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25.11.1988 - 

Eigene Erfahrungen sind Basis für die Produktpolitik:

CIM-Aktivitäten von Hewlett-Packard

Hewlett-Packard besitzt viele Erfahrungen auf den Gebieten Produktentwicklung und Fertigung. Dies gilt aber auch für die ausländischen Töchter. Deshalb sind die CIM-Lösungen in den USA nicht unbedingt repräsentativ für die deutschen CIM-Aktivitäten bei HP. Da aber die wesentlichen Entwicklungen für Hardware, Systemsoftware und auch Anwendungssoftware international und damit hauptsächlich in den USA konzipiert werden, sind die dortigen CIM-Strategien auch aus deutscher Sicht von starkem Interesse.

Durch die betont dezentrale Führungsphilosophie bei HP wird zu Experimenten ermutigt und die Durchführung möglich gemacht. Eine streng erfolgsbezoge, an vielen Kennzahlen orientierte Managementphilosophie verhindert allerdings unwirtschaftliche Träumereien. Stellen sich dezentral erzielte Erfolge als stabil heraus, so werden sie zur Nutzung von Synergie-Effekten auf andere Bereiche mit sanftem Druck übertragen.

Diese Erfolgsfaktoren werden sichtbar, wenn CIM-Vorzeigelösungen von HP-Werken besucht werden. Sie sind gleichzeitig Ausgangspunkt für die CIM-Strategie, die HP für ihre Standard-Produkte einschlägt. Die enge Verzahnung zwischen eigener Erfahrung und Verantwortung für die Produktpolitik wird beispielsweise bei Jean-Pierre Patquai deutlich, der das hoch technisierte Computerwerk in Cupertino/Kalifornien aufgebaut hat, nun aber als General Manager der Manufacturing Productivity Division für die Konzeption der Standard-Anwendungssoftware zur Produktionsplanung und -steuerung verantwortlich ist.

Das Spektrum der eigenen Produkte (Meßtechnik, Computer) erklärt auch die starke Fokussierung von HP auf die Elektronikindustrie im Rahmen ihrer CIM-Aktivitäten. Im Werk für Meßgeräte in Lake Stevens bei Seattle treffen sich ambitiöse CIM-Lösungen mit einem Hang zur Vereinfachung. Während im Bereich der Produktentwicklung die Computerunterstützung bis zum Einsatz von Expertensystemen reicht, wird die Fertigung von der "Zettelwirtschaft" eines Kanban-Systems gesteuert.

Die von HP gern verwendete Darstellung aus dem "Electronic Business" 1983 (vergleiche Abb. 0 verdeutlicht die Bedeutung der CIM-Kette: Produktentwicklung" im Bereich der elektronischen Fertigung. Eine Verzögerung der Markteinführung eines Produktes um sechs Monate führt zu einem Verlust des insgesamt möglichen Produktgewinns über seine Lebensdauer in Höhe von 33 Prozent. Eine Erhöhung der Produktkosten um 9 Prozent gegenüber einem möglichen optimalen Wert führt dagegen lediglich zu einem Gewinnentgang von 22 Prozent und eine Überschreitung der Entwicklungskosten um 50 Prozent sogar nur zu einem Gewinnrückgang um 3,5 Prozent.

Der hohe Anteil von Ingenieurarbeiten in Lake Stevens (200 Mitarbeiter der insgesamt 600 Werksangehörigen sind Ingenieure, 200 weitere sind direkt in der Fertigung und die restlichen 200 in Unterstützung und Verwaltung beschäftigt) ist deshalb nicht verwunderlich. Allen in der Entwicklung beschäftigten Ingenieuren stehen moderne Hard- und Software aus dem CAD-Bereich für elektronische Komponenten zur Verfügung. Das Herzstück der Computerunterstützung ist aber das gerade in der Einführung befindliche datenbankgestützte Informationssystem, das die gesamte CIM-Kette der Produktdefinition von der Entwicklung über Fertigungsvorbereitung bis in die Fabrik unterstützt (vergleiche Abbildung 2).

