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26.05.2000 - 

Technische Kompetenz garantiert noch keinen Markterfolg

Compaq hofft mit Alpha-Servern auf den Durchbruch

LONDON (wh) - Mit den neuen Alpha-Servern (Codename "Wildfire") hat Compaq ein technisch herausragendes Konzept vorgestellt. Ob das ausreicht, den Konkurrenten Sun, IBM und Hewlett-Packard Anteile im Markt für Unix-Server abzunehmen, ist dennoch fraglich.

"Wir liefern den schnellsten Risc-Server auf dem Planeten." Mit diesen Worten läutete Bill Heil, Chef von Compaqs Business Critical Server Division, die Vorstellung der komplett überarbeiteten Alpha-Systeme ein. Ohne Zweifel ist den Entwicklern der 1998 von Compaq übernommen Digital Equipment in technischer Hinsicht ein großer Wurf gelungen. In puncto Rechenleistung, Skalierbarkeit und Verfügbarkeit gehören die "Alpha Server GS" zum Besten, was der Markt für Unix-Server derzeit zu bieten hat (siehe Kasten).

Ob es sich dabei allerdings um das richtige Produkt zur richtigen Zeit handelt, bezweifeln nicht nur Compaqs Kritiker. Ganze fünf Jahre sind vergangen, bis der Hersteller die mittlerweile technisch überholten Server der Reihe "Turbolaser" mit maximal 14 Prozessoren einer Generalüberholung unterzogen hat. Die starken Konkurrenten - zuerst Sun mit der "Enterprise 10 000", jüngst aber auch IBM und Hewlett-Packard - konnten zwischenzeitlich den lukrativen Unix-Markt mehr oder weniger unter sich aufteilen. Nach Erhebungen von IDC betrug der Anteil Compaqs im Markt für Unix-Server 1999 gerade einmal vier Prozent.

Compaq wie zuvor schon Digital musste die Vorstellung der Systeme mehrfach verschieben. Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Die gravierenden finanziellen Probleme der ehemaligen Digital Equipment Corp. und die Turbulenzen nach der Übernahme durch Compaq dürften eine Rolle gespielt haben. Die Zukunft der technisch überlegenen, kommerziell aber wenig erfolgreichen Alpha-Plattform erschien lange Zeit ungewiss.

Marion Dancy, Compaqs Vice President der High Performance Server Business Unit in Marlborough, Massachusetts, führte im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE andere Gründe an: "Zunächst einmal haben wir, wie viele andere Hersteller, unterschätzt, wie komplex es ist, solch große Systeme zu bauen", so die Managerin. Darüber hinaus seien die für 32-Bit-Systeme ausgelegten Designwerkzeuge an Grenzen gestoßen. "Jetzt arbeiten wir an 64-Bit-Rechnern. Wir mussten also die Design-Tools auf 64-Bit-Technik portieren." Darüber hinaus habe es einige Zeit gedauert, bis alle Rechnerkomponenten verfügbar waren, die die 64-Bit-Architektur der Alpha-CPUs voll ausnutzen konnten.

"Die Rechner kommen etwas später. Sie sind aber besser als alle anderen Systeme auf dem Markt", beschwichtigt die Managerin. Für Henrik Klagges, Analyst bei der Münchner IT-Consulting-Firma Consol, zieht dieses Argument nicht: "Nach allem, was man bisher sagen kann, sind die Server technisch gelungen; sie sind aber mindestens zwölf bis 18 Monate überfällig", so Klagges gegenüber der CW. "Die Alpha-Server waren praktisch während des ganzen Jahres 1999 von der Technologie her veraltet. In der Zwischenzeit konnten IBM mit der ,RS/6000 S80´ und HP mit der ,2600´-Serie in den Markt von Sun einbrechen."

Ein Problem für Compaq ist auch die geringe Anzahl von Anwendungen für das eigene Unix-Derivat "Tru 64 Unix". Im Vergleich zu Plattformen wie HP-UX, AIX oder Solaris spielt das einstige Digital-Unix nur eine Nebenrolle. Dancy will diesen Einwand nicht gelten lassen: "Unsere Strategie für Tru 64 Unix ist die Konzentration auf sehr spezielle Zielmärkte. Dort haben wir die erforderlichen Anwendungen, um gegen die Konkurrenz bestehen zu können."

Compaq ziele mit den neuen Alpha-Servern in erster Linie auf die Segmente Telekommunikation, High Performance Technical Computing (HPC), Business Intelligence, Enterprise Applications und Internet Commerce, so Dancy. Die beiden erstgenannten gehören zu den klassischen Kernmärkten für die Alpha-Plattform. Hier kann sich der Hersteller mit einer breiten installierten Basis noch die besten Chancen ausrechnen. Um aber dauerhaft wachsen zu können, müssen die Texaner auch Neukunden aus anderen Segmenten gewinnen - eine weitaus schwierigere Aufgabe.

"Ich glaube nicht, dass es Compaq mit den Servern gelingen wird, viele Neukunden zu gewinnen", kommentiert Klagges. Technisch und hinsichtlich der Preisgestaltung hält er die Systeme zwar durchaus für konkurrenzfähig. Es sei aber sehr unwahrscheinlich, dass Anwender, die bereits eine konkurrierende Server-Plattform installiert haben, auf Alpha-Rechner wechselten. "Innerhalb der Compaq-Kundschaft haben einige Anwender verzweifelt auf das neue System gewartet und werden es auch kaufen", so Klagges. Die Auswirkungen der Compaq-Offensive auf den gesamten Unix-Server-Markt sind für ihn aber "eher beschränkt".

