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Netzausrüster stabilisieren sich - Services gewinnen an Bedeutung


15.08.2003 - 

Cisco lässt die Branche im Ungewissen

MÜNCHEN (CW) - Das jüngste Quartal von Cisco Systems ist wenig erhellend. Dass der führende Netzausrüster im Vergleich zum Wettbewerb gut durch die Krise kommt, ist nichts Neues. Als Barometer für die IT-Industrie insgesamt taugt die aktuelle Performance der Router-Company indes nur bedingt. Fest steht: Im Netzgeschäft ist zumindest der Boden erreicht - mittelfristig warten aber ganz andere Herausforderungen.

Dass Cisco Systems aus Sicht der Analysten als einer der "Blue Chips" der IT-Branche in einer Liga mit IBM, Microsoft, Hewlett-Packard (HP) oder SAP spielt, wurde vergangene Woche im Vorfeld der Bekanntgabe der Quartalszahlen einmal mehr deutlich. Spannung erzeugte weniger das Warten auf die Ergebnisse als der Ausblick, den Konzernchef John Chambers geben würde. Doch der Cisco-Frontmann übte sich - wie schon seit geraumer Zeit - in der Rolle des Orakels von Delphi. Man sehe "zum ersten Mal eine Anzahl potenzieller positiver Zeichen, eine Verbesserung der Geschäftslage und mehr Zuversicht der verantwortlichen Manager, was wiederum potenzielle Investitionen in unserem Geschäftsfeld bedeuten könnte", äußerte sich Chambers sehr gewunden und relativierte dieses Statement auch gleich wieder mit dem Satz: "Man sollte nicht vergessen, dass es bereits 2001 und 2002 Anzeichen für eine Besserung der konjunkturellen Situation gab, die dann jedoch aus verschiedenen Gründen nicht eingetreten ist." Mit anderen Worten: Chambers stellte nicht die von vielen Experten erhoffte breite Erholung des Marktes in Aussicht.

Ungeachtet dessen waren die Zahlen, die der Netzprimus für sein viertes Quartal (Ende: 26. Juli) vorlegte, wie gewohnt stabiler Natur. Der Umsatz betrug 4,70 Milliarden Dollar gegenüber 4,83 Millarden Dollar in der Vergleichsperiode des Vorjahres, was zwar einem Rückgang von 2,6 Prozent entsprach, für die momentanen Branchenverhältnisse jedoch als durchaus normal zu bezeichnen ist. Verglichen mit dem dritten Quartal, in dem Cisco 4,62 Milliarden Dollar umgesetzt hatte, zogen die Einnahmen sogar wieder leicht an. Als Nettogewinn wiesen die Kalifornier 982 Millionen Dollar oder 14 Cent je Aktie aus. Damit lag der Profit um 27 Prozent über dem des entsprechenden Vorjahreszeitraums, wo unter dem Strich ein Ergebnis nach Steuern von 772 Millionen Dollar beziehungsweise zehn Cent pro Anteilschein gestanden hatte. Für das gesamte Geschäftsjahr 2003 nannte Cisco einen Umsatz von 18,87 Milliarden Dollar, der damit weitgehend den Einnahmen des Vorjahres (18,91 Milliarden Dollar) entsprach. Der Nettogewinn für das abgelaufene Fiskaljahr wurde mit 3,6 (1,9) Milliarden Dollar oder 50 (25) Cent je Aktie angegeben.

