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22.09.1995

Corporate Networks/Corporate Networks im Wandel der Zeiten (2) Neuland beschreiten auf dem Weg zum audiovisuellen Kiosk

Im zweiten Teil ihrer Ausfuehrungen (Teil 1 erschien in CW Nr. 36 vom 8. September 1995, Seite 49) beschaeftigen sich Nouvortne und Pliefke mit der Neugestaltung der "Aussenwirkung" von Corporate Networks durch Techniken wie Videotext, Kabel- und Interaktives Fernsehen sowie Digital Audio Broadcasting (DAB).

Beyond Corporate Networks - mit diesem Arbeitstitel hatten Dirk Nouvortne* und Reiner Pliefke* ihren Beitrag urspruenglich ueberschrieben. Mit Recht, denn die Autoren werfen auch einen Blick auf das, was innerhalb Corporate Networks neben der integrierten Sprach- und Datenkommunikation sowie dem wichtigsten Motiv, der Einsparung von Kommunikationskosten, moeglich ist.

Loest man sich von den bis dato gewohnt traditionellen Uebertragungswegen fuer die geschaeftliche Kommunikation und versucht, bestehende flaechendeckende Uebermittlungssysteme zu nutzen, stoesst man auf Broadcast-Uebermittlungssysteme wie etwa den Videotextdienst im Angebot zahlreicher kommerzieller Fernsehanstalten.

Mit diesem Dienst werden Moeglichkeiten eroeffnet, das Virtual Private Network (VPN) als Steuermechanismus zur Uebermittlung unternehmensspezifischer Informationen an eine Vielzahl von Kunden oder externe Mitarbeiter einzusetzen. Dienste, die sich bereits heute mit dem Videotextangebot realisieren lassen, sind unter anderem das "Schwarze Brett", Datendistribution, POS-Applikationen und "elektronische Pinwand".

Das elektronische Schwarze Brett ist im Grunde eine Videotextseite, mit deren Hilfe ein Informationsanbieter einer bestimmten Klientel gezielt und aktuell Informationen via Broadcasting zur Verfuegung stellen kann. Ideale Anwendungsformen sind zum Beispiel die Uebermittlung von Boersen- oder Waehrungskursen. Die Datendistribution unterstuetzt wiederum vor allem Anwender, die Informationen oder Programme an einen gezielten Kreis von Nutzern uebertragen wollen. Hier kaeme zum Beispiel ein Unternehmen in Frage, das seine Niederlassungen mit elektronischen Informationen wie etwa neuen Tarifen oder aber auch neuen Programm-Updates versorgen will. In diesem Fall werden die Teilnehmer gebeten, ihre PCs in der Nacht angeschaltet zu lassen. Ueber den Broadcast-Dienst werden dann die entsprechenden Informationen an einen vorher definierten Anwenderkreis uebermittelt.

Als Beispiel einer POS-Anwendung waere unter anderem eine Applikation aus dem Versicherungswesen anzufuehren, bei der die Gesamtinformation (Daten und Programme) ueber Videotext im Fernsehkanal an einen PC mit Videokarte uebertragen wird. Der Teilnehmer kann mit Hilfe seines Netzanschlusses im VPN, ueber sein Telefon oder die Telefonapplikation auf dem PC Steuerungsinformationen an den Informationssender uebermitteln und bekommt so die fuer ihn ausgewaehlte Information uebertragen. Eine solche Anwendung waere, wenn man so will, die Vorstufe des digitalen Fernsehens und Teleshoppings, wo sich der POS im Wohnzimmer des Kunden befindet (siehe Abbildung auf Seite 66).

Die jeweilige Applikation wird in der Regel vom Dienstleistungsunternehmen in Zusammenarbeit mit dem Videotext- Anbieter realisiert werden. Im vorgenannten Beispiel wuerde dabei zuerst eine Einstiegsseite im oeffentlichen Videotext durch den Klienten aufgerufen. Fuer den Rueckkanal benoetigt der Kunde sein Telefon, das ueber den oeffentlichen oder den internen VPN- Telefondienst mit dem Rechner des Unternehmens verbunden ist. In unserem fiktiven Fall erhaelt der Kunde nun alle Anweisungen ueber sein TV-Geraet und kann seine Antworten via Telefon bestaetigen. Dabei besteht zudem die Moeglichkeit, weitere Seiten, die nur fuer diese Applikationen erstellt werden, aufzurufen.