Die von HP firmenweit verwalteten Komponentendaten (sie enthalten die Beschreibungen der extern bezogenen oder intern hergestellten Komponenten wie Halbleiter, Transistoren etc.) wurden in Lake Stevens durch eigene, zusätzliche Informationen, die eine höhere Konsistenz der Daten sichern, ergänzt. Diese in einer relationalen Datenbank abgespeicherten Komponentenbeschreibungen (Colossus) werden von der Forschung und Entwicklung, beim Entwurf neuer Leiterplatten als Informationsquelle genutzt. Die Ergebnisse des Leiterplattenentwurfes werden in Form der CAD-Daten, die die Positionen der Komponenten auf einem Board beschreiben, sowie der Materialliste ebenfalls in einer relationalen Datenbank abgelegt.

Dieser Entwurf wird anschließend durch ein wissensbasiertes System auf Fertigungsgerechtheit überprüft. Das von dem jungen Ingenieur Clark Nicholson entwickelte wissensbasierte System, dessen Grundgedanken er in seiner These zum Master of, Sciencein Electrical Engineering an der Universität von Washington erarbeitet hat, enthält das Erfahrungs- und Heuristikwissen der Fertigung über die Eignung bestimmter Komponenten und Fertigungseinrichtungen.

Pro Leiterplatte werden rund 200 Komponenten eingesetzt, die auf unterschiedlichen Anlagen und unterschiedlichen Produktionswegen gefertigt werden können. Diese große Anzahl von Freiheitsgraden ermöglicht damit auch Optimierungen hinsichtlich Fertigungsqualität, Fertigungszeit und Kosten.

Bei der Wissensakqusition der Regeln,wurden Interviews mit Mitarbeitern der Fertigung bezüglich der Eignung bestimmter Komponenten hinsichtlich Qualität, Fertigungszeiten und -kosten durchgeführt und die erhobenen Angaben, die üblicherweise in Konstruktionshandbüchern festgelegt sind, in der Regelbasis des DRC (Design Rule Control) abgelegt. Daneben enthält das System auch Simulationsverfahren, um Kollisionen bei der Fertigung zu entdecken und durch Vorschlag geeigneter Komponenten zu verhindern.

Das DRC-System bildet somit die Verbindung zwischen Entwicklung und der Fertigung in der Fabrik. Gleichzeitig verschweigt es die häufig organisatorisch auch in den USA getrennten Bereiche Entwicklung und Fertigungsvorbereitung. Durch Rückkopplungen ist dafür gesorgt, daß Ergebnisse der Prüfung auf Fertigungsgerechtheit in die Entwicklung neuer Produkte eingehen.

Lassen sich Ingenieure durch das System ersetzen?

Es bahnt sich die Tendenz an, nicht nur eine systemtechnische Verbindung zwischen Entwicklung und Fertigungsvorbereitung zu erzielen, sondern auch organisatorisch beide Bereiche enger zu gestalten. Ob allerdings, wie beiläufig erwähnt wurde, die Fertigungsingenieure vollständig durch das wissensbasierte System ersetzt werden können, ist wohl eher als eine - wenn auch aufschlußreiche - Überpointiertheit zu werten.

Die auf Fertigungsgerechtheit überprüften Layout-Daten werden anschließend in die Steuerungsprogramme für Bestückungsautomaten und Roboter übernommen, so daß die CAD/CAM-Kopplung ebenfalls Bestandteil des Systems ist.

Während bisher die Beeinflussung von Kosten und Qualität eher anhand heuristischer Regeln erfolgt, ist geplant, die Optimierung durch ein mehr mathematisch orientiertes Verfahren zu ergänzen.

Das wissensbasierte System ist in der KI-Sprache LISP realisiert, soll aber demnächst mit einer der Programmiersprache C verwandten Systemumgebung neu implementiert werden.

Der hohe Anteil der Materialkosten an den Herstellerkosten in der Elektronikindustrie (der Anteil schwankt zwischen 45 Prozent und 70 Prozent) erklärt die Bedeutung einer auf die Reduzierung von Beständen beziehungsweise Durchlaufzeiten ausgerichteten Auftragslogistik. Sowohl in dem Werk in Lake Stevens als auch im Werk in Cupertino, in dem Computer des Typs HP 3000, HP 1000 sowie neuen RISC-Architektur gefertigt werden, wird dabei mit möglichst einfachen Dispositionsverfähren das Ziel angestrebt, den Materialfluß zu optimieren. Obwohl beide Werke unterschiedliche Produkte herstellen und auch kein HP-umfassendes CIM-Konzept besteht, überraschen enge Parallelitäten.

