Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

06.09.1991 - 

"Durch Unix am Fortschritt teilhaben"

CTM-Großanwender Südfleisch ersetzt komplette DV durch PCs

Ungewiß erschien der Südfleisch GmbH die Zukunft der CTM beim Neustart als Itos im Juli 1989. Für das Münchner Unternehmen, Großanwender der zuletzt unter SEL-Flagge segelnden proprietären CTM-Rechnerlinie, lag darin ein Grund zur Neukonzeption der gesamten DV. Die zukünftige Lösung: Abteilungs-PCs unter Unix. Auch der zentrale BS2000-Host soll durch offene Systeme ersetzt werden - ein Weg, der sich für den DV-Leiter Frank Ehrhardt bereits am Ende der ersten Projektphase als richtig bestätigt hat.

"Wenn die Zusammenarbeit nicht bald zu unserer Zufriedenheit verläuft, versteigere ich den Computer und gehe zur Konkurrenz" - während eines Telefonats mit einem Vertriebsbeauftragten lieferte DV-Leiter Ehrhardt dieses Paradebeispiel der Pro-Open-Systems-Diskussion. Ehrhardt konnte sich nach dem Gespräch ein Lächeln nicht verkneifen: "Stellen Sie sich vor, ich sage dem, das steht in der COMPUTERWOCHE."

In der proprietären CTM-Welt wäre es wie in allen geschlossenen Umgebungen nicht so einfach gewesen, diesen Druck auf den Hersteller auszuüben. Die Angst vor möglichen "Erziehungsmaßnahmen" des Anbieters, etwa schlechterer Support, läßt viele DV-Leiter verstummen. Ehrhard, dem solche proprietären Fesseln Unbehagen bereiten, beschäftigt sich bereits seit 1985 mit Unix. Neben dem BS2000-Host und CTM-900- und Polyline-Modellen - zeitweise standen bis zu 60 Geräte in den Betrieben und Geschäftsstellen - wurde daher 1988 ein Targon-Rechner installiert, um erste praktische Erfahrungen mit Unix zu sammeln.

Proprietäre Zeiten endgültig vorüber

Letztendlich gab die Übernahme von CTM durch Harald Speyer und Walter Bartholomä, beide zuvor im Commodore-Management, den Anstoß, die gesamte DV zu erneuern. Ehrhardt lobt zwar die proprietären CTM-Rechner ("Die Systeme und Anlagen sind gut. Dafür spricht, daß wir heute noch unverändert Modelle von 1978 im Einsatz haben"), doch für den Unix-Verfechter sind die proprietären Zeiten endgültig vorbei. Mit Blick auf die geschlossene CTM-Rechnerwelt konnte sich der Fachmann nicht vorstellen, daß das Unternehmen unter neuer Regie am Markt bestehen würde. "CTM hat es seit Jahren versäumt, im Unix-Bereich aktiver zu werden. Speyer und Bartholomä schaffen es nicht, den proprietären Zug umzulenken, weil enormes Wissen vorhanden sein muß, um in den Unix-Zug einzusteigen," resümiert der DV-Manager. Für die Projektgruppe - sechs Leute beschäftigten sich mit der Planung - stand laut Ehrhardt fest: "Weg von der Itos-Welt und hin zu Unix."

Um sicherzugehen, mit Unix die richtige Entscheidung zu treffen, habe man zudem Alternativen untersucht, etwa ein reines PC-Netz unter Novell, die sich jedoch als nicht geeignet herausstellten.

Zuerst sollten nur die dezentralen CTM-Systeme, wovon derzeit etwa 40 im Einsatz sind, durch Unix-Maschinen ersetzt werden. Rund 250 Terminals in den Außenstellen sowie etwa 100 Terminals und 150 bis 200 Drucker sind momentan an den als eigenständige Dialogrechner operierenden Geräten angeschlossen. Die zentrale BS2000-Anlage blieb bis zum Frühjahr 1990 unberührt. Im Laufe der Konzeptphase stellte sich jedoch heraus, daß der Host ebenfalls ersetzbar ist und deshalb wurde auch der Großrechner zusätzlich in die Downsizing-Überlegungen mit einbezogen.