Die Ergebnisse werden ueber das Netz zum Unternehmensrechner gesendet, der die Informationen auswertet. Anschliessend wird das Ergebnis ueber den "Broadcast-Rechner" des Videotext-Anbieters, der das Signal "fernsehgerecht" aufbereitet, versendet, so dass es wieder als TV-Signal auf dem Fernseher beim Kunden sichtbar wird. Der Informationskreis hat sich also geschlossen und man hat so die Moeglichkeit, jedem Fernsehzuschauer, der die oeffentlichen Videotextseiten abrufen kann und ueber ein Telefon verfuegt, die Applikation des Unternehmens zur Verfuegung zu stellen.

Ueberdies kann ein Mitarbeiter des Aussendienstes auch mit Hilfe einer elektronischen Pinwand einen Kunden beraten, ohne bei ihm vor Ort zu sein. Die Kontaktaufnahme erfolgt auch hier ueber Videotext und Telefon. Sollte es im Laufe des Gespraechs erforderlich sein, Informationen schriftlich zu demonstrieren und zu dokumentieren, bedient sich der Berater besagter elektronischer Pinwand. Hierzu steht ihm die Videotextseite zur Verfuegung, die noch nicht beschrieben ist und fuellt diese entsprechend. Der Kunde wiederum kann diese Informationen seinem TV-Geraet entnehmen. Nach Beendigung der Beratung wird die Seite wieder geloescht.

Kabelfernsehen als Einstieg fuer neue Dienstleistungen

Viele Staedte sind derzeit durch private Kabelunternehmen oder durch die Telekom breitbandig vernetzt. Diese Kabelfernsehnetze sind, wie die derzeitige Multimedia-Diskussion zeigt, der (vermeintlich) ideale Einstieg, um die privaten Haushalte mit neuen Dienstleistungen zu begluecken. Aufgrund der physikalisch moeglichen Bandbreite waeren aber neben den traditionell kommerziellen Fernsehkanaelen auch firmenspezifische Kanaele denkbar, mit deren Hilfe sich Unternehmen eine neue, zusaetzliche "Akquisitionsschiene" eroeffnen koennte. Auch hier wird man, je nach Anwendung und Notwendigkeit, unterscheiden muessen, ob man einen Vollkanal wie fuer eine Fernsehuebertragung oder nur die Austastluecke, wie etwa beim Videotext, benoetigt.

Als moegliche Einspeisungsorte waeren, analog zu den Rundfunkanstalten, Uebergabepunkte vorzusehen, von denen aus das gesamte Netz versorgt wird. Den Zubringerdienst zu diesen Einspeisepunkten koennte man mit einem Carrier realisieren, der Kunden breitbandige Uebertragungskapazitaeten zur Verfuegung stellt. Ein weiterer Vorteil dieser Uebertragungsart waere, dass man dadurch in der Lage ist, sich regionalen Beduerfnissen anzupassen. So waere zum Beispiel vorstellbar, dass ein Produkt im Ort A eher ankommt als im Ort B. Hierdurch liessen sich Uebertragungskapazitaeten und damit erhebliche Kosten einsparen.

Der Zusammenhang von Multimedia und Telekommunikation wird nicht zuletzt ueber den vielzitierten Begriff des Information Highways deutlich. Dahinter steht die Vorstellung, dass jedem jederzeit alle Informationen zugaenglich gemacht werden koennen - was ja technisch gesehen nichts anderes bedeutet, als dass eine entsprechende Netzinfrastruktur zu den Massenmaerkten der Zukunft gelegt werden soll. Anders als bisherige Daten- und Telefonnetze werden Datenautobahnen dabei Tonbildsequenzen bieten (muessen), also multimediale Darstellungsformen.

Eine derzeit besonders diskutierte Applikation ist Video on demand. In naher Zukunft wird zudem eine Reihe von Dialogdiensten wie etwa das Teleshopping mit elektronischen Katalogseiten (als Standbilder oder Videoclips) und Bestellmoeglichkeiten ueber den Rueckkanal (Telefon) auf den Markt kommen - mit Funktionalitaeten, die natuerlich weit ueber das hinaus gehen, was Videotext heute bietet. Insgesamt zeichnen sich also zahlreiche Anwendungschancen fuer neue Kommunikationsdienste in Industrie, Verwaltung, Wissenschaft und den Privathaushalten ab.