Tom Henkel, Analyst bei der Gartner Group, schlägt in einem Meinungsbeitrag für den Nachrichtendienst "C-Net" in die gleiche Kerbe. Die ersten Auslieferungen der GS-Server würden zum größten Teil an Bestandskunden gehen, so seine Prognose. Außerhalb der Kundenbasis Compaqs habe Gartner bislang nur wenig Enthusiasmus für die Alpha-Server erkennen können. Die Texaner seien lediglich bei zehn Prozent der Gartner-Kunden auf der Liste möglicher Server-Lieferanten. Sun und HP dagegen tauchten bei 80 Prozent der Anwender, IBM noch bei 60 Prozent auf.

In welchem Maße Compaq in das Terrain der großen Drei einbrechen kann, hängt nicht zuletzt von den Marketing-Erfolgen ab. CEO Michael Capellas räumte an diesem Punkt Versäumnisse ein. Für die Alpha-Server habe man bisher "nicht den besten Marketing-Job der Welt" gemacht. Doch das soll sich ändern. Mit einer aggressiven Kampagne und einer verstärkten Zusammenarbeit mit Partnern, allen voran Datenbankanbieter Oracle, hofft Capellas, das Blatt zu wenden.

Doch gerade in puncto Marketing mussten die Alpha-Verantwortlichen in den vergangenen Monaten herbe Rückschläge einstecken. Zum einen hat die Alpha-CPU den Nimbus der schnellsten Chiparchitektur verloren. Intel und AMD durchbrachen als erste die Schallmauer von einem Gigahertz. Auch wenn die Leistungsfähigkeit einer CPU nicht nur an der Taktfrequenz gemessen werden kann, hatte dies doch für einige eingefleischte Alpha-Fans eine Signalwirkung.

Den Grund dafür sehen Branchenbeobachter vor allem in der Zusammenarbeit mit dem Zulieferer Samsung, die nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht haben soll. Die Hoffnungen ruhen jetzt auf dem Abkommen mit IBM, das die Alpha-Chips mit modernster Fertigungstechnik bauen soll. Neben Samsung produziert zwar auch Intel noch Alpha-CPUs für Compaq. Ob der Chipgigant allerdings einem potenziellen Konkurrenten im Geschäft mit 64-Bit-CPUs die höchste Priorität einräumt, darf bezweifelt werden.

Einen gravierenden Fehler hat Compaq nach Ansicht von Klagges mit der Entscheidung gemacht, die Partnerschaft mit Microsoft für die Unterstützung von 32- und 64-Bit-Windows-NT auf Alpha aufzugeben. "Das steckt vielen Anwendern noch in den Knochen." Einige Kunden hatten noch kurz vor der Ankündigung in Alpha-Systeme unter NT investiert. Klagges: "Der Bruch ist unvergessen. Daran wird auch das beste Marketing kurzfristig nichts ändern."

Technik der Alpha-ServerCompaq offeriert die "Alpha-Server GS" in Varianten mit acht ("GS80"), 16 ("GS160") und 32 Prozessoren ("GS320"). Ein wichtiges Merkmal ist die Modularität der Systeme. Die grundlegenden Bausteine sind Platinen mit jeweils vier Prozessoren, die Compaq als "Quad Building Blocks" (QBB) bezeichnet. Die CPUs vom Typ "Alpha 21264" (EV67) arbeiten mit 731 Megahertz Taktfrequenz und sind jeweils mit 4 MB L2-Cache in ECC-Ausführung ausgestattet.

Neben den CPUs sitzen auf einem Board maximal 32 GB Arbeitspeicher, ein Switch, der die Kommunikation zwischen den CPUs regelt, und ein I/O-System. Letzteres unterstützt bis zu acht PCI-Busse in 64-Bit-Technik. Damit stehen pro Board 28 PCI-Slots zur Verfügung. Die I/O-Bandbreite beträgt bis zu 1,6 GB/s.

In einem Acht-Wege-System sind zwei QBBs direkt über deren "Global Ports" verbunden. Für die 16- und 32-Prozessor-Server verwendet Compaq einen übergeordneten "Global Switch" (siehe Grafik). Diese auch als Second Level Switch bezeichnete Instanz stellt die Verbindung zwischen den einzelnen Boards her. In der höchsten Ausbaustufe bietet ein Server damit 256 GB Arbeitsspeicher und eine aggregierte I/O-Bandbreite von 12,8 GB/s.

Die QBBs bilden auch die Basis für Hardwarepartitionen, in die sich die Server aufteilen lassen. Damit lassen sich verschiedene Betriebssysteme - Open VMS, Tru 64 Unix und Linux - gleichzeitig in einem Rechner fahren. Neben der Hardwarepartitionierung unterstützen die Alpha-Server auch softwarebasiertes Partitioning unter dem Betriebssystem "Open VMS Galaxy". Systemressourcen können damit jeweils bestimmten Applikationen zugewiesen werden. Insbesondere für das Workload-Management eines Servers ist diese Funktion von Bedeutung.

Ein voll ausgebautes 32-Wege-System soll nach Herstellerangaben bis zu 150 000 OLTP-Transaktionen verarbeiten können (OLTP = Online Transaction Processing), mehr als alle derzeit verfügbaren Konkurrenzsysteme. Mit schnelleren Prozessoren (EV68, EV7) und mehr QBBs in einer Maschine könnten Anwender von einer Leistungssteigerung um den Faktor 20 innerhalb der nächsten fünf Jahre ausgehen, verspricht Compaq.

Abb: In der höchsten Ausbaustufe verbindet ein Switch acht Platinen mit jeweils vier Alpha-Prozessoren vom Typ EV6. Quelle: Compaq