In beiden Fabriken wird durch eine geringe Fertigungsstufe der Komplexitätsgrad der Fertigungssteuerung reduziert: In einem Fertigungsbereich werden elektronische Leiterplatten erstellt, die in einem montageorientierten Bereich mit den Chassis zu den Endprodukten montiert werden. Die geringe Fertigungstiefe führt allerdings dazu, daß komplizierte Steuerungsprobleme auf Vorlieferanten verlagert werden. In den Werken selbst ist es aber möglich, große Erfolge durch kleine Mittel zu erzielen. Dieses paßt in das Motto, zunächst die organisatorischen Voraussetzungen für eine CIM-fähige Fabrik zu erzielen, die abschließend die höhere Fertigungstechnik nach sich zieht, oder wie Jean-Pierre Patquai sagt: "think big, start small".

Das System wurde ausgetrickst

Unter diesen Voraussetzungen ist es erklärlich, daß die für hohe Fertigungstiefe, wie sie in der Fertigungsindustrie üblich ist, ausgerichteten Standardsoftwaresysteme zur Produktionsplanung und -steuerung von HP (NM/3000 und PM/3000) nicht passen. In Lake Stevens hat man deshalb durch eigenentwickelte Systeme das vorhandene MM/3000-System ergänzt oder durch Stillegung von Programmcode beziehungsweise Ausnutzung von lediglich für Sonderfälle gedachte Programmausgänge ausgetrickst".

Ausgangspunkt für die Entwicklung des Kanban-Systems in Lake Stevens war die Tatsache, daß die auf den einwöchigen Bedarf ausgerichteten Lose der Push-Philbsophie zu langen Durchlaufzeiten und hohen Beständen geführt hatten. Die ständigen Änderungen im Master Planning System der Produktionsplanung führten darüber hinaus zu einer hohen Unruhe.

Das Kanban-Konzept wurde in drei Einführungsstufen entwickelt. In der ersten Stufe wurden die von dem MM/3000-System erzeugten Fertigungsaufträge lediglich zur Kommissionierung des Lagers verwendet, um die benötigten Komponenten für die Leiterplattenfertigung sowie für die Montagesteuerung der Endprodukte bereitzustellen. Innerhalb der Bestückungslinie wurde dagegen der Materialfluß durch Kanban-Karten gesteuert. Damit wurden die Lagerbestände innerhalb der Produktionslinien drastisch reduziert. Die Losgrößen innerhalb der Fertigung wurden ebenfalls drastisch verringert. Obwohl bezüglich des PPS-Systems keine Änderung eintrat (alle Informationen wurden weiterhin ausgedruckt), wurde es praktisch unterlaufen, da die Arbeitspapiere zur Steuerung der Fertigung nicht eingesetzt wurden. In der zweiten Stufe wird die Ausgabe der Arbeitspapiere aus dem PPS-System vollständig unterdrückt. - Auch die Kommissionierung aus dem Lager wird nun durch Kanban-Karten nach dem "Zich-Prinzip durchgeführt. Als Schnittstelle zu dem PPS-System wird der Programmausgang ungeplante Entnahme genutzt.

Die Funktion der Bedarfsauflösung des PPS-Systems wird lediglich für die Feststellung des Bedarfs von Zukaufteilen eingesetzt, hat aber keinen Einfluß mehr auf die Generierung von Fertigungsaufträgen. Die Aushöhlung des klassischen PPS-Systems durch das Kanban-System wird ergänzt durch ein eigenentwickeltes Master Planning System, das durch grafische Unterstützung auf einen vorgeschalteten Lotus-1-2-3-System die mittelfristige Produktionsplanung unterstützt. Dieses System ist Ausgangspunkt für die mit Hilfe der Bedarfsauflösung festgelegten Bedarfszahlen für fremdbezogene Komponenten. Durch statistische Kontrolle der eingehenden Kundenaufträge wird laufend überprüft, ob die angesetzten Prognosewerte weiterhin gültig sind oder korrigiert werden müssen.