Die meisten gehoeren in den Bereich der Telekooperation, also der interaktiven Dienste und stellen im Prinzip eine Weiterentwicklung der Videokonferenz dar. Mit anderen Worten: Die Unterstuetzung raeumlich und/ oder zeitlich getrennter Arbeitsprozesse durch fortgeschrittene Informations- und Kommunikationstechnologien steht im Mittelpunkt.

Die Entwicklung geht also auch hier in Richtung virtueller Organisationsformen, in denen physische Strukturmuster durch logische ersetzt werden.

Durch die Moeglichkeit der Anwendersteuerung von Video- und Audiosequenzen sind ueberdies voellig neue Formen des Vertriebs und des Einkaufs von Produkten und Dienstleistungen denkbar. Das Wohnzimmer wird endgueltig zum Point of Sale. Pay-TV ist nicht nur die verschluesselte Ausstrahlung herkoemmlicher Film- und Fernsehware, sondern vielmehr auch die Basis all jener digitalisierten Produkte, die sich unter dem Begriff Consumer Multimedia zusammenfassen lassen - in erster Linie also Teleshopping, Teleteaching, elektronische Bibliotheken, Zeitungen und Homebanking.

Geht man von diesem Anwendungsszenario aus, sind allerdings erhebliche Konsequenzen in Sachen Infrastruktur ins Kalkuel zu ziehen. Kennzeichnend fuer die kuenftigen Datenautobahnen wird dabei vor allem sein, dass das Angebot an Services, Produkten und Infrastruktur nicht aus einer Hand kommt. Um die notwendigen Investitionsmittel fuer diesen grossen Wachstumsmarkt aufzubringen, sind Allianzen unumgaenglich - eine Entwicklung, die ja bereits seit geraumer Zeit zu beobachten ist.

Ebenfalls im Zusammenhang mit den Moeglichkeiten des Information Highways ist der digitale Rundfunk, also Digital Audio Broadcasting (DAB) zu nennen. Hier wird das Radio zur multimedialen Plattform und ist insofern durchaus als integraler Bestandteil kuenftiger Datenautobahnen zu sehen. Entscheidende Vorteile von DAB sind zunaechst die neuen Dienste, die es ermoeglichen, nicht nur Musik oder Sprache zu uebertragen, sondern auch Mehrwertdienste wie etwa Verkehrsnachrichten abzurufen. Weitere Services werden im Zusammenhang mit neuen Endgeraeten moeglich sein. So verfuegen die DAB-Radios ueber LCD-Bildschirme, auf denen Grafiken, Tabellen, Texte und Bilder mit uebertragen werden koennen. Hierbei handelt sich um eine neue Option, Daten eines Unternehmens entweder an eine geschlossene Benutzergruppe und/oder an Kunden zu distribuieren.

Noch ein Wort zur digitalen Technik: Sie wird das Fernsehen massiv veraendern. So ist es aller Voraussicht nach in Zukunft moeglich, die in einem Kanal uebertragbare Gesamtdatenrate flexibel auf Bild, Ton und Daten aufzuteilen. Dies wiederum ist die technische Grundlage fuer die Bereitstellung schon erwaehnter interaktiver Multimedia-Anwendungen. Aufgrund der hohen Datenrate, die das digitale Fernsehen benoetigt, sind Komprimierungsalgorithmen sinnvoll. Hier hat sich - wie generell im Multimedia-Bereich - der MPEG-2-Standard durchgesetzt, der sich auf die Komprimierung von Bewegtbilder bezieht und dabei einen Datendurchsatz von maximal 40 MB realisieren kann.

