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08.08.1986

Computer flexibilisiert das "System Arbeit"

Werner Then Geschäftsführer der randstad Organisation für Zeitarbeit GmbH, Frankfurt

Schnelle Anpassungsfähigkeit wird immer mehr die entscheidende Prämisse einer erfolgreichen Volkswirtschaft. Nur wenn unsere Unternehmen auf wechselnde Markt-und Auftragssituationen sofort reagieren können, kann Erfolg und Kontinuität gesichert werden. Ein entscheidendes Problem dabei ist die Beweglichkeit der Arbeitsorganisation. Noch haben wir wenig Übung uns anzupassen ohne daß dies zu lasten der Mitarbeiter geht. Noch werden die Flexibilisierungsinstrumente und neue Formen der Arbeit nicht ausreichend genutzt. Noch tun wir uns schwer, damit fertig zu werden, daß einmal mehr oder einmal weniger, vor allem aber verschiedene Menschen an ein und demselben Arbeitsplatz tätig sind - wie derzeit bereits in den Schichtsystemen.

Natürlich ist der Wechsel von Person zu Person im Tagesablauf der Arbeitsorganisation eine Schwierigkeit. Die neueste Entwicklung der Datenverarbeitung und deren Anwendungsmöglichkeiten zeigen aber Problemlösungen auf. Computer übernehmen mehr und mehr die Steuerung und Regelung von Geräten sowie Arbeitsabläufen. Die neueste Kommunikationstechnologie wird uns immer mehr und schneller Informationen abrufbar bereitstellen.

Hier liegen die Elastizitätsreserven der Arbeitsorganisation und auch die notwendigen Differenzierungspotentiale für die zeitgemäßen Anpassungen. Wenn heute ein moderner Personal Computer leistungsfähiger ist als die Computer, welche die Mondlandung ermöglichten und in Japan bereits Roboter konstruiert wurden, die an der Decke entlang gehen, zeigt sich beispielsweise, daß wir aus dem alten Denken in festen, überlieferten Strukturen heraus müssen. Wir müssen in Prozessen denken und lernen. Gleichzeitig müssen wir uns mit der Kybernetik auseinandersetzen, die es uns möglich macht, ganzheitlich und vernetzt zu operieren.

Unter den vielfältigen Arbeitsbedingungen erbrachten die Menschen noch vor 100 Jahren ihre Arbeit weitgehend flexibel, aber sozial unzureichend abgesichert. Mit der wachsenden Industriealisierung und dem Wunsch nach sozialer Sicherheit wurden die Formen und Bedingungen sowie die Organisation der Arbeit immer stärker reglementiert und uniformiert. Die gerade in den letzten Jahrzehnten zunehmende Regelungsdichte führte zu Verkrustungen und gesetzlichen Normierungen, deren Auswirkungen sich heute vielfach gegen sozial Schwächere richten, insbesondere den Arbeitslosen. Auch schnelle Anpassungen an Marktsituationen und technische Entwicklungen wurden damit erschwert. Es scheint, daß wir endlich erkennen, daß das Jahrhundert wachsender kollektiver Einheitsregelungen und Zwänge seinem Ende zugehen muß. Der Computer und die mit ihm verbundene Neuorganisation der Arbeits- und Produktionsprozesse macht die Flexibilisierung des "Systems Arbeit" möglich, so daß wir nun in eine Epoche der Individualität, der Freiheit und Autonomie für mündige Wirtschaftsbürger hineinwachsen. Das Thema Arbeitsflexibilisierung wird leider meistens nur im Hinblick auf Arbeitszeitflexibilisierung diskutiert. Dies ist zu eng. Wir müssen jetzt die Weichen für ein freieres und offeneres "System Arbeit" stellen, weil dies den Bedürfnissen der Betriebe und der Menschen dient. In der Flexibilisierung des "Systems Arbeit" liegen Ressourcen für eine neue Unternehmenspolitik und die gesellschaftliche Entwicklung in einer sich grundlegend und schnell verändernden Welt. Wir brauchen soziale, organisatorische und gesellschaftliche Innovationen, die mit der technologischen Entwicklung Schritt halten, und müssen jene Chancen, welche die Technik uns bietet, nutzen, damit die Menschen wieder Leben und Arbeit nach ihren Wünschen und ihren Lebensplänen aufeinander abstimmen können.

