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18.11.1983 - 

Vorwarnzeiten von nur wenigen Minuten bringen DV-Experten auf die Barrikaden:

Computerpannen gefährden militärische Sicherheit

Tief unten im Fels des Cheyenne-Gebirges in Colorado liegt das Nervenzentrum der amerikanischen Luftverteidigung Norad (North American Air Defense Command). Rund um die Uhr werden hier die Daten eines weltweiten Frühwarnsystems von Satelliten, Radarstationen und Aufklärungsflugzeugen überwacht. Das Herz der Norad-Zentrale besteht aus einer komplexen Struktur unterschiedlichster Rechnertypen.

Neben IBM sind in diesem Computer-Wildwuchs Hersteller wie Honeywell Bull, Digital Equipment, Burroughs und andere mehr mit allen dazugehörigen Schnittstellenproblemen vertreten. Ferner steht eine gewaltige Software mit einem Volumen von 17 Millionen Lines of Code zur Verfügung. Durch die Größe und die Heterogenität der Anwendungen sind sowohl Hard- als auch Software außerordentlich anfällig. Den Beweis dafür lieferten die zahlreichen Fehlalarme in den Jahren 1979 und 1980. Die seit 1980 bestehende Funkstille, so die "Union of Concerned Scientists", bedeutet nicht, daß es keine Unfälle mehr gibt, sondern lediglich, daß die Beteiligten bei Norad Sprechverbot erhielten.

Countdown für atomaren Gegenschlag

Von 147 Fehlalarmen in 18 Monaten konnten vier erst in der zweiten von drei möglichen Sicherheitsstufen aufgeklärt werden. Stufe II heißt: Bomber- und Interkontinentalraketen-Mannschaften werden in Alarmbereitschaft versetzt. Die Piloten erhalten Order, die Triebwerke zu starten, die land- und seegestützten Atomraketen Missiles werden zum Abschuß vorbereitet. Stufe III bedeutet die Ausführung des atomaren Gegenschlages. Nur durch die relativ lange Vorwarnzeit von rund 30 Minuten bei Interkontinentalraketen war es bisher möglich, die Fehler zu entdecken und einen Krieg zu verhindern .

So zeichnete am 17. Juni 1980 amerikanischen Presseberichten zufolge ein 46-Cent-Chip für einen Fehlalarm verantwortlich. Innerhalb von drei Minuten wurde das Versagen des Chips von Technikern entdeckt, da weder über Satellitenbild noch über Radar sowjetische Raketen im Anflug auf die USA zu sehen waren.

Haarscharf am dritten Weltkrieg vorbei

Ein weiterer Fehlalarm im November 1980 wurde durch ein Simulations-Testprogramm verursacht. Die Software gelangte in die Alarmleitung des Zentrums und "gaukelte" einen sowjetischen Angriff vor. Für sechs Minuten herrschte wiederum im Kontrollzentrum große Verwirrung, bevor sich der Irrtum herausstellte .

Als besonders brisant erwies sich der Vorfall vom 3. Juni 1980. Das Nordamerikanische Luftverteidigungskommando meldete, wie sich aus einem offiziellen Bericht der US-Senatoren Gary Hart und Barry Goldwater ergibt, den Anflug sowjetischer Raketen von U-Booten aus. Für die Entscheidung zum eventuellen Gegenschlag wurde zunächst die Raketen-Bildschirm-Konferenz als Sicherheitsstufe eins und danach auch die Konferenz zur Einschätzung der Bedrohung als Sicherheitsstufe zwei einberufen. Der Fehler wurde schließlich lokalisiert, weil nur in zwei der vier Kommandozentralen die Bildschirme sowjetische Raketenangriffe anzeigten und auch die Anzahl der in den zwei Kommandozentralen gemeldeten Raketen nicht übereinstimmte.

Nach diesem Computer-Unfall gab ein Sprecher des Pentagon, Thomas P. Ross, auf einer Pressekonferenz vor Journalisten erstmalig zu: "Wir waren diesmal vom dritten Weltkrieg nicht weit entfernt." In Amerika wurde nun verstärkt Kritik von beunruhigten Computerfachleuten laut. Wissenschaftler der "Union of Concerned Scientists" warnten in Vorträgen vor dem "Atomkrieg aus Versehen". In Palo Alto, Kalifornien, gab die CPSR (Computer Professionals for Social Responsibility) bekannt, daß ihre Mitglieder alles tun würden, um den Mythos der unfehlbaren Technik in der Öffentlichkeit zu zerstören. Aber auch Politiker wurden sich der Gefahr bewußt. "Schlechte Planung und noch schlechteres Management" warf 1982 der Demokrat Jack Brooks, Chairman des House Government Operation Committee, nach einer Untersuchung den Verantwortlichen vor. Die Norad-Computer seien nach den Ermittlungen des Komitees veraltet und fehlerhaft.