Die Reaktionen auf die Zahlen fielen unterschiedlich aus. Während CEO Chambers von einem "weiteren soliden Quartal in einem schwierigen Marktumfeld" sprach, zeigten sich viele Analysten nicht nur wegen des eingangs erwähnten zurückhaltenden Ausblicks eher enttäuscht. Unter anderem wurde moniert, dass Cisco - wie seit längerem üblich - die Gewinnerwartungen der Wallstreet nicht um mindestens einen Cent übertroffen, sondern mit 15 Cent (vor Einmalaufwendungen) lediglich exakt getroffen hatte. Neben diesem eher die Investoren interessierenden Detail wurde auch kritisiert, dass die Bruttomarge, die sich am Umsatz abzüglich der reinen Produktionskosten bemisst, von 70,8 Prozent aus dem Vorquartal auf 69,9 Prozent zurückgegangen ist. Cisco selbst begründete dies mit der Konsolidierung des vor kurzem für rund 480 Milllionen Dollar übernommenen Wettbewerbers Linksys, der auf margenschwächere Wireless-Produkte für den Small-Office-Home-Office-(Soho-)Markt fokussiert sei. Chief Financial Officer (CFO) Dennis Powell, der für das laufende erste Quartal mit 4,8 bis 4,9 Milliarden Dollar einen Umsatz auf Vorjahresniveau erwartet, bezifferte die Einnahmen, die Linksys im vierten Quartal zum Konzernumsatz beigesteuert hat, auf rund 20 Millionen Dollar. Hinter vorgehaltener Hand hieß es deshalb in New Yorker Börsenkreisen, die Kalifornier hätten sich stagnierenden Umsatz erkauft.

Dass sich das Akquisitionstempo von Cisco nach inzwischen summa summarum 81 Übernahmen seit dem vergangenen Jahr deutlich verlangsamt hat und vor allem nicht mehr die Wachstumssprünge wie in der Vergangenheit garantiert, ist indes nur ein kleines Indiz für die Auswirkungen der Krise, die auch der ungefochtene Marktführer im Router-Segment zu spüren bekommen hat. Zwar haben die Kalifornier nach einer aktuellen Studie des US-amerikanischen Marktforschungsunternehmens Dell'' Oro Group hier im ersten Kalenderquartal 2003 ihre führende Position bei weit über 60 Prozent Marktanteil zementieren können, während Wettbewerber wie Juniper Networks mit großem Abstand folgen. Anders sieht es jedoch beispielsweise im Bereich WAN-Switches aus, wo das Rennen mit zum Teil prominenteren Anbietern wie Lucent Technologies und Nortel Networks inzwischen wieder offen ist. Das Problem solcher Marktbetrachtungen war und ist jedoch, dass Cisco anders als etwa Lucent & Co. nach wie vor rund 80 Prozent seiner Einnahmen im Enterprise-Sektor erwirtschaftet. Will heißen: Die klassischen Telco-Ausrüster wie Lucent, Siemens, Alcatel und auch Nortel, die - wenn überhaupt - nur vergleichsweise geringe Umsätze mit Firmennetzen erzielen, litten in den beiden zurückliegenden Jahren besonders unter dem Investitionsstopp der großen Carrier. Cisco hingegen hatte "nur" mit der "Investitionszurückhaltung" seiner Unternehmenskunden zu kämpfen und konnte den völlig eingebrochenen TK-Markt weitgehend ignorieren.

Die Kosten sind niedriger - der Umsatz auch

Glaubt man indes aktuellen Stimmen aus dem Telco-Lager, ist dort zumindest die Talsohle erreicht. Sowohl Lucent-Chefin Patricia Russo als auch Nortel-President und -CEO Frank Dunn bekräftigten kürzlich bei der Vorlage ihrer aktuellen Quartalszahlen, den Turnaround bis spätestens zu Beginn des kommenden Jahres schaffen zu wollen. Allerdings muss man sich speziell bei diesen Firmen die Entwicklung der vergangenen 24 Monate noch einmal vor Augen halten: In beiden Fällen wurde die Belegschaft mehr als halbiert; Zehntausende von Mitarbeitern verloren ihren Arbeitsplatz. Auf der Kosten- und damit Ergebnisseite haben sich diese Maßnahmen schon positiv ausgewirkt. Unverändert enttäuschend ist jedoch die Umsatzentwicklung beider Companies. Bei Lucent fielen die Einnahmen im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr von 2,95 auf 1,97 Milliarden Dollar, Nortel musste ein Minus von 2,77 auf 2,33 Milliarden Dollar hinnehmen.

