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16.07.1982

Computerhersteller denken nicht an den arbeitenden Menschen

16.07.1982

Eberhard Fehrmann, Leiter des Referats Angestellte beim DGB, Düsseldorf

Die Werbekampagnen der Hersteller von EDV-gestützten Informationssystemen sind nicht nur ein Bestandteil ihrer Markt- und Verkaufsstrategie; sie sind Teil der ideologischen Kampagne der Arbeitgeber, die Gefahren der modernen Bürotechnologien zu verniedlichen. Alle diejenigen, die sich kritisch und skeptisch zu Wort melden, und mit guten Gründen vor den Folgen dieses sogenannten "technischen Fortschritts" im Büro warnen, werden von den Fortschrittsideologen als unverbesserliche Sozialromantiker mit lächerlichen Zukunftsängsten und als altmodische Fortschrittsfeinde diffamiert. Die betroffenen Angestellten sollen hilflos gemacht werden, ihr Widerstand und ihre Bedenken sollen von vornherein geschwächt werden. Das Motto, mit dem neue Systeme und EDV-Geräte eingeführt werden lautet: Wer nicht für die neuen Technologien ist, ist gegen den Fortschritt. Und wer gegen den Fortschritt ist, ist gegen das Unternehmen.

Noch überzeugt

Viele Angestellte sind immer noch bereit, dieser Unternehmerlogik zuzustimmen. Viele Angestellte sind auch immer noch davon überzeugt, daß mit dem massiven Einsatz neuer Computer- und Bürotechnologien interessante Arbeitsplätze entstehen, daß auch in Zukunft vielfältige Aufstiegsmöglichkeiten gegeben sein werden - und jeder einzelne Angestellte glaubt vor allem fest daran, daß sein Arbeitsplatz nicht wegrationalisiert wird.

Die Zukunftshoffnungen der Angestellten sind durch nichts begründet. Der Einsatz neuer Bürotechniken steht - so unglaublich dies für viele auch klingen mag - ganz am Anfang. Die eigentliche Rationalisierungsoffensive der Unternehmensleitungen steht noch bevor. Über ihre Folgen kann es - wenn die Angestellten keinen Widerstand leisten - keinen Zweifel geben: Berufliche Dequalifizierung und Arbeitsplatzvernichtung. Zitieren wir aus den Ergebnissen einer Befragung von Unternehmensleitungen: "Diejenigen Bereiche, in denen die Unternehmen also die relativ stärkste Abnahme der Qualifikationsanforderungen erwarten (Produktion, Verwaltung, Prüfung/Kontrolle), sind gleichzeitig diejenigen, die die größte Personalabnahme aufweisen werden. "

Der Personalabbau läuft im Angestelltenbereich noch verdeckt. Dies wiegt einen großen Teil der Angestellten in trügerischer Sicherheit. Es gibt indes eine Fülle von Indizien, daß die Unternehmensleitungen Schritt für Schritt und gut getarnt den Abbau des Personals im Büro betreiben beziehungsweise vorbereiten: Die Nichtbesetzung von freiwerdenden Stellen, die Frühverrentung älterer Angestellter durch sogenannte Ablösungsverträge, ein radikaler Abbau von Ausbildungsstellen, die vermehrte Einstellung von Frauen, denen man bei Bedarf und "ohne soziale Härten" kündigen kann, die Umwandlung von Vollarbeitsplätzen in Teilzeitarbeitsplätze oder die Aufteilung von einem Vollarbeitsplatz auf zwei oder mehrere Angestellte (job-sharing).

In Werbeanzeigen von Computerherstellern wird der Arbeitsplatzvernichtungseffekt neuer Technologien natürlich nicht angesprochen. In den entsprechenden Anzeigentesten wird dagegen behauptet, die neuen Technologien würden die Arbeit der Angestellten erbleichten und ihre Arbeitswelt humanisieren. Den Unternehmen kommt in der Tat zugute, daß die neuen Büro- und Informationstechnologien Arbeitsvorgänge erleichtern und die Angestellten von Routineaufgaben befreien. Eine Schreibkraft, die die Korrektur von einzelnen Wörtern und das Verändern ganzer Textpassagen mühelos am Bildschirm erledigen kann, ohne den Gesamttext noch einmal neu schreiben zu müssen, empfindet dies zurecht als Erleichterung. Ein Ingenieur der sich die Information für eine Konstruktion in Sekundenschnelle auf dem Bildschirm abrufen kann, ohne daß er sich in mühseliger Routine Normhandbücher, technische Regelwerke und alte Teilzeichnungen mit entsprechenden Informationen heraussuchen muß, fühlt sich natürlich entlastet und ganz für die kreative Ingenieurtätigkeit freigestellt.

Die Kehrseite der Medaille wird diesen Angestellten häufig erst nach einigen Jahren bewußt. Der Computer fesselt an den Arbeitsplatz, er diktiert das Arbeitstempo und holt das letzte Quentchen Leistung aus den Angestellten.

Computerhersteller denken nicht an den arbeitenden Menschen, und sie denken nicht - auch wenn es hier und dort den Anschein hat - an die zukünftigen sozialen und beruflichen Probleme der Angestellten und deren Bewältigung. Sie denken an die Gewinne, die sie hier und heute machen können. Und Gewinne lassen sich dann am besten machen, wenn das größte Risiko des "freien Unternehmertums" kalkulierbar und kontrollierbar gemacht wird. Das größte Risiko ist der Arbeitnehmer: Als Kostenfaktor schmälert er die Gewinne, als Arbeitsfaktor ist er nur bedingt planbar, weil er Wünsche, Bedürfnisse und eigene Gedanken hat und diese Wünsche gemeinsam mit anderen Arbeitnehmern auch gegen die Kapitalinteressen durchsetzen kann.

Menschenstürmer

Die Angestellten galten jahrzehntelang als Arbeitnehmer die sich den Unternehmen und ihren Zielen stärker als andere Arbeitnehmergruppen verbunden fühlten. Im Zuge des massiven Computereinsatzes in den Büros und Verwaltungen befürchten nun viele Unternehmensleitungen, daß die Angestellten entdecken könnten, daß die Unternehmensinteressen mit ihren eigenen Interessen nicht mehr in Einklang zu bringen sind. Und noch brauchen sie die beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten von loyalen angestellten Mitarbeitern.

Es wird auf die Angestellten ankommen, wie das Büro der Zukunft aussehen wird. Den Dingen ihren Lauf lassen und den Anzeigen der Computerhersteller zu vertrauen, bedeutet mit Sicherheit, daß die Mikroelektronik zur Zeitbombe im Büro wird. Noch tickt sie, ihre Explosion ist absehbar. Angestellte, ihre betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessenvertretungsorgane sind keine Maschinenstürmer. Sie befürworten den technischen Wandel, wenn er tatsächlich sozial beherrschbar ist. Das bedeutet, daß die Arbeitszeitgewinne der Unternehmen durch Produktivitätssteigerungen an die Arbeitnehmer in Form von Arbeitszeitverkürzung weitergegeben werden; das bedeutet den Erhalt der beruflichen Qualifikation und eine humane und menschengerechte Gestaltung der Arbeitsplätze. Wer dies verhindern will, muß sich den Vorwurf gefallen lassen, daß er Maschinen als Menschenstürmer einsetzt.

Vorstehender Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des Bund-Verlags, Köln, der Juli-Ausgabe des "Angestellten Magazins" (Publikation des Deutschen Gewerkschaftsbundes) entnommen.