Politiker monieren Augenwischerei

Während der vergangenen zwei Jahre gab sich das Verteidigungsministerium große Mühe, die Befürchtungen des Komitees sowie der mißtrauisch gewordenen Öffentlichkeit zu zerstreuen. So wurde der Presse mitgeteilt, das Verteidigungsministerium habe für 16 Millionen Dollar eine Offline-Testinstallation eingerichtet, um die Zentralrechner im Norad von Programmentwicklungen freizuschaufeln. Diese Situation hatte noch im November 1979 zu einem Fehlalarm geführt.

Allerdings ließ sich der Ausschuß durch solche Aussagen keineswegs beruhigen. Er monierte, daß nach wie vor nicht die Probleme des System-Managements gelöst worden seien, sondern lediglich einige Prozeduren im Operating-Bereich. Die gewünschte Garantie, derartige "Zwischenfälle" künftig ausschalten zu können, gaben die Pentagon-Verantwortlichen freilich nicht. Man müsse sich nach wie vor auf die Experten verlassen, die solche "Zwischenfälle" bis jetzt auch gemeistert haben.

Genau diese Mitarbeiter allerdings, die bisher noch immer eine atomare Reaktion verhindern konnten, werden zukünftig den komplexen und zeitkritischen Anforderungen der Systeme nicht mehr gewachsen sein, sagen Verteidigungsspezialisten. Das hieße, die "Schwachstelle" Mensch, die bisher zwangsläufig dazwischen geschaltet war, müsse endgültig dem Computer Platz machen.

Sowohl das amerikanische als auch das sowjetische Verteidigungsministerium drohen nämlich mit der Umstellung auf "launch-on-warning", was den automatischen Abschuß der eigenen Raketen auf das Alarmsignal der Frühwarnsysteme bedeuten wurde. Warnte vor kurzem der sowjetische Parteichef: "Wenn die Pershing II in Westeuropa stationiert wird, überläßt Moskau wegen der kurzen Vorwarnzeit die Reaktion auf einen möglichen Angriff einem entsprechend programmierten Computer."

Neue Computertechniken für Kampfflugzeuge

Für die Entwicklung neuer Computertechniken wie integrierte Hochgeschwindigkeits-Schaltkreise investiert das amerikanische Verteidigungsministerium derzeit 225 Millionen Dollar. Diese "VHSICs" sollen künftig Hunderte von Milliarden Logikfunktionen pro Sekunde und Quadratzentimer durchführen. Schon in wenigen Jahren würden nach Meinung amerikanischer Journalisten die Bordcomputer amerikanischer Kampfflugzeuge damit ausgerüstet sein. Ob allerdings die Software mit dieser gewaltigen Hardware-Entwicklung noch mithalten kann, bezweifeln einige Experten. Offensichtlich teilt auch das Pentagon die Bedenken der Fachleute. In einem internen Schreiben über das Software-Vorhaben "STARS" (Software Technology for Adaptable, Reliable Systems) des Department of Defense heißt es: Software kontrolliere zunehmend die Funktionalität der militärischen Systeme. Sie könne aber auch diese Systeme versagen lassen, was für die nationale Sicherheit katastrophal wäre.

Atomkrieg durch Kettenreaktion

Bis heute wurde bei den vielen in Amerika aufgetretenen Fehlalarmen

- über die Fehler der sowjetischen Frühwarnsysteme ist nichts bekannt

- der atomare Krieg immer noch verhindert. Nicht verhindern können die Amerikaner allerdings, daß ein Fehler im Norad-Kommunikationssystem, egal wie schnell er entdeckt wird, eine Kettenreaktion auslöst. Konstatiert ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in einem Interview mit der New York Times: "Ich hoffe nur, daß die Sowjets in ihre Systeme genau so viele Sicherheiten wie wir eingebaut haben und in der Lage sind, zwischen einem Fehlalarm und einem richtigen Angriff zu unterscheiden. "

Bei dem Entschluß, den atomaren Gegenschlag anzuordnen, stellt sich nach Meinung von Militärfachleuten die Situation für die Verantwortlichen in Washington und Moskau unterschiedlich dar: Die Amerikaner könnten immer noch abwarten, ob die Meldung, daß SS-20-Raketen auf Europa abgeschossen wurden, ein Fehlalarm war. Für die Sowjetunion bedeute dieses Abwarten im Ernstfall schlechthin die atomare Katastrophe. Schließlich erreiche eine Rakete von Europa aus die UdSSR bereits in etwa fünf bis sieben Minuten. Bei der Strategie des rechtzeitigen Gegenschlages müsse dieser ausgelöst werden, bevor die feindlichen Raketen die eigene Stellung erreicht und vernichtet haben.