Nicht umsonst sprach die US-amerikanische Investmentbank UBS Warburg im Zusammenhang mit den jüngsten Lucent- und Nortel-Zahlen von einem "andauernden Umsatzproblem" - ein Problem, das allerdings nach wie vor die gesamte Branche hat. Denn wie bei den Ausrüstern aus Übersee können auch die beiden großen europäischen Telco-Supplier Siemens und Alcatel bis dato lediglich Erfolge beim Abbau ihrer Fixkosten und damit bei der Reduzierung ihrer Fehlbeträge melden.

Erste Großaufträge signalisieren die Wende

Die Franzosen verloren im zweiten Quartal mit Einnahmen von 3,15 Milliarden Euro rund 26 Prozent Umsatz gegenüber dem Vorjahr, die Sparte Information and Communication Networks (ICN) des Münchner Elektronikkonzerns kam in ihrem am 30. Juni beendeten dritten Fiskalquartal nur noch auf einen Umsatz von 1,68 Milliarden Euro - 23 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Thomas Ganswindt, zuständiger Siemens-Bereichsvorstand, sprach dennoch als einziger hochrangiger Manager der Szene von einem absehbaren Ende der Krise und sah sein Unternehmen zumindest mittelfristig wieder "auf Wachstumskurs". Diesen Optimismus hat der Siemens-Verantwortliche im Moment allerdings noch weitgehend alleine für sich gepachtet, denn sowohl Lucent-Chefin Russo als auch Nortel-Boss Dunn vermieden es tunlichst, für die kommenden Quartale auch nur halbwegs interpretierbare Wachstumsprognosen, geschweige denn einen konkreten Umsatz-Forecast abzugeben. Lediglich Alcatel-CEO Serge Tchuruk sprach von "stabilen Umsätzen", auf die sich sein Unternehmen in der laufenden Berichtsperiode einstelle.

Was ist nun von diesem Stimmungsbild zu halten? Die meisten Branchenkenner sind sich darin einig, dass sich alle wichtigen Anbieter dank der Restrukturierungen mit der anhaltenden Marktschwäche arrangiert haben und wie angekündigt den Turnaround schaffen werden. Erneute Hiobsbotschaften in Form weiterer Massentlassungen sind somit eher unwahrscheinlich. Offen bleibt, wann und in welchem Ausmaß das Geschäft sowohl im Carrier- als auch im Enterprise-Sektor wieder anzieht. Milliardenschwere Großaufträge, die unlängst beispielsweise Lucent im Zusammenhang mit dem Aufbau eines Hochgeschindigkeits-Mobilfunknetzes für die Telefongesellschaft Sprint melden konnte, zeugen aber zumindest von einer zaghaften Belebung des Marktes.

Unverändert gilt natürlich auch Cisco Systems trotz der angesprochenen unterschiedlichen Marktausrichtung schon aufgrund seiner Größe und Marktbedeutung als Gradmesser für die einschlägige Industrie. Das Problem indes ist nicht nur, dass sich die Kalifornier in puncto weitere Aussichten sehr zugeknöpft gaben, sondern dass es - unabhängig von der Entwicklung der IT-Konjunktur - einige handfeste Gründe für die Annahme gibt, dass für den Branchenprimus künftig die Bäume nicht mehr in den Himmel wachsen. Böse Zungen sprechen in diesem Zusammenhang vom "IBM-Phänomen"; vom Schicksal des zu groß und satt gewordenen Marktführers, der sich zunehmend schwerer damit tut, ein nennenswertes organisches Wachstum vorzuweisen.

