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08.09.2000 - 

Niemand weiß, wo die Minicomputer stehen

Compaq lässt die Vax-Familie sterben

MÜNCHEN (ba) - Mit dem Schritt, ab dem nächsten Jahr keine Vax-Rechner mehr auszuliefern, schließt Compaq ein von 1977 bis heute währendes Kapitel der Computergeschichte. Doch zwischen die sentimentalen Nachrufe auf das Urgestein der 32-Bit-Architektur mischen sich auch kritische Töne. Insider warnen, dass viele IT-Manager keine Ahnung haben, an welchen Stellen in ihren Unternehmen die Vaxen noch im Einsatz sind.

Für die Familie der Vax-Rechner hat die letzte Stunde geschlagen: Nach 23 Jahren, in denen sie Computergeschichte schrieben, hat Compaq bekannt gegeben, in Zukunft keine Minicomputer mehr zu bauen. In einem offenen Brief an die Kunden, der auf der US-amerikanischen Web-Seite des Herstellers veröffentlicht wurde, rechtfertigt Jesse Lipcon, Vice President für die High-Performance-Computing- (HPC-)Division bei Compaq, den Schritt des texanischen Unternehmens (www6.compaq.com/alphaserver/ vax/vax_letter_final.html).

Die Vax-Technik sei bis zum technisch Möglichen ausgereizt, erklärt er. Es mache keinen Sinn mehr, neue Maschinen zu entwickeln oder zusätzliche Upgrade-Pfade anzubieten. Außerdem hätten viele Kunden ihre alten Vax-Rechner bereits gegen neue, leistungsstärkere Alpha-Systeme ausgetauscht. "Angesichts der rapide abnehmenden Nachfrage nach Vax-Hardware und der damit verbundenen sinkenden Rentabilität, wird Compaq die Vax-Linie auslaufen lassen", lautet das nüchterne Resümee des Compaq-Managers.

Die Lorbeeren für den nach firmeneigener Lesart "Meilenstein des 32-Bit-Computing" lässt sich der Lipcon dagegen nicht entgehen. Mit markigen Worten betont er, man sei stolz auf die Vax-Technik, die mehr als 20 Jahre lang das IT-Herzstück vieler Unternehmen gebildet habe. Die Tatsache, dass Digital Equipment Corp. (DEC) die Vaxen entwickelt und Compaq die Rechnerfamilie erst 1998 mit der Übernahme von DEC in das eigene Produktportfolio eingegliedert hat, findet Lipcon - einstmals DEC-Vice-President für das Betriebssystem Open VMS - dabei nicht erwähnenswert.

Bis zum 30. September will der Konzern noch Bestellungen für Vax-Maschinen entgegennehmen. Den Stichtag für die letztmögliche Auslieferung eines Vax-Rechners haben die Compaq-Verantwortlichen auf den 30. Dezember 2000 terminiert. Anwender erhalten bis dahin noch Maschinen vom Typ "Microvax 3100-88", "Microvax 3100-89" sowie das Modell "Vax 4000-108". Diese Systeme arbeiten mit einem Arbeitsspeicher von 64 beziehungsweise 128 MB sowie SCSI-Festplatten mit Kapazitäten zwischen 1 und 2 GB. Alle Maschinen basieren auf dem Betriebssystem Open VMS. Compaq hat den Anwendern für die nächsten zehn Jahre Support für ihre Vax-Systeme zugesichert. Das bezieht sich in erster Linie auf das Betriebssystem. Die Texaner wollen laut Lipcon weiter neue Versionen von Open VMS für die Vaxen entwickeln.

Das Ende der Vax-Linie haben viele IT-Verantwortliche mit Wehmut vernommen. Vor allem in den Rechenzentren von Universitäten finden sich noch zahlreiche Maschinen aus dem Hause DEC.

"Wir sind mit der Vax groß geworden", erinnert sich Stephen Lane, der die Desktop-Systeme des US-College in Ithaca, New York, verwaltet. Alle Programme habe man auf der Vax installieren können, von hochkomplexen mathematischen Anwendungen bis hin zu den Büroprogrammen für die Schulverwaltung.

