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17.10.1975 - 

Erstes Computer-Schachturnier der Gesellschaft für Informatik

Computer-Logik im königlichen Spiel

DORTMUND - Das "königliche Spiel" ist uralt. Alt sind die Versuche, daß Spiel zu automatisieren. Baron von Kempelen stellte 1770 einen "Schachautomaten" vor: eine Puppe in türkischer Tracht am Brett. In Wirklichkeit hatte der betrügerische Baron einen Türken gebaut Unter dem Brett saß e in schachkundiger, buckliger Zwerg, der den, "Automaten steuerte.

Auf dem I. GI-Computer-Schachturnier, das letzte Woche im Rahmen der 5. Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik in Dortmund stattfand, ging es reeller zu: sieben Schachprogramme, in denen viele Mannjahre an Denk- und Programmierarbeit stecken, kämpften gegeneinander um "Matt" und "Remis".

Das erste Computer-Schachturnier, auf deutschem Boden, bei dem Programme gegen Programme antraten (und nicht menschliche Spieler gegen Computer), hat internationale Vorläufer. Seit 1970 finden in Amerika solche Turniere statt.

International sind rund 50 Schachprogramme bekannt. Die ersten theoretischen Vorarbeiten leisteten J. von Neumann (Minimax-Theorem, 1944), Konrad Zuse (Plankalkül, 1945), Norbert Wiener (Cybernetics, 1948) und andere Kybernetiker und Mathematiker. Erste Programme entstanden 1955 bis 1958 in den USA. Das älteste deutsche Programm Fischer/Schneider, das in Dortmund mitkämpfte, entstand 1965. Und bereits 1966 - 67 schlug in einem Fernmatch ein sowjetisches Schachprogramm ein US-Programme 3:1.

Schachprogramme haben alle das gleiche Grundproblem: den unendlichen Variantenreichtum des Spiels in jeder Situation auf eine überschaubare Zahl von Zügen und Gegenzügen zu reduzieren. Programme können rein defensiv sein, sie können Vorwärtsstrategie beinhalten, können auf "Materialschonung" abgestellt sein oder auf "Positions-Optimierung": ihnen ist gemeinsam, daß sie bisher gegenüber versierten menschlichen Schachgegnern alle matt gesetzt wurden.

Vom ehemaligen Schachgroßmeister Dr. Lasker ist der Ausspruch überliefert, zum genialen, siegreichen Schachspiel gehöre "ein geräumiges Gehirn und ein mutiges Herz". Das Gehirn mag beim Computer noch hinreichen, an Herz fehlt's, derzeit jedenfalls. Das veranlaßte den Internationalen Schachmeister David N. L. Levy (Turnierleiter in Dortmund) wohl auch, insgesamt 1750 Pfund drauf zu verwetten daß ihn bis 1978 kein Schachprogramm der Welt besiegen könne.

In Dortmund ging es nicht um Wetten, sondern vielmehr um das Gegentesten von Schachprogrammen. Sicherlich ganz ohne Leidenschaft, aber nicht ohne sportlichen Ehrgeiz. Denn hinter den Programmen stehen die Autoren. In ihren unterschiedlichen Programmen manifestiert sich sicherlich auch unterschiedliches Schachtalent.

Die am ersten Computer-Schachturnier der Gesellschaft für Informatik in

Dortmund beteiligten Programme stammen teils von Einzelgängern, teils sind sie das Team-Work von Wissenschaftlern.

ORWELL III

entwickelte Thomas Nitsche, Freiburg. Das in Fortran geschriebene Programm umfaßt derzeit 5000 Befehle und läuft auf einer Univac 1106/2, demnächst auch auf einer IBM-Anlage.

PROSCHA

ist das gemeinsame Produkt einer Arbeitsgruppe an der Uni Dortmund. Die acht Autoren setzten das Repertoire von 5000 Statements (PL 1) so an, daß das Programm einem menschlichen Gegner möglichst lange widerstehen kann.

TELL

ist eine Schöpfung des Zürchers Johann Joss. Die Arbeiten begannen bereits 1967 auf einer CDC I604 A. Das Programm lauft heute auf einer Hewlett-Packard 2115 (8 K). Es soll ein ganz passables Spiel im Mittelfeld liefern, so der Autor, habe aber gegen gute menschliche Gegenspieler keine Chance.

CHARLIE

ist ein ganz besonderes Produkt. Der Autor Andreas Keil schrieb das Programm als Abiturient am St.-Anna-Gymnasium in Augsburg und wurde damit 3. Sieger beim Bundeswettbewerb "Jungen forsch 1974" in der Sparte Informatik/Mathematik. Charlie läuft mit über 6000 Befehlen auf einer Siemens 4004 und ist in Assembler und der Sprache für computerunterstützten Unterricht LIDIA programmiert

DAJA

entstand, zum Teil im Rahmen einer Diplomarbeit, in Zusammenarbeit der Münchener Autoren L. Zagler und S. Jahn im Jahre 1974.

Ab Mai 1972 wurde bei der GMD, Bonn, durch E. Klein und M. Krüger

SAMIEL

entwickelt. Das zunächst auf die Erkennung typischer Mittelspielkombinationen ausgerichtete Programm wurde im Rahmen einer Diplomarbeit um eine Datei mit klassischen Eröffnungen erweitert.

SCHACH MV 5,6

das Hamburger Helmut Richter wurde an einer TR 4 1971 begonnen, dann auf einem TR 440 weitergeführt und läuft heute auf einer PDP 10. Das Programm enthält weder Eröffnungsbibliothek noch Vorausberechnung von Zügen. Auch dieses Programm (5000 Fortran-Statements) ist ein Teil einer Diplomarbeit.

FISCHER/SCHNEIDER

ein Programm der gleichnamigen Autoren aus Stuttgart, läuft auf einem TR 4 in der maschinenorientierten Sprache TEXAS. Die hervorragendsten Gegner des Programms, inzwischen implementiert auf einer IBM 360/65, waren anläßlich eines Besuches bei der GMD die sowjetischen Schachprofis Paule Keres und Boris Spasski.

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