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08.09.1995

Corporate Networking/Neuland beschreiten auf dem Weg zum audiovisuellen Kiosk Corporate Networks im Wandel der Zeiten (1)

Beyond Corporate Networks - mit diesem Arbeitstitel hatten Dirk Nouvortne* und Reiner Pliefke* ihren Beitrag urspruenglich ueberschrieben. Mit Recht, denn die Autoren werfen einen bis dato nicht alltaeglichen Blick auf das, was innerhalb Corporate Networks (CN) neben der integrierten Sprach- und Datenkommunikation sowie dem (immer noch) wichtigsten Motiv, der Einsparung von Kommunikationskosten, moeglich ist. Dabei reicht die Palette von der Migration vom Festnetz zu einem Virtual Private Network (VPN) bis hin zur Neugestaltung der "Aussenwirkung" von Corporate Networks mit Hilfe neuer Broadcasting-Verfahren wie Videotext, Kabel- und Interaktives Fernsehen oder Digital Audio Broadcasting (DAB).

Der Beginn der hierzulande zum Teil recht lebhaft gefuehrten CN- Diskussion war von der Vorstellung gepraegt, ueber bestehende Festverbindungen nicht nur die Daten-, sondern auch die Sprachkommunikation eines Unternehmens abzuwikkeln - mit technischen und wirtschaftlichen Faktoren wie Tarifarbitrage ueber Kanalteilung oder Sprachkomprimierungs-Algorithmen. Offen war dabei jedoch die Frage, wie die angebundenen PABX-Systeme (Private Automatic Branch Exchange) in einem vermaschten Netz mit einer vertraeglichen Performance interne Anrufe routen. Denn jede PABX muss bei einem Verbindungswunsch pruefen, an welchem anderen Knoten der Kommunikationspartner lokalisiert ist. Darueber hinaus ist es notwendig, Sprache und Daten ueber eine dedizierte Hardware, einen Multiplexer, auf den Trunks zu mischen. Die dafuer notwendigen Investitionen sind meist erheblich, was dann dazu fuehrt, dass sich die Anbindung kleinerer und mittelgrosser Niederlassungen nicht rechnet.

Als Gegenstueck bieten sich VPNs an, mit deren Hilfe sich das Routing-Problem an einen Carrier outsourcen laesst. Gleichzeitig besteht hier die Moeglichkeit, Kapazitaetsgrenzen von Festverbindungen zu umgehen beziehungsweise exakt an die Verkehrsanforderungen anzupassen. Diese dynamische Bandbreitenzuordnung hat sich als interessante Alternative zu den herkoemmlichen 2-Mbit/s-Festverbindungen herauskristallisiert. Mit anderen Worten: Durch die Nutzung eines VPNs lassen sich Betriebskosten durch eine verkehrsabhaengige Tarifierung im Waehlnetz reduzieren.

VPN vermischt private und oeffentliche Netze

Darueber hinaus werden vorhandene Uebertragungsspitzen ueber Festverbindungsgebuehren abgerechnet. Signifikante Kosten fuer Hardware, die in einem Festverbindungsnetz notwendig sind, etwa Multiplexer zur Buendelung von Datenkommunikation (Router) und Sprachkommunikation (PABX), entfallen.

Das VPN bietet zudem eine interessante Mischung privater und oeffentlicher Netze. Lokale, aus PABX-Systemen bestehende "Campusnetze" koennen zum Beispiel ueber Euro-ISDN verbunden werden. Ausserdem werden Funktionen wie "Partitial Rerouting" und "Least Cost Routing" bereitgestellt (siehe Abbildung). Partitial Rerouting bewirkt, dass die PABX-Systeme eines Unternehmens wesentlich entlastet werden, dass heisst, dass die Weitervermittlung von Gespraechen zu einer anderen TK-Anlage des Unternehmens nicht mehr durch die vernetzten PABX-Systeme, sondern durch das VPN bewerkstelligt wird. Zumindest gilt dies fuer die Leistungsmerkmale "Rueckfrage im Netz" und "zentraler Abfrageplatz". Die PABX-Anlagen des Anwenders werden somit aussen vor gelassen.

