbeiter schrittweise in die Colleges beziehungsweise Schools versetzt. Dann wird das CDEC wieder aufgelöst.

Maßnahmen zur Anregung der Softwareentwicklung und -verwendung in der Lehre sind:

- Ein "CDEC-Newsletter", der alle zwei Monate erscheint und Analysen von Standardsoftware, Erfahrungsberichte, Hinweise auf Unterstützungsmöglichkeiten etc. enthält,

- Seminare zur Demonstration erfolgreicher Anwendungen beziehungsweise besonders geeigneter Standardpakete,

- Programmierkurse (für die marktgängigen Mikrocomputer und die PEACH-Arbeitsstationen) und Programmierberatung,

- Koordination von Interessentengruppen für gemeinsame Softwareentwicklungen,

- Vergabe der finanziellen Fördermittel und kostenlosen Arbeitsstationen - hierfür gibt es keine Standards, etwa bezüglich Programmiersprachen, -methodik oder -dokumentation als Förderungsvoraussetzungen, sondern nur dahingehende Beratung,

- interuniversitäre Zusammenarbeit im Hinblick auf Erfahrungsaustausch, gemeinsame (und damit aussichtsreichere) Projektanträge bei Unterstützungsfonds, Abstimmung von Portabilitätsstandards, Durchsetzung von Standards (wie Unix 4.2 bsd) und von günstigen Einkaufskonditionen bei Computerherstellern, gemeinsame Softwaretests etc.

Hierzu wurde von der CMU die Gründung des Inter-University Consortium for Educational Computing (ICEC) initiiert. Dies ist eine Erfahrungsaustauschgruppe von 16 Universitäten, die in der Entwicklung und Anwendung von Software für die Hochschulausbildung eine führende Stellung einnehmen. Dazu gehören: Brown University; California State University, Northridge; Carnegie-Mellon University; City University of New York; Columbia University; Cornell University; Dartmouth College; Howard University; Iona College; Mills College; Rensselaer Polytechnic Institute; Southwestern College (Chula Vista, California); Stanford University; University of California, Berkeley; University of Wisconsin, Madison; Vassar College.

Das Information Technology Center und das Center for Design of Educational Computing sind organisatorisch mit dem Computation Center (Rechenzentrum) und dem Administrative Systems Department (für die Rechnerunterstützung der CMU-Verwaltung zuständig) zu dem University Computing Center zusammengefaßt.

Literaturhinweise:

(ohne Verfasser:) The Apple Computer University Consortium, in: Apple Education News, Vol. 5, No. 1, Jan.-March 1984, S.2.

Vgl. zu den Schwerpunkten der besten Informatik-Fachbereiche an US-amerikanischen Universitäten Gibson, T.: "Computer Science" in den USA: Progressiver und effektiver, in: Diebolad Management Report, 1982, Nr. 9, S. 5-7.

Projektbeschreibungen zum Thema "Athena" werden halbjährlich veröffentlicht von: Project Athena, Massachusetts Institute of Technology, E 40-443, Cambridge, Ma. 02138, USA. Vgl. Zu den nachfolgenden Beispielen o. V.: Project Athena Faculty/Student Projects, MIT Technical Report, May 1984.

Zur Kommunikationsinfrastruktur des CMU vgl. Ball, J. E., Barbacci, M. R., Fahlmann, S. E., Harbison, S. P., Hibbard, P. G., Rashid, R. F., Robertson, G. G., Steele Jr., G. L.: The Spice Project, in: 1980-1981 Computer Science Research Review, CMU, Pittsburgh 1982, S. 9f.

Postanschrift für den "CDEC-Newsletter": CDEC, UCC 205, Carnegie-Mellon University Pittsburgh, PA 15213, USA.

*Profesor Dr. Hans Robert Hansen lehrt als Dozent an der Wirtschaftsuniversität Wien, Abteilung Wirtschaftsinformatik.

Der vollständige Bericht erschien in Angewandte Informatik, Heft 11 und 12, 1984, Friedrich Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH, Braunschweig/Wiesbaden.