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08.09.1995

Corporate Networking/Herausforderung fuer ein mittelstaendisches Systemhaus Komplexes CN-Projekt in Chinas Boomtown kooperativ realisiert

Von Thomas Hertel*

"All-in-one" war leider nur eine System-Komponente der DEC- dominierten DV-Infrastruktur der neuen Commerzbank-Niederlassung in Schanghai und kein Motto fuer das von Muenchen aus gesteuerte Projekt: In einer chaotisch anmutenden Goldgraeber-Atmosphaere sollte der chinesische Standort in das Corporate Network der Bank eingeklinkt werden.

Weniger das Netz- als vielmehr das Projekt-Management hatte so seine Tuecken. Allerdings gab es auch angenehme Ueberraschungen. Als sich die Commerzbank zu einem neuen, groesseren und repraesentativeren Standort in Schanghai entschlossen hatte, beauftragte sie ein deutsches mittelstaendisches Systemhaus mit der Planung und der Installation der gesamten DV-Infrastruktur fuer die kuenftige Niederlassung.

Als eines der ersten auslaendischen Institute hatte sich nach der zunaechst vorsichtigen Oeffnung Schanghais die deutsche Commerzbank in der Wirtschaftsmetropole angesiedelt - mit Erfolg. Und so wurde kuerzlich der Umzug in groessere und besser ausgeruestete Raeume unumgaenglich. Die bis dahin relativ kleine Repraesentanz sollte zu einer vollwertigen Niederlassung mit 50 bis 60 Mitarbeitern ausgebaut werden. Ziel war es, chinesischen und vor allem auslaendischen Unternehmen auch in Schanghai die gesamte Palette von Finanzdienstleistungen anbieten zu koennen.

Eine wesentliche Voraussetzung dafuer war neben geeigneten Raeumlichkeiten eine leistungsfaehige lokale DV-Infrastruktur mit Anbindung an das suedostasiatische regionale Rechenzentrum in Singapur und an den Hauptsitz der Commerzbank in Frankfurt. Die Raeume waren bald gefunden - in einem einst herrschaftlichen, nun aber stark renovierungsbeduerftigen Gebaeude an einem der belebtesten Plaetze der Stadt. Mit der Renovierung wurden ortsansaessige Unternehmen beauftragt, doch fuer die Planung und Implementierung der DV-Installation fand sich kein geeignetes Unternehmen, das die Anforderungen der Commerzbank haette erfuellen koennen.

Diese Anforderungen bestanden in der kompletten Planung, Implementierung und Inbetriebnahme der Installation einschliesslich des gesamten Projekt-Managements. Dabei mussten hausinterne Standards der Commerzbank beruecksichtigt und existierende Softwarepakete eingebunden werden.

Die Wahl fiel schliesslich auf das Systemhaus Forum in Olching bei Muenchen, mit dem die Commerzbank schon einige Projekte realisiert hatte. Ausschlaggebend fuer diese Entscheidung waren zum einen die bisherigen Erfahrungen mit diesem Anbieter, zum anderen dessen Know-how in der Realisierung komplexer Netzwerkprojekte. Ein wesentliches Argument war ausserdem die Tatsache, dass Forum eine Vorinstallation der Buero- und Bankanwendungen am Hauptsitz in Frankfurt anbieten konnte, was die Inbetriebnahme in Schanghai deutlich beschleunigen wuerde. Schliesslich sprach auch die Erfahrung mit Systemen und Netzwerkprodukten von Digital Equipment (DEC) fuer das Olchinger Unternehmen, denn die Installation in Schanghai sollte ausschliesslich mit DEC-Produkten realisiert werden. Zudem konnte das Systemhaus als autorisierter Vertriebspartner von DEC auch den lokalen Support ueber die DEC- Niederlassung in Schanghai sicherstellen.

Auf Basis des Anforderungsprofils und der Standards der Commerzbank wurde ein umfassendes Konzept fuer die gesamte Installation entwickelt, wobei Datensicherheit und Verfuegbarkeit der Systeme eine wichtige Rolle spielten. Man entschied sich fuer eine redundante Konfiguration mit zwei Servern des Typs VAX 4300 und Terminals, PCs sowie X-Terminals an den einzelnen Arbeitsplaetzen. Herz des Netzwerks sind zwei Hubs 90 mit Patch- Feldern fuer den Anschluss der einzelnen Systeme. Eine unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) sichert die kritischen Komponenten der Installation - in erster Linie die Server, die Hubs und die Terminals, die als Haendlerarbeitsplaetze eingesetzt werden. Auch der Anschluss des Reuter-Info-Diensts sowie die Telefonanlage werden durch die USV gegen Stromausfall gesichert. Fuer die 10Base-T-Verkabelung wurde ein geschirmtes 8-Draht-Kabel nach dem EIA-Standard vorgesehen, das zum einen den flexiblen Anschluss beliebiger Geraete ermoeglicht und zum anderen die Stoeranfaelligkeit stark reduziert.