Eines der zentralen Probleme bei der Konzeption eines Corporate Networks ist der Aufbau eines Rufnummernplans. Dieser laesst sich durch die Bereitstellung des VPNs auf Basis des Euro-ISDN derart generieren, dass die Routing-Funktionen weitgehend durch den Carrier uebernommen werden. Besondere Bedeutung - insbesondere fuer Dienstleistungsunternehmen, bei denen ein entsprechender Kundenservice hohen Stellenwert hat - wird dabei der Moeglichkeit zur Einrichtung einer bundesweit einheitlichen Rufnummer beigemessen. Eine Option uebrigens, die dann bei einer etwaigen Einrichtung eines Call-Centers noch interessanter wird.

Wie die Grundstruktur eines Rufnummernplans in einem VPN unter Einbeziehung einer grossen, mehrerer mittleren und zahlreichen kleinen Organisationseinheiten aussehen kann, zeigt folgendes Beispiel: Unser "Modellanwender" hat eine Zentrale mit rund 4000 Mitarbeitern, eine Reihe von Niederlassungen mit bis zu 500 Beschaeftigten und zahlreiche kleinere Geschaeftsstellen mit maximal 30 Angestellten - insgesamt also rund 9000 Mitarbeiter. Aufgrund dieser Groessenordnung koennte man mit der Durchnumerierung innerhalb eines herkoemmlichen Rufnummernplans auskommen. Zieht man allerdings noch die sogenannten funktionsbezogenen Endgeraete mit ins Kalkuel, bleibt nur noch begrenzter Spielraum fuer Zuwaechse beim Personal. Die Durchnumerierung ist also fuer unser Modellunternehmen kein gangbarer Weg.

Zehn Digits fuer den internationalen Anschluss

Eine moegliche Loesung waere daher ein entsprechender VPN-Dienst. Zehn Digits stehen gemaess dem oeffentlichen Rufnummernplan zur Verfuegung, um auch international erreichbar zu sein. Dieser "Spielraum" wird in drei Bereiche unterteilt: der VPN-Kennung als bundeseinheitliche Rufnummer, der Knotennummer und der Teilnehmernummer beziehungsweise der Nebenstelle. Die VPN-Kennung ist vierstellig und gilt bundesweit. Fuer Knotennummer und Nebenstellen verbleiben sechs Stellen, die - zumindest, was die Knotennummer angeht - in Abstimmung mit dem jeweiligen Netzbetreiber vergeben werden muessen.

Jedem PABX-System unseres Modellunternehmens wird eine Knotennummer zugeteilt. Die Zuteilung erfolgt dabei nach Groesse der jeweiligen Niederlassung (siehe Tabelle). Da der entsprechende Netzbetreiber als VPN-Anbieter in der Lage ist (sein muss), bis zu acht Stellen zu routen, ist die Vermittlung Sache des Netzbetreibers. Dies hat den unschaetzbaren Vorteil, dass die hausinternen PABX-Systeme von Vermittlungs-Suchroutinen entlastet werden - eine entsprechende "Aufruestung" mit Hard- und Software (wie bei den Festverbindungen) also ueberfluessig ist. Zudem liegt ein Nutzen vor allem in der anderen Tarifierung durch den Netzbetreiber, der pauschal einen Nachlass auf die anfallenden Gebuehren gewaehrt.

Auch ueber die organisatorischen Vorteile eines bereits erwaehnten logischen Call-Centers muss natuerlich im Zusammenhang mit "Intelligent-Network"-Diensten im Rahmen eines CNs diskutiert werden. Zunaechst geht es aber aus technischer Sicht um die Vorteile einer netzweiten Automatic-Call-Distribution-Funktion (ACD) gegenueber lokalen Inselloesungen. ACD - als technisches Herzstueck eines Call-Centers - laesst sich mit den Moeglichkeiten eines oeffentlichen VPNs, gegebenenfalls unter Einbeziehung von Centrex, geradezu ideal mit den Features einer privaten PABX- Anlage kombinieren. Dabei spart sich der Anwender nicht nur die ACD-Investition, sondern gewinnt auch eine groessere Flexibilitaet bei der Bearbeitung eingehender Anrufe.

