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04.06.1993 - 

Thema der Woche

Client-Server: Noch ist der Durchbruch nicht erreicht

Zu deutlich stehen die Zeichen - selbst in angestammten deutschen Parade-Industriezweigen wie etwa der Chemie, dem Maschinenbau oder der Autoindustrie - auf Sturm. Ruecklaeufige Umsaetze und Gewinne zwingen die Unternehmen auf einen harten Sparkurs, von dem auch die DV-Zentralen nicht verschont bleiben.

Immer haeufiger rechnen Controller aus den Vorstandsetagen ihren DV-Verantwortlichen vor, was die in regelmaessigen Abstaenden eingeforderte Aufruestung von Mainframe-Power kostet.

Und immer haeufiger auch halten Vorstaende ihren RZ-Leitern Berichte unter die Nase, in denen die Vorteile dezentraler DV- Topologien mit leistungsstarken PCs, Workstations oder etwa Multiprozessor-Servern in LAN-Strukturen aufgezeigt werden.

Astronomische Einsparungen koenne man durch den Einsatz neuer Technologien verzeichnen. Zudem seien diese Topologien wesentlich anwenderfreundlicher, liessen sie sich doch viel zielgenauer auf die Beduerfnisse der User zuschneiden.

Solche Erwartungshaltung aus der Vorstandsetage fuehrte etwa bei einem Unternehmen aus dem Niedersaechsischen zu Konfrontationen mit der DV-Zentrale. So zwang die Haltung des Controllers die RZ- Verantwortlichen dazu, in Pilotprojekten zu ergruenden, ob und in welchem Ausmass Grossrechner-Anwendungen auf Unix-Systeme portiert werden koennen.

Man werde nun ausprobieren, ob die Versprechungen der Hersteller solcher Alternativsysteme zutraefen, meint der zustaendige DV- Verantwortliche. Er verbindet diese Ankuendigung mit dem Hinweis, das sei die geschoente Form, die Haltung der RZ-Mitarbeiter in seiner Firma zu beschreiben. Nicht abwegig sei aber auch die Darstellung, wonach die DV-Zentrale danach trachte, dem Vorstand zu beweisen, dass dessen Vorstellungen von Downsizing "so nicht funktionieren".

Es bleibt die Tatsache, dass DV-Verantwortliche zunehmend unter Rechtfertigungsdruck geraten. Denn mittlerweile geht es nicht nur darum, eine gewisse Fortschrittsfreudigkeit durch den Einsatz neuer Technologien zu dokumentieren. Vielmehr finden sich DV-Chefs vieler Unternehmen zunehmend in der Rolle desjenigen wieder, von dem das Wohl und Wehe einer ganzen Firma abzuhaengen scheint.

Nicht zufaellig lautete denn auch der Titel der oben bezeichneten Veranstaltung "CS-Computing als Spiegelung der Unternehmensorganisation und -kultur". Die DV, so der Tenor der von der Information Builders Deutschland GmbH (IB) organisierten Veranstaltung, fungiere heute unbestritten als "Motor des wirtschaftlichen Fortschritts."

Rezessionsgeplagte Unternehmen wenden sich, so ein Vortragender, bei der Suche nach neuen Rationalisierungspotentialen immer haeufiger ihren internen Organisationen zu. Schlankes Management ist hierfuer ein in Mode gekommener Begriff, dem auch ein Anspruch an DV-Zentralen innewohnt. In Zeiten wirtschaftlicher Flauten komme es gerade auch auf "passende DV-Unterstuetzungen" an, postulierte Hans-Heinz Wilcke, Geschaeftsfuehrer von IB.

Ob sich die DV an den Unternehmensstrukturen an der DV auszurichten hat oder ob umgekehrt dezentrale Rechnertopologien die gewuenschten flachen Hierarchien ermoeglichen, diese Diskussion ist bis heute nicht zu Ende gefuehrt worden. Zwar setze sich der Trend zum schlanken Management auch in Deutschland zunehmend durch, doch verlaeuft dessen DV-seitige Unterstuetzung haeufig eher asynchron - so zumindest wurde beim IB-Gespraech festgestellt.

Das hat zum einen mit Ueberzeugungen zu tun: So wendet sich etwa Michael Schaefer von der BMG AG gegen eine komplette Migration eines Konzerns in Richtung CS-DV, die ihm als "reine Utopie" erscheint.

Zum anderen sind den Unternehmen momentan offensichtlich noch die Haende gebunden. So argumentiert Mark Uhlig von der Gilette-Tochter Braun AG mit der mangelnden Reife von Datenbank-Technologien. Nur wenn diesbezueglich befriedigende, das heisst, zuverlaessige verteilte Datenhaltungssysteme existierten, mache es Sinn, Daten auch zu fragmentieren. So lange dies nicht der Fall ist, sei auch die Diskussion um Veraenderungen der Unternehmensstrukturen durch Konzepte dezentralisierter DV theoretischer Natur.