Was bedeutet dies nun alles fuer unser eigentliches Thema? Bei kaum einem Projekt im Zusammenhang mit moderner Informationstechnik wird jedenfalls der Bezug und die vielfaeltigen Abhaengigkeiten zwischen Infrastruktur, Applikationen und Organisation deutlicher. Dabei kann man natuerlich - das waere die einfachere Moeglichkeit - in eine Art organisatorische "Pathologie" verfallen, die sich in der einfachen "Elektrifizierung" anachronistischer Arbeitsablaeufe manifestiert. Nimmt man jedoch den Begriff des Business Re- Engineerings ernst, bieten sich fuer ein Unternehmen grosse Chancen, den Herausforderungen des Marktes mit einer serviceorientierten und zugleich produktiven Organisationsstruktur zu begegnen. Voraussetzung ist jedoch, dass man, neben der Kreativitaet und dem Mut zu Veraenderungen, das Thema nicht nur Technikern und Ordnungspolitikern ueberlaesst.

Die Organisation der Zukunft wird sich jedenfalls von raeumlich/physikalischen Restriktionen befreien muessen. Gleiches gilt fuer den nicht mehr zeitgemaessen Diskurs zentrale versus dezentrale Struktur - mit allen bekannten Spielarten des "Profit- Center"-Gedankens, die bis dato als Daseinsberechtigung ganzer Heerscharen von Beratern fungieren. Getragen durch die Moeglichkeiten der modernen Telekommunikation, wird die physische durch eine logische Betrachtung abgeloest. Raum und Zeit stellen in einem Corporate Network keine tatsaechlichen Sachzwaenge mehr dar.

Experten sind nicht unbegrenzt vermehrbar. Synergien, Strukturgefaelle und vieles mehr laesst sich in einer virtuellen Organisation besser, oder besser gesagt, ueberhaupt realisieren. Besonders deutlich wird dies anhand der schon erwaehnten Call- Center-Loesungen in einem Corporate Network. Wichtigstes Ziel eines Unternehmens in einer Wettbewerbssituation, die durch einen Nachfragemarkt charakterisiert ist, muss die Servicebereitschaft und -faehigkeit bleiben. Dabei kommt immer mehr einer gewissen Individualitaet das Primat zu - nicht dem Standard-Produkt oder der Null-acht-fuenfzehn-Dienstleistung.

PABX-Systeme in einer logischen Einheit vernetzt

Schon aufgrund stets kuerzer werdender Arbeitszeit kann der Kunde immer seltener waehrend der Kernoeffnungzeiten eines Unternehmens seine Probleme mit seinem "Partner" loesen. Notsituationen richten sich schon gar nicht nach Kernzeiten. Andererseits kann ein Unternehmen nicht unbegrenzt einen 24-Stunden-Service bezahlen. Daher sind Call-Center sowohl fuer aktive Taetigkeiten (Vertrieb) aber auch fuer passive Aktivitaeten (Rufannahme, diverse Serviceleistungen) als geeignete Loesung vorstellbar. Ein Corporate Network, wo alle PABX-Systeme nicht mehr physikalisch getrennt agieren, sondern ueber ihre Vernetzung zu einer logischen Einheit zusammenwachsen, ist dafuer die infrastrukturelle Grundlage.

Ueber einen Rufnummernplan, wie es am Beispiel eines VPNs dargestellt wurde, laesst sich mit der Option einer bundesweiten Rufnummer ein "logisches" (virtuelles) Call-Center bilden. Ein solches Call-Center unterscheidet sich von heutigen Loesungen eben dadurch, dass es sich nicht mehr an raeumlichen Sachzwaengen - das heisst personeller Verfuegbarkeit - orientieren muss, sondern nur noch an logischen Determinanten. Das Beispiel laenderspezifischer Feiertagsregelungen macht die "Pathologie" raeumlich gebundener Call-Center deutlich. Ziel ist das Call-Center eines Unternehmens, und nicht mehr das einer raeumlichen Niederlassung respektive eines Profit-Centers.

Was heisst dies nun? Die Synergien werden transparent, jedenfalls dann, wenn man die Organisation betrachtet. Waehrend bei den herkoemmlichen Call-Center-Loesungen die Organisation nach optimalen Rufeingaengen, auch und gerade aus der Region, geregelt ist, traegt ein logisches Call-Center raeumlich unbegrenzten Restriktionen Rechnung. Im alten Modell muessen vier Mitabeiter alle Anrufe aus einer Region bedienen - ungeachtet des Telefonaufkommens. Zwar lassen sich, etwa durch ACD-Funktionen, je nach Aufkommen andere Mitarbeiter in das Call-Center einbeziehen, was jedoch andererseits dazu fuehrt, dass diese ihre eigentliche Arbeit unterbrechen muessen. Andererseits liegen diese vier Mitarbeiter quasi brach, wenn das Telefonaufkommen gering ist. Eine Konstellation uebrigens, die sich erst recht nicht rechnet, wenn in Abend- oder Nachtzeiten das Anrufaufkommen signifikant sinkt.