Auf einem der beiden VAX-Systeme laufen heute die allgemeine Buerokommunikation mit All-in-one, DEC-Write und DEC-Decision fuer die lokale Auswertung der Datenbestaende und die Berichtsaufarbeitung sowie Pathworks fuer PC-File- und Printservices. Ueberdies werden auf diesem System die verschiedenen SNA-Emulationen (Terminal, Drucker und Workstation) gefahren, ueber die auf den IBM-Mainframe in Frankfurt zugegriffen wird. Die zweite VAX dient zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs und fuer den Zugriff auf eine in Singapur installierte Bankensoftware. Die Systeme wurden so konfiguriert, dass jede VAX die Aufgaben der jeweils anderen uebernehmen kann.

Weitere Komponenten des Netzwerks sind ein Printserver fuer den parallelen Anschluss von vier Druckern sowie zwei Router, die die Niederlassung in Schanghai ueber Standleitungen mit den Dependancen in Singapur und Hongkong verbinden. Der Datentransfer zum Hauptsitz der Commerzbank laeuft ueber die Standleitung nach Singapur und von dort ueber eine weitere Standleitung nach Frankfurt.

Da die gesamte Installation ausschliesslich aus Standardkomponenten bestand und auch als Middleware nur bekannte Softwareprodukte wie Pathworks eingesetzt wurden, ging die Vorinstallation der Host- Systeme in Frankfurt reibungslos ueber die Buehne. "Die eigentliche Herausforderung waren der Transport des gesamten Equipments nach Schanghai und die Installation vor Ort", so Friedrich Jokel, der bei Forum fuer das Projekt verantwortlich zeichnet. "Da der Zeitplan relativ knapp war, war der Liefertermin oft das wesentliche Kriterium bei der Auswahl unserer Lieferanten." So wurden schliesslich einzelne Netzwerkkomponenten in den unterschiedlichsten Laendern eingekauft und per Luftfracht nach Schanghai gebracht.

Als alle Beteiligten in Deutschland dachten, damit sei nun die groesste Huerde genommen, hatten sie sich leider getaeuscht. Jokel: "Als wir in Schanghai eintrafen, um die Installation vor Ort durchzufuehren, waren wir erst einmal ziemlich schockiert. Das Gebaeude, in dem wir innerhalb von 14 Tagen ein komplettes Netzwerk fuer 60 Mitarbeiter installieren sollten, war eine einzige Baustelle. Ueberall wurde gebohrt, gehaemmert und gesaegt, und wir konnten uns nicht vorstellen, dass die Raeume zwei Wochen spaeter auch nur in einen halbwegs beziehbaren Zustand gebracht werden koennten." Ganz zu schweigen von der Installation und der Inbetriebnahme hochempfindlicher Systeme, denen der den Baumassnahmen einhergehende Staub und Schmutz sicherlich nicht gutgetan haette.

Doch da sowohl der Architekt als auch der Bauleiter versicherten, man werde den vorgesehenen Terminplan ohne weiteres einhalten koennen, verzichteten die Forum-Mitarbeiter auf die sofortige Rueckreise, die sie insgeheim schon ins Auge gefasst hatten. Waehrend der ersten Tage war die Bautaetigkeit ohnehin keine sonderliche Beeintraechtigung, da auch der Zoll in Schanghai seine eigenen Gesetze hat.

"Bis wir saemtliche Lieferungen dort losgeeist hatten, waren uns einige graue Haare gewachsen", so Jokel.

Doch nach tagelangen Diskussionen - teils per Zeichensprache, teils Dolmetscher - stapelten sich schliesslich doch alle Kisten in einem Nebenraum auf der Baustelle, und eine erste optische Inspektion ergab, dass waehrend des Transports keine groesseren Schaeden aufgetreten waren. "Allerdings waren die Raeumlichkeiten immer noch in einem Zustand, der die Installation nach normalen Massstaeben verboten haette", so Jokel. "Es lagen noch keine Fussboeden, die Zwischendecken waren nur teilweise eingezogen, und Steckdosen suchten wir nach wie vor vergeblich. Statt dessen hingen einige Kabelstraenge aus der Wand und aus den Decken."