Die netzweite ACD funktioniert im Prinzip genauso wie eine "private ACD-Loesung", das heisst, die Anrufe werden in eine Warteschlange eingereiht, bevor das eigentliche Routing ins Netz erfolgt.

Eingehende Anrufinformationen werden dabei dynamisch zum ACD-Punkt geroutet, wo sie mit einem Ressourcenindex versehen und an den Agenten weitergeleitet werden, der als erstes im Netz verfuegbar ist. Mit der wichtigste Aspekt ist fuer den Anwender dabei die oekonomische Ausnutzung des Netzes. Mit einem herkoemmlichen ACD- System muss man naemlich moeglichst genau die (potentiell) eingehenden Anrufe schaetzen, wonach sich wiederum die Amtsanschlusskapazitaet richtet. Ist die Kalkulation falsch, erhalten viele Anrufer keinen Anschluss - bei einem serviceorientierten Unternehmen, wie etwa einer Versicherung, kann dies verheerende Folgen haben.

ACD fuehrt zu groesserer Flexibilitaet bei Anschluessen

Der entscheidende Vorteil einer netzweiten ACD-Loesung im VPN ist nun, dass Anschluesse relativ einfach vermehrt oder vermindert werden koennen, da alle Anrufe ausschliesslich ueber das oeffentliche Netz abgewickelt werden. Neben der schon beschriebenen Warteschlange kann man darueber hinaus die Anrufe zu verschiedenen Standorten umleiten, so dass es gar nicht erst zu lokalen Warteschlangen kommen muss.

Fasst man abschliessend die Vorteile eines VPNs zusammen, laesst sich feststellen, dass dieses

- eine Senkung der Betriebskosten durch verkehrsabhaengige Tarifierung der Verbindungswege bewirkt;

- zu einer groesseren Wirtschaftlichkeit durch den logischen Netzverbund mit gemeinsamem Rufnummernplan fuehrt;

- Personalkostensenkung durch den Einsatz einer zentralen Vermittlung einleitet;

- eine hoehere Erreichbarkeit des Unternehmens bewirkt und

-durch die gemeinsame Rufnummer die Grundlage fuer ein einheitliches Erscheinungsbild und Auftreten gegenueber dem Kunden bildet.

"Persoenliche" Nummer als Endziel einer Migration

Betrachtet man den Rufnummernplan des vorherigen Modellunternehmens naeher, faellt auf, dass diese Version nur eine Vorstufe dafuer sein kann, um die Moeglichkeiten einer virtuellen Organisation voll auszuschoepfen. Denn nach wie vor unterliegt die Rufnummer eines Mitarbeiters raeumlichen Restriktionen. Wichtig ist daher, dass ueber geeignete Migrationsschritte auch die Perspektive eroeffnet wird, diese bis dato raeumlich orientierte Numerierung zugunsten einer personen- und nicht endgeraetebezogenen Rufnummer aufzuheben.

Mit einem intelligenten Netz laesst sich jedenfalls die Basis fuer einen entsprechenden personenorientierten Rufnummernplan herstellen. Solche Rufnummernplaene zeichnen sich durch eine hohe Flexibilitaet aus und sind zudem dadurch gekennzeichnet, dass die Vergabe einer Rufnummer unabhaengig davon erfolgt, an welchem PABX- System die betreffende Nebenstelle angeschlossen ist. Nach Wahl der VPN-Kennung - also der bundeseinheitlichen Rufnummer - erfolgt eine Pruefung im intelligenten Knoten des Netzbetreibers (dem sogenannten Service Control Point) und uebersetzt dort die Rufnummer des privaten Rufnummernplans eines Unternehmens in die Rufnummer des oeffentlichen Netzbetreibers.