Cisco - der schwere Tanker

Als Beleg für diese These lassen sich jedenfalls durchaus ein paar Kennziffern ins Feld führen. Zum einen die jüngsten Ergebnisse des kleinen, direkt mit Cisco vergleichbaren Wettbewerbers Juniper Networks, der im zweiten Quartal seinen Umsatz um über 40 Prozent steigern und seinen Nettoprofit sogar mehr als verdoppeln konnte. Zum anderen erwartet die Dell'' Oro Group zumindest für dieses Jahr im klassischen Router-Markt ein Nullwachstum, unter Umständen sogar ein Minus von drei Prozent. Bei WAN-Switches und Vermittlungsstellen im Carrier-Geschäft sieht es den Auguren zufolge ähnlich aus. Für die Chambers-Company sind dies nicht unbedingt gute Aussichten, erzielen die Kalifornier doch nach wie vor mit Routern und Switches 65 Prozent ihrer Einnahmen.

Voice-over-IP-Geschäft bisher enttäuschend

Inwieweit Cisco also von seinem Nimbus als führender Anbieter noch zehren kann, bleibt abzuwarten. Die Sparten Access und vor allem Diverses, in der der Router-Gigant seine Storage- und Voice-over-IP-Produkte zusammengefasst hat, treten mit einem Umsatzanteil von fünf beziehungsweise zwölf Prozent nach wie vor auf der Stelle. Beim Thema Voice over IP kommt erschwerend hinzu, dass Cisco nicht nur mit der anhaltenden Zurückhaltung vieler Kunden zu kämpfen, sondern inzwischen auch die Marktführerschaft an Nortel verloren hat und mittlerweile sogar vom Lucent-Spinoff Avaya bedrängt wird, das mit so genannten Hybridlösungen den IP-Telefonie-Markt aufrollt.

Noch verhältnismäßig wenig Substanz weist Cisco auch im Servicegeschäft aus, bei dem sich die Kalifornier unter anderem mit ausgefeilter Netzanalyse und vorgeschalteter Outsourcing-Beratung einen Namen machen wollen. Doch trotz entsprechender Angebote wie "Wide Area Network Assessment" oder "E-Network-Assessment" trägt diese Business Unit konzernweit inklusive aller Einnahmen aus dem Wartungsgeschäft erst 18 Prozent zum Umsatz bei.

Ausrüster werden zu Dienstleistern

Outsourcing dürfte ohnehin ein gutes Stichwort sein, wenn es um die mittelfristige Perspektive der Netzausrüster geht. Lucent-Chefin Russo hatte jedenfalls schon auf der diesjährigen CeBIT öffentlich ausgesprochen, wovon inzwischen auch immer mehr Marktbeobachter ausgehen: "Die Zukunft der Branche sind Services!" Trifft dies zu, geht es für Cisco und alle anderen Anbieter schon bald nicht mehr nur um den Verkauf, die Installation und die Wartung ihres Equipments, sondern verstärkt auch um den Bau und den Betrieb kompletter, integrierter sowie vor allem skalierbarer Netze. Vielfach werden sich dabei die heutigen Grenzlinien im Markt dramatisch verändern. Große Carrier werden bestrebt sein, ihr derzeitiges Kerngeschäft, den reinen Basis-Netzbetrieb, weitgehend an ihre Lieferanten auszulagern und quasi nur auf den oberen Netzschichten ihren eigenen Kunden einen wie auch immer gearteten Mehrwert zu bieten. Die eigentlich spannende Frage wird dabei nach Ansicht von Erik Zamkoff, Analyst der US-amerikanischen Beteiligungsgesellschaft IRG Research, sein, ob die Netzausrüster überhaupt bereit sind, "in dieses Geschäft einzusteigen". (gh)

Abb: Netzausrüster: Nur der Marktführer verdient viel Geld

Cash Cow: Vor allem beim Nettogewinn demonstrierte Cisco Systems in der jüngsten Berichtsperiode den nach wie vor immens großen Abstand zum Rest des Wettbewerbs. Quelle: CW