Kurz nach Bekanntwerden der Compaq-Entscheidung haben sich in US-amerikanischen Internet-Foren die ersten Anwender zu Wort gemeldet. Meist mit sentimentalen Erinnerungen an die guten alten Tage, in denen die Vax noch eine feste Größe in jedem Rechenzentrum war. Immer wieder ist die Rede davon, wie stabil die Vax-Rechner nach wie vor laufen. Jemand erinnert sich daran, dass in seiner Firma 240 Leute auf einem Vax-System arbeiteten, das gerade einmal mit 40 MB RAM ausgestattet war. Mit dem Bekenntnis "Der Verlust der Vax bedeutet einen Verlust an Wissen, und das ist traurig" spricht ein weiterer Vax-Freund der trauernden Minicomputergemeinde aus der Seele.

An anderen Stellen beurteilt man den Abschied von der Vax-Familie pragmatischer. Herbert Wenk, ehemaliger DEC-Vertriebsmitarbeiter und heute Firmensprecher bei Compaq, sieht das Ende der DEC-Rechner als logischen Schritt in der Computerevolution. Die Lebenszeit der 32-Bit-Architektur neige sich ihrem Ende zu, und damit müsse man auch bei der Vax die Konsequenzen ziehen. Dass Erinnerungen an die DEC-Zeit wiederkommen, will auch Wenk nicht verhehlen, "aber die Zeit läuft weiter, da hilft alles nichts".

Anwendern, die zurzeit noch Vax-Computer in ihrer Unternehmens-DV einsetzen, empfiehlt der Compaq-Sprecher einen Umstieg auf die aktuelle Alpha-Architektur des texanischen Herstellers. Bei der Migration von Vax auf Alpha sieht Wenk grundsätzlich keine Probleme auf die IT-Verantwortlichen zukommen. Einzig Unternehmen, die Vaxen fest in Produktionsanlagen integriert haben, könnten auf Schwierigkeiten stoßen. Wenk kann sich vorstellen, dass gerade in diesem Anwendungsbereich manche Leute "sehr eigenwillige" Programme geschrieben haben. Das Betriebssystem VMS erlaubte den Nutzern oft tiefe Eingriffe in den OS-Kernel. In einem solchen Fall könne die Portierung der Anwendungen auf Alpha schwierig werden, räumt er ein. Allerdings dürfte keine besonders große Anzahl von Vaxen mehr im Einsatz sein, versucht der Compaq-Sprecher zu beschwichtigen. Wenk schätzt die Zahl der noch in Deutschland aktiven Vax-Rechner auf etwa 24000. Weltweit dürften hochgerechnet noch etwa 240000 Systeme in den Firmen arbeiten.

Bei der Compaq-Benutzerorganisation Decus herrscht dagegen Unklarheit über die Anzahl der in Deutschland noch aktiven Vax-Computer. "Da habe ich keinen Überblick", sagt Jürgen Beumelburg, Vorsitzender der deutschen Decus-Abteilung. Aber auch innerhalb der Benutzervereinigung, die in Deutschland 8000 Mitglieder zählt, hat man die möglichen Probleme mit Vaxen in Fertigungsanlagen erkannt. Für Beumelburg stellt sich vor allem die Frage nach den noch vorhandenen Kompetenzen. So müsse man in vielen Fällen zweifeln, ob bei den betroffenen Firmen überhaupt noch Kräfte auf den Gehaltslisten stünden, die sich mit den Vaxen auskennen.

Für Karl-Peter Hertleif, Sprecher der speziellen Interessensgruppe (SIG) für Hardware innerhalb der deutschen Decus-Organisation, könnte das Vax-Problem in den nächsten Jahren noch dramatische Formen annehmen. So teilt der beim Kölner Softwareunternehmen Infodas beschäftigte DV-Experte nicht die Einschätzung Wenks, dass nur noch wenige Vaxen in Betrieb seien. Nach Hertleifs Prognose sind noch "sehr viele Geräte im Einsatz. Bloß weiß man gar nicht, wo die Dinger überall stehen."

