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29.09.1995

Computergrafik/Pinsel und Palette behalten ihren Reiz Kuenstler arbeiten mit dem PC, sehen aber auch seine Grenzen

29.09.1995

Von Felix Weber*

Sie heissen Pixelpaint, Freehand, Photoshop, QuarkXpress etc., und sie leisten Erstaunliches: Mit ihrer Hilfe lassen sich im Nu Zeichnungen oder Bilder kreieren, Farbfotos auf alle denkbaren Arten bearbeiten und ganze Druckseiten gestalten. Die technischen Moeglichkeiten sind enorm, dennoch stossen Kuenstler rasch an die Grenzen solcher Software.

"Der Computer", erzaehlt Kuenstler Frederic Voisin, "hat mich zur Malerei gebracht." Mit dieser Aussage schockt der listige Franzose, der sich in der Szene zuerst als Zeitschriften- Illustrator einen Namen gemacht hat, nicht nur die Anhaenger klassischer Malerei, sondern auch die Apologeten der Computerkunst. Der 36jaehrige Kuenstler ist den Vertretern beider Lager offensichtlich zu wankelmuetig: Es darf doch nicht sein, dass einer Klassik und Moderne gleichermassen gutheisst und das auch noch oeffentlich zugibt!

Klein beginnen, grossflaechig enden

Voisin liebt offensichtlich die Extreme: Er vermischt nicht nur unterschiedliche Arbeitstechniken, sondern auch europaeische und andere Kunststile. Was er auf dem Computer (gezwungenermassen) im Kleinformat beginnt, beendet er meist auf grossflaechiger Leinwand oder Papier mit Pinsel und Farbe. Dabei entstehen kraftvolle, archaische Bilder, die auf den ersten Blick an indianische oder afrikanische Kunstformen erinnern. "Mexiko hat bei Ihnen offenbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen", provoziere ich. "Ueberhaupt nicht", entgegnet er, "da bin ich noch gar nie gewesen. Und damit Sie nicht nochmals falsch tippen: Auch Afrika kenne ich nur aus der Ferne." Das ist wirklich eine Ueberraschung, und es bleibt nicht die einzige.

Am liebsten mit uralten Programmen

Dass Voisins Werke mitunter auch technische Sujets enthalten, verwundert wohl wenig. Doch nicht diese sind es, die das Werkzeug Computer verraten, sondern Details, die man erst bei naeherem Hinsehen entdeckt: Komplexe, feine Strukturen, die der Kuenstler wohl kaum integriert haette, wenn er sie von Hand haette schaffen muessen.

Wer da an leistungsfaehige Rechner und moderne Bildprogramme denkt, liegt wieder einmal voellig falsch. Voisin arbeitet mit einem laengst in die Jahre gekommenen Macintosh und uralten Programmen, die zum Teil nicht einmal Farben auf den Bildschirm zaubern koennen. "Mein Favorit", schmunzelt er, "ist nach wie vor Macpaint, der Methusalem der Malprogramme. Es arbeitet nur schwarzweiss, ohne jegliche Zwischentoene - primitiv, aber genau das Richtige fuer meine Kunst."

Voisin kreiert mit Macpaint (manchmal auch mit dem neueren Pixelpaint) Grundmuster. Nachdem er diese bearbeitet, vervielfaeltigt und ausgedruckt hat, setzt er sie wie ein Puzzle zu grossflaechigen Grafiken zusammen, die er dann traditionell mit Pinsel und Farbe von Hand vollendet.

Weshalb sattelt der Vollprofi nicht auf moderne Programme um, die sehr viel mehr Moeglichkeiten bieten wuerden? Die Antwort kommt, bevor ich ueberhaupt gefragt habe: "Ich finde, ein Kuenstler muss sich auf ganz wenige Werkzeuge beschraenken", erklaert Voisin. "Sonst laeuft er Gefahr, sich vor lauter Moeglichkeiten zu verzetteln."

Tatsaechlich: Wer schon einmal eines der neuen Programme ausprobiert hat, weiss, warum fuer den Computerkunst-Pionier weniger Features mehr bedeuten.

Das haben auch die Grafikerinnen erfahren, die kuerzlich Voisins Sommerkurs "Multi-Media-Malerei" an der Internationalen Akademie fuer Kunst und Gestaltung in Hamburg besuchten.

"Bereits beim Malen auf dem Bildschirm", resuemierte eine Teilnehmerin, "wusste ich bald nicht mehr, wo mir der Kopf stand - das Programm bietet so viele Moeglichkeiten an." Welches Programm? Pixelpaint, eine Software aus dem Jahre 1989! Die ausufernde Funktionsvielfalt moderner Grafikprogramme ist aber nur ein Grund fuer die Ueberforderung.

