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03.12.1993

Client-Server-Profis wird es auch kuenftig nicht geben DV-Chefs rechnen mit starkem Personalabbau

Information-Manager grosser deutscher Konzerne haben in einem Round-table-Gespraech der COMPUTERWOCHE unisono angekuendigt, sie braeuchten in den naechsten Jahren deutlich weniger Personal fuer die zentrale Datenverarbeitung. Keine Jobs gebe es kuenftig fuer "Ideologen", fuer Mitarbeiter, die sich nur als Host-Profis oder Unix-Gurus verstehen und sonst nichts von DV und ihrem Unternehmen wissen wollen. An der Diskussion nahmen auch Vertreter von Beratungs- und Softwarehaeusern teil. Sie sprachen ueber die Zukunft des Computerexperten im Client-Server-Zeitalter.

Eine Studie von Forrester Research aus den USA kommt zu dem Schluss, dass lediglich 28 Prozent der aktuell beschaeftigten Computerprofis den Sprung ins Client-Server-Zeitalter problemlos schaffen koennen, 58 Prozent sich mit DV-Training fit machen liessen und fuer die restlichen Mitarbeiter muessten andere Taetigkeitsfelder gesucht werden.

"Die verbleibenden 14 Prozent sind genau diejenigen, mit denen wir auch heute unsere Schwierigkeiten haben, unabhaengig davon, ob wir Client-Server-Loesungen einfuehren oder nicht", glaubt Hans-Ulrich Nelte. Es sei ohnehin illusorisch, so der DV-Leiter der Kieler Krupp Mak Maschinenbau GmbH, eine Personalstruktur erreichen zu wollen, die genau den aktuellen Technikanforderungen entspreche. Viele Mitarbeiter, die man noch in den 70er Jahren fuer ausreichend qualifiziert gehalten habe, koennten heute aufgrund der schnellen Veraenderungen gar nicht mehr eingesetzt werden.

Einig war sich die Expertenrunde, dass aufgrund der zunehmenden RZ- Automation und des Einsatzes immer hoeher entwickelter und leistungsfaehigerer Methoden in der Software-Entwicklung vor allem weniger qualifizierte Jobs wegfallen.

Manfred Meibom, Bereichsleiter Konzernkoordination Informatik/Organisation in der Melitta-Gruppe und zustaendig fuer das Informatik-Management mit den Schwerpunkten Informatikstrategie, -Planung, -Controlling und -Steuerung in Minden, verweist in diesem Zusammenhang auf Entwicklungen in seinem Unternehmen. So sei man gerade dabei, ein Downsizing- Projekt in Brasilien mit einem IBM-Mainframe auf AS/400 umzusetzen. Neben Kosteneinsparungen bei der Hardware werde die Zahl der Mitarbeiter in der Informatik nahezu halbiert.

Im zu Melitta gehoerenden Unternehmensbereich "Granini" wird laut Meibom die IBM-Mainframe-Landschaft mit vorwiegend eigenentwickelten Anwendungssystemen gegen eine Client-Server- Loesung auf Basis von SAP R/3 und HP-Unix-Rechnern ausgetauscht. Nach vorliegender Planung soll der Uebergang Anfang 1996 erfolgen. "Client-Server-Hardware und starker Personalabbau, vornehmlich im Rechenzentrumsbetrieb, fuehren dann zu erheblichen Kosteneinsparungen", resuemiert der Mindener Manager.

DV-Chef Nelte ist ueberzeugt, dass es schon in naher Zukunft viel weniger Arbeitsplaetze in der zentralen DV geben wird als bisher. In der Unternehmensgruppe, zu der die MaK, gehoert, wird von 14 Rechenzentren eines uebrigbleiben. Er nennt noch ein weiteres Beispiel: "Diejenigen, die zur Zeit von der SAP R/2-Betreuung und Beratung leben, waeren gluecklich, wenn der Beratungsaufwand bei R/3-Einfuehrungen wenigstens 80 Prozent des bisherigen betragen wuerde." Statt dessen liege er nicht einmal bei 50 Prozent, und die naechste Generation von Standardsoftware werde so simpel sein, "dass der Buchhalter die meiste Arbeit allein machen kann". Problematisch sei diese Entwicklung deshalb, weil "keine Ersatzarbeitsplaetze in Sicht sind".

Die Diskussionsteilnehmer stimmten darin ueberein, dass die zentrale DV weniger, dafuer aber um so qualifizierteres Personal benoetige. Weniger Konsens bestand allerdings in der Frage, ob und wo es neue Jobs geben wird. Carsten Mueller, DV-Chef des Kloeckner- Handelshauses in Duisburg, sieht die Zukunft optimistisch und denkt etwa an zusaetzliche Beschaeftigungsmoeglichkeiten im Benutzerservice: "Der Bedarf an Anwenderunterstuetzung ist riesengross." Mittlerweile sei es soweit gekommen, dass sich die Fachabteilungen DV-technisch selbst aushelfen, und zwar mit Mitarbeitern, die urspruenglich fuer ganz andere Aufgaben eingestellt wurden.

