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05.02.2009

Ciscos Griff nach dem Rechenzentrum

Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Die Branche spekuliert über eine Neuorientierung des Netzspezialisten.

Der US-amerikanischen IT-Industrie stehen möglicherweise größere Umwälzungen ins Haus. Nein, diesmal ist nicht von der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise die Rede. Es geht vielmehr darum, dass die 40-Milliarden-Dollar-Company Cisco (gerundeter Umsatz im Geschäftsjahr 2008), getrieben von den Wachstumserwartungen der Finanzanalysten, zum Sprung in das Rechenzentrum (RZ) ansetzt. Über Jahrzehnte im Router- und Switch-Geschäft zu Hause, verspricht sich das Unternehmen vom RZ-Business neue Wachstumsfelder, auf denen sich die Umsatzerwartungen erfüllen lassen. Cisco muss etwas tun, denn das Geschäft mit Kommunikationstechnik - wie die jüngsten Entwicklungen bei Alcatel-Lucent oder Nortel Networks zeigen - lahmt, auch wenn bei de Unternehmen einen Gutteil ihrer Schwierigkeiten selbst zu verantworten haben.

Dass Cisco über eine gut gefüllte Kasse von rund 27 Milliarden Dollar verfügt, trägt nicht unbedingt zur Beruhigung von Konkurrenten und Partnern wie IBM und Hewlett-Packard bei, mit denen der Netzausrüster in der Vergangenheit in einer Art Symbiose lebte: HP und IBM lieferten die Rechenpower, Cisco die Netzinfrastruktur. Nun scheint aber Cisco seinen Partnern unter dem Schlagwort "Unified Computing" die angestammten Claims im Rechenzentrum streitig machen zu wollen. Dass Padmasree Warrior, Chief Technology Officer (CTO) von Cisco, auf dem Weg zu den Inaugurationsfeiern von Präsident Barack Obama in ihrem Twitter-Blog unkommentiert auf einen Artikel der "New York Times" mit der Überschrift "Cisco Plans Big Push Into Server Market" verwies, beruhigte nicht unbedingt die Nerven der anderen IT-Hersteller.Auch im Interview mit der Computerwoche (siehe Seite18), trug Warrior, die als heiße Kandidatin für den Job als erste CTO der Vereinigten Staaten gehandelt wird, wenig zur Entspannung der Situation bei. Ciscos Technikchefin erwies sich vielmehr als Meisterin im Abbrennen von Nebelkerzen mit Andeutungen wie, dass man an der Virtualisierung der Rechenzentren arbeite und dabei keine Me-too-Strategie fahren werde. Gerüchten über einen möglichen Blade-Server von Cisco erteilte sie keine klare Absage.

HP hat bereits reagiert

Noch halten sich IBM und Sun mit öffentlichen Aussagen oder gar Kritik zurück (siehe Seite 20). IBM verbannte lediglich Ende Januar laut US-Berichten die Gigabit-Ethernet-Switch-Module von Cisco aus dem Produktkatalog für die eigenen Bladecenter-Server. HP dagegen überlässt Cisco den Markt nicht kampflos. Aus unternehmensnahen Kreisen ist zu hören, dass die Company bei Projekten nicht mehr Cisco als OEM-Partner für die Netzausstattung empfiehlt, sondern inzwischen ganz auf die eigene Netz-Division HP Procurve setzt. Und Letztere hat bereits mit dem "Open Networks Ecosystem" (One) im Kampf um die Vorherrschaft im Rechenzentrum eine Gegeninitiative entwickelt (siehe Seite 20).

Auf der Suche nach neuen Wachstumsmärkten ist das RZ-Business für Cisco interessant. Allein der Server-Markt wird 2009 für Umsätze von 50 bis 60 Milliarden Dollar gut sein. Ganz zu schweigen von dem Geschäft mit Management-Software oder den notwendigen Storage-Systemen.

Kein Newcomer im RZ

Dabei ist Cisco im RZ beileibe kein Newcomer. In der Vergangenheit lieferte der Konzern bereits Edge-Switches sowie -Router, wagte sich 2008 mit der Ankündigung der Data-Center-Switch-Familie "Nexus" noch einen Schritt tiefer in das RZ und sammelte mit dem Modell Nexus 1000V Erfahrungen in Sachen Virtualisierung. Beim 1000V läuft Ciscos Netz-Betriebssystem innerhalb eines virtuellen ESX-Servers von VMware.