Anrufverteilung nach Service-Gesichtspunkten

In einem logischen Call-Center gibt es hingegen - bezogen auf jede Niederlassung - einige Mitarbeiter, deren Anzahl jetzt aber nicht mehr nach regionalen Gesichtspunkten ausgewaehlt wird, sondern nach unternehmensweiten. Dies bedeutet, dass die Anzahl der Mitarbeiter in den dezentralen Niederlassungen kleiner ausfaellt. Durch die logische Sichtweise stehen aber de facto mehr "Telefonagenten" fuer den Service am Kunden zur Verfuegung. Durch eine bundeseinheitliche Rufnummer und einer unternehmensweiten ACD werden eingehende Anrufe aber nicht mehr nach raeumlichen Gesichtspunkten verteilt, sondern ausschliesslich nach Service- Gesichtspunkten.

Eine konkrete Umsetzung des virtuellen Organisationsansatzes ist die Option eines "Part-Time-Offices". Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, dass vor allem in einer Vertriebsorganisation mit mobilem Aussendienst der Schreibtisch innerhalb einer regionalen Niederlassung kaum besetzt ist. Ausgeruestet mit einer Identifikationsfunktion (PIN-Nummer oder Chipkarte) geht ein Anwender im Netz an ein beliebiges Terminal irgendwo im Unternehmen. Von diesem Augenblick an ist dieses Terminal im uebertragenen Sinne "sein" Telefon. Alle an ihn adressierten Mitteilungen, Anrufe und fuer ihn legitimierte Applikationen werden dabei solange an diesen Arbeitsplatz uebermittelt, bis er sich wieder abgemeldet hat.

Auf der Basis der Moeglichkeiten eines Intelligent-Network-(IN)- Dienstes laesst sich dann auch noch vorstellen, spezielle Betreibergesellschaften fuer den Telefonservice einzubeziehen, die sich dann unter dem Namen des Klienten melden. In diesem Fall werden durch interne Parametrisierung alle Anrufe an den Betreiber weitergeleitet. Auch Mischformen wie ein (logisches) Call-Center, bestehend aus unternehmensinternen Mitarbeitern und Mitarbeitern des Service-Unternehmens, sind moeglich. Wichtig ist dabei, dass sich ueber die bundeseinheitliche Rufnummer das Unternehmen in seiner Eindeutigkeit gegenueber dem Kunden praesentiert.

Zusaetzliche Bedeutung kommt dem Modell der virtuellen Organisation bei breitbandigen Corporate-Network-Loesungen zu. Wenn hier neben dem freien "Floaten" der Rufnummer noch die Moeglichkeit der remote Bearbeitung einer elektronischen Akte hinzukommt, wird das dezentrale Profit-Center-Prinzip voellig zur Farce und manifestiert sich als eklatantes Innovationshemmnis. Der logische Information Highway auf ATM-Basis als Distributionsader elektronischer Akten ist hier eine der Voraussetzungen fuer die Entwicklung kundenorientierter Organisationsstrukturen - mit dem Ziel des Aufbaus prozessorientierter Wertschoepfungsketten. Zustaendigkeiten sind aber nur organisatorisch, und nicht technisch zu loesen. Der Telefonagent muss dabei Zugriff auf alle Bestaende haben, die dann aber nicht mehr nach Regionen aufgebaut sind.

Ganze Legitimationsketten sind hier also aufzuloesen. Am Beispiel des Versicherungswesen wuerde dies einen fundamentalen Eingriff in die Bestandsverarbeitung und das Provisionswesen bedeuten - Massnahmen also, die technisch ueberhaupt nicht umzusetzen sind. Profit-Center haben demnach in der virtuellen Organisation keinen Platz. Sie wirken vielmehr kontraproduktiv, da ein Wettbewerb innerhalb eines Unternehmens zu Lasten der Kundenfreundlichkeit und der Servicebereitschaft geht.