In der Tat leuchtet es ein, die DV an Unternehmensstrukturen anzugleichen und nicht umgekehrt, bloss weil man, wie ein DV- Verantwortlicher meinte, auf Teufel komm ´raus einem modischen Trend huldigen wolle. "Die Firmenstruktur", so Wolfgang Zaiser von der Robert Bosch GmbH in Reutlingen, "wird sich nicht an der DV ausrichten." IT sei nun einmal schon existent gewesen, als es die Vorstellung vom schmalen Management, von flachen Hierarchien noch nicht gab.

Umgekehrt werde aber sehr wohl ein Schuh daraus: So denke man im Schwabenland daran, einzelne Arbeitsgruppen der Firma ueber Software-Produkte wie die Groupware "Louts-Notes" DV-technisch zusammenzuschliessen: "Solche Produkte sind bei uns gefragt," so Zaiser.

Die Festo KG duerfte insofern momentan noch eher die Ausnahme von der in deutschen Unternehmen praktizierten Regel sein. Dort hat man, erklaert Bernd Stampp, "bereits vor Jahren eine CS-Architektur implementiert, um unsere nationalen und internationalen Rechnerlandschaften zu vereinen." Diese DV-topologische Umorientierung sei mittlerweile auch in der Unternehmensorganisation nachvollzogen worden.

Stimmig duerfte gleichwohl die Aussage von IB-Marketier Peter Kaps sein, der den kausalen Zusammenhang zwischen der Einfuehrung neuer DV-Konzepte und der daraus sich ergebenden Veraenderung von Firmenstrukturen zu kennen glaubt: "CS", konstatiert er, "generiert einen Strukturwandel im Unternehmen. Neben der Verbindung aller heterogenen Systeme wird damit auch ihre Wertigkeit nivelliert." Diese erhielten einen gleichberechtigten Status - "ideale Voraussetzung somit fuer die Unterstuetzung flacher Unternehmenshierarchien."

Neben der moeglicherweise akademischen Henne-Ei-Diskussion um die Auswirkungen von flachen Firmenhierarchien auf die DV oder umgekehrt wird bei derjenigen um den angeblichen Kostenkiller CS mit recht harten Bandagen gekaempft.

Grundsaetzlich stellt sich in der Diskussion um die Investitionen bei der Einfuehrung neuer DV-Technologien das Problem, dass es praktisch keine direkten Vergleichsmoeglichkeiten gibt. Niemand weiss, wie sich verschiedene DV-Topologien auf die Investitionsbereitschaft von Firmen auswirken. Fallbeispiele, in denen die Kosten von zentralisierten und dezentralen Rechensystemen gegeneinander gestellt wurden, gibt es kaum.

Kein Wunder, dass sich die Aussagen zu diesem wichtigsten Punkt der gesamten Downsizing-Debatte diametral gegenueber stehen. Klaus Vogel-Todorovic vom Bayrischer Rundfunk (BR) argumentiert eher zurueckhaltend: "Ein Problem von Client-Server ist, dass die Kosten nicht mehr so uebersichtlich sind. Sie verschwinden immer mehr in dezentralen Bereichen."

Diese Aussage ist ueberraschend insofern, als Vogel-Todorovic nach eigenem Bekunden mit seiner 28koepfigen DV-Zentrale auch seit der schrittweisen Einfuehrung dezentraler DV-Strukturen "nicht die Datenhoheit" verloren hat. Das heisst, er ist auch fuer die neuen Compaq-Systempro-Server zustaendig, auf die zunehmend Anwendungen ausgelagert werden. Diese Rechner sind geografisch zentral, also in der DV, lokalisiert. Die dort zustaendige Mannschaft leistet auch den gesamten Support fuer diese Systeme.

In einer Sondersituation befindet sich, wie alle wissenschaftlichen Einrichtungen, das universitaere Muenchner Leibniz-Rechenzentrum. Gleichwohl sind die Aussagen des Verantwortlichen Dietmar Teube zu den Kostenvorteilen einer Downsizing-Strategie eindeutig: Die Bayern stellen sich vor, in einem Jahr keinen Mainframe mehr in Betrieb zu haben, also auch den vor einem Jahr angeschafften Control-Data-Rechner abzuschaffen. Sie setzen auf Workstation-Cluster.

Zwar sei der DV-Betrieb durch die neue Topologie gegenueber frueher wesentlich komplizierter. Seinerzeit lag alles, also Anwendungen und Daten, auf dem Mainframe: "Der Vorteil unserer jetzigen DV- Struktur ist aber, dass sie extrem viel billiger ist. Grossrechner- Topologien, so Teube, "kann man sich doch gar nicht mehr leisten."