Durchlaufzeiten drastisch verkürzt

Die Gegenübern traditionellen PPS-Systemen veränderte Gewichtung der Funktionen, die Grobplanung und die kurzfristige Fertigungssteuerung gegenüber der mittelfristigen Bedarfsauflösung zu unterstützen, zeigt die für zukunftsweisende CIM-Strukturen geeignetere PPS-Philosophie auf.

Die Erfolge sind überzeugend: Die Durchlaufzeiten der Endprodukte von früher 45 Tagen wurde auf vier bis fünf Tage reduziert; dabei sanken die Fertigungszeiten der Leiterplatten von 16 bis 20 Tagen auf eineinhalb Tage. In Cupertino wurden die Durchlaufzeiten von vorher zwei Wochen auf heute acht Stunden bis anderthalb Tage reduziert.

Während in Lake Stevens die Kanban-Karten mit Hilfe eines EDV-Systems erzeugt werden und nach dem Auffüllvorgang vernichtet werden, so daß Fehler aufgrund technischer Änderungen, etwa neue Teilnehmern, vermieden werden, ist das System in Cupertino noch robuster. Hier wird der Materialfluß zum Teil über farbige Markierungen an Plantafeln gekennzeichnet: Die Anzahl grüner Magnetpunkte zeigt an, wie viele produzierte Kanban-Einheitee zur Zeit bereitstehen, die Anzahl roter Punkte, wieviel Kanban-Behälter bereits in die nächste Produktionsstufe weitergegeben wurden, so daß durch Summenbildung auch die gesamte Anzahl der produzierten Einheiten ständig sichtbar ist. Out-of-Stock-Vorgänge werden von Controllern an Platztafeln angegeben, so daß diese für jedermann sichtbar sind und über den erzeugten sozialen Druck verringert werden.

Enges Netz von Vorgaben und Kontrollen

Auf die dritte Ausbaustufe des Kanban-Systems wurde in Lake Stevens verzichtet. Sie sieht vor, auch die Lieferanten über eine Just-in-Time-Philosophie an die Beschaffungslogistik anzubinden, um somit das Eingangslager weitgehend auszuschalten. Die mit der dritten Stufe verbundene zusätzliche Wirtschaftlichkeit erscheint aber gegenüber dem bereits erreichbaren Zustand zu gering, um diesen Schritt zur Zeit weiterzuverfolgen. Demgegenüber ist in Cupertiono für den Zusammenbau der Computer bereits eine Just-in-Time-Philosophie zu den Vorlieferanten realisiert. Die Computerchassis werden direkt von den Lastwagen in die Montage weitergegeben, um den benötigten Lagerraum zu vermeiden.

Ihren Anspruch, bezüglich Qualitätssicherung der "Daimler unter den Computerherstellern zu sein, versucht HP mit einer ausgefeilten Methode gerecht zu werden. Diese Qualitätssicherung beginnt bereits in der Entwicklung und setzt sich in der Fertigung fort: Für jeden Dollar, den wir in Forschung und Entwicklung investieren, um die Qualität in ein Produkt hinein zu entwickeln, sparen wir 10 Dollar in der Fertigung."

In Cupertino besteht keine eigene Prüfabteilung, die Qualitätsprüfungen werden vielmehr nach jedem Produktionsschritt innerhalb der Fertigungslinie vorgenommen, so daß nur fehlerfreie Komponenten für den nächsten Bearbeitungsschritt freigegeben werden.

Die auf den ersten Blick in HP-Lokationen immer wieder beeindruckend hohe Dezentralisierung, die mit einem relativ selbständigen Disponieren verbunden ist, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Unternehmen durch ein enges Netz von Vorgaben und Kontrollen gesteuert wird. So wird die Schwierigkeit, CIM-Aktivitäten durch traditionelle Wirtschaftlichkeitsrechnungen zu bewerten, durch eine Schar anderer quantitativer Kennzahlen ersetzt.

Jede Organisationsstufe hat die Managementmittel:

- Entwicklung einer Strategie,

- Entwicklung von Zielgrößen,

- Entwicklung von Maßnahmenkatalogen zur Erreichung der Strate-

die und

- Bewertung der Maßnahmen. Diese werden, durch Meßzahlen operationalisiert.