Auch das digitale Fernsehen greift in gleicher Hinsicht in eine funktionsorientierte Organisationstruktur ein. Hier sei wieder das Beispiel einer Versicherungsgesellschaft strapaziert - einer Branche also, in der man sich in den letzten Jahren unter anderem Gedanken darueber gemacht hat, leicht erklaerbare Versicherungsprodukte ueber Selbstbedienungsautomaten zu vertreiben. Die Schnittstelle soll dabei multimedial so aufgebaut werden, dass, wenn sich ein potentieller Interessent angesprochen fuehlt, dieser sich ueber den Automaten informieren und direkt einen Abschluss taetigen kann. Obwohl hier dem Produktivitaetsaspekt insoweit Rechnung getragen wird, dass hier kein Vertriebsmitarbeiter mehr gebunden wird, stellt sich die Frage, inwieweit ueber diese Technologie nicht massiv in das Provisionswesen eingegriffen wird.

Point of Sale durch Vandalismus gefaehrdet

Nun hat sich diese Technologie, ehe sie ueberhaupt flaechendeckend eingesetzt wird, schon technisch ueberholt. Der "Point-of-Sale"- Automat hat naemlich auch eklatante Nachteile. So ist er haeufig Ziel von Vandalismus, relativ teuer, und vor allem sind die Netzanbindungskosten hoch. Schliesslich macht ein solcher Service nur durch die Anbindung an die Zentrale Sinn. Wenn zudem die multimediale "Mensch-/Maschineschnittstelle" nicht ausgereift ist, verursacht das System Wartezeiten bei der Bearbeitung eines Kunden, so dass entweder schon bei seiner Bedienung, spaetestens aber bei der zwangslaeufig entstehenden Warteschlange Ungeduld aufkommt.

Was liegt nun naeher, den Point of Sale in das Wohnzimmer beim Kunden zu verlegen? Die Technik, die dies ermoeglicht, ist das digitale Fernsehen. Man kann davon ausgehen, dass es in Deutschland eine 1:1-Verteilung von Fernsehen und Telefon in den privaten Haushalten gibt. Getragen durch die Vorstufe ueber unternehmensindividuelle Videotext-Seiten oder spaeter (wenn bezahlbar) ueber einen eigenen Kanal, lassen sich Informationssendengen an die potentiellen Interessenten ausstrahlen - mit der Option, ueber das Telefon als Rueckkanal unter der Ueberschrift interaktives Multimedia zu Vertragsabschluessen zu kommen. Zeit spielt dabei kaum eine Rolle, denn die Informationssendung des Unternehmens erfolgt im Broadcast.

Ungeahnte Reichweiten des digitalen Fernsehens

Ein "Vertriebskanal" dieser Art zeichnet sich naturgemaess durch eine hohe Zahl erreichbarer Interessenten aus, die seinesgleichen sucht. Eine vergleichbare Reichweite waere jedenfalls mit (bezahlbarer) Manpower nicht zu erreichen. Sie erzwingt jedoch ein voelliges Umdenken in der Behandlung des Provisionswesen und damit der Aufgabenverteilung des Vertriebs.

Wenn man diese organisatorischen Herausforderungen, die sich aufgrund der neuen Telecom-Techniken ergeben, bewertet, kann man die eingangs aufgestellte Behauptung, dass das technische Problem im Vergleich zum organistorischen ein kleineres, wohl um einiges besser verstehen. Vielleicht erklaert das die bisher verhaltene Entwicklung bei den Antraegen zur Genehmigung eines Corporate Networks.

Was bleibt also abschliessend festzuhalten? Die naehere Zukunft wird sicherlich von der Migration vom schmalbandigen Corporate Network/VPN zum breitbandigen Corporate Network/VPN gepraegt sein. Der Uebergang von Euro-ISDN als Traegernetz fuer VPN-Applikationen hin zum Breitband-ISDN ist von allen namhaften Carriern geplant und wird so gestaltet, dass der Anpassungs- und Aenderungsaufwand beim Anwender nach heutigen Erkenntnissen minimal sein wird. Insofern ist das VPN die Basis fuer einen glatten Uebergang in die Breitbandkommunikation, was man bei festnetzbasierten Corporate- Network-Loesungen so nicht unbedingt behaupten kann. Hier duerfte der Aufwand fuer die Migration ungleich hoeher sein.