Als Beispiel führt Hertleif das Schweizer Tunnelsystem an. Bei den Eidgenossen würden eine ganze Reihe von Tunnelanlagen von alten Vax-Maschinen gesteuert. Die Rechner regelten Funktionen wie automatische Feuerlöscher oder Belüftungsanlagen. Die dafür notwendige Software für die Überwachung und Störungsmeldung laufe auf Vaxen, die in riesige Schaltschränke integriert seien. Wieder entdeckt wurden die Maschinen, als es Probleme mit einer Modemleitung gab. Auch bei Intel sind laut Hertleif Vax-Rechner im Einsatz. So würden beispielsweise Chipproduktionsanlagen noch von einem alten Vax-7000-System gesteuert.

Vaxen geraten in VergessenheitDas Problem der Vaxen seien paradoxerweise die Zuverlässigkeit und Stabilität der Systeme, erklärt der IT-Experte. Die Rechner funktionierten seit Jahren oder sogar Jahrzehnten ohne Probleme, und nach dem Motto "Never change a running System" kümmerten sich die meisten DV-Administratoren nicht um die Anlagen. Aus diesem Grund könne es leicht passieren, dass die eingebauten Vax-Rechner bei den IT-Abteilungen der Unternehmen in Vergessenheit geraten.

Hertleif geht nicht davon aus, dass die Vax-Maschinen so schnell verschwinden werden. IT-Entscheider würden es sich sicher genau überlegen, eine funktionierende Maschine auszutauschen. Sollte eine Migration auf Alpha notwendig werden, hofft er auf den entsprechenden Support durch den texanischen Hersteller: "Wenn Compaq nicht wieder versucht, sein Personal drastisch abzubauen, dürften die notwendigen Kompetenzen auch in Zukunft bereitstehen." Hier sieht der Manager auch eine wichtige Aufgabe der Decus. Sollten Hilfegesuche der deutschen Vax-Anwender bei der Benutzerorganisation ankommen, müsse man den Texanern auf die Finger klopfen und die versprochene Unterstützung auch einfordern. Bislang gibt es keine Resonanz deutscher Vax-Anwender, was angesichts der beschriebenen Lobeshymnen nicht weiter verwundert.

Dass die Migration von Vax auf Alpha problemlos funktionieren kann, zeigt das Beispiel der SMS Demag AG aus Hilchenbach. Das Unternehmen, das Hüttenanlagen und Walzwerke für die Stahl- und Metall verarbeitende Industrie herstellt, setzte in der Produktion auf integrierte Vax-Maschinen mit den entsprechenden Spezialanwendungen. Die Portierung dieser Programme, die zum Teil noch in Pascal geschrieben sind, auf Alpha brachte nach Auffassung von Reinhard Meinerz, Leiter IT-Planung und -Produktion bei SMS Demag, zwar einigen Aufwand mit sich, war im Grunde aber kein Problem.

Warum die Vax-Linie eingestellt wird, kann sich der IT-Leiter nicht so recht erklären. Die Maschinen, die er bereits während seines Studiums kennen gelernt hat, haben im Betrieb kaum Schwierigkeiten gemacht, berichtet Meinerz aus der Praxis. Decus-Sprecher Hertleif vergleicht das Sterben der Vax mit dem Ende des VW-Käfer. Die Herzen vieler DV-Verantwortlicher hingen weiter an den alten Maschinen, auch wenn diese nicht die schnellsten seien - genau wie das Kultauto aus Wolfsburg.

VAX-ChronologieMit der Vorstellung der "VAX-11/780" und des passenden Betriebssystems VMS begann im Oktober 1977 der Siegeszug der wohl erfolgreichsten Minicomputer-Familie. Nach 23 Jahren wird im Dezember 2000 die letzte VAX ausgeliefert.

Bis 1977 hieß das Zugpferd im Stall von Digital Equipment "PDP-11", das in vier Generationen bis 1990 über eine millionmal verkauft wurde. Dieser für DEC so erfolgreiche Rechner arbeitete mit einem Adressraum von 16 Bit und sollte überarbeitet werden. Ergebnis: die VAX (Virtual Adress eXtension).