Wissenschaftler gehen vor Gericht

Die erhebliche Verkürzung der Frühwarnzeit im europäischen Raum - ein Risiko, das seit der Aufstellung der sowjetischen SS-20 besteht und mit der Stationierung der amerikanischen Perhing II erhöht wird - bringt auch in der Bundesrepublik immer mehr Computerfachleute und Wissenschaftler dazu, öffentlich ihre Angst vor einem atomaren Holocaust auf Kosten der Europäer auszusprechen.

Eine Gruppe von Professoren aus den Bereichen Informatik, Arbeits- , Handels- und Wirtschaftsrecht und Physik arbeitet derzeit an dem Entwurf einer Verfassungsbeschwerde gegen die Bundesregierung. Diese soll sich gegen den Betrieb von Frühwarn- und Entscheidungssystemen (FWES) im Rahmen des NATO-Bündnisses richten. Das FWES zielt nach Meinung der Autoren darauf ab, einen atomaren Angriff auf die Bundesrepublik Deutschland oder ein anderes Mitgliedsland des Nordatlantischen Verteidigungsbündnisses innerhalb weniger Minuten mit einem atomaren Gegenschlag zu beantworten. Dabei handelt es sich, so die Beschwerdeführer, um ein computerunterstütztes, halbautomatisches oder automatisches Reaktionssystem, das wegen technischer Fehler oder menschlichen Versagens außerordentlich unzuverlässig ist und deshlab zum Atomkrieg aus Versehen führen kann.

Als Fehlerursachen für ein Versagen könnten unter anderem folgende Faktoren auftreten:

- Störungen im Bereich der Erfassung von Primärdaten über fliegende Objekte,

- Fehler bei der Auswertung und Interpretation der Primärdaten der Flugbahn und Kenndaten in den Computern oder bei den Mannschaften, die diese bedienen,

- Fehler in der Telekommunikation mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten (zum Beispiel Fehler in der Chiffrierung oder Dechiffrierung),

- Mißinterpretation der aufbereiteten Daten durch den Präsidenten oder gegebenenfalls durch ein automatisiertes Entscheidungssystem (zum Beispiel Bewertung eines sowjetischen Raketen-Fehlstarts als Angriff).

Computerfehler kann tödlich sein

Berücksichtige man, so die Wissenschaftler, die Flugzeiten moderner sowjetischer Raketen, die heute bis zum Eintreffen in der Bundesrepublik Deutschland acht bis zehn Minuten (je nach Abschußort) benötigen, daß die Kenndaten in ein bis zwei Minuten ermittelt werden und für den Aufbau einer funktionierenden Telekommunikationsstrecke zum amerikanischen Präsidenten nochmals eine Minute vergeht, so verbleiben für eine Reaktion nicht mehr als drei bis höchstens fünf Minuten. In dieser Zeit muß der amerikanische Präsident eine Entscheidung treffen, um rechtzeitig vor der Explosion der feindlichen Atomsprengköpfe den Startbefehl zum Gegenschlag angeordnet haben. Dieser Entschluß, der auf einem Computerfehler beruhen könnte, würde zu einem atomaren Inferno in Europa führen. Fragt Professor Klaus Haefner von der Universität Bremen: "Normalerweise lernen Menschen aus ihren Fehlern - wie aber kann der Mensch nach einem Atomkrieg noch irgend etwas lernen?"

Eine Friedensinitiative gründeten auch die Mitarbeiter der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) in Sankt Augustin bei Bonn. Die Mitglieder der Initiativgruppe wollen die Öffentlichkeit verstärkt über die Gefahr einer atomaren Katastrophe in Europa durch mögliche Computerfehler informieren. Tenor der Informatiker: "Ohne unser Nein sind wir nicht Opfer, sondern Mittäter."

Quellenangaben:

New York Times, Juni 1980

New York Times, Mai 1983 Computerworld, Februar 1982 Union of concerned Scientists, October 1983.

Computerpannen gefährden militärische Sicherheit

Einen "Krieg aus Versehen" befürchten, bei Vorwarnzeiten von nur wenigen Minuten, immer mehr Wissenschaftler und Computerexsperten in aller Welt. Von 147 Fehlalarmen in 18 Monaten wurden vier erst in letzter Minute vor einem möglichen atomaren Gegenschlag aufgeklärt. Der Computer, so die Schreckensvision, könnte in naher Zukunft darüber entscheiden, ob die Welt - und speziell Europa - einen atomaren Holocaust erleben wird. In einem Feature schildert CW-Redakteurin Ina Hönicke die gegenwärtige Situation, so wie sie sich auf Grund von amerikanischen Presseberichten und anderer Publikationen darstellt.