Obwohl die DV-Chefs, wie sie alle einraeumten, unter grossem Kostendruck stehen, gehen sie davon aus, bald wieder Personal einzustellen. Juergen Pauleweit zum Beispiel sucht Netzwerkfachleute, die "konzeptionieren und ein Projekt umsetzen koennen". Der Direktor der Computer-Management-Group (CMG) braucht Mitarbeiter, die "nicht nur Kabel verlegen", sondern auch etwas von Netzwerktopologien verstehen, etwa bei einer Umstellung von R/2 auf R/3.

DV-Leiter Mueller wuenscht sich Experten, die ihn bei der Einfuehrung von Standardsoftware unterstuetzen, "die diese Philosophie verstehen und dann umsetzen", wobei es ihm nicht um SAP- Spezialisten geht. Deren Gehaltsforderungen seien ueberzogen im Verhaeltnis zu dem, was sie koennten. Offen steht die Tuer auch fuer Datenbankspezialisten. Informix-Manager Wolf Schwan benoetigt kommunikationsfreudige Mitarbeiter, die sowohl auf der Betriebssystem-Seite als auch auf dem Gebiet der Datenbanken fit sind.

Fest steht aber, so Michael Muehl, dass sich die Anforderungen an Mitarbeiter staendig veraendern. Sein Unternehmen, die R + V Versicherung, beschaeftige heute System- und Anwendungsentwickler, an die "voellig andere Anforderungen als noch vor fuenf Jahren gestellt werden". Weil diese Aenderungen so schnell vonstatten gehen und man nicht boese ueberrascht werden will, "muessen wir uns rechtzeitig und professionell mit den sich aendernden Anforderungsprofilen beschaeftigen und Konzepte und Instrumente parat haben".

Unter anderem fuehrt der Wiesbadener Finanzdienstleister regelmaessig eine Mitarbeiterpotentialanalyse durch. Das Unternehmen will damit herausfinden, ob sich Angestellte den kuenftigen Anforderungen stellen koennen oder ob sie sich ueberfordert fuehlen.

Fast schon revolutionaer hoert sich das an, was der Geschaeftsfuehrer der Ploenzke-Akademie in Kiedrich, Uwe Todte, plant. Er will naechstes Jahr "Prozessbegleiter" einstellen, also Mitarbeiter, die mit "Veraenderungsprozessen umgehen koennen" und Kollegen dabei unterstuetzen. "Mich interessiert das Potential und nicht das, was der Betreffende vorher geleistet hat", meint der Ploenzke-Manager.

Todte raet - nicht ohne provozierende Absicht - vom reinen Informatikstudium ab. Zu empfehlen sei dagegen ein Fachstudium wie Betriebswirtschaft oder Medizin mit dem Nebenfach Informatik. Auch Informix-Manager Schwan, wie Todte Diplominformatiker, wuerde heute nicht mehr Informatik studieren - und das, obwohl er bei einem Datenbankhersteller beschaeftigt ist: "Ich brauche den Informatiker nicht, denn schliesslich koennen wir nicht am Markt vorbei entwickeln".

"Wir muessen direkt an der Quelle ansetzen und aktiv die Hochschulausbildung mitgestalten", postuliert auch Muehl und verweist auf ein neues Studiengangkonzept "Informatik mit Schwerpunkt Versicherungswirtschaft" an der Universitaet Leipzig, das unter anderem auf Initiative der R + V Versicherung entwickelt und umgesetzt wurde.

Unklar ist jedoch, wie der Client-Server-Profi auszusehen hat. Schon der Begriff "Client-Server-Spezialist" loest in der Diskussionrunde Unbehagen aus. Obwohl in Stellenanzeigen bereits nachgefragt, glaubt CMG-Direktor Pauleweit naemlich nicht, dass dieser Allrounder schon existiert. Es gebe vielmehr im Rahmen von Client-Server-Architekturen unterschiedliche Spe-zialisten fuer Datenbank-, Netzwerk- oder Betriebssystem-Aufgaben, die erst als Team den bewussten "Client-Server-Spezialisten" ausmachen.

Schwan setzt auf den Generalisten, der auf Benutzeranforderungen rechtzeitig reagiert. Dem einseitig ausgerichteten Profi unterstellt er, dass dieser sich nicht schnell genug den neuen Entwicklungen anpassen koenne: "Wenn schon Spezialist, dann etwa fuer Netzwerke oder Datenbanken, aber nicht nur fuer Unix oder nur fuer Cobol."