In Cupertino wird beispielsweise die Zielsetzung, die Gruppentechnologie stärker zu nutzen, durch die Vorgabe, den Umsatz pro Baugruppe in drei Jahren um 50 Prozent zu erhöhen, operationalisiert. Bei der Software-Erstellung gelten Zielsetzungen, die Kosten von gegenwärtig 40 Dollar pro Zeile Quellcode und Jahr Pflege auf 25 Dollar herunterzuschrauben. Die Nutzung derartiger Kennzahlensysteme bietet HP auch seinen Kunden an. In Abbildung 3 sind typische Meßfaktoren der Wirtschaftlichkeit für die CIM-Kette "Produktentwurf" angegeben. In Abbildung 4 werden die häufig für CIM typischen pauschalen oder qualitativen Argumente, wie

- Erhöhung der Produktivität,

- Qualität,

- Flexibilität,

- Verfügbarkeit und

- Kosten,

durch Kennziffern operationalisiert (entwickelt von der Manufacturing and Engineering Systems Group im HP-Entwicklungszentrum Cupertino).

Die im Pilotunternehmen Lake Stevens gewonnenen Erfahrungen sollen auch anderen HP-Werken zugute kommen. Aus diesem Grunde ist eine Gruppe aus sieben Werken gebildet worden, die das CIM-Know-how der Elektronikindustrie bündeln und generell für HP-Werke zur Verfügung stellen soll.

CIM-Produktstrategie von Hewlett-Packard

Wenn HP seinen Kunden auch noch kein geschlossenes CIM-Konzept anbieten kann, so sind die Grundstrukturen für Organisation, System- und Anwendungsarchitektur bereits sichtbar.

Ausgangspunkt der CIM-Konzeption von HP ist das organisatorische Ebenenmodell der Abbildung 5. Den Organisationsebenen Unternehmung, Betrieb, Betriebsbereich und Fertigungszelle werden modellhaft typische Funktionen (Application Areas) zugeordnet. Die Funktionszuordnung richtet sich dabei nach der Bearbeitungsspanne aus, die die Funktion abdecken soll. Ist sie für das gesamte Unternehmen zuständig, so wird sie auf dem obersten Level angeordnet, betrifft sie dagegen lediglich eine Fertigungszelle, dann auf dem niedrigsten. Der Zuordnung von typischen Zeitintervallen mit dem Trend einer höheren Zeitnähe in Richtung Fertigungsprozeß kann aber nur bedingt gefolgt werden, da je nach Zuordnung von Funktionen auch auf der Unternehmensebene zeitkritische Vorgänge ablaufen können. Trotzdem ist die organisatorische Funktionsarchitektur ein hilfreicher Ausgangspunkt für die weiteren Schritte einer CIM-Planung.

Bei der Systemarchitektur setzt HP auf das Prinzip dem offenen Systemvernetzung ohne hierarchische Strukturierung. Dieses wird in Abbildung 5 deutlich, indem auf der linken Seite ein busförmiges Local Area Network die verschiedenen Anwendungsfelder, die mit jeweils einem Rechnerstandort gleichgesetzt werden können, verbindet. In Abbildung 6 wird die Architektur weiter verdeutlicht, indem eine heterogene Umwelt über ein offenes Netz miteinander verbunden ist.

Da nach Meinung von HP die Technik für verteilte Systeme bereits vorliegt, HP intern durch das eigene Netz Internet mit 4000 Knoten ausreichende Erfahrung besetzt, will HP den Kunden durch intensive Implementierungsunterstützung den Einstieg erleichtern. Das alleinige Angebot der Technik genügt nicht, wenn dem Kunden anschließend die Implementierungserfahrung fehlt. Man würde sonst nach dem Motto eines Mathematikbuchs verfahren, in dem eine Aussage behauptet wird und der Autor mit "but the proof ist left to the reader schließt.

Neben der technischen Gestaltung eines solchen Netzes besteht aber auch das Problem, die hierarchische Anwendungsstruktur der Abbildung 5 auf die hierarchielose Hardwarearchitektur der Abbildung 6 zu übertragen.