Argumente der Mainframe-Protagonisten, Unix-Umgebungen seien nicht leistungsfähig genug, schmettert der Fachmann ab. Mittlerweile seien Mehrprozessor-Systeme am Markt -, beispielsweise von Sequent oder das Zwei-CPU-Modell MX500 von Siemens - die in den Leistungsbereich der Mainframes reichen. Auch im PC-Sektor habe Intel mit den 486er Rechnern den Fortschritt nicht eingefroren. Ehrhard: "Man sieht, hier geht der Markt weiter. Es kommen Prozessoren mit 50 Megahertz, mit 100 Megahertz und eine 586-Architektur." Die Technik entwickle sich ständig weiter, und gerade durch seine mit Unix erreichte Unabhängigkeit könne er daran teilhaben, sagt der Computerprofi.

Die abgeschottete Welt nicht in Frage stellen

Den Umsteiger schreckt auch das Gerangel der DV-Hersteller über Plattformen, Schnittstellen und Betriebssysteme nicht. Die Ansicht, daß die Unsicherheit darüber, welche Standards sich durchsetzen werden, die Entwicklung der offenen Systeme lähmt, herrscht meist in geschlossenen, überwiegend blaugefärbten DV-Abteilungen wahrscheinlich, um die eigene abgeschottete Welt nicht in Frage stellen zu müssen. Bei den Freunden nicht-proprietärer Computer sind derartige Diskussionen selten entscheidungshemmend. Auch Ehrhardt hält den Durchbruch offener System für unaufhaltsam: "Durch die sinkende Ertragskraft kann sich kein Hersteller außer IBM auf Dauer ein eigenes Betriebssystem leisten. Bei Mother Blue ist es möglich, weil sie an den Futtertrögen sitzt und die Großanwender an der Leine hat. Auch bei Unix wird es daher zu einer friedlichen Vereinigung kommen." Erste Anzeichen sind seiner Meinung nach bereits vorhanden: "Früher gab es Berkeley und AT&T, jetzt - mit der Unix-Version 5.4 -, sind die angenehmen Eigenschaften aus allen Derivaten, wie Sun-OS, vereint." Außerdem existiere bereits ein codekompatibler Unix-Standard, dessen Spezifikationen neben SCO Xenix zum Beispiel das neue Sequent-Betriebssystem "Dinix/PTX" erfülle.

"Selbst Ken Olsen von DEC weiß mittlerweile, wie man Unix schreibt", scherzt der DV-Leiter, rückt aber mit einer Anekdote über die damalige Hardware-Auswahl die Ernsthaftigkeit des Unix-Engagements von DEC sogleich wieder in ein anderes Licht. "Mit DEC über Unix in Verbindung zu treten war schlicht unmöglich", meint Ehrhardt kopfschüttelnd, "zweimal wurden in einer Präsentation VMS-Systeme vorgeführt, obwohl wir ausdrücklich Unix verlangt hatten. Als wir uns keine VMS-Maschine andrehen lassen wollten, hat der Vertriebsbeauftragte nichts mehr von sich hören lassen." Das sei ihm noch nie passiert, daß ein Unternehmen den Kontakt von selbst abbreche, erinnert sich der Manager. DEC habe offensichtlich die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

Der Fleischgroßhändler entschied sich schließlich für Unixbasierte PCs, nachdem die 486er PCs, verglichen mit den MDT-Unix-Systemen Targon damals noch Nixdorf - und MX von Siemens, günstiger waren und zudem die besseren Performance-Werte aufwiesen. Bei einer DV-Umgebung, die anstelle der MDT-Rechner auf leistungsstarken PCs basiert, lagen Erhardt zufolge die Kosten zwischen 30 und 40 Prozent niedriger. Der Löwenanteil errechnete sich dabei aus den Ausgaben für die Systemsoftware, die den Untersuchungen zufolge für PCs deutlich weniger kostet als für ein herstellerspezifisches Unix-Derivat. Zudem sei bei einer PC-Umgebung die Unabhängigkeit höher als bei den Midrange-Systemen, die das Unternehmen doch wieder stärker an einen Hersteller gebunden hätten.

Dennoch konnte Siemens, damals noch ohne Nixdorf, das Drei-Millionen-Projekt an Land ziehen. Der Konzern profitierte davon, daß auch bei Unternehmen, die die Möglichkeit des Anbieterwechsels wünschen, die Sicherheit des Herstellers eine wesentliche Rolle spielt - wie in diesem Fall bei Südfleisch. "Voraussetzung war jedoch, daß die Konditionen stimmen", räumt der DV-Fachmann ein. Außerdem sei er nicht langfristig an SNI gebunden, sondern könne sich jederzeit umorientieren oder andere PCs einkaufen.

