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21.05.1993 - 

Thema der Woche / Alte Denkweisen fuehren zum Jobverlust

Client-Server: Stunde der Wahrheit fuer Mainframer

Eines haben leitende Datenverarbeiter und fuehrende Politiker gemeinsam: Wenn es unangenehm wird, bemuehen sie die Geschichte. Beim zur Zeit vieldiskutierten Thema "Client-Server und die Konsequenzen fuer das Personal" bieten sich historische Parallelen geradezu an, auch wenn sich die Datenverarbeitung erst in der zweiten Haelfte dieses Jahrhunderts etablierte.

Konkreter Anlass dieses Exkurses in das 19. Jahrhundert war die Antwort eines DV-Leiters auf die Frage, was mit den Grossrechner- Spezialisten passieren wird, die in einer Client-Server-Umgebung keine Verwendung mehr finden.

Seit Beginn der industriellen Revolution habe es immer wieder einen radikalen Generationswechsel von Maschinen gegeben, den nicht alle Beschaeftigten mitgemacht haetten - mit der Konsequenz, dass sie auf der Strecke geblieben seien. Das gleiche Schicksal koenne nun die Mainframe-Profis ereilen, wenn sie nicht bereit seien, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Heute allerdings geben Unternehmen, die Downsizing-Projekte durchfuehren, ihren Cobol-Experten in der Regel die Chance, sich mit Hilfe von Schulungsmassnahmen auf das neue Zeitalter vorzubereiten.

Dass dies leichter gesagt als getan ist, zeigt eine jetzt herausgegebene Untersuchung von Information Builders bei 100 deutschen Grossanwendern ueber den Status quo und die Entwicklung von Client-Server-Architekturen. Bei den demnach zu erwartenden Schwierigkeiten rangiert die Schulung ganz oben, neben Problemen wie Datenzugriff und hohen Umstellungskosten (siehe Grafik). Als weniger problematisch stuften die IT-Manager den Pflegeaufwand und die Nutzenermittlung ein.

Unisono stoehnen die Org./DV-Leiter ueber den hohen Schulungsaufwand, den ihnen die Umstellung der betriebsinternen Datenverarbeitung bereite. Dem Management muss die neue Strategie erlaeutert werden, die Endanwender haben mit einem intelligenteren Arbeitsplatz zurechtzukommen. Und schliesslich sollen die DV-Profis in einer vollkommen neuen Rechnerumgebung arbeiten, denn es ist ein erheblicher Unterschied, so Manfred Gahr, technischer Leiter bei der Muenchner Fraunhofer-Gesellschaft, ob ein DV-Experte ein Batch-Erfassungsprogramm mit einem Maskengenerator fuer ein Bloc- mode-Terminal schreibt oder eine Dialogmaske mit Popup-Funktionen und Rollbereichen programmiert, wo hinter jedem Feld eine interaktive Pruefung steht.

Einig sind sich die von der CW befragten DV-Manager darin, dass die DV-Umstrukturierung hoehere Ansprueche an alle Mitarbeiter stellt: Ein dummes Terminal wird zu einer Workstation oder einem PC mit grafischer Oberflaeche, und die Systeme erhalten einen nie dagewesenen Komplexitaetsgrad. Damit kommen viele Datenverarbeiter der ersten Generation nicht mehr zurecht, glaubt Robert Neumann, DV-Leiter am Institut fuer Deutsche Sprache (IDSin Mannheim. Die Breite der Ausbildung sei auf der Strecke geblieben, was unter anderem damit zusammenhaenge, dass in der ersten Dekade der Computerentwicklung viele Umschueler in der DV untergekommen sind.

Das Hauptproblem - und auch hier herrscht Konsens unter den DV- Chefs - liegt jedoch darin, die Mentalitaet und das Denken der Grossrechner-Mitarbeiter umzukrempeln. Neumann wird in diesem Punkt sehr deutlich: "Man kann C, aber nicht Denkweisen schulen." Schliesslich gehe es bei diesen neuen Konzepten darum, neue geistige Gewohnheiten anzunehmen.

Gleichwohl erwartet jeden DV-Verantwortlichen eine Sisyphus- Arbeit, denn er muss sich ueberlegen, wie er alten Hasen die neue Rechnerwelt schmackhaft machen kann und mit welchem Schulungskonzept er diesen Uebergang am besten schafft. Denn an Entlassungen denkt zunaechst kein Manager, auch wenn viele konzedieren, dass sie in Zukunft mit weniger Personal auskommen werden.

In grossen Unternehmen, gerade im Banken- und Versicherungsgewerbe, ist der Leidensdruck noch nicht so gross, dass die Mainframer in Panik ausbrechen muessen. Man denkt, so ist zu vernehmen, ueber Client-Server-Architekturen nach, in Zweigstellen beziehungsweise Filialen seien auch schon PC-Netze installiert, allerdings werde der Grossrechner noch auf Jahre hinaus seine Existenzberechtigung behalten. Eines ist allen klar: Die Jobs in der IBM-Welt werden weniger, und wer zu spaet kommt...