Die wesentlichen Vorteile des "Universal-Personal- Telecommunication"-Ansatzes liegen:

- im Beibehalten der persoenlichen Rufnummer eines Mitarbeiters bei einem raeumlich bedingten Wechsel des Arbeitsplatzes;

- in der Abbildung des Unternehmens unabhaengig von dessen Verteilung auf einzelne Standorte (virtuelle Organisation) sowie

- in der Einbeziehung von Mobilfunk, ohne dass dabei ein Anrufer zwischen terrestrischer und mobiler Rufnummer unterscheiden muss.

Staendig wird im Zusammenhang mit CNs auch auf die Gefahren hingewiesen, die der Aufbau eines unternehmensweiten Netzes auf der Basis proprietaerer Protokolle mit sich bringt. Als interessante Alternative gilt hier nach wie vor das "Qsig"- Protokoll, das wohl zu Recht als internationaler Standard bezeichnet werden kann. Zur bedarfsgerechten Uebertragung von Signalisierungsinformationen zwischen PABX-Systemen sind dabei der sogenannte User-to-user-Signalling- und der Signalling-Bearer- Service von Relevanz.

User-to-user-Signalling erlaubt das Uebertragen von Daten ueber den Signalisierungskanal. Hierbei lassen sich bis zu 128 Oktetts je Nachricht und maximal 16 Nachrichten von je zehn Sekunden uebertragen. Dies entspricht einer Uebertragungsrate von rund 1,6 Kbit/s. Fuer ein Corporate Network auf der Basis von Euro-ISDN bedeutet dies die Moeglichkeit, Steuerungsinformationen etwa fuer die Steuerung von Leistungsmerkmalen zwischen PABX-Systemen zu transportieren.

User-to-user-Signalling unterscheidet drei Gruppen:

- die Datenuebertragung waehrend des Verbindungsauf- oder -abbaus (USS1);

- die Datenuebertragung, nachdem der gewuenschte Teilnehmer das Rufzeichen erhalten hat (USS2) sowie

- die Datenuebertragung, nachdem eine Verbindung besteht, das heisst, die Kanaele durchgeschaltet sind (USS3).

ACD-Funktion in einem logischen Call-Center

Fuer die Nutzung des USS ist es wichtig zu wissen, wann der Datentransport benoetigt wird. Will man diesen Dienst in einem heterogenen PABX-Umfeld einsetzen, muessen die TK-Anlagen Informationen wie zum Beispiel Qsig-Protokolle in den D-Kanal einbringen und an der "Ziel-PABX" wieder herausfiltern.

Beim Signalling-Bearer-Service wird eine virtuelle Verbindung im D-Kanal genutzt, das heisst, es wird eine D-Kanal-Verbindung aufgebaut, ohne dass eine B-Kanal-Verbindung aufgebaut sein muss.

Dieser Service ermoeglicht den unbegrenzten Datenaustausch im D- Kanal - mit einer Uebertragungsrate im Paketmodus von 16 Kbit/s. Die Moeglichkeiten, die dieser Service im VPN bietet, sind allerdings weitergehend. Relevant wird dies zum Beispiel beim Aufbau einer bundesweiten ACD-Funktion im Rahmen eines logischen Call-Centers. So werden hier zunaechst zwischen den angebundenen Agents nur Steuerdaten ausgetauscht - mit dem Ziel, zu ermitteln, welcher Agent

"frei" ist, wobei erst bei entsprechendem Status ein B-Kanal geschaltet und der eingehende Anruf an den Agenten geroutet wird.

Moeglichkeit des Routings auf alternative Ziele

Im Rahmen dieser Dienste werden zudem Leistungsmerkmale erschlossen, fuer die es derzeit noch keine Standardisierung bei privaten PABX-Systemen auf Basis von Qsig gibt, wobei jedoch durch die Verwendung von Euro-ISDN Abhilfe geschaffen wird. Dabei handelt es sich konkret um Anrufberechtigungen, bei denen die Moeglichkeit besteht, Wahlberechtigungen analog zum Leistungsumfang einer PABX-Nebenstelle festzulegen. Auf diese Weise laesst sich definieren, welche Ziele dieser Anschluss im VPN intern oder extern erreichen darf.