Kloeckner-DV-Chef Mueller bezweifelt, ob sich eine Spezialisierung wie frueher durchhalten laesst: "Man kann heute nicht mit 27 Experten beim Anwender antanzen - der eine zustaendig fuer das LAN, der naechste fuer den PC, ein weiterer fuer die Anwendungssoftware etc." Der Benutzer erwarte eine Person als Ansprechpartner.

Mueller plaediert daher fuer einen Generalisten, der in der Lage ist, alle Client-Server-Komponenten zu beurteilen und aufkommende Probleme zu loesen.

"Groessere Wissensbreite und zusaetzliches Spezialwissen ist zunehmend gefordert, ein T-foermiges Anforderungsprofil, das tendenziell immer breiter wird", skizziert Muehl. "Generalist und Spezialist, sowohl als auch heisst die Forderung und nicht entweder oder." Mit einem T-foermigen Anforderungsprofil ist gemeint, dass auf einer breiten Basis (dem Querbalken), die Spezialisierung (Laengsbalken) erfolgen soll.

Spezialisten hin, Generalisten her, entscheidend sei, auch hier herrschte zwischen allen Beteiligten Konsens, dass sich die Einstellung der DV-Mitarbeiter veraendern muesse. Der Kloeckner-Mann ist zuversichtlich, dass sich diverse Defizite im Technik-Know-how vieler Mitarbeiter mit verschiedenen Trainingsmassnahmen abbauen lassen.

Da "alle Versuche, DV ohne Anwender zu betreiben, gescheitert sind", muesse man umso mehr den Dienstleistungsgedanken innerhalb der DV forcieren. In Duisburg heisst dies Service-Management. Ein Programmierer koenne, so Muellers Beispiel, in einem Telefongespraech mit dem Anwender grosse Barrieren aufbauen, wenn er dessen Probleme nicht kenne.

Auch Meibom plaediert fuer ein ausgefeiltes Schulungsprogramm. Bei der zur Zeit laufenden SAP-R/3-Einfuehrung werden die Qualifizierungsmassnahmen fuer Informatik-Management und - mitarbeiter einen Umfang von etwa 40 bis 50 Prozent der Anwendungssoftware-Kosten SAP R/3 ausmachen. Dem Fachbereichs- Management und -mitarbeiter werde dieses Wissen in hausinternen Workshops vermittelt. Todte kennt die Forderung, DV-Abteilungen muessten sich als Dienstleister der Fachbereiche verstehen, seit 15 Jahren.

Allerdings sei es den DV-Chefs bis heute nicht gelungen, eine vernuenftige Nutzenargumentation zu praesentieren, mit dem Ergebnis, "dass die DV als urspruenglicher Kostensenker nun selbst zum Objekt des Sparens geworden ist". "Bei uns erhalten die Abteilungsleiter ein richtiges Vertriebstraining" ergaenzt R + V-Manager Muehl. Sie muessen lernen, ihre Leistung im Unternehmen zu verkaufen.

Bei der Diskussion um das Mitarbeiterprofil des C-S-Spezialisten rueckte immer wieder eine Frage in den Mittelpunkt: "Wie kriegen wir die alten Profis in die neue Welt?". Eine Antwort hatte Todte parat: "Am besten mit einem Bein in der alten Welt bleiben und sich mit dem anderen in die neue Welt hineintasten, bis aus dem ersten holprigen Schritt eine richtige Bewegung wird." Ein Datenverabeiter muesse die Verknuepfung zur Historie herstellen, denn: "Einen Client-Server-Spezialisten, der Host-Loesungen ablehnt, koennen wir nicht gebrauchen", selbst wenn er noch so qualifiziert sei.

Nach Pauleweits Erfahrung muessten in dieser Situation die erfahrenen, aelteren DV-Experten bereit sein, mehr Verantwortung zu tragen. Sie koennten ihren Management-Faehigkeiten entsprechend in der Projektleitung beziehungsweise im Projekt-Management arbeiten, um so auch ihr grosses Organisations-Know-how einzubringen. Damit wuerde man zum Beispiel auch groessere Gehaltsunterschiede gegenueber den juengeren Kollegen verantworten koennen. Da gerade bei Assekuranzunternehmen der Wartungsaufwand alter Anwendungssysteme relativ hoch sei, so Muehl, koenne man hier Uebergangsloesungen fuer aeltere Mitarbeiter anbieten.

Den Client-Server-Spezialisten, der alles und nichts kann, so wollten die Gespraechsteilnehmer des Round-table ihre Aussagen als Fazit verstanden wissen, wird es auch in Zukunft nicht geben, "genau wie es auch einen Mainframe-Profi" nie gegeben hat, so Meibom.

Wichtig sei fuer die Zukunft, dass die Datenverarbeiter verstuenden, dass sie mit reinem Technik-Know-how nicht mehr weit kommen. Zukuenftige DV-Mitarbeiter muessen ihrer Meinung nach das Thema Organisation beherrschen.