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03.01.1986

Computer für wen?

Professor Dr. Konrad Zuse, Hünfeld

Das Wort "Computer" hat sich heute allgemein durchgesetzt für das, was ursprünglich am treffendsten mit "programmgesteuerte Rechenanlage" bezeichnet werden konnte.

Beim heutigen breiten Einsatz des Computers vergißt man leicht, daß die ersten Pioniere auf diesem Gebiet Mathematiker, Ingenieure und Forscher waren, die Computer für ihre eigenen Zwecke entwickelten. Sie wollten passende Geräte für die Automatisierung ihrer umfangreichen und komplizierten Rechnungen schaffen. Das gilt auch für den Engländer Charles Babbage, der bereits im vorigen Jahrhundert die Grundprinzipien der Programmsteuerung erfand. Er war Mathematiker und Astronom. Nur die mangelnde Technik seiner Zeit verhinderte die praktische Vollendung seiner Modelle.

Etwa 100 Jahre später, in der Mitte der dreißiger Jahre, wurde die Idee der Automatisierung der technisch-wissenschaftlichen Rechnungen wieder an mehreren Stellen etwa gleichzeitig aufgegriffen. In den USA waren es die Mathematiker und Ingenieure Stibitz, Aiken, Eckert und Mauchly, die wahrscheinlich in Kenntnis der Arbeiten von Babbage - aber im wesentlichen unabhängig voneinander - Großrechenanlagen für mathematische und wissenschaftliche Probleme entwickelten.

Mit einigen Jahren Vorsprung konnte ich in Berlin - beginnend mit dem Jahr 1934 und angeregt durch die umfangreichen Rechnungen als Bauingenieur - die Entwicklung rechenplangesteuerter Geräte durchführen. Nach einigen Versuchsmodellen wurde das erste gut arbeitende Gerät "Z3" im Jahre 1941 in Berlin interessierten Kreisen der Luftfahrt vorgeführt. Auch dieses Gerät war zunächst allgemein für Ingenieure und Wissenschaftler gedacht. Aufgrund kriegsbedingter Umstände blieb der Einsatz zunächst auf den Flugzeugbau (DVL Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt, Henschel-Flugzeuge) beschränkt.

Nach dem Krieg gewann die Entwicklung von Computern mit Röhren allgemeines Interesse. Die Geräte waren jedoch noch sehr unzuverlässig. Es entstanden an verschiedenen Instituten Laborgeräte, die im allgemeinen auch an diesen Instituten eingesetzt wurden. Diese Entwicklung diente insbesondere in den USA zum großen Teil militärischen Aufgaben. In Deutschland lagen die Verhältnisse etwas anders. Abgesehen von den Kriegsjahren, handelte es sich um eine rein private Entwicklung für zivile Aufgaben.

Die an sich zuständige Büromaschinen-Industrie stand zunächst völlig abseits. Große Lochkartenfirmen zeigten einiges Interesse. Jedoch warteten auch sie zunächst noch den Erfolg dieser neuen Geräte auf wissenschaftlichem Gebiet ab.

Erst als Mitte der fünfziger Jahre die Zuverlässigkeit der elektronischen Geräte zufriedenstellend war, begann man sich auf breiter Basis dafür zu interessieren. Hinzu kam, daß die Röhre bald durch den wesentlich zuverlässiger arbeitenden Transistor abgelöst wurde und daß inzwischen Speicher mit hoher Kapazität entwickelt worden waren. Jetzt war es möglich, Aufgabengebiete des Computers wesentlich über die bisherigen wissenschaftlichen und technischen Rechnungen hinaus zu erweitern. Es kam jetzt die Zeit der großen, vorwiegend kommerziell eingesetzten Computer. Anwender waren Kreise der Verwaltung, der Betriebswirtschaft, der Statistik etc. In dieser Zeit sah man allerdings den Computer immer noch als Spezialität eines besonderen Kreises von Computerfachleuten an. Man verließ sich auf sie, und leider setzte zugleich eine Art blinder Computergläubigkeit ein. Mit der Zeit wurden die Geräte jedoch immer leistungsfähiger, kleiner und - was damals nicht vorauszusehen war - auch billiger. Dies führte zu den heutigen Mini- und Mikrocomputern. Dadurch entstand

wieder eine neue Situation. Heute haben wir bereits Personal Computer, und fast sämtliche Kreise der Bevölkerung haben entweder direkt oder indirekt mit dem Computer zu tun. Damit verwischt auch die Grenze zwischen den Computerfachleuten und den Benutzern. Als Nebeneffekt lernen heute breite Kreise auch die Schwächen und Mängel des Computers kennen. Die Computergläubigkeit ist zum Teil einer starken Skepsis gewichen.

Computer für wen? Der Computer dient heute der Gesellschaft. Er bietet neue Wege der Kommunikation, in der Verwaltung und für das allgemeine Zusammenleben. Wir sind mit bisher unbekannten Problemen wie Datenschutz und Computerkriminalität konfrontiert. Durch die Möglichkeiten der Automation wird die Stellung des Arbeiters in der Industrie auf eine gewandelte Basis gestellt. Alte Bilder von Kapitalisten und Ausbeutern verlieren ihren Sinn. Wir alle gehören zu dieser Gesellschaft, und als Konsequenz sind auch wir alle für die Folgen des Computereinsatzes verantwortlich. Wir wissen, daß Computer und Datenverarbeitungssysteme oft falsch eingesetzt werden oder in ihrem Aufbau noch nicht die volle Reife erlangt haben. Solchen Mißständen zu begegnen, ist heute nicht mehr Angelegenheit einer kleinen Minderheit, sondern der ganzen Gesellschaft.

Schließlich kann man fragen: "Wer ist diese Gesellschaft und welchen Weg geht sie in die Zukunft?" Leider haben wir da wenig Anlaß zu einer Euphorie. Wir bilden uns zwar ein, frei, fortschrittlich und demokratisch zu sein, vergessen dabei aber gern, daß jede Gesellschaftsform erst im Laufe von Generationen ihren Wert unter Beweis stellen muß. Leider zeigt sich dann bei uns, daß wir eine sterbende Gesellschaft. sind. Wir sind nicht in der Lage den Fortbestand unserer Gesellschaft durch Schaffung einer nächsten Generation etwa gleicher Anzahl von Menschen zu sichern. Mütter und Kinder haben einen geringeren Stellenwert in unserer Gesellschaft. Man muß selbstverständlich mit ihnen rechnen und tut auch einiges für sie. Aber oft sind sie im Weg. Der Freiheitsbegriff wird oft als Freiheit vom Kind ausgelegt. Für wen also entwickeln wir die nächste Computergeneration? Wir wissen, daß in den Entwicklungsländern der Einsatz unserer modernen Technik und insbesondere der Medizin, im Gegensatz zu uns zum Teil zu einer Bevölkerungsexplosion geführt hat. Also müssen wir vielleicht den Computereinsatz für diese Aufgaben planen?

Eine solche Entwicklung hat an sich nichts mit dem Computer zu tun. Derartige Erscheinungen gab es schon in Rom und in anderen Zeiten weltstädtischer Dekadenz. Hier kann auch der Computereinsatz kaum helfen. Wir müßten uns von liebgewonnenen und eingefahrenen Gesellschaftsvorstellungen befreien.