Zudem ist ein sogenanntes Routing auf alternative Ziele moeglich. Hier lassen sich durch Verkehrsfuehrungsprogramme die Kapazitaeten der vorhandenen Leitungen optimieren.

Bei bestimmten Lastschwellwerten werden alternative Verbindungswege (etwa bei Ueberlastung einer Strecke) in Anspruch genommen. Sie stehen, in Routing-Tabellen dokumentiert, den Systemen zur Verfuegung. Darueber hinaus laesst sich auch das alternative Routen fuer Verkehrslenkungen bei "besetzt" oder bei Rufumleitung (Abwesenheit am Arbeitsplatz) nutzen. Eine weitere Moeglichkeit ist die Anrufverteilung nach verschiedenen Zielanschluessen. Hier kann der Sammelanschluss einer Gruppe nachgebildet werden. Bei der sogenannten Follow-me-Funktion schliesslich bekommt ein Teilnehmer im VPN eine Pin-Nummer, mit der er sein Telefongeraet "logisch" mitnehmen kann, sofern er sich innerhalb des VPN-Bereichs bewegt.

Ein anderes Corporate-Network-Thema ist sicherlich ATM. Im Grunde findet erst bei der Nutzung des neuen Hoffnungstraegers in Sachen Breitbandkommunikation eine wirtschaftlich und technisch sinnvolle Integration von Daten- und Sprachkommunikation statt. Offen bleibt aus technischer Sicht allerdings noch, wo der jeweilige ATM-Dienst lokalisiert ist - und zwar in zweifacher Hinsicht.

Zum einen ist die Frage zu stellen, ob ATM ein Bestandteil von Daten-Routern wird, wofuer es uebrigens heute schon erste Ansaetze gibt, oder ob es in Vermittlungsknoten integriert wird, etwa in Form eines Einschubs in eine PABX-Anlage. Sinnvoll erscheint nach heutigen Erkenntnissen der zweite Weg. Waehrend es bei dem Router- Ansatz vor allem gilt, eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung aufzubauen, bringt der PABX-Ansatz im Sinne eines vermittelnden ATMs ueber die Adresssteuerung der Rufnummer eine flexiblere Loesung, ueber die sich dann auch die LAN-Welt anbinden laesst.

Zum anderen ist aber auch zu klaeren, ob ATM ueberhaupt eine Angelegenheit des Anwenders ist und sich damit innerhalb der eigenen Domaene "beherrschen" laesst, oder ob diese Technologie nicht vielmehr in die Angebotspalette eines Carriers gehoert. Mischformen sind hier durchaus moeglich. Trotzdem duerfte einiges dafuer sprechen, dass ATM letztlich vor allem im Bereich der oeffentlichen Vermittlungstechnik zum Einsatz kommen wird. Bleibt noch die Frage nach der Standardisierung. Hier sind verschiedene Verbindungen zu unterscheiden. Die Anbindung von ATM-Endgeraeten an einen (privaten) Switch ist weitgehend standardisiert. Unklar sind bis heute aber die Vernetzung zwischen privaten ATM-Switches, die Anbindung einer ATM-Workstation an einen oeffentlichen ATM-Switch, die Verbindungen zwischen privaten und den oeffentlichen ATM- Switches sowie die Verbindungen zwischen oeffentlichen ATM-Netzen.

Erst wenn all dies von den Normierungsgremien unter Dach und Fach gebracht wurde, kann die ATM-Technik die Grundlage fuer Breitbandapplikationen bilden, die sich in folgende Klassen unterteilen lassen:

- interaktive Datenkommunikation wie remotes Image-Processing;

- interaktive Bewegtbild- und Multimedia-Kommunikation wie Video- Conferencing sowie

- Verteilkommunikation beziehungsweise Broadcast-Applikationen, wie sie bereits heute Videotext in Ansaetzen bietet, spaeter aber durch das digitale Fernsehen viel intensiver vertrieblich genutzt werden kann.