Die Komplexität und Funktionsfähigkeit moderner Unternehmen wird in Zukunft nur unter der Prämisse des Subsidiaritätsprinzips gestaltbar sein. Die jeweilige Arbeitseinheit beziehungsweise Abteilung muß beispielsweise mit Hilfe schnell abrufbarer, gespeicherter Informationen und den Kenntnissen unmittelbar vor Ort über Produktionsverfahren, die Organisation der Arbeit und Arbeitszeitplanung entscheiden können. Infolgedessen gilt es, aus betriebswirtschaftlichen und menschlichen Bedürfnissen den Trend zu kleineren, teilautonomen Betriebseinheiten zu fördern, wobei der Computer Dezentralisierungshilfe sein kann.

Wo liegen nun die Ansätze für die Flexibilisierung des "Systems Arbeit"

Zeitlicher Aspekt

- Wir brauchen längere und flexiblere Betriebszeiten in Verbindung mit mehr Autonomie der Arbeitnehmer mit Blick auf Lage und Dauer ihrer persönlichen Arbeitszeit. Erweiterte Gleichzeitsysteme, Teilzeitregelungen, Jahresarbeitszeit, Neueinteilung der Arbeitswoche, des Arbeitsmonats oder der Schichtenregelungen geben den notwendigen Gestaltungsspielraum.

Jahresarbeitszeit und Gleitzeitregelungen vermeiden Kosten für Kurzarbeit oder betriebliche Überstunden. Der Arbeitsanfall wird nicht mehr über Einstellung und Kündigung gesteuert. Gleitzeit und Jahresarbeitszeit sind Instrumente, die einerseits gleichmäßiges, Einkommen der Mitarbeiter sichern, zum anderen aber die Arbeitsleistungen dann verfügbar machen, wenn sie gebraucht werden.

Arbeitsorganisation

-Notwendig ist die flexible Arbeitsorganisation mit differenzierten Strukturen auch im Hinblick auf Qualität und Einsatzmöglichkeit der Mitarbeiter, das heißt, daß die Aufbau- und Ablauforganisation sowie der technische Organisationsgrad beweglicher gestaltet werden müssen. Auch hierbei wird die Team- und Gruppenorientierung immer bedeutsamer. Gruppenarbeitsplätze werden wesentliche Elemente für autonome oder teilautonome Betriebseinheiten.

Technische Voraussetzungen

-Vor allem die neue Kommunikationstechnik bietet die notwendige Elastizität und ermöglicht Differenzierungen und schnell umrüstbare Strukturen im Hinblick auf Marktgegebenheiten. Manuelle Montagesysteme mit Inselfertigungen, Rundtaktbänder mit mehreren Arbeitsgängen für autonome Arbeitsgruppen sowie Rundtaktmaschinen für komplette Arbeitsgänge, die von einzelnen Arbeitnehmern, unabhängig vom Gesamtprozeß und von der Betriebszeit, bedient werden können, erhöhen die Flexibilität.

Mobilität

-Bestimmte Arbeiten können auch außerhalb des Betriebsverbundes erledigt werden. Diese Tele- oder Hausarbeitsplätze darf man nicht als Einzelarbeitsplätze organisieren, sondern sie könnten auch in kleinen Gruppen, zum Beispiel in einer Dependance des Unternehmens am Wohnort verschiedener Mitarbeiter eingerichtet werden.

Beschäftigungsformen

-Wir werden uns mit neuen, unterschiedlichsten Formen von Beschäftigung vertraut machen müssen. Als Beispiele seien genannt: Teilzeitarbeit, Job-sharing, selbständige freie Mitarbeiter im Unternehmen, Teilselbständige, Arbeitnehmer mit zwei Berufen in verschiedenen Unternehmen oder Bereichen und selbständige Gruppen im Unternehmen. Auch Arbeitnehmer, die auf überbetrieblichen Arbeitsplätzen bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt und jederzeit abrufbar sind, bieten den Unternehmen zusätzliches Flexibilisierungspotential. Auch die Entwicklung zu Kern- und Randbelegschaften muß zur Kenntnis genommen und gefördert werden. Arbeiten, die nicht unmittelbar mit dem eigenen Produktionsprozeß verbunden sind, wie beispielsweise Reparaturen, Wartung, Reinigung, Konstruktion und anderes, bieten weiteren Handlungsspielraum. Selbst die Auslagerung von betriebseigenen Personalreserven in die überbetrieblichen Arbeitsplätze der Zeitarbeit erweitert und erhöht die personalwirtschaftliche Beweglichkeit und schafft entsprechende alternative Arbeitsplätze.