Das erste Modell der Klasse, VAX-11/780, nutzte 32-Bit-Technik und 16 Register, doppelt so viele wie bei den PDP-Rechnern. Neu war die Verteilung der Software auf Festplatten, so dass sich das ebenfalls neu entwickelte Betriebssystem VMS die Programmteile in den Hauptspeicher laden konnte. Als I/O-System nutzte man den schon von den PDP-Rechnern bekannten "Uni-Bus" oder neuen "Mass-Bus". Eine typische Konfiguration bestand aus ein oder zwei Bandlaufwerken und zwei bis sechs Festplatten. Die ersten VAX-Systeme kosteten zwischen 1200000 und 160000 Dollar.

Im April 1982 folgte die Einführung der "VAX-11/730", die erste "Low-cost"-Maschine, die sich zudem in ein 10,5-Zoll-Rack einbauen ließ. 1983 kam nicht nur die "VAX-11/725" auf den Markt, es wurde auch "VAXcluster" angekündigt. Mit ihm ließen sich lose gekoppelte VAX-Prozessoren zu einem Rechnerverbund zusammenschalten, der wie ein einzelnes System zu betreiben war.

1984 hatte die Company mit "VAX-11/782" den ersten Multiprozessorrechner auf den Markt gebracht: Zwei Standardprozessoren hatten Zugriff auf ein Shared Memory. Dafür musste VMS ebenfalls multiprozessorfähig gemacht werden.

Ebenfalls noch im Oktober kündigte DEC mit "VAX 8600" eine neue Rechnergeneration an, die viermal schneller als das Ausgangsmodell, zu diesem aber kompatibel war. Mit der "Vaxstation I" kam gleichzeitig die erste 32-Bit-Workstation von Digital Equipment auf den Markt.

Im Mai 1985 machte das Unternehmen Schlagzeilen mit der "MicroVAX II", die "VAX auf einem Chip", die sich bis zum August 2000-mal verkaufte. Anfang 1986 folgte mit "VAXstation II/GPX" die erste technische Workstation für das hauseigene Unix-Betriebssystem "Ultrix". Mit "VAX 8800" kündigte die Olsen-Company im selben Jahr das Flaggschiff der Minicomputer-Serie an.

Die 100000ste VAX (ein Modell 8800) wurde Anfang 1987 ausgeliefert, und es wurde die "VAXstation 2000" angekündigt, die erste Workstation, die für weniger als 5000 Dollar zu haben war. Für die im September vorgestellten "VAXstations 3200/3500" nutzte DEC erstmals 32-Bit-CMOS-Prozessoren.

Symmetrisches Multiprocessing hieß im Januar 1988 der technische Leckerbissen, die die "VAX-8800"-Serie bot. Kombiniert wurde diese Technik mit CMOS-Bausteinen und der Hochgeschwindigkeitsverbindung "VAXBI"-Bus. "VMS V5.0" unterstützte als Systemsoftware diese Architektur. 1988 war auch das Jahr, in dem Digital sich stark für Risc-Prozessoren interessierte. Im September vereinbarte DEC mit MIPS Computer Systems einen Technologieaustausch und beteiligte sich mit zehn Prozent an der Prozessorschmiede. Die im Januar 1989 gezeigte "DECstation 3100" arbeitete erstmals mit einer Risc-CPU.

Im Oktober 1989 wollte die Company IBM mit der "VAX 9000" im Mainframe-Geschäft Paroli bieten. Statt der erhofften zwei Milliarden Dollar Umsatz fuhr der Großrechner aber nur rund 30 Millionen Dollar ein.

Nachdem im Februar 1990 mit "VAXft 3000, Modell 310," die erste fehlertolerante VAX auf den Markt gekommen war, stand das Jahr im Zeichen von Risc für VAX: Digital kündigte an, VMS auf die 64-Bit-Risc-Prozessoren "Alpha" zu portieren. Der Chip selbst wurde als "21064" im Februar 1992 präsentiert. Im selben Jahr freute sich der Hersteller über eine halbe Million ausgelieferter VAX-Systeme. Das Betriebssystem wurde 1991 in "Open VMS" umbenannt. Von da an veröffentlichte DEC neue Betriebssystem-Versionen immer zweifach: für Alpha und VAX - der Kunde sollte nicht zum Umstieg auf Alpha-basierte Maschinen gezwungen werden. Nun wird er nicht mehr umhinkönnen. (kk)