Beim Aufbau von Corporate Networks werden haeufig die neuen Potentiale im Zusammenhang mit modernen organisatorischen Gestaltungsformen uebersehen. Die virtuelle Organisation, eine strukturelle Variante, die raeumliche Restriktionen aufhebt und zu einer logischen Betrachtung eines Unternehmens ueberleitet, wird moeglich. So laesst sich durch die freie Verfuegbarkeit einer Rufnummer eine Abteilung nicht mehr nach raeumlichen Gesichtspunkten organisieren, sondern nach logischen, wobei die Mitarbeiter raeumlich dezentral agieren. Auch fuer den Vertrieb erschliessen sich durch die virtuelle Organisation neue Moeglichkeiten. Der Kunde ruft - etwa ueber eine bundesweite Rufnummer - das Unternehmen an und wird mit einem Mitarbeiter verbunden, der ihm kompetent Auskunft geben kann. Dabei bleibt dem Anrufer verborgen, wo sich der jeweilige Kommunikationspartner befindet - Hauptsache, sein Frage wird sachkundig beantwortet.

Zusaetzliche Attraktivitaet gewinnt der virtuelle Organisationsansatz, wenn sich ueber die ATM-Technik, das heisst ueber breitbandige Vermittlungsknoten, Datenmengen in ganz anderer Groessenordnung innerhalb eines Corporate Networks transferieren lassen. Bis jetzt sind bestenfalls raeumlich dezentrale, aber logisch zentrale Call-Center moeglich. In einem breitbandigen CN liesse sich dann beispielsweise auch die Sachbearbeitung dezentralisieren, indem die "elektronische Akte" je nach Anforderung ebenfalls durch ein CN geroutet wird. In diesem Fall waeren also Anwendungen des sogenannten Image Processings Basis fuer neue Organisationsstrukturen.

Dieses Szenario findet natuerlich inmitten der schoenen neuen Multimedia-Welt statt, wobei noch die kritische Feststellung erlaubt sein sollte, dass, gemessen an der derzeit gegebenen inflationaeren Verwendung des Begriffs Multimedia, doch recht wenig an produktiv wirksamen Applikationen auf dem Markt ist. Eine Reduktion auf die Videokonferenz ist vor allem fuer das Finanzdienstleistungsgewerbe zuwenig. Zudem war bis dato auch Versuchen, ueber sogenannte Kioskanwendungen oder Computer-based- Training-Applikationen Multimedia einen entsprechenden Stellenwert zu verschaffen, ein eher magerer Erfolg beschieden.

Dessen ungeachtet gibt es, etwa im Versicherungsgewerbe, eine Reihe von multimedialen Applikationsansaetzen, die in der weiteren Entwicklung von Standards und dem Zwang, derartige Anwendungen in ein bestehendes Hard- und Software-Umfeld zu integrieren, interessant werden.

Nicht immer gleich nach Breitbandnetzen rufen

Angesprochen sei hier nur die Uebertragung von Videoclips bei der Begutachtung von Kraftfahrzeugschaeden. Darueber hinaus waere es aber auch ueberlegenswert, das grosse Volumen des vorhandenen Bildmaterials in Schadensakten - also auch das grosse "Erfahrungsmaterial" eines Industrieversicherers - dem Vertrieb zu Akquisitionszwecken zur Verfuegung zu stellen.

Wesentlich bei der Betrachtung multimedialer Applikationen ist aber - vor allem im Hinblick auf die Moeglichkeiten eines breitbandigen CNs - weniger die jeweilige Anwendung, als vielmehr die Betrachtung der Ablaeufe. Interessant wird die Thematik spaetestens dann, wenn eine multimediale Applikation im Rahmen eines arbeitsteiligen Prozesses eingesetzt wird, also die Notwendigkeit eines Datentransports besteht. Aber auch hier ist nicht in jedem Fall der Ruf nach einem Breitbandnetz erforderlich, schliesslich macht auch die Kompressionstechnik erhebliche Fortschritte. Immerhin hat der MPEG-2-Standard schon eine gewisse Stabilitaet erreicht, so dass im Einzelfall entschieden werden muss, ob die Uebertragung auf der Basis von mehr Bandbreite oder unter Einbeziehung von Standardkompressionsverfahren durchgefuehrt werden muss.