Bei den besonderen Anforderungen des Anschlusses von Prozessen wird ein Realtime-Data-Management vorgeschlagen, das Schnittstellen sowohl zum Netzwerk der Fabrik, zu den Steuerungen der Maschinen und für Auswertungen zum menschlichen Benutzer darstellt (vergleiche Abbildung 7). Die besondere Betonung von Realtime-Anforderungen in der Fertigung wird durch entsprechende HP-Entwicklungen, bei dem Betriebssystem Unix deutlich. Wie bereits bei der Vernetzung, wo HP auf der OSI-Architektur aufbaut und sowohl MAP als auch TOP intensiv unterstützt, richtet sich HP auch bei den anderen Basiselementen von CIM an offenen Standards aus. Dieses gilt insbesondere für die Favorisierung des Betriebssystems Unix (HP-Version: UX), welches HP seit Jahren konsequent weiterentwickelt: HP verfolgt das Ziel, dem Timesharing-Betrieb von Unix-Realtime-Komponenten hinzuzufügen. HP gehört auch zu den Gründern von OSF (Open Software Foundation), deren Mitglieder, unter anderem IBM, DEC, Siemens, Philips und Nixdorf die Entwicklung offener Systemarchitekturen unterstützen.

Für HP ergibt sich die Problematik, daß die Entwicklung von Unix bereits am intensivsten verfolgt wurde. OSF aber zunächst das IBM-System AIX wegen seiner stärker modularen Systemarchitektur favorisiert. Man hofft allerdings, die Realtime-Komponenten in den OSF-Standard einbringen zu können.

Als Datenbankschnittstelle wird Auch von HP die Sprache SQL favorisiert; Grafikschnittstellen sind GKS/ PHIGS. Bei den Benutzerschnittstellen werden zur Zeit noch mehrere Richtungen verfolgt. Mit X-Windows Version 11 wird der vom OSF unterstützte Standard akzeptiert. Allerdings hat HP mit dem System New Wave ein auf X-Windows aufbauendes höheres. Konzept entwickelt, das neben Büroanwendungen auch die Integration vielfältiger Anwendungssysteme, zum Beispiel auch aus dem CAD-Bereich, ermöglicht. Aus diesem Grunde sind die Anstrengungen verständlich, New Wave ebenfalls in den OSF-Standard aufzunehmen.

Neben den auf professionelle Workstations ausgerichteten Benutzerschnittstellen wird für PC-Anwendungen auch DOS weitergeführt.

Schafft die OSF einheitliche Standards?

Der hohen -Bedeutung der Mitwirkung an den Standardisierungsbemühungen wird durch den ständigen Einsatz von sieben Mitarbeitern in den OSF-Aktivitäten Rechnung getragen. Erklärte Zielsetzung ist, in möglichst vielen Bereichen die Entwicklungsführerschaft in eine Standardisierung zu übertragen. Das Risiko, in erheblichem Maße Entwicklungskosten zu tragen, die später nicht zu einem Standard führen, wird allerdings gegenwärtig bei UX und New Wave deutlich. Es ist deshalb zweifelhaft, ob die OSF stark genug bleibt, die verschiedenen Interessen der Mitglieder tatsächlich unter einheitliche Standards zu vereinen und sich über bereits getätigte Entwicklungskosten hinwegzusetzen.

Komplettes Angebot gibt es noch nicht

Da CIM ein Anwendungskonzept für Industriebetriebe ist, stellt sich die Gretchenfrage nach der CIM-Kompetenz eines Herstellers bei der Betrachtung seines Angebotes an Anwendungssoftware. Wie bei allen Herstellern und insbesondere bei solchen, die sich primär als Hardwareproduzenten verstanden haben, bestehen hier Probleme. Allerdings hat HP die Bedeutung der Anwendungssoftware bereits eher erkannt als einige andere vergleichbare Produzenten. Trotzdem: Ein komplettes Angebot an CIM-Anwendungssoftware besteht noch nicht. Vor allem, wenn man auch die Kompetenz für begleitende Organisationsberatungen und Einführungsunterstützungen einbezieht.

Ein Schwergewicht der Anwendungskompetenz liegt auf den Gebieten CAD, sowohl bei der Hardware als auch bei der Anwendungssoftware für elektronische und mechanische Fertigung, sowie CAQ. Die Betonung CAQ mag auch aus der Herkunft des Unternehmens aus dem Bereich der Meßtechnik resultieren. Hier gelingt es, gegenwärtig verstärkt in Großunternehmungen Fuß zu fassen und damit den traditionellen Markt des Mittelstandes zu erweitern.