Da der Zeitpunkt der Inbetriebnahme jedoch immer naeher rueckte, sahen sich Jokel und seine Mitarbeiter gezwungen, trotzdem mit ihrer Arbeit zu beginnen. Doch: "Die Zusammenarbeit mit den lokalen Handwerkern lief trotz der Sprachprobleme ausgezeichnet", betont Jokel heute. "Hatten wir mittels Zeichensprache oder Dolmetscher erst einmal deutlich gemacht, was wir benoetigten, so gab es bei der Ausfuehrung der Arbeiten erstaunlich wenig Probleme. Ueberrascht waren wir auch von den handwerklichen Faehigkeiten und der Praezision, mit der unsere Partner arbeiteten. Dabei standen oft nur improvisierte Arbeitsmittel zur Verfuegung, die jeder Mitteleuropaeer bestenfalls als abenteuerlich bezeichnet haette."

Improvisionstalent war aber auch auf seiten der Forum-Mitarbeiter sehr gefragt. So erwiesen sich beispielsweise die verlegten Kabelkanaele als zu schmal, um alle Kabel aufzunehmen.

Abends aufwendig sortierte Kabelstraenge lagen am naechsten Morgen fein saeuberlich wieder auf einem Haufen: Ueber Nacht war der Computerraum gereinigt worden. Und die zentnerschwere USV musste mangels geeigneter Transportmittel auf Bambusstaeben vom Aufzug zu ihrem Standort gerollt werden.

"Es grenzte fast an ein Wunder, dass wir die Inbetriebnahme tatsaechlich zum vorgesehenen Zeitpunkt durchfuehren konnten", fasst Jokel seine Erfahrungen zusammen. Sorgen hatten ihm zuletzt noch die Standleitungen nach Singapur und Hongkong bereitet, denn die Telekommunikations-Infrastruktur beschraenkte sich zu diesem Zeitpunkt noch auf einen Strang mit zirka 150 Kabeln, der von der Zwischendecke herabhing. "Der Mitarbeiter der chinesischen Telekom fischte scheinbar wahllos zwei dieser Kabel heraus und schloss unser Modem an. Der Verbindungsaufbau klappte auf Anhieb."

Heute arbeiten zirka 40 Mitarbeiter der Commerzbank Schanghai in den renovierten Raeumen. Diese Zahl soll sukzessive auf bis zu 60 erhoeht werden. Die DV-Infrastruktur fuer die neu zu schaffenden Arbeitsplaetze ist bereits vorhanden, da sie von Beginn an fuer diese Anzahl von Mitarbeitern ausgelegt wurde. Nach drei Monaten produktiven Einsatzes der gesamten Installation kann Jokel ein positives Fazit ziehen: "Die Anlage hat vom ersten Tag an problemlos funktioniert. Die kleinen Anlaufschwierigkeiten, die bei jeder Installation dieser Groesse zwangslaeufig auftreten, konnten durch die unerwartet konstruktive Zusammenarbeit sehr schnell behoben werden." DEC Schanghai uebernimmt jetzt den Service und installiert im Auftrag von Forum auch zusaetzliche Komponenten. Derzeit ist die Commerzbank-Niederlassung mit ihrem Dienstleistungsangebot und ihrer DV-Anwendung eine der modernsten Banken in Schanghai.

Schanghai ist Boomtown

Zahllose Unternehmen aus aller Welt entdecken das traditionsreiche Schanghai als ideales Tor zu China und etablieren sich ueber Repraesentanzen oder Niederlassungen. Ganze Hochhausviertel werden aus dem Boden gestampft, um eine so attraktive und umfangreiche Infrastruktur zu schaffen, dass in den naechsten Jahren noch mehr Investoren die fuer sie notwendigen Facilities vorfinden. Ueberdies werden in der Stadtmitte die einst repraesentativen Strassenzuege, die bereits vor der Revolution das Finanzzentrum darstellten, renoviert, um Banken, Versicherungen und anderen Finanzdienstleistern wieder eine Heimat zu bieten.

* Thomas Hertel ist Mitarbeiter der Prolog GmbH, Muenchen