Fuer Zehnjaehrige kein Problem, fuer Aeltere Muehe

Viele schoepferisch taetige Menschen koennen sich naemlich generell mit dem Computer nicht anfreunden. Voisin vermutet, dass ihnen der direkte Kontakt der Haende mit dem Objekt fehlt.

"Bei traditioneller Kunstarbeit", erklaert er, "kann ich gleichzeitig das entstehende Werk und meine gestaltenden Haende beobachten; am Computer geht das natuerlich nicht. Fuer meine zehnjaehrige Tochter ist das zwar ueberhaupt kein Problem, aber viele aeltere Menschen haben extreme Muehe damit."

Wie ist Frederic Voisin denn selbst auf den Computer gekommen? 1983 rief ihn eines Tages ein Freund an, der in einem Buero in Paris arbeitete, und erzaehlte ihm, seine Firma haette einen Computer gekauft, mit dem man nicht nur rechnen und schreiben, sondern auch zeichnen koenne. Das muesse ihn als Illustrator doch interessieren. Voisin liess sich das nicht zweimal sagen, schaute sich die Zaubermaschine namens Lisa an und war sofort von ihren grafischen Faehigkeiten begeistert. Hersteller Apple, ueberzeugt von Voisins Talent, stellte dem 26jaehrigen Kuenstler in der Folge den Lisa-Nachfolger Macintosh ins Atelier - voila!

Software allein macht noch lange keine Kunst

Mit dem Computer Kunstwerke zu schaffen, denken wohl viele, sei ganz einfach. Wer es tatsaechlich selber versucht, sieht die Sache schon bald etwas differenzierter. Zugegeben, der Rechner ist ein ueberaus leistungsfaehiges Malwerkzeug, das auf simplen Tastendruck Bleistift, Kreide, Pinsel, Spraydose oder Farbkuebel spielt, neben Freihand- auch hochpraezises technisches Zeichnen erlaubt, Massstabsaenderungen, Verzerrungen, Rotationen, Spiegelungen und alles moegliche hinzaubert und, falls etwas nicht nach dem Gusto des Kreators ist, Fehler mit einem elektronischen Radiergummi oder einer Mach-es-ungeschehen-Funktion korrigiert.

Dies alles macht auch gehoerig Spass. Jutta, eine Teilnehmerin an Frederic Voisins Sommerkurs, bringt es auf den Punkt: "Eigentlich bin ich Malerin, aber ich finde es trotzdem toll, einmal mit dem Computer zu arbeiten und zu sehen, was man damit alles machen kann. Das schafft Distanz zu den gewohnten Methoden und bringt mich auf neue Ideen."

Was will man mehr? Vorhandene Bilder verwenden? - Ein Scanner bringt sie im Handumdrehen auf den Computer. Fotos aufhellen oder schaerfer machen? Farben aendern? Bildteile freistellen oder sonst irgendwie bearbeiten? - Kein Problem, Photoshop ist flexibler und schneller als die beste Dunkelkammer. Eine Druckseite gestalten? - QuarkXpress macht's moeglich, mit allen Feinheiten.

Aber ganz gluecklich macht eine solche Techno-Kunstwerkstatt eben trotzdem nicht. An den Resultaten haftet ein Hauch von Synthetik und Wiederholbarkeit - auch wenn diese auf den ersten Blick noch so raffiniert aussehen. Vor allem aber macht der Computer niemanden zum Kuenstler. Die Voisin-Schueler haben dies sehr rasch herausgefunden und den Rechner ganz cool vom Podest geholt, das ihm gar nicht zusteht. "Fuer Kunst ist mir der Computer einfach zu stereotyp", sagt Miriam klipp und klar. Haeresie kann man ihr bestimmt nicht vorwerfen: Als professionelle Publikationsgestalterin arbeitet sie tagtaeglich mit dem PC.

Die Rueckbesinnung der Kursteilnehmer auf das Kursmotto - Multi- Media-Malerei bedeutet Mischtechnik; der Computer ist dann nur noch eines von mehreren Kunst-Werkzeugen - hat Kreativitaet freigesetzt, die zu sprichwoertlich phantastischen Bildern gefuehrt hat. Sie leben foermlich von der Unvollkommenheit, die nur ueber die Handarbeit ins Spiel beziehungsweise ins Bild kommt.

*Felix Weber ist freier Journalist in Zuerich.