Letztendlich wird es bei breitbandigen Netzstrukturen auf Basis von ATM zu einer Integration von Sprache und Daten kommen. Spaetestens bei der Bereitstellung eines vermittelnden ATM werden WAN- und LAN-Strukturen zusammenwachsen. Dies bedeutet dann auch, dass ab diesem Zeitpunkt die bisher oft anzutreffende Verschwendung von Netzressourcen, die im LAN-Bereich durch "Broadcasting" hervorgerufen wird, durch geschaltete Verbindungen aufgehoben wird. Auch die derzeitigen Entwicklungs- und Produktperspektiven von Bridges ueber das LAN-Switching samt entsprechender Router- Technik hin zu ATM deutet in diese Richtung - ein Niveau uebrigens, auf dem sich die Sprachkommunikation schon lange befindet.

Die Zukunft gehoert der Dialog-Kommunikation

Broadcasting wird auch in der multimedialen Cable-TV-Kommunikation zu einem Basisdienst reduziert; oeffentlich-rechtliches und werbefinanziertes Fernsehen der heutigen Art wird zum Anachronismus. Die Zukunft im digitalen Fernsehen gehoert dem Dialog. Der Konsument selbst bestimmt, wann er die aktuellen Nachrichten aus einem Videoserver entnimmt und welche Kammeraposition er im Rahmen einer Sportuebertragung sehen will. Technisch erfolgt dies ueber einen Rueckkanal zum Betreiber, ueber den auch das Billing, zum Beispiel via Chipkarte, abgewickelt werden wird.

Zukuenftig werden sich die Anwender also vermehrt der Frage stellen muessen, ob es sich ueberhaupt noch rechnet, PABX-Systeme innerhalb der eigenen Domaene zu betreiben oder ob es sich nicht wesentlich besser rechnet, dies in Form angebotener oeffentlicher Vermittlungstechnik zu bewerkstelligen und damit an einen professionellen Carrier outzusourcen. Wird es zukuenftig innerhalb von Corporate Networks nur noch "virtuelle PABX-Systeme", die, da sie mandantenfaehig sind, nur noch logisch zu einem geschlossenen Untrnehmen gehoeren, geben?

Der Zwischenschritt auf diesem Weg kann sicherlich der sein, alle PABX-Systeme eines Anwenders in die Verantwortung eines Carriers zu geben. Fuer den wird es allerdings ab einer bestimmten Groesse wirtschaftlicher, statt eine Vielzahl von kleinen, mittelgrossen oder grossen Anlagen zu bewirtschaften, eine oder einige grosse Anlagen zu betreiben. Allein Synergieeffekte zwingen solche Carrier zu einem entsprechenden Schritt. Langfristig - eine entsprechende Wirtschaftlichkeit unterstellt - kann es aber durchaus sinnvoll sein, dass Anwender - analog dem Centrex-Gedanken - lediglich Endgeraete und Funktionen beziehen. Die Moeglichkeiten eines VPN sind bereits heute die besten Voraussetzungen hierfuer.

Sieht man dies im Kontext zur Netzentwicklung im VPN, kommt ein wesentlicher oekonomischer Nutzen zum Tragen. Es kann davon ausgegangen werden, dass im ISDN neue Dienste in den naechsten Jahren entwickelt werden. All diese Dienste fordern von einem Anwender staendige Investitionen in die eigene PABX-Infrastruktur. Dabei vergeht viel Zeit, bis diese Software-Upgrades in alle PABX- Systeme eines Unternehmens eingespielt sind - unabhaengig von der gesamten Investitionssumme und den personellen Anforderungen an den Upgrade-Service. Stellt man dem den Upgrade-Service einer oeffentlichen PABX gegenueber, so faellt auf, dass der Aufwand einmalig ist und die Funktion sofort netzweit zur Verfuegung steht. Ein solches Modell ordnet die operative Verantwortlichkeit nicht mehr dem Anwender, sondern dem Betreiber zu. Die strategische Verantwortung bleibt jedoch beim "Kommunikationsmanager" des Anwenders.

* Dirk Nouvortne ist Abteilungsleiter Tele- und Datenkommunikation im Koelner Gerling-Konzern, Reiner Pliefke Projektleiter Corporate Network.