Lohnsysteme

-Hier sollten wir über Bezahlung nach Arbeitsergebnis oder Funktion, also unabhängig vom Zeitaufwand, nachdenken. Sollte man nicht auch Lohnsysteme in Erwägung ziehen, in denen beispielsweise zehn oder 20 Prozent des Einkommens vom Betriebserfolg abhängig bezahlt werden? In schwierigen Wirtschaftsphasen wären Kündigungen vermeidbar, weil die Belegschaft vorübergehend zu 80 oder 90 Prozent des Lohns weiterbeschäftigt würde.

Personalwirtschaft

-Die Personalwirtschaft benötigt dringend computerisierte Planungssysteme und muß künftig neben den Gehaltskonten auch Zeitkonten führen auf denen über Plus- und Minuszeiten Buch geführt wird.

Mitarbeiterqualifikation

-Ein entscheidender Schlüssel für Flexibilisierung der Arbeit ist die Erweiterung der Qualifikation der Mitarbeiter um deren vielfältige Einsatzmöglichkeiten, etwa in Gruppenarbeitsplätzen oder auch im Einzeleinsatz, zu ermöglichen. Gerade weil der einzelne Arbeitnehmer seine Arbeitszeit freier als bisher wählen möchte, muß er in die Lage versetzt werden, unterschiedliche Aufgaben erfüllen zu können. Der betrieblichen Weiterbildung kommt also höchste Priorität zu.

Führungsqualitäten

- Die Manager von morgen haben gewandelte Aufgaben. Sie müssen sich in sozialer Kompetenz einüben. Sie geben keine Befehle mehr, sondern führen Regie, koordinieren überzeugen und regeln Konflikte. Am allerwichtigsten aber: Sie müssen Manager für Kommunikation und Information sein. In einem beweglichen "System Arbeit" werden mündige Arbeitnehmer mehr als bisher an der Gestaltung ihrer Arbeit mitwirken. Führung wird zur Dienstleistung an den Mitarbeitern.

Betriebsverfassung

- Auch von den Betriebsräten wird eine neue Qualität der Verantwortung für Betrieb und Mitarbeiter gefordert. Sie sollten im Rahmen von Betriebsvereinbarungen die Anpassungsnotwendigkeiten ermöglichen und an neuen Arbeitszeitmodellen sowie einer beweglichen Organisation mitgestalten.

Daß das gesamte Arbeits- und Sozialrecht sowie die Tarifpolitik diesem beweglichen "System Arbeit" Raum geben muß, liegt auf der Hand. Gesetze müssen mehr Tariföffnungsklauseln vorsehen, die Tarifverträge ihrerseits Öffnungsklauseln für Betriebsvereinbarungen. Auch hier muß endlich das demokratische Prinzip der Subsidiarität gelten. Was die kleineren Einheiten zu regeln in der Lage sind, sollten sie auch eigenverantwortlich regeln dürfen.

Gelingt uns diese Flexibilisierungen des "Systems Arbeit", haben wir Vorteile, nicht nur im Hinblick auf Marktanpassung, sondern auch bei Übernahme zusätzlicher größerer Aufträge. Wir vermeiden kostspielige Lagerhaltung und lange Lieferzeiten, um nur wenige Beispiele zu nennen. Andererseits werden die Arbeitnehmer aus den Zwängen des Kollektivrechts entlassen und nicht länger bevormundet. Sicher werden sie sich deshalb dann auch mehr für ihr Arbeitsfeld engagieren und sich mit ihrem Unternehmen identifizieren.

Was aber von allen Managern gefordert ist und was Computerfachleute unterstützen sollten, ist Optimismus und Mut zu sozialen, organisatorischen und gesellschaftlichen Innovationen, die uns mehr Freiheit und Handlungsspielräume liefern. Die oft als Revolution bezeichneten Veränderungen durch neue Techniken, sollten wir nicht länger mit Unbehagen betrachten. Wenn wir uns wünschen mit Hilfe der Technik die Arbeit einfacher, leichter und vor allem freier zu gestalten - wir hätten eine Chance zu einem Freiheitssprung in die Entwicklung des "Systems Arbeit".