"Wenn wir uns schon für eine non-proprietäre Lösung entscheiden, dann wollen wir die größtmögliche Unabhängigkeit und uns nicht dem einen (Itos) oder anderen ausliefern", sagt der Münchner. Deswegen habe man sich auch für die Unix-Version von SCO als Betriebssystem entschieden. Der Noch-CTM-Anwender zeigt auch hier den absoluten Open-Systems-Willen. Ehrhardt: "SCO-Unix lehnt sich an einen Weltstandard an, genauso wie MS-DOS, und nicht an eine Siemens-Norm wie Sinix."

Daß Siemens anstelle ihres spezifischen Unix-Derivats Sinix die SCO-Version implementiert hat, läßt jedoch den Schluß zu, daß in Anbetracht der schlechten Wirtschaftslage der gesamten Branche mittlerweile auch große Hersteller zu Konzessionen bereit sind - ein weiterer Schritt in Richtung offener Systeme, den auch Ehrhardt bestätigt: "Es war neu für Siemens, das haben wir an den Entscheidungsprozessen gemerkt, doch sie haben mitgemacht. Auch Siemens wird sich auf längere Sicht kein eigenes Betriebssystem mehr leisten können, außer vielleicht BS2000."

Mit dem DV-technischen Rundumschlag soll zudem die gesamte Anwendungssoftware, die seit 13 bis 14 Jahren im Einsatz ist, abgeräumt und bis Ende 1992 neu aufgebaut werden. Bei den in Assembler und Cobol programmierten Applikationen klemmte es meist an den Datenstrukturen - eine Erkenntnis, die laut Ehrhardt für die Wahl der Datenbank wichtig war. Mit einem Unternehmens-Datenmodell sollen nun durch Gespräche mit den Fachabteilungen die Anforderungen genau definiert werden. Rund 500 Entitäten werden am Schluß herauskommen, schätzt der DV-Verantwortliche. Momentan, am Ende der ersten Projektphase, umfasse das Entity-Relationship-Modell etwa 250 Entitäten.

Aufgrund der regionalen Unternehmensstruktur planen die Münchner DV-Fachleute, verteilte Datenbasen aufzubauen. Selbst in den großen Betrieben des Unternehmens, das von 4000 Mitarbeitern etwa 250 in der Münchner Zentrale beschäftigt, wird ein Datenbankrechner nicht genügen, meint Erhardt. Doch mit drei oder vier PCs könne eine Lastverteilung vorgenommen werden. "Die Datenbankrechner lassen sich dort einsetzen, wo die Informationen für die einzelnen Anwendungen nötig sind", erklärt der Unix-Verfechter. Im zentralen Rechenzentrum soll der Host und die Datenbank durch mehrere, über ein LAN verbundene Abteilungssysteme auf Mehrprozessor-Basis ersetzt werden.

Im Zusammenhang mit den benötigten Software-Entwicklungswerkzeugen, darunter CASE-Tools wie Data-Dictionary, Generator und grafische Tools, hält der DV-Verantwortliche "Oracle" für das geeignete Produkt. "Oracle verteilt die Datenbanken ohne Einfluß auf die Anwendungsprogrammierung", fügt Ehrhardt hinzu. Die gesamten, Anwendungen sollen künftig mit diesen Werkzeugen und dem Maskenentwicklungs-System "Forms 3.0" erstellt werden. Den ersten Praxistest habe die Software schon bestanden. Die Informatiker erprobten das Oracle-Produkt, indem sie eine bestehende BS2000-Anwendung mit einem Sequent-Rechner neu entwickelten und innerhalb eines Tages auf Sinix und SCO portierten.

Datensicherheit kein Anti-Unix-Argument

Die Datensicherheit kritisiert auch Ehrhardt als eine Schwachstelle von Unix, doch große Probleme bereitet dieses erst angebrütete Ei dem DV-Manager nicht. Zum einen sei die Datenbank durch bessere Schutzmechanismen gegenüber dem System zusätzlich abgeschottet, andererseits "setze ich darauf, daß sich Unix in diesem Bereich weiterentwickelt", sagt der Profi. Erste Erfolge sind laut Ehrhardt hier bereits zu verzeichnen. Die Version 4 von Unix System V erfülle schon wesentliche Kriterien des "Orange Book", der amerikanischen Sicherheitsspezifikationen für das Pentagon und die US-Airforce. "Sicher sind im Unix-Bereich Informationen leichter zugänglich, als es bei proprietären Systemen der Fall ist", schränkt der Münchner ein. Für Ehrhardt ist die Datensicherheit jedoch auf keinen Fall ein Anti-Unix-Argument: "Ein Insider knackt ein VMS-System genauso wie eine Unix-Maschine."