Die Um- und Aufruestung eines Mainframes sei doch eine Staatsaktion, dagegen koenne man mit LAN-basierten Workstation- Strukturen die sich aendernden Beduerfnisse von Anwendern wesentlich gezielter befriedigen.

Allerdings konzediert Teube, dass Downsizing-Umstellungen im Hochschulbereich leichter durchzufuehren seien, habe man es hier doch mit kurzfristigen Projekten zu tun, bei denen die Anwender auf neue Situationen besser eingerichtet werden koennten. Trotzdem sei festzuhalten, dass die Workstation-Cluster - in diesem Fall drei mit je sechs HP-Rechnern und einem Server - fuer weniger Geld eine deutlich hoehere Rechenleistung bereitstellten.

Obwohl man also vorsichtig sein sollte, die Anforderungen von universitaeren Bereichen mit den Aufgabenfeldern in der Industrie gleichzusetzen, gibt es doch auch aehnliche Erfahrungen. Ein bekanntes deutsches Versandhaus steckt seit zirka drei Jahren in einer Umstrukturierungsphase, die sich das Rightsizing des "gesamten DV- und Anwendungsspektrums" zum Ziel gesetzt hat.

Voraussetzung fuer die Offenheit des Unternehmens, sich neuen Trends zu widmen, war ironischerweise ein Strukturproblem. Es habe sich naemlich eine "nicht unerhebliche Umwaelzung des Managements ergeben", wobei sich die neu eingestellten Fuehrungskraefte als innovativ und risikofreudig erwiesen haetten. Somit sei es nur noch eine Frage der Zeit gewesen, auch den Rest der Mannschaft von der Einfuehrung neuer DV-Strukturen zu ueberzeugen.

Beguenstigt wurde die Ueberzeugungsarbeit der Newcomer auch durch "zwei Pleiten, die das Unternehmen vorher mit der herkoemmlichen Art und Weise, DV zu organisieren", durchleben musste. "Da waechst dann die Bereitschaft", so der DV-Verantwortliche, "eine bittere Medizin zu schlucken."

Zwar wolle man nicht prinzipiell vom Grossrechner weg, "aber wir verlagern die Funktionen". Analyse-, Marketing-, Werbungs- und Produktforschungs-Anwendungen etwa, die frueher auf dem Host unter SAS-Software liefen, werden heute ausgelagert auf PC-Netze mit den entsprechenden Komponenten des SAS-Systems. Auch die automatisierte Auftragsannahme erledige mittlerweile ein Unix- System.

"Das sind rein operationale Anwendungen, die auf eigenen Systemen innerhalb eines Verbundes und im Rahmen von CS-Technologien laufen", erklaert der Versandhaus-Mann weiter.

Mittelfristig, also fuer den Zeitraum von zwei Jahren, gehe man davon aus, wahrscheinlich noch einmal 50 Prozent der jetzt

noch auf dem Mainframe lagernden operationalen Anwendungen auszulagern. Ziel ist, den Host moeglichst weitgehend zu entlasten. Konsequenterweise werde auch nicht mehr in Mainframe-CPU-Leistung investiert. Lediglich bei gesteigerten Anforderungen an Speicherkapazitaeten - die reine Datenhaltung und - verwaltung bleibe weiterhin zentral geregelt - werde Host-seitig noch Aufruestung betrieben.

Angesprochen auf zu erwartende Kosten- und Effizienzfaktoren bilanziert der DV-Mann erhebliche Vorteile, die allerdings an Vorbedingungen geknuepft sind: Die Umstellung auf Downsizing- und CS-Topologien kostet zunaechst nicht nur bezueglich neu anzuschaffender Tools viel Geld. Auch wuerden Projekte in der Lernphase laenger dauern. Da liege der grosse Aufwand, den Unternehmen bewaeltigen muessten.

Andererseits bekomme der zum Umstieg Entschlossene leistungsfaehige Software-Werkzeuge an die Hand, die einen geradezu "gigantischen Effizienzstoss" garantierten. "In der Anwendungsentwicklung spreche ich da von einem Faktor 5 bis 10."

Bedingung sei allerdings, dass die Mitarbeiter nicht nur die neuen Technologien beherrschten, sondern ihr auch mental gewachsen seien: "Wenn Sie von Cobol kommen, liegen Sie erst mal unter der bisher gewohnten Produktivitaetsphase". Interessanterweise schiebt er noch ein betriebswirtschaftliches Argument nach: "Ausserdem muss ich erst mal wissen, wie mein Unternehmen ueberhaupt funktioniert, um neue DV-Technologien gewinnbringend einzufuehren."

Jan-Bernd Meyer