Einen Vorteil hat das Downsizing in jedem Fall: Es fuehrt nicht zu einer so hochgradigen Spezialisierung, wie es bisher der Fall war, und auch die Chefs haben, glaubt man ihren Aussagen, aus der Vergangenheit gelernt und wollen ihre Mitarbeiter breiter qualifizieren. Beim IDS zum Beispiel verzichtet man auf eine Unterscheidung zwischen Anwendungs- und Systemprogrammierer. Das Fraunhofer-Institut hat die Trennung zwischen Systemanalytiker und Systementwickler aufgehoben. Weiterhin setzen die Muenchner ihre Mitarbeiter in unterschiedlichsten Projekten ein, um das fachliche Know-how moeglichst breit zu streuen.

Ein konkretes Qualifizierungskonzept fehlt allerdings in den meisten Unternehmen. Thomas Friedl, DV-Projektleiter beim Comic- Verlag Ehapa in der Naehe von Stuttgart, hat seinen DV-Profis Freiraum gelassen, die notwendigen Schulungen in Anspruch zu nehmen.

So fand die Hardware- und Betriebssystem-Schulung bei einem Hersteller statt, waehrend das Datenbank-Know-how durch Inhouse-Kurse vermittelt wurde. Nach dem Ende der Schulungsphase, die alle Datenverarbeiter mitmachten, bildeten sich zwei Gruppen: die eine, die sich den neuen Aufgaben widmete, und eine zweite, die sich der Wartung der alten Systeme annahm. Neueinstellungen habe es keine gegeben.

Auf die Frage, was mit den Mitarbeitern geschehen wird, die solche alten Systeme betreuen, die in naechster Zeit komplett verschwinden sollen, antwortet Friedl: "Es wird niemand entlassen." Er erwartet, dass einige Spezialisten im Service und im Anwendersupport mitarbeiten werden.

Neumann hat seinen Spezialisten ein breit angelegtes Ausbildungsprogramm angeboten mit einer "psychologischen Flankierung", wie er es nennt. Ein Downsizing-Projekt bringe zusaetzliche Reputation fuer die DV-Abteilung. Darueber hinaus sei es gelungen, Mitarbeiter aus dem Operating hoeher zu qualifizieren, und zwar fuer die Systemverwaltung.

Das IDS-Weiterbildungsprogramm umfasste in einem Zeitraum von zwei Monaten sechsstuendige Tageskurse und wurde in Zusammenarbeit mit der Deutschen Angestellten Akademie (DAA) durchgefuehrt. Auch Neumann hat mit Akzeptanzproblemen bei ein paar Mitarbeitern zu kaempfen und meint fast resigniert: "Fuer einige wuenschte man sich ein schnelles Projektende durch den vorgezogenen Ruhestand."

Ebenso wie Friedl verzichtete der Mannheimer auf Neueinstellungen und kaufte Programmierkapazitaet auf dem freien Markt ein. Dies habe zu dem positiven Effekt gefuehrt, dass sich die eigenen Mitarbeiter im Team mit den Externen schneller in die neuen Systeme einarbeiteten, als es nur durch die Schulung passiert waere.

Juergen Pauleweit, Downsizing-Spezialist der CMG (Computer Measurement Group) in Frankfurt am Main, vertritt dagegen den Standpunkt, dass man zur Umsetzung von Client-Server-Konzepten zu 90 Prozent neue Mitarbeiter benoetige. Er haelt 25- bis 35jaehrige Informatiker am besten dafuer geeignet: "Fuer sie ist es voellig normal, unter Unix oder mit Netzwerken zu arbeiten." Den 40jaehrigen unterstellt er noch den noetigen Willen, es mit Schulungsprogrammen zu schaffen, "weil diese Profis wissen, dass es mit der Grossrechner-Technik zu Ende geht, sie aber noch 25 Jahre im Berufsleben stehen muessen." Keine grossen Hoffnungen setzt er dagegen in die ueber 50jaehrigen.

Friedl kann dieses pauschale Urteil nicht akzeptieren. Wichtigstes Kriterium sei der Wille und die Bereitschaft zu lernen, "und dies vermisse ich oft sogar bei 25jaehrigen".

(In einem weiteren Artikel wird die CW auch auf die Frage der Endanwenderschulung bei der Einrichtung von Client-Server- Architekturen eingehen.)

Im Ehapa Verlag bei Stuttgart steht eine IBM 4381 vor der Abloesung durch ein dezentrales, Unix-basiertes DV-Konzept, dessen Rueckgrat zwei Vierprozessor-Server, ein Glasfasernetz und eine zentrale Datenbank bilden, die ein Netz mit 130 PC-Arbeitsplaetzen versorgen.

Am Institut fuer Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim wurde der BS2000-Host durch fuenf Mehrplatz-Unix-Systeme mit jeweils bis zu 24 Terminals, einen Datenbank-Server und fuenf in einem Novell-Netz zusammengeschlossene PCs in einer Ethernet-Bus-Struktur, ersetzt.

Die Fraunhofer-Gesellschaft (FhG) in Muenchen ist dabei, unter dem Projektnamen Sigma (Strategische Initiative fuer einen ganzheitlichen Manager-Arbeitsplatz) eine BS2000-Anlage und dezentrale DEC-Systeme durch eine verteilte Client-Server-Umgebung unter Unix zu ersetzen.

Abb: Downsizing - Die Probleme

Schulung ist eines der Hauptprobleme bei der Einfuehrung von Client-Server-Architekturen, meinen 100 deutsche Anwender laut einer Umfrage von Information Builder. Sie bewerteten ihre Schwierigkeiten auf einer Skala von eins fuer "sehr wichtig" bis zu fuenf fuer "unwichtig". Quelle: Information Builders