Videotext als neuer direkter Draht zum Kunden

Loest man sich von den bis dato gewohnt traditionellen Uebertragungswegen fuer die geschaeftliche Kommunikation und versucht, bestehende flaechendeckende Uebermittlungssysteme zu nutzen, stoesst man auf Broadcast-Uebermittlungssysteme wie etwa den Videotextdienst im Angebot zahlreicher kommerzieller Fernsehanstalten.

Mit diesem Dienst werden Moeglichkeiten eroeffnet, das VPN als Steuermechanismus zur Uebermittlung unternehmensspezifischer Informationen an eine Vielzahl von Kunden oder externe Mitarbeiter einzusetzen. Dienste, die sich bereits heute mit dem Videotextangebot realisieren lassen, sind unter anderem das "Schwarze Brett", Datendistribution, POS-Applikationen und "elektronische Pin-Wand".

Das elektronische Schwarze Brett ist im Grunde eine Videotextseite, mit deren Hilfe ein Informationsanbieter einer bestimmten Klientel gezielt und aktuell Informationen via Broadcasting zur Verfuegung stellen kann. Ideale Anwendungsformen sind zum Beispiel die Uebermittlung von Boersen- oder Waehrungskursen. Die Datendistribution unterstuetzt wiederum vor allem Anwender, die Informationen oder Programme an einen gezielten Kreis von Nutzern uebertragen wollen. Hier kaeme zum Beispiel ein Unternehmen in Frage, das seine Niederlassungen mit elektronischen Informationen wie etwa neuen Tarifen oder aber auch neuen Programm-Updates versorgen will. In diesem Fall werden die Teilnehmer gebeten, ihre PCs in der Nacht angeschaltet zu lassen. Ueber den Broadcast-Dienst werden dann die entsprechenden Informationen an einen vorher definierten Anwenderkreis uebermittelt. Spezielle Codier- und Decodiereinrichtungen gewaehrleisten dabei, dass die Daten gezielt an einen dafuer legitimierten Anwenderkreis gesendet werden.

Als Beispiel einer POS-Anwendung waere unter anderem eine Applikation aus dem Versicherungswesen anzufuehren, bei der die Gesamtinformation (Daten und Programme) ueber Videotext im Fernsehkanal an einen PC mit Videokarte uebertragen wird. Der Teilnehmer kann mit Hilfe seines Netzanschlusses im VPN, ueber sein Telefon oder die Telefonapplikation auf dem PC Steuerungsinformationen an den Informationssender uebermitteln und bekommt so die fuer ihn ausgewaehlte Information uebertragen. Eine solche Anwendung waere, wenn man so will, die Vorstufe des digitalen Fernsehens und

Teleshoppings, wo sich der POS im Wohnzimmer des jeweiligen Kunden befindet. (wird fortgesetzt)

Tabelle:

Zentrale = Mitarbeiteranzahl: 4000, VPN-Kennung: 4-stellig, Kontennummer: 2-stellig, Nebenstelle: 4-stellig

mittelgrosse Niederlassungen = Mitarbeiteranzahl: >500, VPN- Kennung: 4-stellig, Kontennummer: 3-stellig, Nebenstelle: 3- stellig

Geschaeftsstellen = Mitarbeiterzahl: >30, VPN-Kennung: 4- stellig, Kontennummer: 4-stellig, Nebenstelle: 2-stellig

* Dirk Nouvortne ist Abteilungsleiter Tele- und Datenkommunikation im Koelner Gerling-Konzern, Reiner Pliefke Projektleiter Corporate Network.