Zur Unterstützung der Ausrichtung auf CAQ werden vom Industrial Applications Center in Cupertino/ Kalifornien Untersuchungen herangezogen, die aussagen, daß der erweiterte Einsatz von statistischen Qualitätskontrollsystemen der führende Faktor zur Erhöhung der Produktivität ist, verglichen beispielsweise mit der Reduktion von Umrüstzeiten, Programmen zur Motivation der Mitarbeiter oder auch zum verstärkten Einsatz von PPS, insbesondere MRP. Als Beispiel für die Bedeutung der Qualitätssicherung wird ein Fordwerk in Michigan herangezogen, das aufgrund mangelnder Produktivität geschlossen werden sollte, nach Einführung von CAQ aber als Beispielwerk innerhalb des Fordkonzerns gilt.

Insgesamt konzentriert sich HP in den USA bei der Entwicklung von Automobilindustrie. Man weiß, da ein Hersteller die Anwendungskompetenz nicht für alle Industriezweig in kurzer Zeit aufbauen kann. Kenn niese über die Elektronikindustrie können aus dem eigenen Haus gewonnen werden, in den restliche Anwendungsfeldern muß man er branchenspezifisches Know-how aufbauen. Die Automobilindustrie den USA ist deshalb ein lohnend Partner, weil von ihr zur Zeit rund Prozent der Investitionen in der samten Automatisierungstechnik stritten werden. Gleichzeitig biete die Zulieferer einen interessant dynamischen Markt, so wird mit neu Verringerung der Zulieferer von 30 000 auf 1 0 000 in den USA rechnet. Dieser Überlebenskampf wird vor allen Dingen auch auf d Markt des Einsatzes moderner Informationssysteme geführt. HP hat d halb sowohl für Automobilhersteller eis auch Zulieferer eine Architekt der Anwendungen und Systeme e wickelt (vergleiche Abbildung 8 9), Wenn diese Vorschläge auch sehr grob sind, ermöglichen sie neu Anwender doch eine erdigen Einsatzstand und stellen eine Herausforderung bezüglich des Standes seiner eigenen konzeptionellen Arbeit dar.

Auf dem Gebiet der Produktionsplanung und -steuerung hat HP mit den inzwischen wohl als überaltert einzuschätzenden Systemen MM/ 3000 und PM/3000 zu kämpfen. Hier müssen unter dem Gesichtspunkt neuer Organisationsformen in der Fertigung und neuer Ablaufphilosophien, wie Just-in-Time oder der Verbindung zu technischen Systemen, neue Ansätze entwickelt werden. Dieses wurde bereits bei den eigenen Anwendungen deutlich, wo bei Just-in-Time-Fertigungen eher die -Systeme ausgetrickst als konsequent genutzt wurden. Gegenwärtig werden Verknüpfungen zwischen Stücklistenorganisation und CAD als erste Schritte zur integrierten Entwicklung von Produktdefinitionen im Sinne einer Engineering Data Base angeboten.

Konzentration auf wenige kompetente Partner

Die Konzentration auf bestimmt Branchen wie Elektronik-, Automobil- und Flugzeugindustrie läßt ein Anwachsen der Fachkompetenz den nächsten Jahren erwarten, Gegenwärtig ist HP aber noch auf breite Unterstützung von anwendungsorientierten Beratungsunternehmen und Softwarehäusern an wiesen. Auf einem auf Berater ausgerichteten Kongreß in Monterey, dem über 1 000 Interessenten aus de USA teilnahmen, wurde die Basis Philosophie für Anwendungen Entwicklungen dem Teilnehmerkreis verdeutlicht. Die Nutzung der gleichen Tools soll die Klammer über die vielfältigen, beteiligten Firmen bilden. Es ist HP aber klar, daß nur bei einer Konzentration auf wenig kompetente Partner tatsächlich vom einer durch HP gesteuerten C Philosophie gesprochen werden kann. Deshalb wird angestrebt, mit lediglich wenigen kompetenten sog nannten "Systems Integrators" zusammenzuarbeiten, die in der von Generalunternehmerschafte umfassende CIM-Projekte abwickeln können.

*Professor August-Wilhelm Scheer ist am tut für Wirtschaftsinformatik (IWI) an der Universität des Saarlandes tätig.