Und als Nächstes stehen aller Voraussicht nach erste Server-Modelle auf dem Plan. Gut informierte Quellen berichten, dass Cisco daran unter dem Codennamen "California Server" arbeitet. Während das Cisco-Topmanagement zu diesen Spekulationen schweigt, behauptet Vikram Mehta, CEO der auf Blade-Switches spezialisierten Blade Network Technologies: "Ich habe das Produkt schon gesehen." Mehta zufolge unterscheidet sich Ciscos Server nicht besonders von anderen für Rechenzentren konzipierten Blade-Servern. Allerdings dürfte der Server, so mutmaßt der CEO, einige Cisco-spezifische Features aufweisen, um die übliche Hochpreispolitik des Konzerns und die üppigen Margen zu rechtfertigen. Es gibt aber ebenso Stimmen, die unter Hinweis auf den letzten Punkt bezweifeln, dass Cisco überhaupt in diesen Markt einsteigt. Für ein Unternehmen mit einer durchschnittlichen Profitmarge (GPM) von 65 Prozent, so argumentieren sie, sei der Server-Markt mit 25 Prozent nicht interessant genug.

Ein Blade made by Cisco?

Dem halten Dritte entgegen, dass Cisco im Server-Business sicher Margen von 50 Prozent erzielen könne, denn der Hersteller werde wohl kaum billige Massen-Server produzieren. Sie spekulieren auf Highend-Server für große Rechenlasten, wie sie etwa beim Online Transaction Processing benötigt werden. Hierzu könnte Cisco dann Intels Vier-Kern-CPUs vom Typ "Dunnington" oder Sechs-Kern-Prozessoren der "Xeon"-Reihe einsetzen und einen Mehrsockel-Ansatz fahren. Für diese These spricht auch, dass diese Chips mit einer Unterstützung für virtuelle Maschinen aufwarten - und das Thema Virtualisierung betont der Netzwerkkonzern derzeit ja besonders stark. Ein Hochleistungs-Blade aus dem Hause Cisco dürfte dann wohl über die zwei- bis vierfache Menge an Arbeitsspeicher im Vergleich zu typischen x64-Servern verfügen.

Auch Virtualisierung möglich

Die Befürworter der Highend-Theorie führen dann noch einen dritten Punkt an, mit dem Cisco ein Alleinstellungsmerkmal erwerben könnte: Integriert der Konzern seinen Nexus-5000-Switch in das Blade-Rack, dann hätten die Server über ein einziges Netz sowohl Verbindung zur Außenwelt als auch zu anderen Peripheriekomponenten wie Storage-Systemen, die bislang über ein eigenes Netz angeschlossen waren. Durch Kopplung mit einem Nexus 1000V wäre dann auch Virtualisierung möglich, und kritische Tasks könnten auf mehrere Blade-Racks oder gar Rechenzentren verteilt werden.

Auch wenn das Konzept in der Theorie schlüssig erscheint, zweifeln Analysten wie Zeus Kerravala von der Yankee Group daran, dass dem Netzwerkhersteller der Wandel zum IT-Anbieter wirklich gelingt. Ihm und anderen Skeptikern halten die Befürworter der Server-Hypothese entgegen, dass Cisco bereits Erfahrungen mit Hochleistungsrechnern gesammelt habe. Schließlich seien die Carrier-Class-Router der CRS-1-Familie im Prinzip nichts anderes als Hochleistungs-Server.

Cisco im RZ?

Pro

(+) Netz und RZ verschmelzen;

(+) Cisco braucht neue Wachstumsmärkte;

(+) ein Netz für die RZ-Peripherie;

(+) Cisco hat bereits Erfahrung im Bau von Hochleistungsrechnern durch die Carrier-Class-Router und -Switches;

(+) Netzvirtualisierung direkt im Blade.

Kontra

(-) Das Server-Business tickt anders als das Netzgeschäft;

(-) die Margen sind zu gering;

(-) fehlendes Know-how auf Anwendungsebene;

(-) eventuell Konflikte mit langjährigen Partnern;

(-) fehlende Erfahrung.

Anwendermeinung

Bei der British Telecom (BT) sieht man die Bestrebungen Ciscos, im Rechenzentrum Fuß zu machen, positiv. "Wenn Cisco mit einer schlüssigen Story aufwartet", kann sich Oliver Henkel, bei BT Deutschland für Data Center Services zuständig, durchaus vorstellen, auch RZ-Produkte der Company zu kaufen. Für BT ist Cisco einer der wichtigsten Partner, da der Carrier von dem Unternehmen zum einen Netzequipment bezieht, zum anderen mit dem Hersteller bei Themen wie Unified Communications eng zusammenarbeitet und Lösungen wie Ciscos Telepresence vermarktet. Aus eigener Erfahrung gehören für Henkel mittlerweile die Themen Netz und Data Center zusammen, "so dass es sehr spannend ist, wenn Cisco einen ähnlichen Ansatz wie wir verfolgt". Dass Cisco dabei das Thema RZ-Virtualisierung stark betont, ist für den RZ-Spezialisten nur logisch, denn "die IT wird virtualisiert, und das ist eine große Herausforderung für alle".