Die Anlaufschwierigkeiten, mit denen die Benutzer bei der Systemumstellung zu kämpfen haben, beschäftigen den DV-Chef wesentlich mehr, als der

noch unausgegorene Zugriffsschutz der Unix-Rechner. "Terminalanschlüsse und Drucker funktionieren nicht sofort, mancher Komfort ist eingeschränkt, oder es werden fehlerhafte Versionen installiert" - der DV-Leiter beschönigt die Startprobleme nicht. Derzeit befinden sich zwar erst zwei Unix-Systeme im Einsatz - zwei weitere sollen dieses Jahr noch installiert werden -, doch gab es bereits die ersten unzufriedenen Anwender. Durch persönliche Betreuung will Ehrhardt die Benutzer versöhnlicher stimmen.

In der DV-Abteilung selbst sei das Vorhaben durchwegs auf Akzeptanz gestoßen, Neueinstellungen sind den Schätzungen Ehrhardts zufolge auch in Zukunft nicht nötig. Die bisherigen Mitarbeiter übernehmen die neuen Aufgaben und erhalten durch interne Schulungen das nötige Wissen. Die Crew wurde jedoch zeitlich befristet durch zwei externe Datenbankfachleute verstärkt. Für das Umstellungsprojekt arbeiten nun sechs Fachleute in der Analysegruppe, vier in der Anwendungsentwicklung und drei im Systemteam. Nur für die Support-Mannschaft, die bis zur kompletten Umstellung in maximal drei Jahren die CTM-Anlagen betreuen muß, ist die Situation wegen Angst vor dem Karrierestop momentan schwierig. "Die Probleme bestehen darin, diese Mitarbeiter bei Laune zu halten, weil es eine sehr wichtige Aufgabe ist. Sie halten den anderen den Rücken frei", erklärt der DV-Chef.

Neue Aufgaben für das zentrale Rechenzentrum

Die Operatoren, die ihren Arbeitsplatz an der BS2000-Maschine verlieren werden, stehen dem neuen System positiv gegenüber. Im Rahmen der neuen DV-Struktur soll das zentrale Rechenzentrum weitergeführt werden, wenn auch zum Teil mit anderen Aufgaben. Statt mit dem Mainframe arbeiten die Host-Betreuer jedoch mit einem Unix-System. "Wir haben weiterhin eine zentrale Fakturierung und den Datenträgeraustausch mit Großkunden", beschreibt Ehrhardt die derzeitigen und auch künftigen Einsatzbereiche der Operatoren. Daher sei die junge Mannschaft "ganz heiß darauf, in das neue Boot umzusteigen", erzählt der Computerfachmann. In diesem Punkt unterscheiden sich die Siemens-Profis von IBM-Protagonisten. Kunden von Big Blue, die vom Mainframe auf kleinere Systeme umsteigen, klagen nämlich oftmals über Probleme mit ihren RZ-Mitarbeitern, die meist schon seit Jahren im blauen MVS-See schwimmen. Die Geschäftsleitung habe dem neuen Konzept, die gesamte DV zu erneuern, sehr schnell zugestimmt, berichtet der DV-Leiter.

Daß die Projektplaner von Beginn an auf wenig Widerstand von seiten des Managements gestoßen sind, schreibt Ehrhardt der gründlichen Vorgehensweise zu. "Wir haben jeden Workshop und jede von uns geprüfte Software dokumentiert und außerdem Kriterienkataloge aufgestellt. Jeder Schritt ist mit den Ergebnissen festgehalten und läßt sich nachprüfen", sagt der DV-Verantwortliche. Nach den Vergleichstest zwischen den einzelnen Rechnertypen Targon, MX und 486-PC sowie der Pilotinstallation, die auch die Schwächen des Systems aufzeigte, beispielsweise den fehlenden Generator für Forms 3.0, gab die Südfleisch-Führungsspitze endgültig den Startschuß.

Für Ehrhardt, der zwar den Proprietär-Anhängern das vermeintliche Sicherheitsdenken nicht ankreidet, selbst aber auf "Flexibilität, kostengünstige Lösungen und die Möglichkeit, am Fortschritt teilzuhaben", setzt, ist die positive Einstellung der Unternehmensführung ein großer Vertrauensbeweis: "Letztendlich kann die Geschäftsleitung im Detail nicht beurteilen, was richtig oder falsch ist. Irgendwo bleibt immer ein Kribbeln im Bauch."